[This document has been prepared by Ian Johnston of Vancouver Island, Nanaimo, British Columbia (April 2107). It is in the public domain. For questions, corrections, and comments please contact Ian Johnston. For an English translation please use the following link: Marquis of Keith.]

 

Frank Wedekind
Der Marquis von Keith
Schauspiel

Albert Langen 1907

Personen

 

Konsul Kasimir, Großkaufmann
Hermann Kasimir, sein Sohn (15 Jahre alt, von einem Mädchen gespielt)
Der Marquis von Keith
Ernst Scholz
Molly Griesinger
Anna, verwitwete Gräfin Werdenfels
Saranieff, Kunstmaler
Zamrjaki, Komponist
Sommersberg, Literat
Raspe, Kriminalkommissär
Ostermeier, Bierbrauereibesitzer
Krenzl, Baumeister
Grandauer, Restaurateur
Frau Ostermeier
Frau Krenzl
Freifrau von Rosenkron und Freifrau von Totleben, geschiedene Frauen
Sascha (von einem Mädchen gespielt)
Simba
Ein Metzgerknecht
Ein Bäckerweib
Ein Packträger
Hofbräuhausgäste

Das Stück spielt in München im Spätsommer 1899.

 

ERSTER AUFZUG

 

[Ein Arbeitszimmer, dessen Wände mit Bildern behängt sind. In der Hinterwand befindet sich rechts [Fußnote: Rechts und links immer vom Schauspieler aus.] die Tür zum Vorplatz und links die Tür zu einem Wartezimmer. In der rechten Seitenwand vorn führt eine Tür ins Wohnzimmer. An der linken Seitenwand vorn steht der Schreibtisch, auf dem aufgerollte Pläne liegen; neben dem Schreibtisch an der Wand ein Telephon. Rechts vorn ein Diwan, davor ein kleinerer Tisch; in der Mitte, etwas nach hinten, ein größerer Tisch. Büchergestelle mit Büchern; Musikinstrumente, Aktenbündel und Noten.

Der Marquis von Keith sitzt am Schreibtisch, in einen der Pläne vertieft. Er ist ein Mann von ca. 27 Jahren: mittelgroß, schlank und knochig, hätte er eine musterhafte Figur, wenn er nicht auf dem linken Beine hinkte. Seine markigen Gesichtszüge sind nervös und haben zugleich etwas Hartes; stechende graue Augen, kleiner blonder Schnurrbart, das widerborstige, kurze, strohblonde Haar sorgfältig in der Mitte gescheitelt. Er ist in ausgesuchte gesellschaftliche Eleganz gekleidet, aber nicht geckenhaft. Er hat die groben roten Hände eines Clown.

Molly Griesinger kommt aus dem Wohnzimmer und setzt ein gedecktes Tablett auf das Tischchen vor dem Diwan. Sie ist ein unscheinbares brünettes Wesen, etwas scheu und verhetzt, in unscheinbarer häuslicher Kleidung, hat aber große, schwarze, seelenvolle Augen.]

MOLLY

So, mein Schatz, hier hast du Tee und Kaviar und kalten Aufschnitt. Du bist ja heute schon um neun Uhr aufgestanden.

 

VON KEITH [ohne sich zu rühren]

Ich danke dir, mein liebes Kind.

 

MOLLY

Du mußt gewaltig hungrig sein. Hast du denn jetzt Nachricht darüber, ob der Feenpalast auch zustande kommt?

 

VON KEITH

Du siehst, ich bin mitten in der Arbeit.

 

MOLLY

Das bist du ja immer, wenn ich komme. Dann muß ich alles, was dich und deine Unternehmungen betrifft, von deinen Freundinnen erfahren.

 

VON KEITH [sich im Sessel umwendend]

Ich kannte eine Frau, die sich beide Ohren zuhielt, wenn ich von Plänen sprach. Sie sagte: Komm und erzähl mir, wenn du etwas getan hast!

 

MOLLY

Das ist ja mein Elend, daß du schon alle Arten von Frauen gekannt hast. [Da es klingelt] Du barmherziger Gott, wer das wieder sein mag! [Sie geht auf den Vorplatz hinaus, um zu öffnen.]

 

VON KEITH [für sich]

Das Unglückswurm!

 

MOLLY[kommt mit einer Karte zurück]

Ein junger Herr, der dich sprechen möchte. Ich sagte, du seist mitten in der Arbeit.

 

VON KEITH [nachdem er die Karte gelesen]

Der kommt mir wie gerufen!

 

[Molly läßt Hermann Casimir eintreten und geht ins Wohnzimmer ab. Hermann Casimir ein fünfzehnjähriger Gymnasiast in sehr elegantem Radfahrkostüm.]

 

HERMANN

Guten Morgen, Herr Baron.

 

VON KEITH

Was bringen Sie mir?

 

HERMANN

Es ist wohl am besten, wenn ich mit der Tür ins Haus falle. Ich war gestern abend mit Saranieff und Zamrjaki im Café Luitpold zusammen. Ich erzählte, daß ich durchaus hundert Mark nötig hätte. Darauf meinte Saranieff, ich möchte mich an Sie wenden.

 

VON KEITH

Ganz München hält mich für einen amerikanischen Eisenbahnkönig!

 

HERMANN

Zamrjaki sagte, Sie hätten immer Geld.

 

VON KEITH

Zamrjaki unterstützte ich, weil er das größte musikalische Genie ist, das seit Richard Wagner lebt. Aber diese Straßenräuber sind doch wohl kein schicklicher Umgang für Sie!

 

HERMANN

Ich finde diese Straßenräuber interessant. Ich kenne die Herren von einer Versammlung der Anarchisten her.

 

VON KEITH

Ihrem Vater muß es eine erfreuliche Überraschung sein, daß Sie Ihren Lebensweg damit beginnen, sich in revolutionären Versammlungen herumzutreiben.

 

HERMANN

Warum läßt mich mein Vater nicht von München fort!

 

VON KEITH

Weil Sie für die große Welt noch zu jung sind!

 

HERMANN

Ich finde aber, daß man in meinem Alter unendlich mehr lernen kann, wenn man wirklich etwas erlebt, als wenn man bis zur Großjährigkeit auf der Schulbank herumrutscht.

 

VON KEITH

Durch das wirkliche Erleben verlieren Sie nur die Fähigkeiten, die Sie in Ihrem Fleisch und Blut mit auf die Welt gebracht haben. Das gilt ganz speziell von Ihnen, dem Sohn und einstigen Erben unseres größten deutschen Finanzgenies. – Was sagt denn Ihr Vater über mich?

 

HERMANN

Mein Vater spricht überhaupt nicht mit mir.

 

VON KEITH

Aber mit andern spricht er.

 

HERMANN

Möglich! Ich bin die wenigste Zeit zu Hause.

 

VON KEITH

Daran tun Sie unrecht. Ich habe die finanziellen Operationen Ihres Vaters von Amerika aus verfolgt. Ihr Vater hält es nur für gänzlich ausgeschlossen, daß irgend jemand anders auch noch so klug ist wie er. Deshalb weigert er sich auch bis jetzt noch so starrköpfig, meinem Unternehmen beizutreten.

 

HERMANN

Ich kann es mir mit dem besten Willen nicht denken, wie ich einmal an einem Leben, wie es mein Vater führt, Gefallen finden könnte.

 

VON KEITH

Ihrem Vater fehlt einfach die Fähigkeit, Sie für seinen Beruf zu interessieren.

 

HERMANN

Es handelt sich in dieser Welt aber doch nicht darum, daß man lebt, sondern es handelt sich doch wohl darum, daß man das Leben und die Welt kennenlernt.

 

VON KEITH

Der Vorsatz, die Welt kennenzulernen, führt Sie dazu, hinterm Zaun zu verenden. Prägen Sie sich vor allen Dingen die allergrößte Hochschätzung für die Verhältnisse ein, in denen Sie geboren sind! Das schützt Sie davor, sich so leichten Herzens zu erniedrigen.

 

HERMANN

Durch meinen Pumpversuch, meinen Sie? Es gibt doch wohl aber höhere Güter als Reichtum!

 

VON KEITH

Das ist Schulweisheit. Diese Güter heißen nur deshalb höhere, weil sie aus dem Besitz hervorwachsen und nur durch den Besitz ermöglicht werden. Ihnen steht es ja frei, nachdem Ihr Vater ein Vermögen gemacht hat, sich einer künstlerischen oder wissenschaftlichen Lebensaufgabe zu widmen. Wenn Sie sich dabei aber über das erste Weltprinzip hinwegsetzen, dann jagen Sie Ihr Erbe Hochstaplern in den Rachen.

 

HERMANN

Wenn Jesus Christus nach diesem Weltprinzip hätte handeln wollen...!

 

VON KEITH

Vergessen Sie bitte nicht, daß das Christentum zwei Drittel der Menschheit aus der Sklaverei befreit hat! Es gibt keine Ideen, seien sie sozialer, wissenschaftlicher oder künstlerischer Art, die irgend etwas anderes als Hab und Gut zum Gegenstand hätten. Die Anarchisten sind deshalb ihre geschworenen Feinde. Und glauben Sie ja nicht, daß sich die Welt hierin jemals ändert. Der Mensch wird abgerichtet, oder er wird hingerichtet. [Hat sich an den Schreibtisch gesetzt] Ich will Ihnen die hundert Mark geben. Zeigen Sie sich doch auch mal bei mir, wenn Sie gerade kein Geld nötig haben. Wie lange ist es jetzt her, daß ihre Mutter starb?

 

HERMANN

Drei Jahre werden es im Frühling.

 

VON KEITH [gibt ihm ein verschlossenes Billet]

Sie müssen damit zur Gräfin Werdenfels gehen, Brienner Straße Nr. 23. Sagen Sie einen schönen Gruß von mir. Ich habe heute zufällig nichts in der Tasche.

 

HERMANN

 Ich danke Ihnen, Herr Baron.

 

VON KEITH [geleitet ihn hinaus; indem er die Tür hinter ihm schließt]

Bitte, war mir sehr angenehm. – [Darauf kehrt er zum Schreibtisch zurück; in den Plänen kramend] Sein Alter traktiert mich wie ein Hundefänger. Ich muß möglichst bald ein Konzert veranstalten. Dann zwingt ihn die öffentliche Meinung, sich meinem Unternehmen anzuschließen. Im schlimmsten Fall muß es auch ohne ihn gehen. [Da es klopft] Herein!

 

[Anna verwitwete Gräfin Werdenfels tritt ein. Sie ist eine üppige Schönheit von 30 Jahren. Weiße Haut, Stumpfnase, helle Augen, kastanienbraunes, üppiges Haar.]

 

VON KEITH [geht ihr entgegen]

Da bist du, meine Königin! – Ich schickte eben den jungen Casimir mit einem kleinen Anliegen zu dir.

 

ANNA

Das war der junge Herr Casimir?

 

VON KEITH [nachdem er ihr flüchtig die dargereichten Lippen geküßt]

Er kommt schon wieder, wenn er dich nicht zu Hause trifft.

 

ANNA

Der sieht seinem Vater aber gar nicht ähnlich.

 

VON KEITH

Lassen wir den Vater Vater sein. Ich habe mich jetzt an Leute gewandt, von deren gesellschaftlichem Ehrgeiz ich mir eine flammende Begeisterung für mein Unternehmen verspreche.

 

ANNA

Aber vom alten Casimir heißt es allgemein, daß er junge Schauspielerinnen und Sängerinnen unterstützt.

 

VON KEITH [Anna mit den Blicken verschlingend]

Anna, sobald ich dich vor mir sehe, bin ich ein anderer Mensch, als wärst du meines Glückes lebendiges Unterpfand. Aber willst du nicht frühstücken? Hier ist Tee und Kaviar und kalter Aufschnitt.

 

ANNA [nimmt auf dem Diwan Platz und frühstückt]

Ich habe um elf Uhr Stunde. Ich komme nur auf einen Moment. – Die Bianchi sagt mir, ich könne in einem Jahr die erste Wagnersängerin Deutschlands sein.

 

VON KEITH [zündet sich eine Zigarette an]

Vielleicht bist du auch in einem Jahr schon soweit, daß sich die ersten Wagnersängerinnen um deine Protektion bemühen.

 

ANNA

Mir soll’s recht sein. Mit meinem beschränkten weiblichen Verstande sehe ich allerdings nicht ein, auf welche Weise es mit mir gleich so hoch hinaus soll.

 

VON KEITH

Das kann ich dir im voraus auch nicht erklären. Ich lasse mich einfach willenlos treiben, bis ich an ein Gestade gelange, auf dem ich mich heimisch genug fühle, um mir zu sagen: Hier laßt uns Hütten bauen!

 

ANNA

Dabei hast du in mir jedenfalls den treuesten Spießgesellen. Ich habe seit einiger Zeit vor lauter Lebenslust manchmal Selbstmordgedanken.

 

VON KEITH

Der eine raubt es sich, und der andere bekommt es geschenkt. Als ich in die Welt hinauskam, war mein kühnstes Hoffen, irgendwo in Oberschlesien als Dorfschulmeister zu sterben.

 

ANNA

Du hättest dir damals wohl schwerlich träumen lassen, daß dir München einmal zu Füßen liegen werde.

 

VON KEITH

München war mir aus der Geographiestunde bekannt. Wenn ich mich deshalb heute auch nicht gerade eines makellosen Rufes erfreue, so darf man nicht vergessen, aus welchen Tiefen ich heraufkomme.

 

ANNA

Ich bete jeden Abend inbrünstig zu Gott, daß er etwas von deiner bewundernswürdigen Energie auf mich übertragen möge.

 

VON KEITH

Unsinn, ich habe gar keine Energie.

 

ANNA

Dir ist es aber doch einfach Lebensbedürfnis, mit dem Kopf durch die Wände zu rennen.

 

VON KEITH

Meine Begabung beschränkt sich auf die leidige Tatsache, daß ich in bürgerlicher Atmosphäre nicht atmen kann. Mag ich deshalb auch erreichen, was ich will, ich werde mir nie das Geringste darauf einbilden. Andere Menschen werden in ein bestimmtes Niveau hineingepflanzt, auf dem sie ihr Leben lang fortvegetieren, ohne mit der Welt in Konflikt zu geraten.

 

ANNA

Du bist dagegen als abgeschlossene Persönlichkeit vom Himmel gefallen.

 

VON KEITH

Ich bin Bastard. Mein Vater war ein geistig sehr hochstehender Mensch, besonders was Mathematik und so exakte Dinge betrifft, und meine Mutter war Zigeunerin.

 

ANNA

Wenn ich nur wenigstens deine Geschicklichkeit hätte, den Menschen ihre Geheimnisse vom Gesicht abzulesen! Dann wollte ich ihnen mit der Fußspitze die Nase in die Erde drücken.

 

VON KEITH

Solche Fertigkeiten erwecken mehr Mißtrauen, als sie einem nützen. Deshalb hegt auch die bürgerliche Gesellschaft, seit ich auf dieser Welt bin, ein geheimes Grauen vor mir. Aber diese bürgerliche Gesellschaft macht, ohne es zu wollen, mein Glück durch ihre Zurückhaltung. Je höher ich gelange, desto vertrauensvoller kommt man mir entgegen. Ich warte auch tatsächlich nur noch auf diejenige Region, in der die Kreuzung von Philosoph und Pferdedieb ihrem vollen Wert entsprechend gewürdigt wird.

 

ANNA

Man hört wirklich in der ganzen Stadt von nichts mehr sprechen als von deinem Feenpalast.

 

VON KEITH

Der Feenpalast dient mir nur als Sammelplatz meiner Kräfte. Dazu kenne ich mich viel zu gut, um etwa von mir vorauszusetzen, daß ich nun zeit meines Lebens Kassenrapporte revidieren werde.

 

ANNA

Was soll denn dann aber aus mir werden? Glaubst du vielleicht, ich habe Lust, bis in alle Ewigkeit Gesangsunterricht zu nehmen? Du sagtest gestern noch, daß der Feenpalast speziell für mich gebaut werde.

 

VON KEITH

Aber doch gewiß nicht, damit du bis an dein Lebensende auf den Hinterpfoten tanzt und dich von Preßbengeln kuranzen läßt. Du hast nur etwas mehr Lichtpunkte in deiner Vergangenheit nötig.

 

ANNA

Einen Stammbaum kann ich allerdings nicht aufweisen, wie die Frauen von Rosenkron und von Totleben.

 

VON KEITH

Deshalb brauchst du noch auf keine von beiden eifersüchtig zu sein.

 

ANNA

Das hoffe ich sehr! Welcher weiblichen Vorzüge wegen sollte ich denn auf irgendeine Frau eifersüchtig sein?

 

VON KEITH

Ich mußte die beiden Damen als Vermächtnis meines Vorgängers mit der Konzertagentur übernehmen. Sobald ich meine Stellung befestigt habe, mögen sie mit Rettichen hausieren oder Novellen schreiben, wenn sie leben wollen.

 

ANNA

Ich bin um die Schnürstiefel, in denen ich spazierengehe, besorgter als um deine Liebe zu mir. Weißt du auch, warum? Weil du der rücksichtsloseste Mensch bist und weil du nach nichts anderem in dieser Welt als nur nach deinem sinnlichen Vergnügen fragst! Deshalb würde ich auch, wenn du mich verläßt, wirklich nichts anderes als Mitleid mit dir empfinden können. Aber sieh dich vor, daß du nicht vorher selber verlassen wirst!

 

VON KEITH [Anna liebkosend]

Ich habe ein wechselvolles Leben hinter mir, aber jetzt denke ich doch ernstlich daran, mir ein Haus zu bauen; ein Haus mit möglichst hohen Gemächern, mit Park und Freitreppe. Die Bettler dürfen auch nicht fehlen, die die Auffahrt garnieren. Mit der Vergangenheit habe ich abgeschlossen und sehne mich nicht zurück. Dazu ging es zu oft um Leben und Tod. Ich möchte keinem Freunde raten, sich meine Laufbahn zum Muster zu nehmen.

 

ANNA

Du bist allerdings nicht umzubringen.

 

VON KEITH

Dieser Eigenschaft verdanke ich in der Tat auch so ziemlich alles, was ich bis jetzt erreicht habe. – Ich glaube, Anna, wenn wir beide in zwei verschiedenen Welten geboren wären, wir hätten uns dennoch finden müssen.

 

ANNA

Ich bin allerdings auch nicht umzubringen.

 

VON KEITH

Wenn uns die Vorsehung auch nicht durch unsere märchenhaften Geschmacksverwandtschaften füreinander bestimmt hätte, das eine haben wir doch jedenfalls miteinander gemein...

 

ANNA

Eine unverwüstliche Gesundheit.

 

VON KEITH [setzt sich neben sie und liebkost sie]

Soweit es Frauen betrifft, sind mir nämlich Klugheit, Gesundheit, Sinnlichkeit und Schönheit unzertrennliche Begriffe, aus deren jedem sich die anderen drei von selbst ergeben. Wenn dieses Erbteil sich in unsern Kindern potenziert...

 

[Sascha ein dreizehnjähriger Laufbursche in galoniertem Jackett und Kniehosen, tritt vom Vorplatz ein und legt einen Armvoll Zeitungen auf den Mitteltisch.]

 

VON KEITH

Was sagt der Kommerzienrat Ostermeier?

 

SASCHA

Der Herr Kommerzienrat gaben mir einen Brief mit. Er liegt bei den Zeitungen.

 

[Geht in das Wartezimmer ab.]

 

VON KEITH [hat den Brief geöffnet]

Das danke ich dem Zufall, daß du bei mir bist! Liest “... Ich habe mir von Ihrem Plane schon mehrfach erzählen lassen und bringe ihm ein lebhaftes Interesse entgegen. Sie treffen mich heute mittag gegen zwölf Uhr im Café Maximilian...” Das gibt mir die Welt in die Hände! Jetzt kann der alte Casimir meine Rückseite besehen, wenn er noch mitkommen will. Mit diesen Biedermännern im Bunde bleibt mir auch meine Alleinherrschaft unangetastet.

 

ANNA [hat sich erhoben]

Kannst du mir tausend Mark geben?

 

VON KEITH

Bist du denn schon wieder auf dem trocknen?

 

ANNA

Die Miete ist fällig.

 

VON KEITH

Das hat bis morgen Zeit. Mache dir deswegen nicht die geringste Sorge darum.

 

ANNA

Wie du meinst. Graf Werdenfels prophezeite mir auf seinem Sterbebette, ich werde das Leben noch einmal von der allerernstesten Seite kennenlernen.

 

VON KEITH

Hätte er dich etwas richtiger eingeschätzt, dann wäre er vielleicht sogar selbst noch am Leben.

 

ANNA

Bis jetzt hat sich seine Prophezeiung noch nicht bewahrheitet.

 

VON KEITH

Ich schicke dir das Geld morgen mittag.

 

ANNA [während von Keith sie hinausgeleitet]

Nein, bitte nicht; ich komme selber und hole es.

 

[Die Szene bleibt einen Augenblick leer. Dann kommt Molly Griesinger aus dem Wohnzimmer und räumt das Teegeschirr zusammen. Von Keith kommt vom Vorplatz zurück.]

 

VON KEITH [ruft]

Sascha! – [Nimmt eines der Bilder von der Wand] Das muß mir über die nächsten vierzehn Tage hinweghelfen!

 

MOLLY

Du hoffst also immer noch, daß die Wirtschaft so fortgehen kann?

 

SASCHA [kommt aus dem Wartezimmer]

Herr Baron?

 

VON KEITH [gibt ihm das Bild]

Geh hinüber zu Tannhäuser. Er soll den Saranieff ins Fenster stellen. Ich gebe ihn für dreitausend Mark.

 

SASCHA

Sehr wohl, Herr Baron.

 

VON KEITH

In fünf Minuten komme ich selber. Warte! [Er nimmt vom Schreibtisch eine Karte, auf der “3000 M.” steht, und befestigt sie unter dem Rahmen des Bildes] Dreitausend Mark! – [Geht zum Schreibtisch] Ich muß nur vorher rasch noch einen Zeitungsartikel darüber schreiben.

 

[Sascha mit dem Bilde ab.]

MOLLY

Wenn sich bei der Großtuerei nur auch einmal eine Spur von reellem Erfolg sehen ließe!

 

VON KEITH [schreibend]

“Das Schönheitsideal der modernen Landschaft.”

 

MOLLY

Wenn dieser Saranieff malen könnte, dann brauchte man nicht erst Zeitungsartikel über ihn zu schreiben.

 

VON KEITH [sich umwendend]

Wie beliebt?

 

MOLLY

Ich weiß, du bist wieder mitten in der Arbeit.

 

VON KEITH

Wovon wolltest du reden?

 

MOLLY

Ich habe einen Brief aus Bückeburg.

 

VON KEITH

Von deiner Mama?

 

MOLLY [sucht den Brief aus der Tasche und liest]

“Ihr seid uns jeden Tag willkommen. Ihr könnt die beiden Vorderzimmer im dritten Stock beziehen. Ihr könnt dann in Ruhe abwarten, bis eure Verhandlungen in München zum Abschluß gelangen.”

 

VON KEITH

Siehst du denn aber nicht ein, mein liebes Kind, daß du durch solche Schreibereien meinen Kredit untergräbst?

 

MOLLY

Wir haben morgen kein Brot auf dem Tisch.

 

VON KEITH

Dann speisen wir im Hotel Continental.

 

MOLLY

Da bringe ich nicht einen Happen hinunter vor Angst, daß uns der Gerichtsvollzieher derweil unsere Betten versiegelt.

 

VON KEITH

Der überlegt sich das noch. Warum lebt in deinem Köpfchen kein anderer Gedanke als Essen und Trinken! Du könntest dich deines Daseins so unendlich mehr erfreuen, wenn du etwas mehr Würdigung für seine Lichtseiten hättest. Du hegst eine unbezähmbare Liebhaberei für das Unglück.

 

MOLLY

Ich finde, du hegst diese Liebhaberei für das Unglück! Anderen Menschen fällt ihr Lebensberuf zu leicht, sie brauchen mit keinem Gedanken daran zu denken. Dafür existieren sie eins fürs andere in ihrem behaglichen Heim, wo ihrem Glück nichts in die Quere kommt. Und du, bei all deinen Geistesgaben, wirtschaftest wie ein Rasender auf deine Gesundheit ein, und dabei ist tagelang nicht ein Pfennig im Haus.

 

VON KEITH

Aber du hast doch noch jeden Tag satt zu essen gehabt! Daß du nichts für Toiletten ausgibst, ist wahrhaftig nicht meine Schuld. Sobald dieser Zeitungsartikel geschrieben ist, habe ich dreitausend Mark in der Hand. Dann nimm eine Droschke und kauf alles zusammen, worauf du dich im Augenblick besinnen kannst.

 

MOLLY

Der bezahlt dir für das Bild so gewiß dreitausend Mark, wie ich mir deinetwegen seidene Strümpfe anziehe.

 

VON KEITH [erhebt sich unwilling]

Du bist ein Juwel!

 

MOLLY [fliegt ihm an den Hals]

Habe ich dir weh getan, mein Herz? Verzeih mir, bitte! Was ich dir eben sagte, das ist meine heiligste Überzeugung.

 

VON KEITH

Wenn das Geld auch nur bis morgen abend reicht, dann werde ich das Opfer schon nicht zu bedauern haben!

 

MOLLY [heulend]

Ich wußte, wie häßlich es von mir war. Schlag mich doch nur!

 

VON KEITH

Der Feenpalast ist nämlich so gut wie gesichert.

 

MOLLY

Dann laß mich wenigstens deine Hand küssen. Ich beschwöre dich, laß mich deine Hand küssen.

 

VON KEITH

Wenn ich nur noch einige Tage meine Haltung bewahren kann.

 

MOLLY

Auch das nicht! Wie kannst du so unmenschlich sein!

 

VON KEITH [zieht die Hand aus der Tasche]

Es wäre doch vielleicht nachgerade Zeit, daß du mit dir zu Rate gehst, sonst kommt die Erleuchtung plötzlich von selbst.

 

MOLLY [seine Hand mit Küssen bedeckend]

Warum willst du mich denn nicht schlagen? Ich habe es mir doch so redlich verdient!

 

VON KEITH

Du betrügst dich um dein Lebensglück mit allen Mitteln, die eine Frau zu ihrer Verfügung hat.

 

MOLLY [springt empört auf]

Bilde dir doch nicht ein, daß ich mich durch deine Courmachereien in Schrecken jagen lasse! Uns beide umschlingt ein zu festes Band. Wenn das einmal reißt, dann halte ich dich nicht mehr; aber solange du im Elend bist, gehörst du mir.

 

VON KEITH

Das wird dir zum Verhängnis, Molly, daß du mein Glück mehr fürchtest als den Tod. Wenn ich morgen die Arme frei habe, dann hältst du es nicht eine Minute mehr bei mir aus.

 

MOLLY

Dann ist ja alles gut, wenn du das weißt.

 

VON KEITH

Ich bin aber in keinem Elend!

 

MOLLY

Erlaube mir nur so lange, bis du die Arme frei hast, noch für dich zu arbeiten.

 

VON KEITH [setzt sich wieder an den Schreibtisch]

Tue, was du nicht lassen kannst! Du weißt, daß mir an einer Frau nichts unsympathischer ist, als wenn sie arbeitet.

 

MOLLY

Um deinetwillen mache ich noch keinen Affen und keinen Papagei aus mir. Wenn ich mich an den Waschtrog stelle, statt halbnackt mit dir auf Redouten zu fahren, so werde ich dich damit wohl nicht zugrunde richten.

 

VON KEITH

Dein Starrsinn hat etwas überirdisches.

 

MOLLY

Das glaube ich, daß das deine Kapazität übersteigt!

 

VON KEITH

Wenn ich dich auch begriffe, damit wäre dir leider noch nicht geholfen.

 

MOLLY [triumphierend]

Ich brauche es dir auch nicht auf die Nase zu binden, aber ich gebe es dir schwarz auf weiß, wenn du willst! Ich verdiente ja mein Lebensglück nicht, wenn ich mir dir gegenüber den geringsten Zwang antäte und mich besser geben wollte, als ich von Gott geschaffen worden bin – weil du mich liebst!

 

VON KEITH

Das ist doch selbstverständlich.

 

MOLLY [triumphierend]

Weil du ohne meine Liebe nicht leben kannst! Hab darum auch nur die Arme frei, soviel du willst! Ob ich bei dir bleibe, das hängt davon ab, ob ich dir von deiner Liebe für andere Weiber etwas übriglasse! Die Weiber sollen sich aufdonnern und dich vergöttern, soviel es ihnen Vergnügen macht; das spart mir die Komödien. Du hängtest dich lieber heute als morgen an deine Ideale; das weiß ich recht gut. Käme es je dazu – aber das hat noch gute Wege! –, dann will ich mich lebendig begraben lassen.

 

VON KEITH

Wenn du dich nur wenigstens des Glückes erfreuen wolltest, das sich dir bietet!

 

MOLLY [zärtlich]

Aber was bietet sich mir denn, mein süßer Schatz? Das war doch in Amerika auch immer dieser Schrecken ohne Ende. Alles scheiterte immer an den letzten drei Tagen. In Sankt Jago wurdest du nicht zum Präsidenten gewählt und wärst um ein Haar erschossen worden, weil wir an dem entscheidenden Abend keinen Brandy auf dem Tische hatten. Weißt du noch, wie du riefst: “Einen Dollar, einen Dollar, eine Republik für einen Dollar!”

 

VON KEITH [springt wütend auf und geht zum Diwan]

Ich bin als Krüppel zur Welt gekommen. Sowenig wie ich mich deshalb zum Sklaven verdammt fühle, sowenig wird mich der Zufall, daß ich als Bettler geboren bin, je daran hindern, den allerergiebigsten Lebensgenuß als mein rechtmäßiges Erbe zu betrachten.

 

MOLLY

Betrachten dürfen wirst du den Lebensgenuß, solange du lebst.

 

VON KEITH

An dem, was ich dir hier sage, ändert nur mein Tod etwas. Und der Tod traut sich aus Furcht, er könnte sich blamieren, nicht an mich heran. Wenn ich sterbe, ohne gelebt zu haben, dann werde ich als Geist umgehen.

 

MOLLY

Du leidest eben einfach an Größenwahn.

 

VON KEITH

Ich kenne aber noch meine Verantwortung! Du bist als fünfzehnjähriges unzurechnungsfähiges Kind, von der Schulbank weg, mit mir nach Amerika durchgebrannt. Wenn wir uns heute trennen und du bleibst dir selbst überlassen, dann nimmt es das denkbar schlimmste Ende mit dir.

 

MOLLY [fällt ihm um den Hals]

Dann komm doch nach Bückeburg! Meine Eltern haben ihre Molly seit drei Jahren nicht gesehen. In ihrer Freude werfen sie dir ihr halbes Vermögen an den Kopf. Und wie könnten wir zwei zusammen leben!

 

VON KEITH

In Bückeburg?

 

MOLLY

Alle Not hätte ein Ende!

 

VON KEITH [sich losmachend]

Lieber suche ich Zigarrenstummel in den Cafés zusammen.

 

SASCHA [kommt mit dem Bild zurück]

Der Herr Tannhäuser sagt, er kann das Bild nicht ins Fenster stellen. Der Herr Tannhäuser haben selbst noch ein Dutzend Bilder von dem Herrn Saranieff.

 

MOLLY

Das wußte ich ja im voraus!

 

VON KEITH

Dafür bist du ja bei mir! [Geht zum Schreibtisch und zerreißt das Schreibpapier.] Dann brauche ich doch wenigstens den Zeitungsartikel nicht mehr darüber zu schreiben!

 

[Sascha geht, nachdem er das Bild auf den Tisch gelegt, ins Wartezimmer.]

 

MOLLY
Diese Saranieffs, siehst du, und diese Zamrjakis, das sind Menschen von einem ganz anderen Schlag als wir. Die wissen, wie man den Leuten die Taschen umkehrt. Wir beide sind eben nun einmal zu einfältig für die große Welt!

 

VON KEITH

Dein Reich ist noch nicht gekommen. Laß mich allein. Bückeburg muß sich noch gedulden.

 

MOLLY [da es auf dem Korridor läutet, klatscht schadenfroh in die Hände]

Der Herr Gerichtsvollzieher!

 

[Sie eilt, um zu öffnen.]

 

VON KEITH [sieht nach der Uhr]

Was läßt sich dem Glück noch opfern...?

 

MOLLY [geleitet Ernst Scholz herein]

Der Herr will mir seinen Namen nicht nennen.

 

[Ernst Scholz ist eine schmächtige, äußerst aristokratische Erscheinung von etwa siebenundzwanzig Jahren; schwarzes Lockenhaar, spitzgeschnittener Vollbart, unter starken langgezogenen Brauen große wasserblaue Augen, in denen der Ausdruck der Hilflosigkeit liegt.]

 

VON KEITH
Gaston! – Wo kommst du her?

 

SCHOLZ

Dein Willkomm ist mir eine gute Vorbedeutung. Ich bin so verändert, daß ich voraussetzte, du werdest mich überhaupt kaum wiedererkennen.

 

[Molly will das Frühstücksgeschirr mit hinausnehmen, fürchtet aber, nach einem Blick auf Scholz, dadurch zu stören und geht ohne das Geschirr ins Wohnzimmer ab.]

 

VON KEITH

Du siehst etwas verlebt aus; aber das Dasein ist wirklich auch keine Spielerei!

 

SCHOLZ

Für mich am allerwenigsten; deshalb bin ich nämlich hier. Und ich komme nur deinetwegen nach München.

 

VON KEITH

Dafür danke ich dir; was die Geschäfte von mir übriglassen, gehört dir.

 

SCHOLZ

Ich weiß, daß du schwer mit dem Leben zu kämpfen hast. Nun ist es mir aber ganz speziell um deinen persönlichen Verkehr zu tun. Ich möchte mich gern auf einige Zeit deiner geistigen Führung überlassen, aber nur unter der einen Bedingung, daß du mir dafür erlaubst, dir mit meinen Geldmitteln zu Hilfe zu kommen, soweit du es brauchen kannst.

 

VON KEITH

Aber wozu denn das? Ich bin eben im Begriff, Direktor eines ungeheuren Aktienunternehmens zu werden. Und dir geht es also auch ganz gut? Wir haben uns, wenn mir recht ist, vor vier Jahren zum letztenmal gesehen.

 

SCHOLZ

Auf dem Juristenkongreß in Brüssel.

 

VON KEITH

Du hattest kurz vorher dein Staatsexamen absolviert.

 

SCHOLZ

Du schriebst damals schon für alle erdenklichen Tagesblätter. Erinnerst du dich vielleicht zufällig noch der Vorwürfe, die ich dir deines Zynismus wegen auf dem Balle im Justizpalais in Brüssel machte?

 

VON KEITH

Du hattest dich in die Tochter des dänischen Gesandten verliebt und gerietst in Wut über meine Behauptung, daß die Frauen von Natur aus viel materieller veranlagt sind, als wir Männer es durch den reichlichsten Genuß jemals werden können.

 

SCHOLZ

Du bist mir auch heute noch, wie während unserer ganzen Jugendzeit, geradezu ein Ungeheuer an Gewissenlosigkeit; aber – du hattest vollkommen recht.

 

VON KEITH

Ein schmeichelhafteres Kompliment hat man mir in diesem Leben noch nicht gemacht.

 

SCHOLZ

Ich bin mürbe. Obschon ich deine ganze Lebensauffassung aus tiefster Seele verabscheue, vertraue ich dir heute das für mich unlösbare Rätsel meines Daseins an.

 

VON KEITH

Gott sei gelobt, daß du dich aus deinem Trübsinn endlich der Sonne zuwendest!

 

SCHOLZ

Ich schließe damit nicht etwa eine feige Kapitulation. Das letzte Mittel, das einem selbst zur Lösung des Rätsels freistellt, habe ich umsonst versucht.

 

VON KEITH

Um so besser für dich, wenn du das hinter dir hast. Ich sollte während der Kubanischen Revolution mit zwölf Verschwörern erschossen werden. Ich falle natürlich auf den ersten Schuß und bleibe tot, bis man mich beerdigen will. Seit jenem Tage fühle ich mich erst wirklich als den Herrn meines Lebens. [Aufspringend] Verpflichtungen gehen wir bei unserer Geburt nicht ein, und mehr als dieses Leben wegwerfen kann man nicht. Wer nach seinem Tode noch weiterlebt, der steht über den Gesetzen. – Du trugst dich damals in Brüssel mit der Absicht, dich dem Staatsdienst zu widmen?

 

SCHOLZ

Ich trat bei uns ins Eisenbahnministerium ein.

 

VON KEITH

Ich wunderte mich noch, daß du es bei deinem enormen Vermögen nicht vorzogst, als Grandseigneur deinen Neigungen zu leben.

 

SCHOLZ

Ich hatte den Vorsatz gefaßt, vor allem erst ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden. Wäre ich als der Sohn eines Tagelöhners geboren, dann ergäbe sich das ja auch als etwas ganz Selbstverständliches.

 

VON KEITH

Man kann seinen Mitmenschen nicht mehr in dieser Welt nützen, als wenn man in der umfassendsten Weise auf seinen eigenen Vorteil ausgeht. Je weiter meine Interessen reichen, einer desto größeren Anzahl von Menschen biete ich den nötigen Lebensunterhalt. Wer sich aber darauf, daß er seinen Posten ausfüllt und seine Kinder ernährt, etwas einbildet, der macht sich blauen Dunst vor. Die Kinder danken ihrem Schöpfer, wenn man sie nicht in die Welt setzt, und nach dem Posten recken hundert arme Teufel die Hälse!

 

SCHOLZ

Ich konnte aber in der Tatsache, daß ich ein reicher Mann bin, keinen zwingenden Grund sehen, als Tagedieb in der Welt herumzuschlendern. Künstlerische Veranlagungen besitze ich nicht, und um meine einzige Lebensbestimmung im Heiraten und Kinderzeugen zu erblicken, dazu schien ich mir nicht unbedeutend genug.

 

VON KEITH

Du hast aber den Staatsdienst quittiert?

 

SCHOLZ [läßt den Kopf sinken]

Weil ich in meinem Amt ein entsetzliches Unglück verschuldet habe.

 

VON KEITH

Als ich von Amerika zurückkam, erzählte mir jemand, der dich ein Jahr vorher in Konstantinopel getroffen hatte, du habest zwei Jahre auf Reisen zugebracht, lebest jetzt aber wieder zu Haus und stehest eben im Begriff, dich zu verheiraten.

 

SCHOLZ

Meine Verlobung habe ich vor drei Tagen aufgelöst. Ich war bis jetzt nur ein halber Mensch. Seit dem Tage, an dem ich mein eigner Herr wurde, ließ ich mich lediglich von der Überzeugung leiten, ich könne mich meines Daseins nicht eher erfreuen, als bis ich meine Existenz durch ehrliche Arbeit gerechtfertigt hätte. Diese einseitige Anschauung hat mich dahin geführt, daß ich heute aus reinem Pflichtgefühl, nicht anders, als gälte es eine Strafe abzubüßen, den rein materiellen Genuß aufsuche. Sobald ich aber dem Leben die Arme öffnen will, dann lähmt mich die Erinnerung an jene unglücklichen Menschen, die nur durch meine übertriebene Gewissenhaftigkeit in der entsetzlichsten Weise ums Leben gekommen sind.

 

VON KEITH

Was war denn das für eine Geschichte?

 

SCHOLZ

Ich hatte ein Bahnreglement geändert. Es lag eine beständige Gefahr darin, daß dieses Bahnreglement unmöglich genau respektiert werden konnte. Meine Befürchtungen waren natürlich übertrieben, aber mit jedem Tage sah ich das Unglück näherkommen. Mir fehlte eben das seelische Gleichgewicht, das dem Menschen aus einem menschenwürdigen Familienheim erwächst. Am ersten Tage nach Einführung meines neuen Reglements erfolgte ein Zusammenstoß von zwei Schnellzügen, der neun Männern, drei Frauen und zwei Kindern das Leben kostete. Ich inspizierte die Unglücksstätte noch. Es ist nicht meine Schuld, daß ich den Anblick überlebte.

 

VON KEITH

Dann gingst du auf Reisen?

 

SCHOLZ

Ich ging nach England, nach Italien, fühle mich nun aber erst recht von allem lebendigen Treiben ausgeschlossen. In lachender, scherzender Umgebung, bei ohrbetäubender Musik, entringt sich mir plötzlich ein geller Schrei, weil ich mir unversehens wieder jenes Unglücks bewußt worden bin. Ich habe auch im Orient nur wie eine verscheuchte Eule gelebt. Aufrichtig gesagt, bin ich auch seit jenem Unglückstag erst recht davon überzeugt, daß ich mir meine Lebensfreude nur durch Selbstaufopferung zurückkaufen kann. Aber dazu brauche ich Zutritt zum Leben. Diesen Zutritt zum Leben hoffte ich vor einem Jahr dadurch zu finden, daß ich mich mit dem ersten besten Mädchen allerniedrigster Herkunft verlobte, um mit ihr in den Ehestand zu treten.

 

VON KEITH

Wolltest du das Geschöpf wirklich zur Gräfin Trautenau machen?

 

SCHOLZ

Ich bin kein Graf Trautenau mehr. Das entzieht sich deinem Verständnis. Die Presse hatte meinen Rang und Namen zu dem Unglück, das ich heraufbeschworen, in wirkungsvollen Kontrast gesetzt. Ich hielt mich deshalb meiner Familie gegenüber für verpflichtet, einen anderen Namen anzunehmen. Ich heiße seit zwei Jahren Ernst Scholz. Daher konnte auch meine Verlobung niemanden mehr überraschen; aber es wäre auch daraus nur wieder Unglück erwachsen. In ihrem Herzen keinen Funken Liebe, in meinem nur das Bedürfnis, mich aufzuopfern, der Verkehr eine endlose Kette der trivialsten Mißverständnisse... Ich habe das Mädchen jetzt derart dotiert, daß sie für jeden ihres Standes eine begehrenswerte Partie ist. Sie konnte sich vor Freude über ihre wiedergewonnene Freiheit gar nicht fassen. Und ich muß nun endlich die schwere Kunst erlernen, mich selbst zu vergessen. Dem Tod sieht man mit klarem Bewußtsein ins Auge; aber niemand lebt, der sich nicht selbst vergessen kann.

 

VON KEITH [wirft sich in einen Sessel]

Mein Vater würde sich vor Schreck im Grabe umkehren bei dem Gedanken, daß du – mich um meinen Rat bittest.

 

SCHOLZ

So schlägt das Leben die Schulweisheit auf den Mund. Dein Vater hat redlich sein Teil zu meiner einseitigen geistigen Entwicklung beigetragen.

 

VON KEITH

Mein Vater war so selbstlos und gewissenhaft, wie es der Hauslehrer und Erzieher eines Grafen Trautenau nun einmal sein muß. Du warst sein Musterknabe, und ich war sein Prügeljunge.

 

SCHOLZ

Erinnerst du dich nicht mehr, wie zärtlich du bei uns auf dem Schloß von unseren Kammerjungfrauen abgeküßt wurdest, und zwar mit Vorliebe dann, wenn ich zufällig gerade daneben stand?! – [Sich erhebend] Ich werde die nächsten zwei bis drei Jahre einzig und allein darauf verwenden, [unter Tränen] um mich zu einem Genußmenschen auszubilden.

 

VON KEITH [aufspringend]

Gehen wir heute abend erst einmal nach Nymphenburg auf den Tanzboden! Das ist unser so unwürdig, wie nur irgendwie möglich. Aber bei all dem Regenwetter und Gletscherwasser, das sich über meinen Kopf ergießt, reizt es mich selbst, wieder einmal im Schlamm zu baden.

 

SCHOLZ

Mich dürstet nicht nach Marktgeschrei.

 

VON KEITH

Du hörst kein lautes Wort, nur das dumpfe Brausen des aus seinen Tiefen aufgewühlten Ozeans. München ist ein Arkadien zugleich und ein Babylon. Der stumme saturnalische Taumel, der sich hier bei jeder Gelegenheit der Seelen bemächtigt, behält auch für den Verwöhntesten seinen Reiz.

 

SCHOLZ

Woher sollte ich denn verwöhnt sein! Ich habe von meinem Leben bis heute buchstäblich noch nichts genossen.

 

VON KEITH

Der Gesellschaft werden wir uns auf dem Tanzboden erwehren müssen! An solchen Orten wirkt mein Erscheinen wie das Aas auf die Fliegen. Aber dafür, daß du dich selbst vergißt, stehe ich dir gut. Du wirst dich noch in drei Monaten selbst vergessen, wenn du an unseren heutigen Abend zurückdenkst.

 

SCHOLZ

Ich habe mich schon allen Ernstes gefragt, ob nicht mein ungeheurer Reichtum vielleicht der einzige Grund meines Unglücks ist.

 

VON KEITH [empört]

Das ist Gotteslästerung!

 

SCHOLZ

Ich habe tatsächlich schon erwogen, ob ich nicht wie auf meinen Adel auch auf mein Vermögen verzichten soll. Solang ich lebe, wäre mir dieser Verzicht aber nur zugunsten meiner Familie möglich. Eine nützliche Verfügung über mein Eigentum kann ich allenfalls, nachdem mein Leben an ihm zuschanden geworden, auf dem Sterbebette treffen. Hätte ich von Jugend auf um meinen Unterhalt kämpfen müssen, dann stände ich bei meinem sittlichen Ernst und meinem Fleiß, statt ein Ausgestoßener zu sein, heute wahrscheinlich mitten in der glänzendsten Karriere.

 

VON KEITH

Oder du schwelgtest mit deinem Mädchen aus niedrigstem Stande im allergewöhnlichsten Liebesquark und putztest dabei deiner Mitwelt die Stiefel.

 

SCHOLZ

Das nehme ich jeden Augenblick mit Freuden gegen mein Los in Tausch.

 

VON KEITH

Bilde dir doch nicht ein, daß dieses Eisenbahnunglück zwischen dir und dem Leben steht. Du sättigst dich nur deshalb an diesen scheußlichen Erinnerungen, weil du zu schwerfällig bist, um dir irgendwelche delikatere Nahrung zu verschaffen.

 

SCHOLZ

Darin magst du recht haben. Deswegen möchte ich mich deiner geistigen Führung anvertrauen.

 

VON KEITH

Wir finden heute abend schon was zu beißen. – Ich kann dich jetzt leider nicht bitten, mit mir zu frühstücken. Ich habe um zwölf Uhr ein geschäftliches Rendezvous mit einer hiesigen Finanzgröße. Aber ich gebe dir ein paar Zeilen mit an meinen Freund Raspe. Verbring den Nachmittag mit ihm; um sechs Uhr treffen wir uns im Hofgarten-Café.

 

[Er ist an den Schreibtisch gegangen und schreibt ein Billett.]

 

SCHOLZ

Womit beschäftigst du dich denn?

 

VON KEITH

Ich treibe Kunsthandel, ich habe eine Zeitungskorrespondenz, eine Konzertagentur – alles nicht der Rede wert. Du kommst eben recht, um das Entstehen eines großangelegten Konzerthauses zu erleben, das ausschließlich für meine Künstler gebaut wird.

 

SCHOLZ [nimmt das Bild vom Tisch und betrachtet es]

Du hast eine hübsche Bildergalerie.

 

VON KEITH [aufspringend]

Das gebe ich nicht um zehntausend Mark. Ein Saranieff. [Dreht es ihm in den Händen um.] Du mußt es anders herum nehmen.

 

SCHOLZ

Ich verstehe nichts von Kunst. Ich bin auf meinen Reisen nicht in einem einzigen Museum gewesen.

 

VON KEITH [gibt ihm das Billett]

Der Mann ist internationaler Kriminalbeamter; sei deshalb nicht gleich zu offenherzig. Ein entzückender Mensch. Aber die Leute wissen nie, ob sie mich beobachten sollen oder ob ich da bin, um sie zu beobachten.

 

SCHOLZ

Ich danke dir für dein liebenswürdiges Entgegenkommen. Also heute abend um sechs im Hofgarten-Café.

 

VON KEITH

Dann fahren wir nach Nymphenburg. Ich danke dir, daß auch du schließlich Vertrauen zu mir gewonnen hast.

 

[Von Keithn geleitet Scholz hinaus. Die Szene bleibt einen Moment leer. Dann kommt Molly Griesinger aus dem Wohnzimmer und nimmt das Teegeschirr vom Tisch. Gleich darauf kommt von Keith zurück.]

 

VON KEITH [ruft]

Sascha! – [Geht ans Telefon und läutet] Siebzehn, fünfunddreißig – Kommissär Raspe!

 

SASCHA [kommt aus dem Wartezimmer]

Herr Baron!

 

VON KEITH

Meinen Hut! Meinen Paletot!

 

[Sascha eilt nach dem Vorplatz.]

 

MOLLY

Ich beschwöre dich, laß dich doch mit diesem Patron nicht ein! Der käme doch nicht zu uns, wenn er uns nicht ausbeuten wollte.

 

VON KEITH [spricht ins Telefon]

Gott sei Dank sind Sie da! Warten Sie zehn Minuten. Das werden Sie merken. [Zu Molly, während ihm Sascha in den Paletot hilft] Ich fahre rasch auf die Redaktionen.

 

MOLLY

Was soll ich Mama antworten?

 

VON KEITH [zu Sascha]

Einen Wagen!

 

SASCHA

Jawohl, Herr Baron. [Ab.]

 

VON KEITH

Leg ihr meine Ehrerbietung zu Füßen. [Geht zum Schreibtisch] Die Pläne – der Brief von Ostermeier – morgen früh muß München wissen, daß der Feenpalast gebaut wird!

 

MOLLY

Dann kommst du nicht nach Bückeburg?

 

VON KEITH [nimmt, die zusammengerollten Pläne unter dem Arm, seinen Hut vom Mitteltisch und stülpt ihn auf]

Nimmt mich wunder, wie sich der zum Genußmenschen ausbildet! [Rasch ab.]

 


ZWEITER AUFZUG

 

[Im Arbeitszimmer des Marquis von Keith ist der mittlere Tisch zum Frühstück gedeckt: Champagner und eine große Schüssel Austern. Der Marquis von Keith sitzt auf dem Schreibtisch und hält den linken Fuß auf einen Schemel, während ihm Sascha, der vor ihm kniet, mit einem Knopfhaken die Stiefel zuknöpft. Ernst Scholz steht hinter dem Diwan und versucht sich auf einer Gitarre, die er von der Wand genommen.]

 

VON KEITH

Wann bist du denn heute morgen in dein Hotel zurückgekommen?

 

SCHOLZ [mit verklärtem Lächeln]

Um zehn Uhr.

 

VON KEITH

Tat ich also nicht recht daran, dich mit diesem entzückenden Geschöpf allein zu lassen?

 

SCHOLZ [selig lächelnd]

Nach den Gesprächen von gestern abend über Kunst und moderne Literatur frage ich mich, ob ich bei diesem Mädchen nicht in die Schule gehen soll. Um so mehr wunderte es mich, daß sie dich noch darum bat, an dem Gartenfest, mit dem du München in Erstaunen setzen willst, deine Gäste bedienen zu dürfen.

 

VON KEITH

Sie rechnet sich das ganz einfach zur Ehre an! Übrigens hat das noch Zeit mit dem Gartenfest. Ich fahre morgen auf einige Tage nach Paris.

 

SCHOLZ

Das kommt mir aber höchst ungelegen.

 

VON KEITH

Komm doch mit. Ich will eine meiner Künstlerinnen vor der Marquesi singen lassen, bevor sie hier öffentlich auftritt.

 

SCHOLZ

Soll ich mir jetzt die Seelenqualen wieder vergegenwärtigen, die ich seinerzeit in Paris durchgekostet habe?!

 

VON KEITH

Würde dir denn das Erlebnis dieser Nacht nicht darüber hinweghelfen?! – Dann halte dich während meiner Abwesenheit an den Kunstmaler Saranieff. Er wird ja heute wohl irgendwo vor uns auftauchen.

 

SCHOLZ

Von diesem Saranieff erzählte mir das Mädchen, sein Atelier sei eine Schreckenskammer, voll der entsetzlichsten Greuel, die die Menschheit je verübt hat. Und dann plauderte sie im hellsten Entzücken von ihrer Kindheit, wie sie in Tirol den ganzen Sommer durch in den Kirschbäumen gesessen und im Winter abends bis in die Dunkelheit mit den Dorfkindern Schlitten gefahren sei. Wie kann es sich dieses Mädchen nur so zur Ehre anrechnen, bei dir als Aufwärterin figurieren zu dürfen!

 

VON KEITH

Das Geschöpf rechnet sich das zur Ehre an, weil es dabei Gelegenheit findet, die unbegrenzte Verachtung zu bekämpfen, mit der sie von der gesamten bürgerlichen Gesellschaft behandelt wird.

 

SCHOLZ

Aber was rechtfertigt denn diese Verachtung! Wieviel hundert weibliche Existenzen gehen in den besten Gesellschaftskreisen daran zugrunde, daß der Strom des Lebens versiegt, wie er hier aus seinen Ufern tritt! – Einer Sünde, wie es die seelenmörderische Zwietracht war, in der meine Eltern zwanzig Jahre beieinander aushielten, macht sich dieses Mädchen doch in seinem seligsten Glück nicht schuldig!

 

VON KEITH

Was ist Sünde!!

 

SCHOLZ

Darüber war ich mir gestern noch völlig klar. Heute kann ich dafür ohne Beklommenheit aussprechen, was tausend und tausend gutsituierte Menschen wie ich empfunden haben: Das verfehlte Leben blickt mit bitterem Neid auf das verlorene Geschöpf!

 

VON KEITH

Das Glück dieser Geschöpfe wäre so verachtet nicht, wenn es nicht das denkbar schlechteste Geschäft wäre. Sünde ist eine mythologische Bezeichnung für schlechte Geschäfte. Gute Geschäfte lassen sich nun einmal nur innerhalb der bestehenden Gesellschaftsordnung machen! Das weiß niemand besser als ich. Ich, der Marquis von Keith, von dem ganz München spricht, stehe heute bei meinem europäischen Ruf noch ebenso außerhalb der Gesellschaft wie dieses Geschöpf. Das ist auch der einzige Grund, weshalb ich das Gartenfest gebe. Ich bedaure ungemein, daß ich die Kleine nicht unter meinen Gästen empfangen kann. Um so geschmackvoller wird sie sich dafür unter meiner Bedienung ausnehmen.

 

SASCHA [hat sich erhoben]

Befehlen der Herr Baron einen Wagen?

 

VON KEITH

Ja.

 

[Sascha ab.]

 

VON KEITH [sich in den Stiefeln feststampfend]

Du hast gelesen, daß sich gestern die Feenpalastgesellschaft konstituiert hat?

 

SCHOLZ

Ich habe von gestern auf heute natürlich keine Zeitung in die Hand bekommen. [Beide nehmen am Frühstückstisch Platz.]

 

VON KEITH

Das ganze Unternehmen ruht auf einem Bierbrauer, einem Baumeister und einem Restaurateur. Das sind die Karyatiden, die den Giebel des Tempels tragen.

 

SCHOLZ

Ein entzückender Mensch ist übrigens dein Freund, der Kriminalbeamte Raspe.

 

VON KEITH

Er ist ein Schurke; ich liebe ihn aber aus einem anderen Grunde.

 

SCHOLZ

Er erzählte mir, er sei ursprünglich Theologe gewesen, habe aber durch zu vieles Studieren seinen Glauben verloren und ihn dann auf dem Wege wiederzufinden gesucht, auf dem der verlorene Sohn seinen Glauben wiederfand.

 

VON KEITH

Er sank immer tiefer und tiefer, bis ihn schließlich die hohe Staatsanwaltschaft in ihren Armen auffing und ihm seinen verlorenen Glauben durch einen zweijährigen Aufenthalt hinter Schloß und Riegel zurückerstattete.

 

SCHOLZ

Das Mädchen konnte es absolut nicht fassen, daß ich bis heute noch nicht radfahren gelernt habe. Daß ich in Asien und Afrika nicht radgefahren sei, meinte sie, sei sehr vernünftig gewesen wegen der wilden Tiere. In Italien hätte ich denn aber doch damit anfangen können!

 

VON KEITH

Ich warne dich noch einmal, lieber Freund, sei nicht zu offenherzig! Die Wahrheit ist unser kostbarstes Lebensgut, und man kann nicht sparsam genug damit umgehen.

 

SCHOLZ

Deshalb hast du dir wohl auch den Namen Marquis von Keith beigelegt?

 

VON KEITH

Ich heiße mit demselben Recht Marquis von Keith, mit dem du Ernst Scholz heißt. Ich bin der Adoptivsohn des Lord Keith, der im Jahre 1863...

 

SASCHA [tritt vom Vorplatz ein, anmeldend]

Herr Professor Saranieff!

 

[Saranieff tritt ein, in schwarzem Gehrock mit etwas zu langen Ärmeln, hellen, etwas zu kurzen Beinkleidern, grobem Schuhwerk, knallroten Handschuhen; das halblange, straffe, schwarze Haar gerade abgeschnitten; vor den verheißungsvollen Augen trägt er an schwarzem Bande ein Pincenez à la Murillo; ausdrucksvolles Profil, kleiner spanischer Schnurrbart. Den Zylinder gibt er nach der Begrüßung an Sascha.]

 

SARANIEFF

Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück, mein lieber Freund. Endlich sind die Taue gekappt, und der Ballon kann steigen!

 

VON KEITH

Meine Kommanditäre erwarten mich; ich kann Sie kaum mehr zum Frühstück einladen.

 

SARANIEFF [sich an den Tisch setzend]

Ich erlasse Ihnen die Einladung

 

VON KEITH

Noch ein Kuvert, Sascha!

 

[Sascha hat den Hut auf dem Vorplatz aufgehängt und geht ins Wohnzimmer ab.]

 

SARANIEFF

Mich wundert nur, daß man den Namen des großen Casimir nicht mit unter den Mitgliedern des Feenpalast-Konsortiums liest.

 

VON KEITH

Weil ich nicht auf das Verdienst verzichten will, selber der Schöpfer meines Werkes zu sein. [Vorstellend] Herr Kunstmaler Saranieff – Graf Trautenau.

 

SARANIEFF [zieht ein Glas und einen Teller heran und bedient sich, zu Scholz]

Sie, Herr Graf, kenne ich schon in- und auswendig. [Zu von Keith] Simba war eben bei mir; sie sitzt mir gegenwärtig zu einem Böcklin.

 

VON KEITH [zu Scholz]

Der Böcklin war nämlich selbst ein großer Maler. [Zu Saranieff] Sie brauchten mit solchen Streichen nicht noch zu prahlen!

 

SARANIEFF

Machen Sie mich berühmt, dann habe ich diese Streiche nicht mehr nötig! Ich bezahle Ihnen dreißig Prozent auf Lebenszeit. Zamrjakis Verstand wackelt schon wie ein morscher Zaunpfahl, weil er durchaus auf ehrlichem Wege unsterblich werden will.

 

VON KEITH

Mir ist es um seine Musik zu tun. Dem richtigen Komponisten ist sein Verstand nur ein Hindernis.

 

SCHOLZ

Um unsterblich werden zu wollen, muß man doch wohl schon ganz außergewöhnlich lebenslustig sein.

 

SARANIEFF [zu Scholz]

Sie hat mir unsere Simba übrigens als einen hochinteressanten Menschen geschildert.

 

SCHOLZ

Das glaube ich, daß ihr solche Sauertöpfe wie ich nicht jeden Tag in den Weg laufen.

 

SARANIEFF

Sie hat Sie den Symbolisten zugeteilt. [Zu von Keith] Und dann schwärmte sie von einer bevorstehenden Feenpalast-Gründungsfeier mit eminentem Feuerwerk.

 

VON KEITH

Mit Feuerwerk blendet man keinen Hund, aber der vernünftigste Mensch fühlt sich beleidigt, wenn man ihm keines vormacht. Ich fahre übrigens vorher noch auf einige Tage nach Paris.

 

SARANIEFF

Man will wohl Ihre Ansichten über ein deutsch-französisches Schutz-und-Trutz-Bündnis hören?

 

VON KEITH

Aber sprechen Sie nicht davon!

 

SCHOLZ

Ich wußte gar nicht, daß du dich auch in der Politik betätigst!

 

SARANIEFF

Wissen Sie vielleicht irgend etwas, worin sich der Marquis von Keith nicht betätigt?

 

VON KEITH

Ich will mir nicht vorwerfen lassen, daß ich mich um meine Zeit nicht gekümmert habe!

 

SCHOLZ

Hat man denn nicht genug mit sich selbst zu tun, wenn man das Leben ernst nimmt?

 

SARANIEFF

Sie nehmen es allerdings verteufelt ernst! Am Fuße der Pyramiden, in dem Dorfe Gizeh, soll Ihnen die Wäscherin einen Hemdkragen verwechselt haben?

 

SCHOLZ

Sie scheinen wirklich schon ganz gut über mich unterrichtet zu sein. Wollen Sie mir nicht erlauben, daß ich Sie einmal in Ihrem Atelier besuche?

 

SARANIEFF

Wenn es Ihnen recht ist, trinken wir jetzt gleich unseren Kaffee bei mir. Sie finden dann auch Ihre Simba noch dort.

 

SCHOLZ

Simba? – Simba? – Sie reden immer von Simba. Das Mädchen sagte mir doch, daß sie Kathi hieße!

 

SARANIEF

Von Natur heißt sie Kathi; aber der Marquis von Keith hat sie Simba getauft.

 

SCHOLZ [zu von Keith]

Das bezieht sich wohl auf ihre wundervollen roten Haare?

 

VON KEITH

Darüber kann ich dir mit dem besten Willen keine Auskunft geben.

 

SARANIEFF

Sie hat es sich auf meinem persischen Diwan bequem gemacht und schläft vorläufig noch ihren Katzenjammer von gestern aus.

 

[Molly Griesinger kommt aus dem Wohnzimmer und legt Saranieff ein Kuvert vor.]

 

SARANIEFF

Heißen Dank, gnädige Frau; Sie sehen, ich habe schon alles aufgegessen. Verzeihen Sie, daß ich noch nicht Gelegenheit nahm, Ihnen die Hand zu küssen.

 

MOLLY

Sparen Sie Ihre Komplimente doch für würdigere Gelegenheiten!

 

[Es läutet auf dem Korridor; Molly geht, um zu öffnen.]

 

VON KEITH [sieht nach der Uhr und erhebt sich]

Sie müssen mich entschuldigen, meine Herren. [Ruft] Sascha!

 

SARANIEFF [wischt sich den Mund]

Bitte, wir fahren natürlich mit. [Er und Scholz erheben sich.]

 

[Sascha kommt mit der Garderobe aus dem Wartezimmer und hilft von Keith und Scholz in den Paletot.]

 

SCHOLZ [zu von Keith]

Warum sagst du mir denn gar nicht, daß du verheiratet bist?

 

VON KEITH

Laß mich dir deine Krawatte in Ordnung bringen. [Er tut es.] Du mußt etwas mehr Sorgfalt auf dein Äußeres verwenden.

 

[Molly kommt mit Hermann Casimir vom Vorplatz zurück.]

 

MOLLY

Der junge Casimir bittet um die Ehre.

 

VON KEITH [zu Hermann]

Haben Sie gestern meine Grüße ausgerichtet?

 

HERMANN

Die Frau Gräfin wartete selbst auf Geld von Ihnen!

 

VON KEITH

Warten Sie einen Augenblick auf mich. Ich bin gleich zurück. [Zu Scholz und Saranieff] Ist es Ihnen recht, meine Herren?

 

SARIANEFF [Sascha seinen Hut abnehmend]

Mit Ihnen durch dick und dünn!

 

SASCHA

Der Wagen wartet, Herr Baron.

 

VON KEITH

Setz dich zum Kutscher!

 

[Scholz, Saranieff, von Keith und Sascha ab.]

 

MOLLY [kramt das Frühstücksgeschirr zusammen]

Nimmt mich nur wunder, was Sie in diesem Narrenturm suchen! Sie blieben doch wirklich vernünftiger bei Ihrer Frau Mama zu Hause!

 

HERMANN [will sofort das Zimmer verlassen]

Meine Mutter lebt nicht mehr, gnädige Frau; aber ich möchte nicht lästig sein.

 

MOLLY

Um Gottes willen, bleiben Sie nur! Sie genieren hier niemanden. – Aber diese unmenschlichen Eltern, die ihr Kind nicht vor dem Verkehr mit solchen Strauchdieben schützen! – Ich hatte mein glückliches Vaterhaus wie Sie und war weder älter noch klüger als Sie, als ich, ohne mir was dabei zu denken, den Sprung ins Bodenlose tat.

 

HERMANN [sehr erregt]

Der Himmel erbarme sich mein – ich muß notwendig einen Weg wählen! Ich gehe zugrunde, wenn ich noch länger hier in München bleibe! Aber der Herr Marquis wird mir seine Hilfe verweigern, wenn er ahnt, was ich vorhabe. Ich bitte Sie, gnädige Frau, verraten Sie mich nicht!

 

MOLLY

Wenn Sie wüßten, wie es mir ums Herz ist, Sie hätten keine Angst, daß ich mich um Ihre Geschichte bekümmere! Wenn es Ihnen nur nicht noch schlimmer geht als mir! Hätte mich meine Mutter arbeiten lassen, wie ich jetzt arbeite, statt mich jeden freien Nachmittag Schlittschuh laufen zu schicken, ich hätte heute mein Lebensglück noch vor mir!

 

HERMANN

Aber – wenn Sie so grenzenlos unglücklich sind und wissen, – daß Sie noch glücklich werden können, warum – warum lassen Sie sich denn dann nicht scheiden?

 

MOLLY

Reden Sie doch um Gottes willen nicht über Dinge, von denen Sie nichts verstehen! Wenn man hingehen will, um sich scheiden zu lassen, dann muß man erst einmal verheiratet sein.

 

HERMANN

Verzeihen Sie, ich – meinte, Sie wären verheiratet.

 

MOLLY

Ich will mich hier weiß Gott über niemanden beklagen! Aber um sich zu verheiraten, hat man nun einmal in der ganzen Welt zuerst Papiere nötig. Und das ist ja unter seiner Würde, Papiere zu haben! [Da es auf dem Korridor läutet] Von früh bis spät geht es wie in einem Postbüro! [Ab nach dem Vorplatz.]

 

HERMANN [sich sammelnd]

Wie konnte ich mich nur so verplappern!

 

[Molly geleitet die Gräfin Werdenfels herein.]

 

MOLLY

Wenn Sie hier vielleicht auf meinen Mann warten wollen. Er muß ja wohl gleich kommen. Darf ich die Herrschaften bekannt machen?

 

ANNA

Danke. Wir kennen uns.

 

MOLLY

Natürlich! Dann bin ich ja überflüssig. [Ins Wohnzimmer ab.]

 

ANNA [läßt sich neben Hermann auf den Schreibtischsessel nieder und legt ihre Hand auf die seinige]

Nun erzählen Sie mir einmal offen und ausführlich, mein lieber junger Freund, wozu Sie auf Ihrer Schulbank so viel Geld brauchen.

 

HERMANN

Das sage ich Ihnen nicht.

 

ANNA

Ich möchte es aber so gerne wissen!

 

HERMANN

Das glaube ich Ihnen!

 

ANNA

Trotzkopf!

 

HERMANN [entzieht ihr seine Hand]

Ich lasse mich nicht so behandeln!

 

ANNA

Wer behandelt Sie denn? Bilden Sie sich doch nichts ein! – Sehen Sie, ich teile die Menschen in zwei große Klassen. Die einen sind hopp-hopp, und die andern sind etepetete.

 

HERMANN

Ich bin Ihrer Ansicht nach natürlich etepetete.

 

ANNA

Wenn Sie nicht einmal sagen dürfen, wozu Sie all das viele Geld nötig haben...

 

HERMANN

Jedenfalls nicht, weil ich etepetete bin!

 

ANNA

Das habe ich Ihnen doch auf den ersten Blick angesehen: Sie sind hopp-hopp!

 

HERMANN

Das bin ich auch; sonst bliebe ich gemütlich in München.

 

ANNA

Aber Sie wollen hinaus in die Welt!

 

HERMANN

Und Sie möchten gerne wissen, wohin. Nach Paris – nach London.

 

ANNA

Paris ist heutzutage doch gar nicht mehr Mode!

 

HERMANN

Ich will auch gar nicht nach Paris.

 

ANNA

Warum bleiben Sie denn nicht lieber hier in München? – Sie haben einen steinreichen Vater...

 

HERMANN

Weil man hier nichts erlebt! – Ich verkomme hier in München, besonders wenn ich noch länger auf der Schulbank sitzen muß. Ein früherer Klassenkamerad schreibt mir aus Afrika, wenn man sich in Afrika unglücklich fühle, dann fühle man sich noch zehnmal glücklicher, als wenn man sich in München glücklich fühle.

 

ANNA

Ich will Ihnen etwas sagen: Ihr Freund ist etepetete. Gehen Sie nicht nach Afrika. Bleiben Sie lieber hier bei uns in München und erleben Sie etwas.

 

HERMANN

Aber das ist hier doch gar nicht möglich!

 

[Molly läßt den Kriminalkommissär Raspe eintreten. Raspe, anfangs der Zwanziger, in heller Sommertoilette und Strohhut, hat die kindlich-harmlosen Züge eines Guido Renischen Engels. Kurzes blondes Haar, keimender Schnurrbart. Wenn er sich beobachtet fühlt, klemmt er einen blauen Kneifer vor die Augen.]

 

MOLLY

Mein Mann wird gleich kommen; wenn Sie einen Augenblick warten wollen. Darf ich Sie vorstellen...

 

RASPE

Ich weiß wirklich nicht, gnädige Frau, ob dem Herrn Baron damit gedient wäre, daß Sie mich vorstellen.

 

MOLLY

Na, dann nicht! – um Gottes willen! [Ins Wohnzimmer ab.]

 

ANNA

Ihre Vorsicht ist übrigens vollkommen überflüssig. Wir kennen uns doch.

 

RASPE [nimmt auf dem Diwan Platz]

Hm – ich muß mich erst in meinen Erinnerungen zurechtfinden...

 

ANNA

Wenn Sie sich zurechtgefunden haben, dann möchte ich Sie übrigens auch darum bitten, mich nicht vorzustellen.

 

RASPE

Wie ist es aber möglich, daß ich hier nie ein Wort über Sie gehört habe!

 

ANNA

Das sind nur Namensunterschiede. Von Ihnen erzählte man mir, Sie hätten zwei Jahre in absoluter Einsamkeit zugebracht.

 

RASPE

Worauf Sie natürlich nicht durchblicken ließen, daß Sie mich in meiner höchsten Glanzzeit gekannt hatten.

 

ANNA

Wen hat man nicht alles in seiner Glanzzeit gekannt!

 

RASPE

Sie haben ganz recht. Mitleid ist Gotteslästerung. Was konnte ich dafür! Ich war das Opfer des wahnsinnigen Vertrauens geworden, das mir jedermann entgegenbrachte.

 

ANNA

Jetzt sind Sie aber wieder hopp-hopp?

 

RASPE

Jetzt verwerte ich das wahnsinnige Vertrauen, das mir jedermann entgegenbringt, zum Wohle meiner Mitmenschen. – Können Sie mir übrigens etwas Näheres über diesen Genußmenschen sagen?

 

ANNA

Ich bedaure sehr; den hat man mir noch nicht vorgeritten.

 

RASPE

Das wundert mich außerordentlich. Ein gewisser Herr Scholz, der sich hier in München zum Genußmenschen ausbilden will.

 

ANNA

Und dazu macht ihn der Marquis von Keith mit einem Kriminalkommissär bekannt?

 

RASPE

Ein ganz harmloser Mensch. Ich wußte gar nicht, was ich mit ihm anfangen sollte. Ich führte ihn zu seiner Ausbildung ins Hofbräuhaus. Das liegt hier ja gleich nebenan.

 

[Molly öffnet die Entreetür und läßt den Konsul Casimir eintreten. Er ist ein Mann in der Mitte der Vierziger, etwas vierschrötig, in opulente Eleganz gekleidet; volles Gesicht mit üppigen schwarzen Favorits, starkem Schnurrbart, buschigen Augenbrauen, das Haar sorgfältig in der Mitte gescheitelt.]

MOLLY

Mein Mann ist nicht zu Hause. – [Ab]

 

CASIMIR [geht, ohne jemanden zu grüßen, auf Hermann zu]

Da ist die Türe! – – In dieser Räuberhöhle muß ich dich aufstöbern!

 

HERMANN

Du würdest mich hier auch nicht suchen, wenn du nicht für deine Geschäfte fürchtetest!

 

CASIMIR [dringt auf ihn ein]

Willst du still sein! – Ich werde dir Beine machen!

 

HERMANN [zieht einen Taschenrevolver]

Rühr mich nicht an, Papa! – Rühr mich nicht an! Ich erschieße mich, wenn du mich anrührst!

 

CASIMIR

Das bezahlst du mir, wenn du zu Hause bist!

 

RASPE

Wer läßt sich denn auch wie ein Stück Vieh behandeln!

 

CASIMIR

Beschimpfen lassen soll ich mich hier noch!...

 

ANNA [tritt ihm entgegen]

Bitte, mein Herr, das gibt ein Unglück. Werden Sie erst selbst ruhig. [Zu Hermann] Seien Sie vernünftig; gehen Sie mit Ihrem Vater.

 

HERMANN

Ich habe zu Hause nichts zu suchen. Er merkt es nicht einmal, wenn ich mich sinnlos betrinke, weil ich nicht weiß, wozu ich auf der Welt bin!

 

ANNA

Dann sagen Sie ruhig, was Sie beabsichtigen; aber drohen Sie Ihrem Vater nicht mit dem Revolver. Geben Sie mir das Ding.

 

HERMANN

Das könnte mir einfallen!

 

ANNA

Sie werden es nicht bereuen. Ich gebe ihn Ihnen zurück, wenn Sie ruhig sind. Halten Sie mich für eine Lügnerin?

 

[Hermann gibt ihr zögernd den Revolver.]

 

ANNA

Jetzt bitten Sie Ihren Vater um Verzeihung. Wenn Sie einen Funken Ehre im Leibe haben, können Sie von Ihrem Vater nicht erwarten, daß er den ersten Schritt tut.

 

HERMANN

Ich will aber nicht zugrunde gehen!

 

ANNA

Erst bitten Sie um Verzeihung. Seien Sie fest überzeugt, daß Ihr Vater dann auch mit sich reden läßt.

 

HERMANN

– Ich – ich – bitte dich um... [Er sinkt in die Knie und schluchzt.]

 

ANNA [sucht ihn aufzurichten]

Schämen Sie sich! Blicken Sie doch ihrem Vater in die Augen!

 

CASIMIR

Die Nerven seiner Mutter!

 

ANNA

Beweisen Sie Ihrem Vater, daß er Vertrauen zu Ihnen haben kann. – Jetzt gehen Sie nach Hause, und wenn Sie ruhig geworden sind, dann setzen Sie Ihrem Vater Ihre Pläne und Wünsche auseinander. [Sie geleitet ihn hinaus.]

 

CASIMIR [zu Raspe]

Wer ist diese Dame?

 

RASPE

Ich sehe sie heute seit zwei Jahren zum erstenmal wieder. Damals war sie Verkäuferin in einem Geschäft in der Perusastraße und hieß Huber, wenn ich mich recht erinnere. Aber wenn Sie etwas Näheres wissen wollen...

 

CASIMIR

Ich danke Ihnen. Gehorsamer Diener! [Ab.]

 

[Molly kommt aus dem Wohnzimmer, um das Frühstücksgeschirr hinauszutragen.]

 

RASPE

Entschuldigen Sie, gnädige Frau; hatte der Herr Baron wirklich die Absicht, vor Tisch noch zurückzukommen?

 

MOLLY

Ich bitte Sie um Gottes willen, fragen Sie mich nicht nach solchen Lächerlichkeiten!

 

ANNA [kommt vom Vorplatz zurück, zu Molly]

Darf ich Ihnen nicht vielleicht etwas abnehmen?

 

MOLLY

Sie fragen mich auch noch, ob Sie mir nicht vielleicht etwas... [Den Präsentierteller wieder auf den Tisch setzend] Räume den Tisch ab, wer will; ich habe nicht daran gegessen! – [Ins Wohnzimmer ab.]

 

RASPE

Das haben Sie einfach tadellos gemacht mit dem Jungen.

 

ANNA [Setzt sich wieder zum Schreibtisch]

Ich beneide ihn um die Equipage, in der ihn sein Alter nach Hause fährt.

 

RASPE

Sagen Sie mir, was ist denn eigentlich aus diesem Grafen Werdenfels geworden, der damals vor zwei Jahren ein Champagnergelage nach dem andern gab?

 

ANNA

Ich trage seinen Namen.

 

RASPE

Das hätte ich mir doch denken können! – Wollen Sie dem Herrn Grafen, bitte, meinen aufrichtigsten Glückwunsch zu seiner Wahl aussprechen?

 

ANNA

Das ist mir nicht mehr möglich.

 

RASPE

Sie leben selbstverständlich getrennt?

 

ANNA

Selbstverständlich, ja. [Da Stimmen auf dem Korridor laut warden] Ich erzähle Ihnen das ein anderes Mal.

 

[Von Keith tritt ein mit den Herren Ostermeier, Krenzl und Grandauer, alle drei mehr oder weniger schmerbäuchige triefäugige Münchner Pfahlbürger. Ihnen folgt Sascha.]

 

VON KEITH

Das trifft sich ausgezeichnet, daß ich Sie gleich mit einer unserer ersten Künstlerinnen bekannt machen kann. – Sascha, trag den Kram hinaus!

 

[Sascha mit dem Frühstücksgeschirr ins Wohnzimmer ab.]

 

VON KEITH [vorstellend]

Herr Bierbrauereibesitzer Ostermeier, Herr Baumeister Krenzl, Herr Restaurateur Grandauer, die Karyatiden des Feenpalastes – Frau Gräfin Werdenfels. Aber Ihre Zeit ist gemessen, meine Herren; Sie wollen die Pläne sehen. [Nimmt die Pläne vom Schreibtisch und entrollt sie auf dem Mitteltisch.]

 

OSTERMEIER

Lassen’s Ihnen Zeit, verehrter Freund. Auf fünf Minuten kommt es nicht an.

 

VON KEITH [zu Grandauer]

Wollen Sie bitte halten. – Was Sie hier sehen, ist der große Konzertsaal mit entfernbarem Plafond und Oberlicht, so daß er im Sommer als Ausstellungspalast dienen kann. Daneben ein kleinerer Bühnensaal, den ich durch die allermodernste Kunstgattung populär machen werde, wissen Sie, was so halb Tanzboden und halb Totenkammer ist. Das Allermodernste ist immer die billigste und wirksamste Reklame.

 

OSTERMEIER

Hm – haben S’ auch auf die Toiletten nicht vergessen?

 

VON KEITH

Hier sehen Sie die Garderoben- und Toilettenverhältnisse in durchgreifendster Weise gelöst. – Hier, Herr Baumeister, der Frontaufriß: Auffahrt, Giebelfeld und Karyatiden.

 

KRENZL

I mecht denn aber fei net mit von dena Karyatiden sein!

 

VON KEITH

Das ist doch ein Scherz von mir, mein verehrter Herr!

 

KRENZL

Was saget denn mei Alte, wann i mi da heroben wollt als Karyatiden aushauen lassen, nachher noch gar an eim Feenpalast!

 

GRANDAUER

Wissens, mir als Restaratär is halt d’ Hauptsach bei dera G’schicht, daß i Platz hab.

 

VON KEITH

Für die Restaurationslokalitäten, mein lieber Herr Grandauer, ist das ganze Erdgeschoß vorgesehen.

 

GRANDAUER

Zum Essen und Trinken megen d’ Leit halt net so eingepfercht sein als wie beim Kunstgenuß.

 

VON KEITH

Für den Nachmittagskaffee, lieber Herr Grandauer, haben Sie hier eine Terrasse im ersten Stock mit großartiger Aussicht auf die Isaranlagen.

 

OSTERMEIER

I mecht Sie halt nur noch bitten, verehrter Freund, daß Sie uns Ihre Eröffnungsbilanz sehen lassen.

 

VON KEITH [ein Schriftstück produzierend]

Viertausend Anteilscheine à fünftausend, macht rund zwanzig Millionen Mark. – Ich gehe von der Bedingung aus, meine Herren, daß jeder von uns vierzig Vorzugsaktien zeichnet und schlankweg einzahlt. Die Rentabilitätsberechnung, sehen Sie, ist ganz außergewöhnlich niedrig gestellt.

 

KRENZL

Es fragt sich jetzt halt nur noch, ob der Magistrat die Bedürfnisfrag bejaht.

 

VON KEITH

Deshalb wollen wir außer den Aktien eine Anzahl Genußscheine ausgeben und der Stadt einen Teil davon zu wohltätigen Zwecken zur Verfügung stellen. – Für die Vorstandsmitglieder sind zehn Prozent Tantiemen vom Reingewinn vor Abzug der Abschreibungen und Reserven vorgesehen.

 

OSTERMEIER

Alles was recht ist. Mehr kann man nicht verlangen.

 

VON KEITH

Den Börsenmarkt muß man etwas bearbeiten. Ich fahre deshalb morgen nach Paris. Heute in vierzehn Tagen findet unsere Gründungsfeier in meiner Villa an der Brienner Straße statt.

 

[Anna zuckt zusammen.]

 

OSTERMEIER

Wann S’ bis zu dera Gründungsfeier halt nur auch den Konsul Casimir dazu brächten, daß er mitmacht!

 

KRENZL

Das wär halt g’scheit. Wann mir den Konsul Casimir haben, nachher sagt der Magistrat eh’ zu allem ja.

 

VON KEITH

Ich hoffe, meine Herren, wir werden schon vor dem Fest eine Generalversammlung einberufen können. Da werden Sie sehen, ob ich Ihre Anregungen in bezug auf den Konsul Casimir zu berücksichtigen weiß.

 

OSTERMEIER [schüttelt ihm die Hand]

Dann wünsche ich vergnügte Reise, verehrter Freund. Lassen Sie uns aus Paris etwas hören. [Sich gegen Anna verbeugend] Habe die Ehre, mich zu empfehlen; mein Kompliment.

 

GRANDAUER

Ich empfehle mich; habe die Ehre, guten Nachmittag zu wünschen.

 

KRENZL

Meine Hochachtung. Servus!

 

[Von Keith geleitet die Herren hinaus.]

ANNA [nachdem er zurückgekommen]

Was in aller Welt fällt dir denn ein, deine Gründungsfeier in meinem Haus zu veranstalten?!

 

VON KEITH

Ich werde dir in Paris eine Konzerttoilette anfertigen lassen, in der du zum Singen keine Stimme mehr nötig hast. [Zu Raspe] Von Ihnen, Herr Kriminalkommissär, erwarte ich, daß Sie an unserer Gründungsfeier die Gattinnen der drei Karyatiden mit dem ganzen Liebreiz Ihrer Persönlichkeit bezaubern.

 

RASPE

Die Damen werden sich nicht über mich zu beklagen haben.

 

VON KEITH [ihm Geld gebend]

Hier haben Sie dreihundert Mark. Ein Feuerwerk bringe ich aus Paris mit, wie es die Stadt München noch nicht gesehen hat.

 

RASPE [das Geld einsteckend]

Das hat er von dem Genußmenschen bekommen.

 

VON KEITH [zu Anna]

Ich verwerte jeden Sterblichen seinen Talenten entsprechend und muß meinen näheren Bekannten Herrn Kriminalkommissär Raspe gegenüber etwas Vorsicht anempfehlen.

 

RASPE

Wenn man, wie Sie, wie vom Galgen geschnitten aussieht, dann ist es keine Kunst, ehrlich durchs Leben zu kommen. Ich wollte sehen, wo Sie mit meinem Engelsgesicht heute steckten!

 

VON KEITH

Ich hätte mit Ihrem Gesicht eine Prinzessin geheiratet.

 

ANNA [zu Raspe]

Wenn mir recht ist, lernte ich Sie doch seinerzeit unter einem französischen Namen kennen.

 

RASPE

Französische Namen führe ich nicht mehr, seitdem ich ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft geworden bin. – Erlauben Sie, daß ich mich Ihnen empfehle. [Ab.]

 

ANNA

Ich bin aber doch mit meiner Bedienung nicht darauf eingerichtet, große Soupers zu geben!

 

VON KEITH [ruft]

Sascha!

 

SASCHA [kommt aus dem Wartezimmer]

Herr Baron?

 

VON KEITH

Willst du an dem Gartenfest bei meiner Freundin bedienen helfen?

 

SASCHA

Dös is mir a Freud, Herr Baron. [Ab.]

 

VON KEITH

Darf ich dir heute meinen ältesten Jugendfreund, den Grafen Trautenau, vorstellen?

 

ANNA

Ich habe mit Grafen kein Glück.

 

VON KEITH

Das macht nichts. Ich bitte dich nur darum, meine Familienverhältnisse nicht mit ihm zu erörtern. Er ist nämlich wirklich Moralist, von Natur und aus Überzeugung. Er hat mich meiner Häuslichkeit wegen heute schon ins Gebet genommen.

 

ANNA

Allmächtiger Gott, der will sich doch nicht etwa zum Genußmenschen ausbilden?!

 

VON KEITH

Das ist Selbstironie! Er lebt, seit ich ihn kenne, in nichts als Aufopferung, ohne zu merken, daß er zwei Seelen in seiner Brust hat.

 

ANNA

Auch das noch! Ich finde, man hat an einer schon zuviel. – Aber heißt der nicht Scholz?

 

VON KEITH

Seine eine Seele heißt Ernst Scholz und seine andere Graf Trautenau.

 

ANNA

Dann bedanke ich mich! Ich will nichts mit Menschen zu tun haben, die mit sich selber nicht im reinen sind!

 

VON KEITH

Er ist ein Ausbund von Reinheit. Die Welt hat ihm keinerlei Genuß mehr zu bieten, wenn er nicht wieder von unten anfängt.

 

ANNA

Der Mensch soll doch lieber noch eine Treppe höher steigen!

 

VON KEITH

Was erregt dich denn so?

 

ANNA

Daß du mich mit diesem fürchterlichen Ungeheuer verkuppeln willst!

 

VON KEITH

Er ist lammfromm.

 

ANNA

Ich danke schön! Ich werde doch das verkörperte Unglück nicht in meinem Boudoir empfangen!

 

VON KEITH

Du verstehst mich wohl nicht recht. Ich kann sein Vertrauen augenblicklich nicht entbehren und will mich deshalb seiner Mißbilligung nicht aussetzen. Wenn er dich nicht kennenlernt, um so besser für mich, dann habe ich keine Vorwürfe von ihm zu fürchten.

 

ANNA

Wer will bei dir wissen, wo die Berechnung aufhört!

 

VON KEITH

Was dachtest du dir denn?

 

ANNA

Ich glaubte, du wolltest mich bei deinem Freund als Dirne verwerten.

 

VON KEITH

Das traust du mir zu?!

 

ANNA

Du sagtest vor einer Minute noch, daß du jeden Sterblichen nach seinen Talenten verwertest. Und daß ich Talent zur Dirne habe, das wird doch wohl niemand in Zweifel ziehen.

 

VON KEITH [Anna in die Arme schließend]

Anna – ich fahre morgen nach Paris, nicht um den Börsenmarkt zu bearbeiten oder um Feuerwerk einzukaufen, sondern weil ich frische Luft atmen muß, weil ich mir die Arme ausrenken muß, wenn ich meine überlegene Haltung hier in München nicht verlieren will. Würde ich dich, Anna, mit nach Paris nehmen, wenn du mir nicht mein Alles wärst?! – – Weißt du, Anna, daß keine Nacht vergeht, ohne daß ich dich im Traum mit einem Diadem im Haar vor mir sehe? Wenn es darauf ankommt, für dich einen Stern vom Firmament zu holen, ich schrecke davor nicht zurück, ich finde Mittel und Wege.

 

ANNA

Verwerte mich doch als Dirne! – Du wirst ja sehen, ob ich dir etwas einbringe!

 

VON KEITH

Dabei habe ich in diesem Augenblick keinen anderen Gedanken in meinem Kopf als die Konzerttoilette, die ich dir bei Saint-Hilaire anfertigen lassen werde...

 

SASCHA [kommt vom Vorplatz herein]

Ein Herr Sommersberg möcht’ um die Ehr’ bitten.

 

VON KEITH

Laß ihn eintreten. [Zu Anna, die Toilette markierend] Eine Silberflut von hellvioletter Seide und Pailletten von den Schultern bis auf die Knöchel, so eng geschnürt und vorn und hinten so tief ausgeschnitten, daß das Kleid nur wie ein glitzerndes Geschmeide auf deinem schlanken Körper erscheint!

 

[Sommersberg ist eingetreten, Ende der Dreißiger, tiefgefurchtes Antlitz, Haar und Bart graumeliert und ungekämmt. Ein dicker Winterüberrock verdeckt seine ärmliche Kleidung, zerrissene Glacéhandschuhe.]

 

SOMMERSBERG

Ich bin der Verfasser der “Lieder eines Glücklichen.” Ich sehe nicht danach aus.

 

VON KEITH

So habe ich auch schon ausgesehen!

 

SOMMERSBERG

Ich hätte auch den Mut nicht gefunden, mich an Sie zu wenden, wenn ich nicht tatsächlich seit zwei Tagen beinah nichts gegessen hätte.

 

VON KEITH

Das ist mir hundertmal passiert. Wie kann ich Ihnen helfen?

 

SOMMERSBERG

Mit einer Kleinigkeit – für ein Mittagbrot...

 

VON KEITH

Zu etwas Besserem tauge ich Ihnen nicht?

 

SOMMERSBERG

Ich bin Invalide.

 

VON KEITH

Sie haben aber das halbe Leben noch vor sich!

 

SOMMERSBERG

Ich habe mein Leben daran vergeudet, den hohen Erwartungen, die man in mich setzte, gerecht zu werden.

 

VON KEITH

Vielleicht finden Sie doch noch eine Strömung, die Sie aufs offene Meer hinausträgt. – Oder zittern Sie um Ihr Leben?

 

SOMMERSBERG

Ich kann nicht schwimmen; und hier in München erträgt sich die Resignation nicht schwer.

 

VON KEITH

Kommen Sie doch heute in vierzehn Tagen zu unserer Gründungsfeier in der Brienner Straße. Da können sich Ihnen die nützlichsten Beziehungen erschließen. [Gibt ihm Geld.] Hier haben Sie hundert Mark. Behalten Sie so viel von dem Geld übrig, daß Sie sich für den Abend einen Gesellschaftsanzug leihen können.

 

SOMMERSBERG [zögernd das Geld nehmend]

Ich habe das Gefühl, als betrüge ich Sie...

 

VON KEITH

Betrügen Sie sich selbst nicht! Dadurch tun Sie schon ein gutes Werk an dem nächsten armen Teufel, der zu mir kommt.

 

SOMMERSBERG

Ich danke Ihnen, Herr Baron. [Ab.]

 

VON KEITH

Bitte, gar keine Ursache! [Nachdem er die Tür hinter ihm geschlossen, Anna in die Arme schließend] Und jetzt, meine Königin, fahren wir nach Paris!

 


DRITTER AUFZUG

 

[Man sieht einen mit elektrischen Lampen erleuchteten Gartensaal, von dem aus eine breite Glastür in der rechten Seitenwand in den Garten hinausführt. Die Mitteltür in der Hinterwand führt ins Speisezimmer, in dem getafelt wird. Beim Öffnen der Tür erblickt man das obere Ende der Tafel. In der linken Seitenwand eine Tür mit Portiere zum Spielzimmer, durch das man ebenfalls in den Speisesaal gelangt. Neben derselben ein Pianino. Rechts vorn ein Damenschreibtisch, links vorn eine Causeuse, Sessel, Tischchen u. a. In der Ecke rechts hinten führt eine Tür zum Vorplatz.

Im Speisezimmer wird ein Toast ausgebracht. Während die Gläser erklingen, kommen Sommersberg, in dürftiger Eleganz, und v. Keith, im Gesellschaftsanzug, durch die Mitte in den Salon.]

 

VON KEITH [die Tür hinter sich schließend]

Sie haben das Telegramm aufgesetzt?

 

SOMMERSBERG [ein Papier in der Hand, liest]

“Die Gründung der Münchner Feenpalast-Gesellschaft versammelte gestern die Notabilitäten der fröhlichen Isarstadt zu einer äußerst animierten Gartenfeier in der Villa des Marquis von Keith in der Briennerstraße. Bis nach Mitternacht entzückte ein großartiges Feuerwerk die Bewohner der anliegenden Straßen. Wünschen wir dem unter so günstigen Auspizien begonnenen Unternehmen...”

 

VON KEITH

Ausgezeichnet! – Wen schicke ich denn damit aufs Telegraphenamt...?

 

SOMMERSBERG

Lassen Sie mich das besorgen. Auf all den Sekt hin tut es mir gut, etwas frische Luft zu schöpfen.

 

[Sommersberg nach dem Vorplatz ab; im gleichen Moment kommt Ernst Scholz herein; er ist in Gesellschaftstoilette und Paletot.]

 

VON KEITH

Du läßt lange auf dich warten!

 

SCHOLZ

Ich komme auch nur, um dir zu sagen, daß ich nicht hier bleibe.

 

VON KEITH

Dann macht man sich über mich lustig! Der alte Casimir läßt mich schon im Stich; aber der schickt doch wenigstens ein Glückwunschtelegramm.

 

SCHOLZ

Ich gehöre nicht unter Menschen! Du beklagst dich, du stehest außerhalb der Gesellschaft; ich stehe außerhalb der Menschheit!

 

VON KEITH

Genießt du denn jetzt nicht alles, was sich ein Mensch nur erträumen kann?!

 

SCHOLZ

Was genieße ich denn! Der Freudentaumel, in dem ich schwelge, läßt mich zwischen mir und einem Barbiergesellen keinen Unterschied mehr erkennen. Allerdings habe ich für Rubens und Richard Wagner schwärmen gelernt. Das Unglück, das früher mein Mitleid erregte, ist mir durch seine Häßlichkeit schon beinahe unausstehlich. Um so andächtiger bewundere ich dafür die Kunstleistungen von Tänzerinnen und Akrobatinnen. – Wäre ich bei alledem aber nur um einen Schritt weiter! Meines Geldes wegen läßt man mich allenfalls für einen Menschen gelten. Sobald ich es sein möchte, stoße ich mit meiner Stirn gegen unsichtbare Mauern an!

 

VON KEITH

Wenn du die Glückspilze beneidest, die aufwachsen, wo gerade Platz ist, und weggeblasen werden, sobald sich der Wind dreht, dann suche kein Mitleid bei mir! Die Welt ist eine verdammt schlaue Bestie, und es ist nicht leicht, sie unterzukriegen. Ist dir das aber einmal gelungen, dann bist du gegen jedes Unglück gefeit.

 

SCHOLZ

Wenn dir solche Phrasen zur Genugtuung gereichen, dann habe ich auch in der Tat nichts bei dir zu suchen. [Will sich entfernen.]

 

VON KEITH [hält ihn auf]

Das sind keine Phrasen! Mir kann heute kein Unglück mehr etwas anhaben. Dazu kennen wir uns zu gut, ich und das Unglück. Ein Unglück ist für mich eine günstige Gelegenheit wie jede andere. Unglück kann jeder Esel haben; die Kunst besteht darin, daß man es richtig auszubeuten versteht!

 

SCHOLZ

Du hängst an der Welt wie eine Dirne an ihrem Zuhälter. Dir ist es unverständlich, daß man sich zum Ekel wird wie ein Aas, wenn man nur um seiner selbst willen existiert.

 

VON KEITH

Dann sei doch in des Dreiteufels Namen mit deiner himmlischen Laufbahn zufrieden! Hast du erst einmal dieses Fegefeuer irdischer Laster und Freuden hinter dir, dann blickst du auf mich elenden armseligen Sünder wie ein Kirchenvater herab!

 

SCHOLZ

Wäre ich nur erst im Besitz meiner angeborenen Menschenrechte! Lieber mich wie ein wildes Tier in die Einöden verkriechen als Schritt für Schritt meiner Existenz wegen um Verzeihung bitten müssen! – Ich kann nicht hierbleiben. – Ich begegnete gestern der Gräfin Werdenfels. – Wodurch ich sie gekränkt habe, das ist mir einfach unverständlich. Vermutlich verfiel ich unwillkürlich in einen Ton, wie ich ihn mir im Verkehr mit unserer Simba angewöhnt habe.

 

VON KEITH

Ich habe von Frauen schon mehr Ohrfeigen bekommen, als ich Haare auf dem Kopfe habe! Hinter meinem Rücken hat sich aber deswegen noch keine über mich lustig gemacht!

 

SCHOLZ

Ich bin ein Mensch ohne Erziehung! – und das gegenüber einer Frau, der ich die allergrößte Ehrerbietung entgegenbringe!

 

VON KEITH

Wem wie dir von Jugend auf jeder Schritt zu einem seelischen Konflikt auswächst, der beherrscht seine Zeit und regiert die Welt, wenn wir andern längst von den Würmern gefressen sind!

 

SCHOLZ

Und dann die kleine Simba, die heute abend hier bei dir als Aufwärterin figuriert! – Solch einer heiklen Situation wäre der gewandteste Diplomat nicht gewachsen!

 

VON KEITH

Simba kennt dich nicht!

 

SCHOLZ

Ich fürchte nicht, daß mir Simba zu nahetritt; ich fürchte Simba zu kränken, wenn ich sie hier ohne die geringste Veranlassung übersehe.

 

VON KEITH

Wie solltest du denn Simba damit kränken! Simba versteht sich hundertmal besser auf Standesunterschiede als du.

 

SCHOLZ

Auf Standesunterschiede habe ich mich gründlich verstehen gelernt! Das sind weiß Gott diejenigen Fesseln, in denen sich der Mensch am allereindringlichsten seiner vollkommenen Ohnmacht bewußt wird!

 

VON KEITH

Glaubst du vielleicht, ich habe mit keinerlei Ohnmacht zu kämpfen?! Ob mein Benehmen so korrekt wie der Lauf der Planeten ist, ob ich mich in die ausgesuchteste Eleganz kleide, das ändert diese Plebejerhand so wenig, wie es aus einem Dummkopf je eine Kapazität macht! Bei meinen Geistesgaben hätte ich mich ohne diese Hände auch längst eines besseren Rufes in der Gesellschaft zu erfreuen. – Komm, es ist sicherer, wenn du deinen Paletot im Nebenzimmer ablegst!

 

SCHOLZ

Erlaß es mir! Ich kann heute kein ruhiges Wort mit der Gräfin sprechen.

 

VON KEITH

Dann halte dich an die beiden geschiedenen Frauen; die laborieren in ähnlichen Konflikten wie du.

 

SCHOLZ

Gleich zwei auf einmal?!

 

VON KEITH

Keine über fünfundzwanzig, vollendete Schönheiten, uralter nordischer Adel, und so hypermodern in ihren Grundsätzen, daß ich mir wie ein altes Radschloßgewehr erscheine.

 

SCHOLZ

Ich glaube, mir fehlt auch nicht mehr viel zu einem modernen Menschen.

 

[Scholz geht ins Spielzimmer ab; von Keith will ihm folgen, doch kommt im selben Moment Saranieff vom Vorplatz herein.]

 

SARANIEFF

Sagen Sie, kriegt man noch was zu essen?

 

VON KEITH

Lassen Sie bitte Ihren Havelock draußen! – Ich habe noch den ganzen Tag nichts gegessen.

 

SARANIEFF

Hier nimmt man’s doch nicht so genau. Ich muß Sie nur vorher etwas Wichtiges fragen.

 

[Saranieff hängt Hut und Havelock im Vorplatz auf; derweil kommt Sascha in Frack und Atlas-Kniehosen mit einem gefüllten Champagnerkühler aus dem Spielzimmer und will in den Speisesaal.]

 

VON KEITH

Wenn du nachher das Feuerwerk abbrennst, Sascha, dann nimm dich ja vor dem großen Mörser in acht! Der ist mit der ganzen Hölle geladen!

 

SASCHA

I hab koa Angst net, Herr Baron! [In den Speisesaal ab, die Tür hinter sich schließend.]

 

SARANIEFF [kommt vom Vorplatz zurück]

Haben Sie Geld?

 

VON KEIT

Sie haben doch eben erst ein Bild verkauft! Wozu schicke ich Ihnen denn meinen Jugendfreund!

 

SARANIEFF

Was soll ich denn mit der ausgepreßten Zitrone? Sie haben ihn ja schon bis aufs Hemd ausgeraubt. Er muß drei Tage warten, bis er mir einen Pfennig bezahlen kann.

 

VON KEITH [gibt ihm einen Schein]

Da haben Sie tausend Mark.

 

[Simba, ein echtes Münchner Mädel, mit frischen Farben, leichtem Schritt, üppigem rotem Haar, in geschmackvollem schwarzem Kleid mit weißer Latzschürze, kommt mit einem Tablett voll halbleerer Weingläser aus dem Speisesaal.]

 

SIMBA

Der Herr Kommerzienrat möchten noch an Spruch auf den Herrn Baron ausbringen.

 

[Von Keith nimmt ihr eines der Gläser ab und tritt inmitten der offenen Tür an die Tafel. Simba ins Spielzimmer ab.]

 

VON KEITH

Meine Damen und Herren! Die Feier des heutigen Abends bedeutet für München den Beginn einer alles Vergangene überstrahlenden Ära. Wir schaffen eine Kunststätte, in der alle Kunstgattungen der Welt ihr gastliches Heim finden sollen. Wenn unser Unternehmen allgemeine Überraschung hervorgerufen, so seien Sie der Tatsache eingedenk, daß stets nur das wahrhaft Überraschende von großen Erfolgen gekrönt war. Ich leere mein Glas zu Ehren des Lebenselementes, das München zur Kunststadt weiht, zu Ehren des Münchner Bürgertums und seiner schönen Frauen.

 

[Während noch die Gläser erklingen, kommt Sascha aus dem Speisesaal, schließt die Tür hinter sich und geht ins Spielzimmer ab. Simba kommt mit einer Käseglocke aus dem Spielzimmer und will in den Speisesaal.]

 

SARANIEFF [sie aufhaltend]

Simba! Bist du denn mit Blindheit geschlagen?! Bemerkst du denn nicht, Simba, daß dein Genußmensch auf dem besten Wege ist, dir aus dem Garn zu gehen und sich von dieser Gräfin aus der Perusastraße einfangen zu lassen?!

 

SIMBA

Was bleibst denn da heraußen? – Geh her, setz dich mit an den Tisch!

 

SARANIEFF

Ich werde mich unter die Karyatiden setzen! – Simba! Willst du denn das ganze schöne Geld, das dein Genußmensch in der Tasche hat, diesem wahnsinnigen Marquis von Keith in den Rachen jagen?!

 

SIMBA

Geh, laß mi aus! I muaß servieren.

 

SARANIEFF

Die Karyatiden brauchen keinen Käse mehr. Die sollen sich endlich den Mund wischen! [Setzt die Käseglocke auf den Tisch und nimmt Simba auf die Knie] Simba! Hast du denn gar kein Herz mehr für mich?! Soll ich mir von dem Marquis die Zwanzigmarkstücke unter Heulen und Zähneklappern erbetteln, während du die Tausendmarkscheine frisch aus der Quelle schöpfen kannst?!

 

SIMBA

I dank schön! Es hat mi fei noch koa Mensch auf dera Welt äso sekiert as wie der Genußmensch mit seim Mitg’fühl, seim damischen! Mir will der Mensch einreden, daß ich a Märtyrerin der Zivilisation bin! Hast schon so was g’hört?! Ich und a Märtyrerin der Zivilisation! Ich hab ihm g’sagt: Sag du das dena Damen in der G’sellschaft, hab i g’sagt. Die freut’s, wann’s heißt, sie san Märtyrerinnen der Zivilisation, weil’s sunst eh nix san! Wann ich an Schampus trink und mich amüsier, soviel ich Lust hab, nachher bin ich a Märtyrerin der Zivilisation!

 

SARANIEFF

Simba! Wenn ich ein Weib von deinen Qualitäten wäre, der Genußmensch müßte mir jeden feuchten Blick mit einer Ahnenburg aufwiegen!

 

SIMBA

Akkurat a solche Sprüch macht er a! Warum as er a Mann ist, fragt er mi. Als gäb’s net schon G’spenster gnua auf dera Welt! Frag i denn an Menschen, warum daß ich a Madel bin?!

 

SARANIEFF

Du fragst auch nichts danach, uns wegen deiner verwünschten Vorurteile fünfzig Millionen aus dem Netz gehen zu lassen!

 

SIMBA

Mei, die traurigen Millionen! An oanzigs Mal, seit ich den Genußmenschen kenn, hab ich ihn lachen g’sehn. I hab ihm doch g’sagt, dem Genußmenschen, daß er muaß radfahren lernen. Nachher hat er’s g’lernt. Mir also radeln nach Schleißheim, und wie mir im Wald san, bricht a G’witter los, daß i moan, d’Welt geht unter. Da zum erstenmal, seit ich ihn kenn, fangt er z’ lachen an. Mei, wie der g’lacht hat! Na, sag i, jetzt bist der rechte Genußmensch! Bei jedem Blitzschlag hat er g’lacht. Je mehr als blitzt und donnert hat, je narrischer lacht der! – Geh, stell dich doch net unter den Baum, sag i, da derschlagt di ja der Blitz! – Mi derschlagt koa Blitz net, sagt er, und lacht und lacht!

 

SARANIEFF

Simba! Simba! Du hättest unmittelbare Reichsgräfin werden können!

 

SIMBA

I dank schön! Sozialdemokratin hätt i können werden! Weltverbesserung, Menschheitsbeglückung, das san so dem seine Spezialitäten. Noa, woaßt, ich bin fei net für die Sozialdemokraten. Die san mir z’ moralisch! Wann die amal z’regieren anfangen, nachher da is aus mit die Champagnersoupers. – Sag du, hast mein Schatz net g’sehn?

 

SARANIEFF

Ob ich deinen Schatz nicht gesehen habe? Dein Schatz bin doch ich!

 

SIMBA

Da könnt a jeder kommen! – Woaßt, i muaß fei Obacht geben, daß er koan Schwips kriagt, sunst engagiert ihn der Marquis net für den neuen Feenpalast.

 

[Sommersberg kommt zum Vorplatz herein.]

 

SIMBA

Da ist er ja! Wo steckst denn du die ganze Ewigkeit?

 

SOMMERSBERG

Ich habe ein Telegramm an die Zeitungen abgeschickt.

 

SARANIEFF

Die Gräber tun sich auf! Sommersberg! Und Sie schämen sich nicht, von den Toten aufzuerstehen, um Sekretär dieses Feenpalastes zu werden?!

 

SOMMERSBERG [auf Simba deutend]

Dieser Engel hat mich der Welt zurückgegeben.

 

SIMBA

Geh, sei stad, Schatzerl! – Kommt er und fragt mi, wo mer a Geld kriagt. – Geh halt zum Marquis von Keith, sag i; wann der koans hat, nachher findst in der ganzen Münchner Stadt koan Pfennig net.

 

[Raspe in elegantester Gesellschaftstoilette, eine kleine Kette mit Orden auf der Brust, kommt aus dem Spielzimmer]

 

RASPE

Simba, das ist einfach skandalös, daß du die ganze Feenpalast-gesellschaft auf Käse warten läßt!

 

SIMBA [ergreift die Käseglocke]

Jesus Maria – i komm schon!

 

SARANIEFF

Bleiben Sie doch bei Ihren alten Schrauben, für die Sie engagiert sind!

 

SIMBA [Raspes Arm nehmend]

Laß mir du das Buberl in Ruh’! Ihr beid’ wärt’s froh: wann’s mitsamt aso guat g’stellt wart as wie der!

 

SARANIEFF

Simba – du bist eine geborene Dirne!

 

SIMBA

Was bin i?

 

SARANIEFF

Du bist eine geborene Dirne!

 

SIMBA
Sagst das noch amal?

 

SARANIEFF

Du bist eine geborene Dirne!

 

SIMBA

Nein, ich bin keine geborene Dirne. Ich bin eine geborene Käsbohrer. [Mit Raspe ins Spielzimmer ab.]

 

SOMMERSBERG

Ich diktiere ihr ja selbst ihre Liebesbriefe.

 

SARANIEFF

Dann habe ich mich also bei Ihnen für meine zertrümmerten Luftschlösser zu bedanken!

 

[Sascha kommt mit einer brennenden Laterne aus dem Spielzimmer.]

 

SARANIEF

Donnerwetter, bist du geschniegelt! Du willst hier wohl auch eine Gräfin heiraten?

 

SASCHA

Jetzt geh i das Feuerwerk im Garten abbrennen. Wann i den großen Mörser anzünd’, na werden’s aber schaun! Der Herr Marquis sagt, der is mit der ganzen Höll’ g’laden. [Ab in den Garten.]

 

SARANIEFF

Sein Herr fürchtet, er könnte mit in die Luft fliegen, wenn er seinen Mörser mit dem Feuerwerk drinnen selbst abbrennt! – Das Glück weiß sehr wohl, warum es den nicht aufsitzen läßt! Sobald er im Sattel sitzt, hetzt er das Tier zuschanden, daß ihm keine Faser mehr auf den Rippen bleibt! – [Da sich die Mitteltür öffnet und die Gäste den Speisesaal verlassen] Kommen Sie, Sommersberg! jetzt lassen wir uns von unserer Simba ein lukullisches Mahl auftischen!

 

[Die Gäste strömen in den Salon; voran Raspe zwischen Frau Kommerzienrat Ostermeier und Frau Krenzl; dann von Keith mit Ostermeier, Krenzl und Grandauer; dann Zamrjaki mit Freifrau von Rosenkron und Freifrau von Totleben, zuletzt Scholz und Anna. – Saranieff und Sommersberg nehmen an der Tafel im Speisesaal Platz.]

 

RASPE

Darf ich die fürstlichen Hoheiten zu einer Tasse köstlichen Mokkas geleiten?

 

FRAU OSTERMEIER

Nein, a so an liebenswürdigen Kavalier wie Ihnen find’t man in ganz Süddeutschland net!

 

FRAU KRENZL

An Ihnen könnten sich fein unsere hochadeligen Herren von der königlichen Equitation a Muster nehmen!

 

RASPE

Ich gebe jeden Augenblick mein Ehrenwort darauf, daß dies der seligste Moment meines Lebens ist. –

 

[Mit den beiden Damen ins Spielzimmer ab.]

 

OSTERMEIER [zu von Keith]

’s ist immerhin schön vom alten Casimir, wissen S’, daß er a Glückwunschtelegramm g’schickt hat. Aber schaun S’, verehrter Freund, der alte Casimir, das is halt an vorsichtiger Mann!

 

VON KEITH

Macht nichts! Macht nichts! Bei der ersten Generalversammlung haben wir den alten Casimir in unserer Mitte. – Wollen die Herren eine Tasse Kaffee trinken?

 

[Ostermeier, Krenzl und Grandauer ins Spielzimmer ab.]

 

FREIFRAU VON ROSENKRON [zu von Keith, der den Herren folgen will]

Versprechen Sie mir, Marquis, daß Sie mich für den Feenpalast zur Tänzerin ausbilden lassen!

 

FREIFRAU VON TOTENLEBEN

Und daß Sie mich zur Kunstreiterin ausbilden lassen!

 

VON KEITH

Ich schwöre Ihnen, meine Göttinnen, daß wir ohne Sie den Feenpalast nicht eröffnen werden! – Was ist denn mit Ihnen, Zamrjaki? Sie sind ja totenbleich...

 

ZAMRJAKI [ein schmächtiger, kleiner Konservatorist mit gescheitelten, langen, schwarzen Locken; spricht mit polnischem Akzent]

Arbeite ich Tag und Nacht an Symphonie meiniges. – [Von Keith beiseite nehmend] Erlauben, Herr Marquis, daß ich bitte, möchten geben Vorschuß zwanzig Mark auf Gage von Kapellmeister von Feenpalastorchester.

 

VON KEITH

Mit dem allergrößten Vergnügen. [Gibt ihm Geld] Können Sie uns aus Ihrer neuen Symphonie nächstens nicht etwas in einem meiner Feenpalastkonzerte vorspielen?

 

ZAMRJAKI

Werde ich spielen Scherzo. Scherzo wird haben großen Erfolg.

 

FREIFRAU VON ROSENKRON [an der Glastür zum Garten]

Nein, dieses Lichtermeer! Martha, sieh nur! – Kommen Sie, Zamrjaki, begleiten Sie uns in den Garten!

 

ZAMRJAKI

Komm ich schon, Damen! Komm ich schon. [Mit Freifrau von Rosenkron und Freifrau von Totleben in den Garten ab.]

 

VON KEITH [ihnen folgend]

Tod und Teufel, Kinder, bleibt von dem großen Mörser weg! Der ist mit meinen prachtvollsten Raketen geladen! [In den Garten ab. Simba schließt vom Speisesaal aus die Mitteltür. – Anna und Scholz bleiben allein im Salon.]

 

ANNA

Ich wüßte nichts in der Welt, was ich Ihnen jemals hätte übelnehmen können. Sollte Ihnen die Taktlosigkeit, von der Sie sprechen, nicht vielleicht mit irgendeiner anderen Dame begegnet sein?

 

SCHOLZ

Das ist völlig ausgeschlossen. Aber sehen Sie, ich bin ja so glücklich wie ein Mensch, der von frühester Kindheit auf im Kerker gelegen hat und der nun zum erstenmal in seinem Leben freie Luft atmet. Deshalb mißtraue ich mir auch noch bei jedem Schritt, den ich wage; so ängstlich zittre ich um mein Glück.

 

ANNA

Ich kann es mir sehr verlockend vorstellen, sein Leben im Dunkeln und mit geschlossenen Augen zu genießen!

 

SCHOLZ

Sehen Sie, Frau Gräfin, wenn es mir gelingt, mein Dasein für irgendeine gemeinnützige Bestrebung einzusetzen, dann werde ich meinem Schöpfer nicht genug dafür danken können.

 

ANNA

Ich glaubte, Sie wollten sich hier in München zum Genußmenschen ausbilden?

 

SCHOLZ

Meine Ausbildung zum Genußmenschen ist für mich nur Mittel zum Zweck. Ich gebe Ihnen meine heiligste Versicherung darauf! Halten Sie mich deswegen nicht etwa für einen Heuchler! – Ach, es gibt ja noch so viel Gutes zu erkämpfen in dieser Welt! Ich finde schon meinen Platz. Je dichter es Schläge regnet, um so teurer wird mir meine Haut sein, die mir bis jetzt so unsagbar lästig war. Und der einen Tatsache bin ich mir vollkommen sicher: Sollte es mir jemals gelingen, mich um meine Mitmenschen verdient zu machen, mir werde ich das nie und nimmer zum Verdienst anrechnen! Führe mein Weg mich aufwärts oder führe er mich abwärts, ich gehorche nur dem grausamen unerbittlichen Selbsterhaltungstrieb!

 

ANNA

Vielleicht erging es allen berühmten Menschen so, daß sie nur deshalb berühmte Menschen wurden, weil ihnen der Verkehr mit uns gewöhnlicher Dutzendware auf die Nerven fiel!

 

SCHOLZ

Sie mißverstehen mich noch immer, Frau Gräfin. – Sobald ich meinen Wirkungskreis gefunden habe, werde ich der bescheidenste, dankbarste Gesellschafter sein. Ich habe hier in München schon damit angefangen, radzufahren. Mir war dabei zumute, als hätte ich die Welt seit meinen frühesten Kindertagen nicht mehr gesehen. Jeder Baum, jedes Wasser, die Berge, der Himmel, alles wie eine große Offenbarung, die ich in einem andern Leben einmal vorausgeahnt hatte. – Darf ich Sie vielleicht einmal zu einer Radpartie abholen?

 

ANNA

Paßt es Ihnen morgen früh um sieben Uhr? Oder sind Sie vielleicht kein Freund vom frühen Aufstehen?

 

SCHOLZ

Morgen früh um sieben! Ich sehe mein Leben wie eine endlose Frühlingslandschaft vor mir ausgebreitet!

 

ANNA

Daß Sie mich aber nicht umsonst warten lassen!

 

[Zamrjaki, Freifrau von Rosenkron und Freifrau von Totleben kommen aus dem Garten zurück. – Simba kommt aus dem Spielzimmer.]

 

FREIFRAU VON ROSENKRON

Hu, ist das kalt! – Martha, wir müssen nachher unsere Tücher mitnehmen. Spielen Sie uns einen Cancan, Zamrjaki! – [Zu Scholz] Tanzen Sie Cancan?

 

SCHOLZ

Ich bedaure, gnädige Frau.

 

FRIEFRAU VON ROSENKRON [zu Freifrau von Totleben]

Dann tanzen wir zusammen!

 

[Zamrjaki hat sich ans Piano gesetzt und intoniert einen Walzer.]

 

FREIFRAU VON ROSENKRON

Nennen Sie das Cancan, Herr Kapellmeister?!

 

ANNA [zu Simba]

Aber Sie tanzen doch Walzer?

 

SIMBA

Wann’s die gnädige Frau befehlen...

 

ANNA

Kommen Sie!

 

[Freifrau von Rosenkron, Freifrau von Totleben, Anna und Simba tanzen Walzer.]

 

FREIFRAU VON ROSENKRON

Mehr Tempo, bitte!

 

[Von Keith kommt aus dem Garten zurück und dreht die elektrischen Lampen bis auf einige aus, so daß der Salon nur mäßig erhellt bleibt.]

 

ZAMRJAKI [das Spiel ärgerlich abbrechend]

Komm ich bei jedem Takt in Symphonie meiniges!

 

FREIFRAU VON TOTLEBEN
    Warum wird es denn auf einmal so dunkel?

 

VON KEITH

Damit meine Raketen mehr Eindruck machen! [öffnet die Tür zum Spielzimmer] Darf ich bitten, meine Damen und Herren... [Raspe, Herr und Frau Ostermeier und Herr und Frau Krenzl kommen in den Salon. Simba ab].

 

VON KEITH

Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß noch im Laufe der nächsten Woche das erste unserer großen Feenpalastkonzerte stattfinden wird, die schon jetzt im Münchner Publikum für unsere Sache Propaganda machen sollen. Frau Gräfin Werdenfels wird uns darin mit einigen Liedern allermodernster Vertonung bekanntmachen, während Herr Kapellmeister Zamrjaki einige Bruchstücke aus seiner symphonischen Dichtung “Die Weisheit des Brahmanen” eigenhändig dirigieren wird.

 

[Allgemeine Beifallsäußerungen. Im Garten steigt zischend eine Rakete auf und wirft einen rötlichen Schimmer in den Salon. von Keith dreht das elektrische Licht völlig aus und öffnet die Glastür.]

 

VON KEITH

In den Garten, meine Damen und Herren! In den Garten, wenn Sie etwas sehen wollen!

 

[Eine zweite Rakete steigt auf, während die Gäste den Salon verlassen. – von Keith, der ihnen folgen will, wird von Anna zurückgehalten. – Die Szene bleibt dunkel.]

ANNA

Wie kommst du denn dazu, meine Mitwirkung bei deinem Feenpalastkonzert anzukündigen?!

 

VON KEITH

Wenn du darauf warten willst, daß dich deine Lehrerin für die Öffentlichkeit reif erklärt, dann kannst du, ohne je gesungen zu haben, alt und grau werden. – [Wirft sich in einen Sessel] Endlich, endlich hat das halsbrecherische Seiltanzen ein Ende! Zehn Jahre mußte ich meine Kräfte damit vergeuden, um nur das Gleichgewicht nicht zu verlieren. – Von heute ab geht es aufwärts!

 

ANNA

Woher soll ich denn die Unverfrorenheit nehmen, mit meiner Singerei vor das Münchner Publikum zu treten?!

 

VON KEITH

Wolltest du denn nicht in zwei Jahren die erste Wagnersängerin Deutschlands sein?

 

ANNA

Das sagte ich doch im Scherz.

 

VON KEITH

Das kann ich doch nicht wissen!

 

ANN

Andere Konzerte werden Monate vorher vorbereitet!

 

VON KEITH

Ich habe in meinem Leben nicht tausend Entbehrungen auf mich genommen, um mich nach andern Menschen zu richten. Wem deine Singerei nicht gefällt, der berauscht sich an deiner brillanten Pariser Konzert-Toilette.

 

ANNA

Wenn mich die andern Menschen nur auch mit deinen Augen betrachten wollten!

 

VON KEITH

Ich werde dem Publikum schon die richtige Brille aufsetzen!

 

ANNA

Du siehst und hörst Phantasiegebilde, sobald du mich vor Augen hast. Du überschätzest meine Erscheinung geradeso, wie du meine Kunst überschätzest.

 

VON KEITH [aufspringend]

Ich stand noch kaum je im Verdacht, Frauen zu überschätzen, aber dich erkannte ich allerdings auf den ersten Blick! Was Wunder, da ich zehn Jahre lang in zwei verschiedenen Weltteilen nach dir gesucht hatte! Du warst mir auch schon mehrere Male begegnet, aber dann befandest du dich entweder im Besitz eines Banditen, wie ich es bin, oder ich war so reduziert, daß es keinen praktischen Zweck gehabt hätte, in deinen Lichtkreis zu treten.

 

ANNA

Wenn du aus Liebe zu mir den Verstand verlierst, ist das für mich ein Grund, den Spott von ganz München auf mich zu laden?

 

VON KEITH

Andere Frauen haben um meinetwillen noch ganz andere Dinge auf sich geladen!

 

ANNA

Ich bin aber nicht in dich vernarrt!

 

VON KEITH

Das sagt jede! Ergib dich in dein unabwendbares Glück. Die nötige Unbefangenheit für dein erstes Auftreten werde ich dir schon einflößen – und wenn ich dich mit dem geladenen Revolver vor mir hertreiben muß!

 

ANNA

Wenn du mich wie ein Stück Vieh behandelst, dann ist es bald zwischen uns zu Ende!

 

VON KEITH

Setz dein Vertrauen getrost in die Tatsache, daß ich ein Mensch bin, der das Leben verteufelt ernst nimmt! Wenn ich mich gern in Champagner bade, so kann ich dafür auch wie kein anderer Mensch auf jeden Lebensgenuß verzichten. Keine drei Tage ist mir aber mein Dasein erträglich, ohne daß ich derweil meinen Zielen um einen Schritt näherkomme!

 

ANNA

Es ist wohl auch die höchste Zeit, daß du endlich deine Ziele erreichst!

 

VON KEITH

Glaubst du denn, Anna, ich veranstalte das Feenpalastkonzert, wenn ich nicht die unverbrüchliche Gewißheit hätte, daß es dir den glänzendsten Triumph einträgt?! – Laß dir eines sagen: Ich bin ein gläubiger Mensch...

 

[Im Garten steigt zischend eine Rakete empor.]

 

VON KEITH

    ... Ich glaube an nichts so zuversichtlich wie daran, daß sich unsere Mühen und Aufopferungen in dieser Welt belohnen!

 

ANNA

Das muß man wohl, um sich so abzuhetzen, wie du das tust!

 

VON KEITH

Wenn nicht an uns, dann an unsern Kindern!

 

ANNA

Du hast ja noch gar keine!

 

VON KEITH

Die schenkst du mir, Anna – Kinder mit meinem Verstand, mit strotzend gesundem Körper und aristokratischen Händen. Dafür baue ich dir ein königliches Heim, wie es einer Frau deines Schlages zukommt! Und ich gebe dir einen Gatten zur Seite, der die Allmacht hat, dir jeden Wunsch, der aus deinen großen schwarzen Augen spricht, zu erfüllen! [Er küßt sie inbrünstig.]

 

[Im Garten wird ein Feuerwerk abgebrannt, das das Paar für einen Moment mit dunkelroter Glut übergießt.]

 

VON KEITH

Geh in den Garten. Die Karyatiden lechzen jetzt danach, vor unserem Götterbilde die Knie beugen zu dürfen!

 

ANNA

Kommst du nicht auch?

 

VON KEITH [dreht zwei der elektrischen Lampen auf, so daß der Salon matt erhellt ist]

Ich schreibe nur rasch noch eine Zeitungsnotiz über unser Konzert. Die Notiz muß morgen früh in den Zeitungen stehen. Ich gratuliere dir darin schon im voraus zu deinem eminenten Triumph.

 

[Anna in den Garten ab, von Keith setzt sich an den Tisch und notiert einige Worte. Molly Griesinger, einen bunten Schal um den Kopf, eilt aufgeregt und verhetzt vom Vorplatz herein.]

 

MOLLY

Ich muß dich nur eine Minute sprechen.

 

VON KEITH

So lang’ du willst, mein Kind; du störst mich durchaus nicht. Ich sagte dir doch, du werdest es allein zu Hause nicht aushalten.

 

MOLLY

Ich flehe zum Himmel, daß ein furchtbares Unglück über uns hereinbricht! Das ist das einzige, was uns noch retten kann!

 

VON KEITH

Aber warum begleitest du mich denn nicht, wenn ich dich darum bitte!?

 

MOLLY [zusammenschaudernd]

In deine Gesellschaft?!

 

VON KEITH

Die Gesellschaft in diesen Räumen ist das Geschäft, von dem wir beide leben! Aber das ist dir unerträglich, daß ich mit meinen Gedanken hier bin und nicht bei dir.

 

MOLLY

Kann dich das wundern?! – Sieh, wenn du unter diesen Leuten bist, dann bist du ein ganz anderer Mensch; dann bist du jemand, den ich nie gekannt habe, den ich nie geliebt habe, dem ich nie in meinem Leben einen Schritt nachgegangen wäre, geschweige denn, daß ich ihm Heim, Familie, Glück und alles geopfert hätte. Du bist so gut, so groß, so lieb! – Aber unter diesen Menschen – da bist du für mich – schlimmer als tot!

 

VON KEITH

Geh nach Hause und mach ein wenig Toilette; Sascha begleitet dich. Du darfst heute abend nicht allein sein.

 

MOLLY

Mir ist es gerade danach zumute, mich aufzudonnern. Dein Treiben ängstigt mich ja, als müßte morgen die Welt untergehen. Ich habe das Gefühl, als müßte ich irgend etwas tun, sei es, was es sei, um das Entsetzliche von uns abzuwenden.

 

VON KEITH

Ich beziehe seit gestern ein Jahresgehalt von hunderttausend Mark. Du brauchst nicht mehr zu fürchten, daß wir Hungers sterben müssen.

 

MOLLY

Spotte nicht so! Du versündigst dich an mir! Ich bringe es ja gar nicht über die Lippen, was ich fürchte!

 

VON KEITH

Dann sag mir doch nur, was ich tun kann, um dich zu beruhigen. Es geschieht augenblicklich.

 

MOLLY

Komm mit mir! Komm mit aus dieser Mördergrube, wo es alle nur darauf abgesehen haben, dich zugrunde zu richten. Ich habe den Leuten gegenüber auf dich geschimpft, das ist wahr; aber ich tat es, weil ich deine kindische Verblendung nicht mehr mit ansehen konnte. Du bist ja so dumm. Du bist so dumm wie die Nacht! Ja, das bist du! Von den gemeinsten, niedrigsten Gaunern läßt du dich übertölpeln und dir geduldig den Hals abschneiden!

 

VON KEITH

Es ist besser, mein Kind, Unrecht leiden als Unrecht tun.

 

MOLLY

Ja, wenn du es wenigstens wüßtest! – Aber die hüten sich wohl, dir die Augen zu öffnen. Diese Menschen schmeicheln dir, du seist weiß Gott welch ein Wunder an Pfiffigkeit und an Diplomatie! Weil deine Eitelkeit auf nichts Höheres ausgeht, als das zu sein! Und dabei legen sie dir gemächlich kaltblütig den Strick um den Hals!

 

VON KEITH

Was fürchtest du denn so Schreckliches?

 

MOLLY [wimmernd]

Ich kann es nicht sagen! Ich kann es nicht aussprechen!

 

VON KEITH

Sprich es doch bitte aus; dann lachst du darüber.

 

MOLLY

Ich fürchte... ich fürchte...

 

[Ein dumpfer Knall tönt vom Garten herein; Molly schreit auf und bricht in die Knie.]

 

VON KEITH [sie aufrichtend]

Das war der große Mörser. – Du mußt dich beruhigen! – Komm, trink ein paar Gläser Champagner; dann sehen wir uns zusammen das Feuerwerk an...

 

MOLLY

Mich brennt das Feuerwerk seit vierzehn Tagen in meinen Eingeweiden! – Du warst in Paris! – Mit wem warst du in Paris! – Ich schwöre dir hoch und heilig, ich will nie um dich gezittert haben, ich will nie etwas gelitten haben, wenn du jetzt mit mir kommst!

 

VON KEITH [küßt sie]

Armes Geschöpf!

 

MOLLY

Ein Almosen. – Ja, ja, ich gehe ja schon...

 

VON KEITH

Du bleibst hier; was fällt dir ein! – Trockne deine Tränen! Es kommt jemand aus dem Garten herauf...

 

[Molly fällt ihm leidenschaftlich um den Hals und küßt ihn ab]

 

MOLLY

Du Lieber! – Du Großer! – Du Guter! – [Sie macht sich los, lächelnd] Ich wollte dich nur gerade heute einmal in deiner Gesellschaft sehen. Du weißt ja, ich bin zuweilen so ein wenig... [Sie dreht die Faust vor der Stirn.]

 

VON KEITH [will sie zurückhalten]

Du bleibst hier, Mädchen...

 

[Molly stürzt durch die Vorplatztür hinaus. Scholz kommt hinkend, sich das Knie haltend, durch die Glastür aus dem Garten herein.]

 

SCHOLZ [sehr vergnügt]

Erschrick bitte nicht! – Lösch das Licht aus, damit man mich von draußen nicht sieht. Es hat niemand aus deiner Gesellschaft etwas davon gemerkt. [Er schleppt sich zu einem Sessel, in dem er sich niederläßt.]

 

VON KEITH

Was ist denn mit dir?

 

SCHOLZ

Lösch nur erst das Licht aus. – Es hat gar nichts auf sich. Der große Mörser ist explodiert! Ein Stück davon hat mich an die Kniescheibe getroffen!

 

[Von Keith hat die Lampen ausgedreht; die Szene ist dunkel]

VON KEITH

Das kann nur dir passieren!

 

SCHOLZ [in beseligtem Ton]

Die Schmerzen beginnen ja schon nachzulassen. – Glaub mir, ich bin ja das glücklichste Geschöpf unter Gottes Sonne! Zu der Radpartie mit der Gräfin Werdenfels werde ich morgen früh mich allerdings nicht einfinden können. Aber was macht das! [Jubelnd] Ich habe die bösen Geister niedergekämpft; das Glück liegt vor mir; ich gehöre dem Leben! Von heute an bin ich ein anderer Mensch...

 

[Eine Rakete steigt im Garten empor und übergießt Scholzens Gesichtszüge mit düsterroter Glut.]

 

VON KEITH

Weiß der Henker – ich hätte dich eben tatsächlich kaum wiedererkannt!

 

[Scholz springt vom Sessel auf und hüpft auf einem Fuße, indem er das andere Knie mit den Händen festhält, jauchzend im Zimmer umher.]

 

SCHOLZ

Zehn Jahre lang hielt ich mich für einen Geächteten! Für einen Ausgestoßenen! Wenn ich jetzt denke, daß das alles nur Einbildung war! Alles nur Einbildung! Nichts als Einbildung!

 

 

VIERTER AUFZUG

 

[Im Gartensaal der Gräfin Werdenfels liegen mehrere riesige Lorbeerkränze auf den Lehnsesseln; ein pompöser Blumenstrauß steht in einer Vase auf dem Tisch. Anna Gräfin Werdenfels in schmucker Morgentoilette befindet sich im Gespräch mit Polizeikommissär Raspe und Hermann Casimir. Es ist Vormittag.]

ANNA [ein Blatt farbiges Briefpapier in der Hand, zu Hermann]

Ihnen, mein junger Freund, danke ich für die schönen Verse, die Sie gestern abend nach unserem ersten Feenpalastkonzert noch auf mich gedichtet haben. Ich danke Ihnen auch für Ihre herrlichen Blumen. [Zu Raspe] Von Ihnen, mein Herr, finde ich es aber höchst sonderbar, daß Sie mir gerade am heutigen Morgen diese bedenklichen Gerüchte über Ihren Freund und Wohltäter hinterbringen.

 

RASPE

Der Marquis von Keith ist weder mein Freund noch mein Wohltäter. Vor zwei Jahren bat ich ihn, in meinem Prozeß als psychiatrischer Experte über mich auszusagen. Er hätte mir anderthalb Jahre Gefängnis ersparen können. Statt dessen brennt der Windhund mit einem fünfzehnjährigen Backfisch nach Amerika durch!

 

[Simba in geschmackvollem Dienstbotenkleid kommt vom Vorplatz herein und überreicht Anna eine Karte.]

SIMBA

Der Herr möchten um die Ehr’ bitten.

 

ANNA [zu Hermann]

Um Gottes willen, Ihr Vater!

 

HERMANN [erschrocken, auf Raspe blickend]

Wie kann denn mein Vater ahnen, daß ich hier bei Ihnen bin!

 

RASPE

Durch mich hat er nichts erfahren.

 

ANNA [hebt die Portiere zum Spielzimmer]

Gehen Sie da hinein. Ich werde ihn schon weiterschicken.

 

[Hermann ins Spielzimmer ab.]

 

RASPE

Dann ist es wohl am besten, wenn ich mich gleichfalls empfehle.

 

ANNA

Ja, ich bitte Sie darum.

 

RASPE [sich verbeugend]

Meine Gnädigste! [Ab.]

 

ANNA [zu Simba]

Bitten Sie den Herrn, einzutreten.

 

[Simba geleitet den Konsul Casimir herein, der einem ihm folgenden Lakaien einen Blumenstrauß abgenommen hat; Simba ab.]

KONSUL CASIMIR [seine Blumen überreichend]

Gestatten Sie mir, meine Gnädigste, Ihnen zu Ihrem gestrigen Triumph aufrichtig zu gratulieren. Ihr erstmaliges Auftreten hat Ihnen ganz München im Sturm erobert; Sie können aber auf keinen Ihrer Zuhörer einen nachhaltigeren Eindruck gemacht haben als wie auf mich.

 

ANNA

Wäre das auch der Fall, so müßte es mich doch ungemein überraschen, daß Sie mir das persönlich mitteilen.

 

CASIMIR

Haben Sie eine Sekunde Zeit? – Es handelt sich um eine rein praktische Frage.

 

ANNA [lädt ihn zum Sitzen ein]

Sie befinden sich doch wohl auf falscher Fährte.

 

CASIMIR [nachdem beide Platz genommen]

Das werden wir gleich sehen. – Ich wollte Sie fragen, ob Sie meine Frau werden wollen.

 

ANNA

Wie soll ich das verstehen?

 

CASIMIR

Deswegen bin ich hier, damit wir uns darüber verständigen können. Erlauben Sie mir, Ihnen von vornherein zu erklären, daß Sie auf die verlockende künstlerische Zukunft, die sich Ihnen gestern abend erschlossen, natürlich verzichten müßten.

 

ANNA

Sie haben sich Ihren Schritt doch wohl nicht reiflich überlegt.

 

CASIMIR

In meinen Jahren, meine Gnädigste, tut man keinen unüberlegten Schritt. Später ja – oder früher. Wollen Sie mich wissen lassen, was sich bei Ihnen sonst noch für Bedenken geltend machen.

 

ANNA

Sie wissen doch wohl, daß ich Ihnen auf solche Äußerungen gar nicht antworten kann?

 

CASIMIR

Gewiß weiß ich das. Ich spreche aber für den naheliegenden Fall, daß Sie in vollkommenster Freiheit über sich und Ihre Zukunft entscheiden dürfen.

 

ANNA

Ich kann mir in diesem Augenblick die Möglichkeit gar nicht vorstellen, daß ein solcher Fall eintritt.

 

CASIMIR

Ich bin heute der angesehenste Mann Münchens, sehen Sie, und kann morgen hinter Schloß und Riegel sitzen. Ich verdenke es meinem besten Freunde nicht, wenn er sich gelegentlich fragt, wie er sich bei einem solchen Schicksalsschlag mit mir stellen soll.

 

ANNA

Würden Sie es auch Ihrer Gattin nicht verdenken, wenn sie sich mit der Frage beschäftigt?

 

CASIMIR

Meiner Gattin gewiß; meiner Geliebten niemals. Ich möchte jetzt auch gar keine Antwort von Ihnen hören. Ich spreche nur für den Fall, daß Sie im Stich gelassen werden oder daß sich Tatsachen ergeben, die jede Verbindlichkeit lösen; kurz und gut, daß Sie nicht wissen, wo aus noch ein.

 

ANNA

Dann wollten Sie mich zu Ihrer Frau machen?

 

CASIMIR

Das muß Ihnen allerdings beinahe verrückt erscheinen; das gereicht Ihrer Bescheidenheit zur Ehre. Aber darüber ist man nur sich selbst Rechenschaft schuldig. Ich habe, wie Sie vielleicht wissen, noch zwei kleine Kinder zu Hause, Mädchen im Alter von drei und sechs Jahren. Dann kommen, wie Sie sich wohl denken können, noch andere Gründe hinzu... Was Sie betrifft, daß Sie mich in meinen Erwartungen nicht enttäuschen werden, dafür übernehme ich jede Verantwortung – auch Ihnen gegenüber.

 

ANNA

Ich bewundere Ihr Selbstvertrauen.

 

CASIMIR

Sie können sich vollkommen auf mich verlassen.

 

ANNA

Aber nach einem Erfolg wie gestern abend! – Es schien, als wäre ein ganz neuer Geist über das Münchner Publikum gekommen.

 

CASIMIR

Glauben Sie mir, daß ich den Begründer des Feenpalastes aufrichtig um seinen feinen Spürsinn beneide. Übrigens muß ich Ihnen mein Kompliment noch ganz speziell zur Wahl Ihrer gestrigen Konzerttoilette aussprechen. Sie entfalten eine so vornehme Sicherheit darin, Ihre Figur wirkungsvoll zur Geltung zu bringen, daß es mir – ich gestehe es – kaum möglich wurde, Ihrem Gesangsvortrag mit der ihm gebührenden Aufmerksamkeit zu folgen.

 

ANNA

Glauben Sie bitte nicht, daß ich den Applaus, den meine künstlerischen Leistungen ernteten, irgendwie überschätze.

 

CASIMIR

Das würde ich Ihnen durchaus nicht verdenken; aber Ihre Lehrerin sagt mir, daß ein Erfolg wie der Ihrige von gestern abend schon viele Menschen ins Unglück gestürzt hat. Dann vergessen Sie bitte eines nicht: Was wäre die gefeiertste Sängerin auf der Bühne, wenn es der reiche Mann nicht für seine moralische Pflicht hielte, sie sich à fonds perdu anzuhören. Mag die Gage in einzelnen Fällen noch so glänzend sein, in Wirklichkeit bleiben es doch immer nur Almosen, von denen diese Leute leben.

 

ANNA

Ich war ganz starr über die günstige Aufnahme, die jede Nummer beim Publikum fand.

 

CASIMIR [sich erhebend]

Bis auf die unglückliche Symphonie dieses Herrn Zamrjaki. Übrigens zweifle ich gar nicht daran, daß wir mit der Zeit auch dazu kommen werden, den Lärm, den dieser Herr Zamrjaki verursacht, als eine göttliche Kunstoffenbarung zu verehren. Lassen wir also der Welt ihren Lauf, hoffen wir das Beste und seien wir auf das Schlimmste gefaßt. Gestatten, gnädige Frau, daß ich mich empfehle. [Ab.]

 

[Anna faßt sich mit beiden Händen an die Schläfen, geht zum Spielzimmer, lüftet die Portiere und tritt zurück.]

 

ANNA

Nicht einmal die Türe geschlossen!

 

[Hermann Casimir tritt aus dem Spielzimmer.]

 

HERMANN

Hätte ich mir jemals träumen lassen, daß man ein solches Erlebnis erleben kann!

 

ANNA

Gehen Sie jetzt, damit Ihr Vater Sie zu Hause findet.

 

HERMANN [bemerkt das zweite Bukett]

Die Blumen sind von ihm? – Ich scheine das also geerbt zu haben. – Nur läßt er es sich nicht so viel kosten wie ich.

 

ANNA

Woher nehmen Sie denn auch das Geld zu so wahnsinnigen Ausgaben!

 

HERMANN [bedeutungsvoll]

Vom Marquis von Keith.

 

ANNA

Ich bitte Sie, gehen Sie jetzt! Sie sind übernächtig. Sie haben gestern wohl noch lang gekneipt?

 

HERMANN

Ich habe geholfen, dem Komponisten Zamrjaki das Leben zu retten.

 

ANNA

Halten Sie das für eine Ihrer würdige Beschäftigung?

 

HERMANN

Was habe ich Besseres zu tun!

 

ANNA

Es ist gewiß schön von Ihnen, wenn Sie ein Herz für unglückliche Menschen haben; aber Sie dürfen sich nicht mit ihnen an den gleichen Tisch setzen. Das Unglück steckt an.

 

HERMANN [bedeutungsvoll]

Dasselbe sagt mir der Marquis von Keith.

 

ANNA

Gehen Sie jetzt! Ich bitte Sie darum.

 

[Simba kommt vom Vorplatz herein und überbringt eine Karte.]

 

SIMBA

Der Herr möcht’ um die Ehre bitten.

 

ANNA [die Karte lesend]

Vertreter der süddeutschen Konzertagentur.” Er soll in vierzehn Tagen wiederkommen.

 

[Simba ab.]

 

HERMANN

Was werden Sie meinem Vater antworten?

 

ANNA
    Jetzt ist es aber die höchste Zeit! Sie werden ungezogen!

 

HERMANN

Ich gehe nach London – und wenn ich mir das Geld dazu stehlen muß. Mein Vater soll sich nicht mehr über mich zu beklagen haben.

 

ANNA

Das wird Ihnen selbst am meisten nützen.

 

HERMANN [beklommen]
    Das bin ich meinen beiden kleinen Geschwistern schuldig. [Ab.]

 

ANNA [besinnt sich einen Moment, dann ruft sie]

Kathi!

 

[Simba kommt aus dem Speisesaal.]

 

SIMBA

Gnädige Frau? –

 

ANNA

Ich will mich anziehen.

 

[Es läutet auf dem Korridor.]

 

SIMBA

Sofort, gnädige Frau. [Geht, um zu öffnen.]

 

[Anna geht ins Spielzimmer ab. Gleich darauf läßt Simba Ernst Scholz eintreten; er geht auf einen eleganten Krückstock gestützt, auf steifem Knie hinkend, und trägt einen großen Blumenstrauß.]

 

ERNST SCHOLZ [zu Simba]

Ich fand noch gar keine Gelegenheit, mein liebes Kind, dir für dein taktvolles, feinfühliges Benehmen neulich abend an dem Gartenfest zu danken.

 

SIMBA [formell]

Wünschen der Herr Baron, daß ich Sie der gnädigen Frau melde?

 

[Von Keith kommt in hellem Paletot, einen Pack Zeitungen in der Hand, vom Vorplatz herein.]

 

VON KEITH [seinen Paletot ablegend]

Das ist eine Fügung des Himmels, daß ich dich hier treffe! [Zu Simba] Was tun Sie denn noch hier?

 

SIMBA

Die gnädige Frau haben mich als Hausmädchen in den Dienst genommen.

 

VON KEITH

Sehen Sie, ich habe Ihr Glück gemacht. – Melden Sie uns!

 

SIMBA

Sehr wohl, Herr Baron.

 

[Ins Spielzimmer ab.]

VON KEITH

Die Morgenblätter bringen schon die begeistertsten Besprechungen über unser gestriges Konzert! [Er setzt sich an das Tischchen links vorn und durchblättert die Zeitungen.]

 

SCHOLZ

Hast du denn jetzt endlich Nachricht, wo sich deine Frau aufhält?

 

VON KEITH

Sie ist bei ihren Eltern in Bückeburg. Du warst während des Banketts gestern abend ja plötzlich verschwunden?


SCHOLZ

Ich hatte das lebhafteste Bedürfnis, allein zu sein. Wie geht es denn deiner Frau?


VON KEITH

Danke; ihr Vater steht vor dem Bankrott.


SCHOLZ

So viel wirst du doch noch übrig haben, um ihre Familie vor dem Äußersten zu schützen!


VON KEITH

Weißt du, was mich das Konzert gestern gekostet hat?


SCHOLZ

Ich finde, du nimmst diese Dinge zu leicht!


VON KEITH

Du wünschest wohl, daß ich dir dabei helfe, die Eier der Ewigkeit auszubrüten?


SCHOLZ

Ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich dir von meinem Überschuß an Pflichtgefühl etwas abtreten könnte.


VON KEITH

Gott bewahre mich davor! Ich habe jetzt die erdenklichste Elastizität nötig, um die Erfolge in ihrer ganzen Tragweite auszubeuten.


SCHOLZ [selbstbewußt]

Ich danke es dir, daß ich dem Leben heute mit ruhigem, sicherem Blick gegenüberstehe. Ich halte es daher für meine Pflicht, ebenso offen zu dir zu sprechen, wie du vor vierzehn Tagen zu mir gesprochen hast.

 

VON KEITH

Der Unterschied ist nur der, daß ich dich nicht um deinen Rat gebeten habe.


SCHOLZ

Das ist für mich nur ein Grund mehr zu rückhaltloser Aufrichtigkeit. Ich habe durch meinen übertriebenen Pflichteifer den Tod von zwanzig Menschen verschuldet; aber du benimmst dich, als habe man seinen Mitmenschen gegenüber überhaupt keine Pflichten. Du gefällst dir geradezu darin, mit dem Leben anderer zu spielen!


VON KEITH

Bei mir ist noch jeder mit einem blauen Auge davongekommen.

 

SCHOLZ [mit wachsendem Selbstbewußtsein]

Das ist dein persönliches Glück! Dir fehlt aber das Bewußtsein, daß andere ganz die nämlichen Ansprüche auf den Genuß ihres Lebens haben wie du. Das, worin die Menschheit ihre höchsten Errungenschaften erblickt, was man mit Fug und Recht als Sittlichkeit bezeichnet, dafür hast du nicht das geringste Verständnis.

 

VON KEITH

Du bleibst dir treu. – Du kommst nach München mit dem ausgesprochenen Vorsatz, dich zum Genußmenschen auszubilden, und bildest dich aus Versehen zum Sittenprediger aus.

 

SCHOLZ

Ich bin durch das buntscheckige Treiben Münchens zu einer bescheidenen, aber jedenfalls um so zuverlässigeren Selbstabschätzung gelangt. Ich habe in diesen vierzehn Tagen so gewaltige innere Wandlungen durchgemacht, daß ich, wenn du mich anhören willst, allerdings auch als Sittenprediger reden kann.

 

VON KEITH [gereizt]

Dir treibt mein Glück die Galle ins Blut!

 

SCHOLZ

Ich glaube nicht an dein Glück! Ich bin so namenlos glücklich, daß ich die ganze Welt umarmen möchte, und wünsche dir aufrichtig und ehrlich dasselbe. Dazu gelangst du aber nie, solang du noch über die höchsten Werte des Lebens in deiner knabenhaften Weise spottest. Ich wußte, bis ich nach München kam, die Beziehungen zwischen Mann und Weib allerdings nur ihrer seelischen Bedeutung nach zu würdigen, während mir der Sinnengenuß noch als etwas Gemeines erschien. Das war verkehrt. Aber du hast in deinem ganzen Leben an einem Weibe nie etwas Höheres als den Sinnengenuß geschätzt. Solange du nicht von deinem Standpunkt aus der sittlichen Weltordnung deine Zugeständnisse machst, wie ich es von meinem Standpunkt aus getan habe, so lang wird all dein Glück ewig auf tönernen Füßen stehn!

 

 

VON KEITH [sachlich]

Die Dinge liegen ganz anders. Ich verdanke den letzten vierzehn Tagen meine materielle Freiheit und gelange infolgedessen endlich zum Genuß meines Lebens. Und du verdankst den letzten vierzehn Tagen deine geistige Freiheit und bist infolgedessen endlich zum Genuß deines Lebens gelangt.

 

SCHOLZ

Nur mit dem Unterschied, daß es mir bei all den Genüssen darum zu tun ist, ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden.

 

VON KEITH [aufspringend]

Warum soll man denn durchaus ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft werden?!

 

SCHOLZ

Weil man als etwas anderes keine Existenzberechtigung hat!

 

VON KEITH

Ich brauche keine Existenzberechtigung! Ich habe niemanden um meine Existenz gebeten und entnehme daraus die Berechtigung, meine Existenz nach meinem Kopfe zu existieren.

 

SCHOLZ

Dabei gibst du deine Frau, die drei Jahre alle Gefahren und Entbehrungen mit dir getragen hat, mit der größten Seelenruhe dem Elend preis!

 

VON KEITH

Was soll ich denn tun! Meine Ausgaben sind so horrend, daß ich für meinen eigenen Gebrauch nicht einen Pfennig übrig habe. Mit der ersten Rate meines Gehaltes habe ich meinen Anteil am Gründungskapital eingezahlt. Ich dachte einen Augenblick daran, das Geld anzugreifen, das mir zur Bestreitung der Vorarbeiten zur Verfügung steht. Aber das kann ich nicht. – Oder wolltest du mir dazu raten?

 

SCHOLZ

Ich kann dir eventuell schon noch zehn- oder zwanzigtausend Mark überlassen, wenn du dir nicht anders helfen kannst. Ich bekam gerade heute zufällig einen Wechsel von meinem Verwalter über zehntausend Mark.

 

[Entnimmt seinem Portefeuille einen Wechsel und reicht ihn von Keith hin.]

 

VON KEITH [reißt ihm das Papier aus der Hand]

Komm mir dann aber bitte nicht gleich morgen wieder damit, du wollest das Geld zurückhaben!

 

SCHOLZ

Ich brauche es jetzt nicht. Die übrigen zehntausend Mark muß ich mir aber erst durch meinen Bankier aus Breslau schicken lassen.

 

[Anna kommt in eleganter Straßentoilette aus dem Spielzimmer.]

ANNA

Entschuldigen Sie, meine Herren, daß ich warten ließ.

 

SCHOLZ [überreicht seine Blumen]

Ich konnte mir die Freude nicht versagen, gnädige Frau, Sie am ersten Morgen Ihrer vielversprechenden künstlerischen Laufbahn von ganzem Herzen zu beglückwünschen.

 

ANNA [stellt die Blumen in eine Vase]

Ich danke Ihnen. Gestern abend vergaß ich in meiner Aufregung vollkommen, Sie danach zu fragen, wie es Ihnen denn eigentlich mit Ihren Verletzungen ergangen ist.

 

SCHOLZ

Die sind weiß Gott nicht der Rede wert. Mein Arzt sagt, ich könne in acht Tagen, wenn ich Lust dazu habe, auf die Zugspitze klettern. Ein Schmerz war mir gestern abend allerdings das schallende Hohngelächter, das der Herr Kapellmeister Zamrjaki mit seiner Symphonie hervorrief.

 

VON KEITH [hat sich an den Schreibtisch gesetzt]

Ich kann nicht mehr tun als den Menschen Gelegenheit geben, ihr Können zu zeigen. Wer seinen Mann nicht stellt, der bleibt am Wege. Ich finde in München Kapellmeister genug.

 

SCHOLZ

Sagtest du denn nicht selbst von ihm, er sei das größte musikalische Genie, das seit Richard Wagner lebt?

 

VON KEITH

Ich werde doch meinen eigenen Gaul nicht Schindmähre nennen! Ich muß in jeder Sekunde für die Richtigkeit meiner Berechnungen einstehen. [Sich erhebend] Ich war eben mit den Karyatiden auf dem Magistrat. Es handelte sich um die Frage, ob der Bau des Feenpalastes für München ein Bedürfnis ist. Die Frage wurde einstimmig bejaht. Eine Stadt wie München läßt es sich ja gar nicht träumen, was sie für Bedürfnisse hat!

 

SCHOLZ [zu Anna]

Gnädige Frau haben jetzt vermutlich mit Ihrem glücklichen Impresario weltumfassende geschäftliche Pläne zu erörtern.

 

ANNA

Nein, bitte, wir haben nichts miteinander zu besprechen. Wollen Sie uns schon verlassen?

 

SCHOLZ

Sie erlauben mir vielleicht, daß ich mir in den nächsten Tagen wieder einmal die Ehre nehme?

 

ANNA
    Ich bitte Sie darum; Sie sind jederzeit willkommen.

 

[Scholz hat von Keith die Hand gedrückt. Ab.]

 

VON KEITH

Die Morgenblätter bringen schon die begeistertsten Kritiken über dein gestriges Auftreten...

 

ANNA

Hast du denn jetzt endlich eine Nachricht, wo sich Molly befindet?

 

VON KEITH

Sie ist bei ihren Eltern in Bückeburg. Sie schwelgt in einem Ozean kleinbürgerlicher Sentimentalität.

 

ANNA

Zum zweitenmal werden wir uns nicht wieder so von ihr in Schrecken jagen lassen! Übrigens hatte sie wirklich nötig, dir zu beweisen, wie völlig entbehrlich sie dir ist!

 

VON KEITH

Dir ist die gewaltige Liebesleidenschaft Gott sei Dank ein Buch mit sieben Siegeln. Ist das nicht befähigt, einen zu beglücken, dann will es einem wenigstens das Haus über dem Kopf in Brand stecken!

 

ANNA

Du dürftest einem trotzdem etwas mehr Vertrauen zu deinen geschäftlichen Unternehmungen einflößen! Ein Vergnügen ist es gerade nicht, Tag und Nacht wie auf einem Vulkan zu sitzen!

 

VON KEITH

Wie komme ich denn gerade heute dazu, mir von allen Seiten moralische Vorlesungen halten lassen zu müssen?!

 

ANNA

Weil dein Treiben den Anschein hat, als müßtest du dich ununterbrochen betäuben! Du kennst keine Ruhe. Ich finde, sobald man im Zweifel ist, ob man dieses oder jenes tun soll, dann tut man am besten gar nichts. Dadurch allein, daß man etwas tut, setzt man sich immer schon allen erdenklichen Unannehmlichkeiten aus. Ich tue so wenig als irgendwie möglich und hatte meiner Lebtag Glück damit. Du kannst es niemandem verdenken, daß er dir mißtraut, wenn du Tag und Nacht wie ein ausgehungerter Wolf hinter deinem Glücke herjagst.

 

VON KEITH

Ich kann nicht für meine Unersättlichkeit.

 

ANNA

Es sitzen aber manchmal Leute mit geladenen Flinten im Schlitten, dann geht es piff-paff.

 

VON KEITH

Ich bin kugelfest. Ich habe noch zwei spanische Kugeln von Kuba her in den Gliedern. Außerdem besitze ich die unverbrüchlichste Garantie für mein Glück.

 

ANNA

Das ist schon die richtige Höhe!

 

VON KEITH

Allerdings zu hoch für den menschlichen Herdenverstand! – Zwanzig Jahre mögen es sein, da standen der junge Trautenau und ich in kurzen Schoßröckchen in der getünchten Dorfkirche am Altar. Mein Vater spielte die Orgel dazu. Da drückte der Dorfpfarrer jedem von uns einen Bilderbogen mit einem Bibelspruch darauf in die Hände. Ich habe seitdem kaum jemals eine Kirche mehr von innen gesehen, aber mein Konfirmations-spruch hat sich an mir bewahrheitet, daß ich oftmals des Staunens keine Grenzen fand. Und stellt sich mir heute je eine Widerwärtigkeit in den Weg, dann kommt mich immer gleich ein verächtliches Lächeln an im Hinblick auf den Spruch: – “Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.”

 

ANNA

Denen, die Gott lieben?! – Dieser Liebe willst du auch noch fähig sein?!

 

VON KEITH

Auf die Frage hin, ob ich Gott liebe, habe ich alle bestehenden Religionen geprüft und fand bei keiner Religion einen Unterschied zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zum eigenen Wohlergehen. Die Liebe zu Gott ist überall immer nur eine summarische symbolische Ausdrucksweise für die Liebe zur eigenen Person.

 

[Simba tritt vom Vorplatz ein.]

 

SIMBA

Der Herr Marquis möchten einen Moment herauskommen. Der Sascha ist da.

 

VON KEITH

Warum kommt der Junge denn nicht herein?

 

[Sascha kommt mit einem Telegramm.]

 

SASCHA

I hab’ net g’wußt, darf i oder darf i net, weil der Herr Baron g’sagt haben, i soll in G’sellschaft koan Telegramm nicht überbringen.

 

VON KEITH [erbricht das Telegramm, ballt es zusammen und wirft es weg.]

Verdammt noch mal! – Meinen Paletot!

 

ANNA

Von Molly?

 

VON KEITH

Nein! – Wenn nur um Gottes willen keine Seele davon erfährt!

 

ANNA

Ist sie denn nicht bei ihren Eltern in Bückeburg?

 

VON KEITH [während ihm Sascha in den Paletot hilft]

Nein!

 

ANNA

Du sagtest doch eben noch...

 

VON KEITH

Ist denn das meine Schuld, daß sie nicht in Bückeburg ist?! – Eben setzt man den Fuß auf den grünen Zweig, da hat man den Hals in der Schlinge! – [Von Keith und Sascha ab.]

 

SIMBA [hebt das Telegramm auf und gibt es Anna]

Der Herr Marquis haben das Telegramm vergessen.

 

ANNA

Wissen Sie, woher der Sascha stammt?

 

SIMBA

Der Sascha stammt aus der Au. Sei’ Mutter ist Hausmeisterin.

 

ANNA

Dann kann er aber doch nicht Sascha heißen?

 

SIMBA

Ursprünglich heißt er Sepperl, aber der Herr Marquis haben ihn Sascha ‘tauft.

 

ANNA

Bringen Sie mir meinen Hut.

 

[Es läutet auf dem Korridor.]

SIMBA

Sofort, gnädige Frau. [Geht, um zu öffnen.]

 

ANNA [liest das Telegramm]

“... Molly nicht bei uns. Bitte umgehend Drahtnachricht, ob Sie Lebenszeichen von Molly haben. In entsetzlicher Angst...”

 

[Simba kommt zurück.]

 

SIMBA

Der Herr Baron haben seine Handschuh vergessen.

 

ANNA

Welcher Baron denn?

 

SIMBA

Ich moan halt den Genußmenschen.

 

ANNA [hastig suchend]

Maria und Joseph, wo sind denn die Handschuhe...!

 

[Ernst Scholz tritt ein.]

SCHOLZ

Erlauben Sie mir noch zwei Worte, gnädige Frau.

 

ANNA

Ich bin eben im Begriff, auszugehen. [Zu Simba] Meinen Hut, aber rasch! [Simba ab.]

 

SCHOLZ

Die Gegenwart meines Freundes hinderte mich daran, mich rückhaltlos auszusprechen...

 

ANNA

Vielleicht warten Sie damit doch auch lieber auf eine passendere Gelegenheit.

 

SCHOLZ

Ich hoffte noch einige Tage auf Ihren Bescheid warten zu können. Meine Empfindungen, Frau Gräfin, tun mir einfach Gewalt an! Damit Sie nicht im Zweifel darüber sind, daß ich mit meinen Anerbietungen nur Ihr Glück erstrebe, erlauben Sie mir, Ihnen zu gestehen, daß ich Sie in – in ganz unsagbarer Weise liebe.

 

ANNA

Nun? Und was wären Ihre Anerbietungen?

 

SCHOLZ

Bis Sie als Künstlerin die Früchte einer unbestrittenen Anerkennung ernten, wird sich Ihnen noch manches Hindernis in den Weg stellen...

 

ANNA

Das weiß ich, aber ich singe voraussichtlich nicht mehr.

 

SCHOLZ

Sie wollen nicht mehr singen? Wie mancher unglückliche Künstler gäbe sein halbes Leben darum, wenn er Ihre Begabung damit erkaufen könnte!

 

ANNA

Sonst haben Sie mir nichts mitzuteilen?

 

SCHOLZ

Ich habe Sie wieder, ohne zu ahnen, gekränkt. Sie hatten natürlich erwartet, ich werde Ihnen meine Hand antragen...

 

ANNA

Wollten Sie denn das nicht?

 

SCHOLZ

Ich wollte Sie fragen, ob Sie meine Geliebte werden wollen. – Ich kann Sie als Gattin nicht höher verehren, als ich meine Geliebte in Ihnen ehren würde. [Von jetzt ab spricht er mit den rücksichtslosen, ausfallenden Gebärden eines Verrückten.] Sei es der Gattin, sei es der Geliebten, ich biete Ihnen mein Leben, ich biete Ihnen alles, was ich besitze. Sie wissen, daß ich mich nur mit der größten Selbstüberwindung in die sittlichen Anschauungen fand, die hier in München maßgebend sind. Wenn mein Lebensglück an dem Siege zerschellen sollte, den ich nur über mich errungen habe, um an dem Lebensglück meiner Mitmenschen teilnehmen zu können, das wäre ein himmelschreiendes Narrenspiel!

 

ANNA

Ich glaubte, Ihnen wäre es nur darum zu tun, ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden!

 

SCHOLZ

Ich träumte von Weltbeglückung, wie der Gefangene hinter Kerkergittern von Gletscherfirnen träumt! Jetzt erhoffe ich nur eines noch, daß ich die Frau, die ich in so ganz unsagbarer Weise liebe, so glücklich machen kann, daß sie ihre Wahl nie bereut.

 

ANNA

Ich bedaure, Ihnen sagen zu müssen, daß Sie mir gleichgültig sind.

 

SCHOLZ

Ich Ihnen gleichgültig?! Ich erhielt noch von keiner Frau mehr Beweise von Zuneigung als von Ihnen!

 

ANNA

Das ist nicht meine Schuld. Ihr Freund hatte Sie mir als einen Philosophen geschildert, der sich um die Wirklichkeit überhaupt nicht kümmert.

 

SCHOLZ

Mir hat nur die Wirklichkeit meine Philosophie abgerungen! Ich bin keiner von denen, die ihr Leben lang über irdische Nichtigkeit schwadronieren und die der Tod, wenn sie taub und lahm sind, noch mit Fußtritten vor sich herjagen muß!

 

ANNA

Dem Marquis von Keith hilft sein Konfirmationsspruch über jedes Mißgeschick hinweg! Er hält seinen Konfirmationsspruch für eine unfehlbare Zauberformel, vor der Polizei und Gerichtsvollzieher Reißaus nehmen!

 

SCHOLZ

Ich erniedrige mich nicht so tief, um an Vorbedeutungen zu glauben! Hätte dieser Glücksritter recht, dann erhielt ich bei meiner Konfirmation eine ebenso unverbrüchliche Zauberformel für mein Unglück. Mir gab unser Pastor damals den Spruch: “Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.” – Aber das kümmert mich nicht! Hätte ich auch die untrüglichsten Beweise dafür, daß ich selber nicht zu den Auserwählten gehöre, das könnte mich immer nur in meinem unerschrockenen Kampf gegen mein Geschick bestärken!

 

ANNA

Verschonen Sie nur bitte mich mit Ihrem unerschrockenen Kampf!

 

SCHOLZ

Ich schwöre Ihnen, daß ich lieber auf meine gesunde Vernunft verzichte, als daß ich mich durch diese Vernunft davon überzeugen lasse, daß gewisse Menschen ohne jedes Verschulden von Anfang an von allem Lebensglück ausgeschlossen sind!

 

ANNA

Beklagen Sie sich darüber doch beim Marquis von Keith!

 

SCHOLZ

Ich beklage mich gar nicht! Je länger die harte Schule des Unglücks währt, desto gestählter wird die geistige Widerstandsfähigkeit. Es ist ein beneidenswerter Tausch, den Menschen wie ich eingehen. Meine Seele ist unverwüstlich!

 

ANNA

Dazu gratuliere ich Ihnen!

 

SCHOLZ

Darin liegt meine Unwiderstehlichkeit! Je weniger Sie für mich empfinden, desto größer und mächtiger wird in mir meine Liebe zu ihnen, desto näher sehe ich den Augenblick, wo Sie sagen: ich kämpfte gegen dich mit allem, was mir zu Gebote stand, aber ich liebe dich!

 

ANNA

Bewahre mich der Himmel davor!!

 

SCHOLZ

Davor bewahrt Sie der Himmel nicht! Wenn ein Mensch von meiner Willenskraft, die sich durch kein Mißgeschick hat brechen lassen, sein ganzes Sinnen und Trachten auf einen Vorsatz konzentriert, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: er erreicht sein Ziel, oder er verliert den Verstand.

 

ANNA

Darin scheinen Sie wirklich recht zu haben.

 

SCHOLZ

Darauf lasse ich es auch ankommen! Alles hängt davon ab, was widerstandsfähiger ist, Ihre Gefühllosigkeit oder mein Verstand. Ich rechne mit dem schlimmsten Ausgang und wende, ehe ich am Ziel bin, keinen Blick zurück; denn kann ich mir aus der Seligkeit, die mich in diesem Augenblick erfüllt, kein glückliches Leben gestalten, dann ist keine Hoffnung mehr für mich. Die Gelegenheit bietet sich nicht wieder!

 

ANNA

Ich danke Ihnen von Herzen dafür, daß Sie mich daran erinnern! [Sie setzt sich an den Schreibtisch.]

 

SCHOLZ

Es ist das letztemal, daß die Welt in all ihrer Herrlichkeit vor mir liegt!

 

ANNA [ein Billett schreibend]

Das trifft auch für mich zu! – [Ruft] Kathi! – [Für sich] Mir bietet sich die Gelegenheit auch nicht wieder.

 

SCHOLZ [plötzlich zu sich commend]

Was argwöhnen Sie, gnädige Frau?! – Was argwöhnen Sie?? Sie täuschen sich, Frau Gräfin! – Sie hegen einen entsetzlichen Verdacht...

 

ANNA

Merken Sie denn noch immer nicht, daß Sie mich aufhalten? – [Ruft] Kathi!

 

SCHOLZ

Ich kann Sie so unmöglich verlassen! Geben Sie mir die Versicherung, daß Sie nicht an meiner geistigenKlarheit zweifeln!

 

[Simba tritt mit Annas Hut ein.]

ANNA

Wo bleiben Sie denn so lange?

 

SIMBA

I hab mi net hereingetraut.

 

SCHOLZ

Simba, du weißt am besten, daß ich meiner fünf Sinne mächtig bin...

 

SIMBA [ihn zurückstoßend]

Gehens, redens net so dumm!

 

ANNA

Lassen Sie doch mein Mädchen in Ruhe. [Zu Simba] Wissen Sie die Adresse des Herrn Konsul Casimir?

 

SCHOLZ [in plötzlicher Versteinerung]

Ich trage das Kain-Zeichen auf der Stirn...

 


FÜNFTER AUFZUG

 

[Im Arbeitszimmer des Marquis von Keith stehen sämtliche Türen angelweit offen. Wahrend sich Hermann Casimir auf den Mitteltisch setzt, ruft von Keith ins Wohnzimmer hinein.]

 

VON KEITH

Sascha! [Da er keine Antwort erhält, geht er nach dem Wartezimmer; zu Hermann] Entschuldigen Sie. [Ruft ins Wartezimmer] Sascha! – [Kommt nach vorn; zu Hermann] Also, Sie gehen mit Einwilligung Ihres Vaters nach London. Ich kann Ihnen nach London die besten Empfehlungen mitgeben. [Wirft sich auf den Diwan] In erster Linie empfehle ich Ihnen, Ihre deutsche Sentimentalität zu Hause zu lassen. Mit Sozialdemokratie und Anarchismus macht man in London keinen Effekt mehr. Lassen Sie sich noch eines sagen. Das einzig richtige Mittel, seine Mitmenschen auszunutzen, besteht darin, daß man sie bei ihren guten Seiten nimmt. Darin liegt die Kunst, geliebt zu werden, die Kunst, redet zu behalten. Je ergiebiger Sie Ihre Mitmenschen übervorteilen, um so gewissenhafter müssen Sie darauf achten, daß Sie das Recht auf Ihrer Seite haben. Suchen Sie Ihren Nutzen niemals im Nachteil eines tüchtigen Menschen, sondern immer nur im Nachteil von Schurken und Dummköpfen. Und nun übermittle ich Ihnen den Stein der Weisen; das glänzendste Geschäft in dieser Welt ist die Moral. Ich bin noch nicht soweit, das Geschäft zu machen, aber ich müßte nicht der Marquis von Keith sein, wenn ich es mir entgehen ließe. [Es läutet auf dem Korridor.]

 

VON KEITH [ruft]

Sascha! – [Sich erhebend] Der Bengel kriegt Ohrfeigen.

 

[Er geht auf den Vorplatz und kommt mit dem Kommerzienrat Ostermeier zurück.]

 

VON KEITH

Sie könnten unmöglich gelegener kommen, mein bester Herr Ostermeier...

 

OSTERMEIER

Meine Kollegen im Aufsichtsrat, verehrter Freund, beauftragen mich...

 

VON KEITH

Ich habe einen Plan mit Ihnen zu besprechen, der unsere Einnahmen verhundertfacht.

 

OSTERMEIER

Wünschen Sie eine von mir in der Generalversammlung abgegebene Erklärung, daß es mir heute wieder nicht gelungen ist, Ihre Geschäftsbücher zur Einsichtnahme zu erhalten?

 

VON KEITH

Sie phantasieren, lieber Herr Ostermeier! – Wollen Sie mir nicht ruhig und sachlich auseinandersetzen, um was es sich handelt?

 

OSTERMEIER

Um Ihre Geschäftsbücher, verehrter Freund.

 

VON KEITH [aufbrausend]

Ich rackre mich für diese triefäugigen Dickschädel ab...

 

OSTERMEIER

Hat er also doch recht! [Sich zum Gehen wendend] Gehorsamer Diener!

 

VON KEITH [reißt die Schreibtisch-Schubladen auf]

Hier, bitte, schwelgen Sie in Geschäftsbüchern! [Sich nach Ostermeier umwendend] Wer hat also doch recht?

 

OSTERMEIER

Ein gewisser Herr Raspe, Kriminalkommissär, der gestern abend in der “American Bar” fünf Flaschen Pommery darauf gewettet hat, daß Sie keine Geschäftsbücher führen.

 

VON KEITH [sich in die Brust werfend]

Ich führe auch keine Geschäftsbücher.

 

OSTERMEIER

Dann zeigen Sie Ihr Kopierbuch.

 

VON KEITH

Wo hätte ich seit der Gründung der Gesellschaft die nötige Zeit hernehmen sollen, um ein Büro einzurichten!

 

OSTERMEIER

Dann zeigen Sie mir Ihr Kopierbuch.

 

VON KEITH [sich in die Brust werfend]

Ich habe kein Kopierbuch.

 

OSTERMEIER

Dann zeigen Sie den Depositenschein, den Ihnen die Bank ausgestellt hat.

 

VON KEITH

Habe ich Ihre Einzahlungen erhalten, um sie auf Zinsen zu legen?!

 

OSTERMEIER

Regen Sie sich nicht auf, verehrter Freund. Wenn Sie keine Bücher besitzen, dann notieren Sie sich Ihre Ausgaben doch irgendwo. Das tut doch jeder Laufbursche.

 

VON KEITH [wirft sein Notizbuch auf den Tisch]

Da haben Sie mein Notizbuch.

 

OSTERMEIER [schlägt es auf und liest]

Eine Silberflut von hellvioletter Seide und Pailletten von den Schultern bis auf die Knöchel.” Das ist der ganze Mensch!

 

VON KEITH

Wenn Sie mir jetzt, nachdem ich Erfolg auf Erfolg erzielt habe, Knüppel in den Weg werfen, dann können Sie mit aller Bestimmtheit darauf rechnen, daß Sie von Ihrem Gelde weder in dieser noch in jener Welt etwas wiedersehen!

 

OSTERMEIER

So schlecht stehen die Feenpalastaktien nicht, verehrter Freund. Wir sehen unser Geld schon wieder. – Gehorsamer Diener! [Will geben.]

 

VON KEITH [ihn aufhaltend]

Sie untergraben das Unternehmen durch Ihre Wühlereien! Verzeihen Sie, verehrter Herr; ich rege mich auf, weil ich mit dem Feenpalast empfinde wie ein Vater mit seinem Kind.

 

OSTERMEIER

Dann machen Sie sich Ihres Kindes wegen nur gar keine Sorgen mehr. Der Feenpalast ist gesichert und wird gebaut.

 

VON KEITH

Ohne mich?

 

OSTERMEIER

Wann’s sein muß, ohne Sie, verehrter Freund!

 

VON KEITH

Das können Sie nicht!

 

OSTERMEIER

Sie sind jedenfalls der letzte, der uns daran hindern wird!

 

VON KEITH

Das wäre ein infamer Schurkenstreich!

 

OSTERMEIER

Das wär’ noch schöner! Weil wir uns von Ihnen nicht länger betrügen lassen wollen, schimpfen Sie uns Betrüger!

 

VON KEITH

Wenn Sie sich betrogen glauben, dann verklagen Sie mich doch auf Auszahlung Ihres Geldes!

 

OSTERMEIER

Sehr schön, verehrter Freund, wenn wir nicht dem Aufsichtsrat angehörten!

 

VON KEITH

Was Sie sich einbilden! Sie sitzen im Aufsichtsrat, um mich bei meiner Arbeit zu unterstützen.

 

OSTERMEIER

Dafür komme ich auch zu Ihnen; aber bei Ihnen gibt’s eben nichts zu arbeiten.

 

VON KEITH

Mein lieber Herr Ostermeier, Sie können mir als Mann von Ehre nicht zumuten, eine solche Niederträchtigkeit über mich ergehen zu lassen. Übernehmen Sie doch den geschäftlichen Teil; lassen Sie mich artistischer Leiter des Unternehmens sein. Ich gebe Inkorrektheiten in meiner Geschäftsführung zu, die ich mir aber nur in dem Bewußtsein verzieh, daß es zum allerletztenmal geschieht und daß ich mir nach Konsolidierung meiner Verhältnisse nicht das geringste mehr zuschulden kommen lassen würde.

 

OSTERMEIER

Darüber hätten wir gestern, als ich mit den anderen Herren hier war, ein Wort reden können; aber da haben Sie uns ein Loch in den Bauch geschwatzt. Ich würde Ihnen auch heute noch sagen: Versuchen wir’s noch einmal – wann Sie sich uns wenigstens als einen aufrichtigen Menschen gezeigt hätten. Hört man aber immer und immer wieder nur Unwahrheiten, dann...

 

VON KEITH [sich in die Brust werfend]

Dann sagen Sie den Herren: Ich baue den Feenpalast, so gewiß, wie die Idee dazu aus meinem Hirn entsprungen ist. Bauen Sie ihn aber – sagen Sie das Ihren Herren! –, dann sprenge ich den Feenpalast samt Aufsichtstat und Aktionärversammlung – in die Luft!

 

OSTERMEIER

Werde ich pünktlich ausrichten, Herr Nachbar! Wissen Sie, ich möcht’ beileibe niemanden vor den Kopf stoßen, geschweige denn vor den... Gehorsamer Diener! [Ab.]

 

VON KEITH [ihm nachstarrend]

... Hintern! Ich spüre so was. – [Zu Hermann] Lassen Sie mich jetzt nicht allein, sonst schrumpfe ich so zusammen, daß mich die Angst anpackt, es könnte nichts mehr von mir übrigbleiben. – Sollte das möglich sein? – [Mit Tränen in den Augen] Nach so viel Feuerwerk! – – Ich soll wieder wie ein Geächteter von Land zu Land gepeitscht werden?! – Nein! Nein! – Ich darf mich nicht an die Wand drücken lassen!! – Es ist das letztemal in diesem Leben, daß die Welt mit all ihrer Herrlichkeit vor mir liegt! [Sich hoch aufrichtend] Nein! – Ich wackle nicht nur noch nicht, ich werde ganz München durch meinen Sprung in Erstaunen setzen: Er schüttelt noch, da fall’ ich schon, unter Pauken und Trompeten, ihm direkt auf den Kopf, daß alles rings auseinanderstiebt, und schlage alles kurz und klein. Dann wird sich’s zeigen, wer zuerst wieder auf die Beine kommt!

 

[Die Gräfin Werdenfels tritt ein.]

VON KEITH [ihr entgegeneilend]

Meine Königin...

 

ANNA [zu Hermann]

Würden Sie uns einen Moment allein lassen.

 

[Von Keith läßt Hermann ins Wohnzimmer eintreten.]

 

VON KEITH [die Tür hinter ihm schließend]

Du siehst so unternehmend aus?

 

ANNA

Das ist schon möglich. Ich erhalte seit unserem Feenpalastkonzert Tag für Tag ein halbes Dutzend Heiratsanträge.

 

VON KEITH

Das ist mir verdammt gleichgültig!

 

ANNA

Aber mir nicht.

 

VON KEITH [höhnisch]

Hast du dich denn in ihn verliebt?

 

ANNA

Von wem sprichst du denn?

 

VON KEITH

Von dem Genußmenschen!

 

ANNA

Du machst dich über mich lustig!

 

VON KEITH

Von wem sprichst du denn?!

 

ANNA [nach dem Wohnzimmer deutend]

Von seinem Vater.

 

VON KEITH

Und darüber willst du dich mit mir unterhalten?

 

ANNA

Nein, ich wollte dich nur fragen, ob du jetzt endlich ein Lebenszeichen von Molly hast.

 

VON KEITH

Nein, aber was ist mit Casimir?

 

ANNA

Was ist mit Molly?? – – Du hältst ihr Verschwinden geheim?

 

VON KEITH [beklommen]

Ich fürchte, offen gesagt, weniger, daß ihr ein Unglück zugestoßen ist, als daß mir ihr Verschwinden den Boden unter den Füßen wegzieht. Wenn das nicht von Menschlichkeit zeugt, dann sitze ich dafür seit drei Tagen Nacht für Nacht auf dem Telegraphenamt. – Mein Verbrechen an ihr besteht darin, daß sie, seit wir uns kennen, nie ein böses Wort von mir gehört hat. Sie verzehrt sich vor Sehnsucht nach ihrer kleinbürgerlichen Welt, in der man, Stirn gegen Stirn geschmiedet, sich duckt und schuftet und sich liebt! Kein freier Blick, kein freier Atemzug! Nichts als Liebe! Möglichst viel und von der gewöhnlichsten Sorte!

 

ANNA

Wenn man Molly nun nicht findet, was dann?

 

VON KEITH

Ich kann getrost darauf bauen, daß sie, wenn mir das Haus über dem Kopf zusammengekracht ist, reumütig lächelnd zurückkommt und sagt: “Ich will es nicht wieder tun.” – Ihr Zweck ist erreicht; ich kann mein Bündel schnüren.

 

ANNA

Und was wird dann aus mir?

 

VON KEITH

Du hast bei unserem Unternehmen bis jetzt am meisten gewonnen und wirst, so hoffe ich, noch mehr bei unserem Unternehmen gewinnen. Verlieren kannst du nichts, weil du mit keinem Einsatz dabei beteiligt bist.

 

ANNA

Wenn das sicher ist?!

 

VON KEITH

Ach so... ?!

 

ANNA

Ja, ja!

 

VON KEITH

Was hast du ihm denn geantwortet?

 

ANNA

Ich schrieb ihm, ich könne ihm noch keine Antwort geben.

 

VON KEITH

Das hast du ihm geschrieben?!

 

ANNA

Ich wollte erst mit dir darüber sprechen.

 

VON KEITH [packt sie am Handgelenk und schleudert sie von sich]

Wenn es nicht anders bei dir steht, als daß du mit mir darüber sprechen mußt, dann – heirate ihn!!

 

ANNA

Wer von Gefühlen so verächtlich denkt wie du, müßte doch über rein praktische Fragen ruhig mit sich reden lassen!

 

VON KEITH

Laß meine Gefühle hier aus dem Spiel! Mich empört, daß du nicht mehr Rassestolz in dir hast, um deine Erstgeburt für ein Linsengericht zu verkaufen!

 

ANNA

Was nicht du bist, das ist dir Linsengericht!

 

VON KEITH

Ich kenne meine Schwächen; aber das sind Haustiere! Dem einen fehlt es im Hirn und dem andern im Rückenmark! Willst du Wechselbälge zur Welt bringen, die vor dem achten Tage nicht sehen können?! – Ich gebe dir mit Freuden, wenn es mit mir vorbei sein soll, was ich von meiner Seelenglut in dich hineingelebt, auf deine Karriere mit. Aber wenn du dich vor deinem Künstlerlos hinter einen Geldsack verschanzest, dann bist du heute schon nicht mehr wert als das Gras, das dereinst aus dem Grabe wächst!

 

ANNA

Hättest du wenigstens den geringsten Anhaltspunkt darüber, was aus Molly geworden ist!

 

VON KEITH

Beschimpf mich nicht noch! – [Ruft] Sascha!

 

ANNA

Wenn du denn durchaus darauf bestehst, daß wir uns trennen sollen...

 

VON KEITH

Gewiß, ich bestehe darauf.

 

ANNA

Dann gib mir meine Briefe zurück!

 

VON KEITH [höhnisch]

Willst du deine Memoiren schreiben?

 

ANNA

Nein, aber sie könnten in falsche Hände geraten.

 

VON KEITH [aufspringend]

Sascha!!

 

ANNA

Was willst du von Sascha? – Ich habe Sascha einen Auftrag gegeben.

 

VON KEITH

Wie kommst du dazu?!

 

ANNA

Weil er zu mir kam. Ich habe das doch schon öfter getan. Im schlimmsten Fall weiß der Junge, wo er etwas zu verdienen findet.

 

VON KEITH [sinkt in den Sessel am Schreibtisch]

Mein Sascha! [Wischt sich eine Träne aus dem Auge] Daß du auch ihn nicht vergessen hast! – – Wenn du jetzt das Zimmer verläßt, Anna, dann breche ich zusammen wie ein Ochse im Schlachthaus. – Gib mir noch eine Galgenfrist!

 

ANNA

Ich habe keine Zeit zu verlieren.

 

VON KEITH

Nur so lange, bis ich mich deiner entwöhnt habe, Anna! – Ich bedarf meiner geistigen Klarheit jetzt mehr denn je...

 

ANNA

Gibst du mir dann meine Briefe zurück?

 

VON KEITH

Du bist grauenhaft! – Aber das ist ja das helle Mitleid von dir! Ich soll dich wenigstens verfluchen dürfen, wenn du nicht mehr meine Geliebte bist.

 

ANNA

Du lernst deiner Lebtag keine Frau richtig beurteilen!

 

VON KEITH [sich stolz emporreckend]

Ich widerrufe meinen Glauben nicht auf der Folter! Du gehst mit dem Glück; das ist menschlich. Was du mir warst, bleibst du darum doch.

 

ANNA

Dann gib mir meine Briefe zurück.

 

VON KEITH

Nein, mein Kind! Deine Briefe behalte ich für mich. Sonst zweifle ich dereinst auf meinem Sterbebett, ob du nicht vielleicht nur ein Hirngespinst von mir gewesen bist. [Ihr die Hand küssend] Viel Glück!

 

ANNA

Auch ohne dich! [Ab.]

 

VON KEITH [allein, sich unter Herzkrämpfen windend]

– Ah! – Ah! Das ist der Tod! – [Er stürzt zum Schreibtisch, entnimmt einem Schubfach eine Handvoll Briefe und eilt zur Tür] Anna! Anna!

 

[In der offenen Tür tritt ihm Ernst Scholz entgegen. Scholz geht unbehindert, ohne daß man ihm noch eine Spur von seiner Verletzung anmerkt.]

 

VON KEITH [zurückprallend]

... Ich wollte eben zu dir ins Hotel fahren.

 

SCHOLZ

Das hat keinen Zweck mehr. Ich reise ab.

 

VON KEITH

Dann gib mir aber noch die zwanzigtausend Mark, die du mir gestern versprochen hast!

 

SCHOLZ

Ich gebe dir kein Geld mehr.

 

VON KEITH

Die Karyatiden zerschmettern mich! Man will mir meinen Direktionsposten nehmen!

 

SCHOLZ

Das bestärkt mich in meinem Entschluß.

 

VON KEITH

Es handelt sich nur darum, eine momentane Krisis zu überwinden!

 

SCHOLZ

Mein Vermögen ist mehr wert als du! Mein Vermögen sichert den Angehörigen meiner Familie noch auf unendliche Zeiten eine hohe, freie Machtstellung! Währenddem du nie dahin gelangst, einem Menschen irgend etwas zu nützen!

 

VON KEITH

Wo nimmst du Schmarotzer die Stirne her, mir Nutzlosigkeit vorzuwerfen?!

 

SCHOLZ

Lassen wir den Wettstreit! – Ich leiste endlich den großen Verzicht, zu dem sich so mancher einmal in diesem Leben verstehen muß.

 

VON KEITH

Was heißt das?

 

SCHOLZ

Ich habe mich von meinen Illusionen losgerissen.

 

VON KEITH [höhnisch]

Schwelgst du wieder mal in der Liebe eines Mädchens aus niedrigstem Stande?

 

SCHOLZ

Ich habe mich von allem losgerissen. – Ich gehe in eine Privatheilanstalt.

 

VON KEITH [aufschreiend]

Du kannst keine nichtswürdigere Schandtat begehen als den Verrat an deiner eigenen Person!

 

SCHOLZ

Deine Entrüstung ist mir sehr begreiflich. – Ich habe in den letzten drei Tagen den grauenvollsten Kampf durchgekämpft, der einem Erdenwurm beschieden sein kann.

 

VON KEITH

Um dich feige zu verkriechen?! – Um als Sieger auf deine Menschenwürde zu verzichten?!

 

SCHOLZ [aufbrausend]

Ich verzichte nicht auf meine Menschenwürde! Du hast weder Ursache, mich zu beschimpfen, noch meiner zu spotten! – Wenn jemand die Beschränkung, in die ich mich finde, gegen seinen Willen über sich verhängen lassen muß, dann mag er seiner Menschenwürde verlustig gehen. Dafür bleibt er relativ glücklich; er wahrt sich seine Illusionen. – Wer kalten Blickes wie ich mit der Wirklichkeit abrechnet, der kann sich dadurch weder die Achtung noch die Teilnahme seiner Mitmenschen verscherzen.

 

VON KEITH [zuckt die Achseln]

Ich würde mir diesen Schritt doch noch ein wenig überlegen.

 

SCHOLZ

Ich habe ihn reiflich überlegt. Es ist die letzte Pflicht, die mein Geschick mir zu erfüllen übrigläßt.

 

VON KEITH

Wer einmal drin ist, kommt so leicht nicht wieder heraus.

 

SCHOLZ

Hätte ich noch die geringste Hoffnung, jemals herauszukommen, dann ginge ich nicht hinein. Was ich mir an Entsagung aufbürden, was ich meiner Seele an Selbstüberwindung und Hoffnungs-freudigkeit entringen konnte, habe ich aufgewandt, um mein Los zu ändern. Mir bleibt, Gott sei’s geklagt, keinerlei Zweifel mehr darüber, daß ich anders geartet als andre Menschen bin!

 

VON KEITH [im höchsten Stolz]

Gott sei Dank habe ich nie daran gezweifelt, daß ich anders geartet als andere Menschen bin!

 

SCHOLZ [sehr ruhig]

Sei es nun Gott geklagt oder Gott gedankt – dich hielt ich bis jetzt für den abgefeimtesten Spitzbuben! – Ich habe auch diese Illusion aufgegeben. Ein Spitzbube hat Glück, so wahr wie dem ehrlichen Menschen auch im unabänderlichen Mißgeschick noch sein gutes Gewissen bleibt. Du hast nicht mehr Glück als ich, und du weißt es nicht. Darin liegt die entsetzliche Gefahr, die über dir schwebt!

 

VON KEITH

Über mir schwebt keine andere Gefahr, als daß ich morgen kein Geld habe!

 

SCHOLZ

Du wirst zeit deines Lebens morgen kein Geld haben! – Ich wüßte dich vor den heillosen Folgen deiner Verblendung gerne in Sicherheit. Deswegen komme ich noch einmal zu dir. Ich habe die heilige Überzeugung, daß es für dich das beste ist, wenn du mich begleitest.

 

VON KEITH [lauernd]

Wohin?

 

SCHOLZ

In die Anstalt.

 

VON KEITH

Gib mir die dreißigtausend Mark, dann komme ich mit!

 

SCHOLZ

Wenn du mich begleitest, brauchst du kein Geld mehr. Du findest ein behaglicheres Heim, als du es vielleicht jemals gekannt hast. Wir halten uns Wagen und Pferde, wir spielen Billard...

 

VON KEITH [ihn umklammernd]

Gib mir die dreißigtausend Mark!! Willst du, daß ich hier vor dir einen Fußfall tue? Ich kann hier vom Platz weg verhaftet werden!

 

SCHOLZ

Dann bist du schon so weit?! – [Ihn zurückstoßend] Ich gebe solche Summen keinem Wahnsinnigen!

 

VON KEITH [schreit]

Du bist der Wahnsinnige!

 

SCHOLZ [ruhig]

Ich bin zu Verstand gekommen.

 

VON KEITH [höhnisch]

– Wenn du dich in die Irrenanstalt aufnehmen lassen willst, weil du zu Verstand gekommen bist, dann geh hinein!

 

SCHOLZ

Du gehörst zu denen, die man mit Gewalt hineinbringen muß!

 

VON KEITH

Dann wirst du in der Irrenanstalt wohl auch deinen Adelstitel wieder aufnehmen?

 

SCHOLZ

Hast du nicht in zwei Weltteilen jeden erdenklichen Bankrott gemacht, der im bürgerlichen Leben überhaupt möglich ist?!

 

VON KEITH [giftig]

Wenn du es für deine moralische Pflicht hältst, die Welt von deiner überflüssigen Existenz zu befreien, dann findest du radikalere Mittel als Spazierenfahren und Billardspielen!

 

SCHOLZ

Das habe ich längst versucht.

 

VON KEITH [schreit ihn an]

Was tust du denn dann noch hier?!

 

SCHOLZ [finster]

Es ist mir mißlungen wie alles andere.

 

VON KEITH

Du hast natürlich aus Versehen jemand anders erschossen!

 

SCHOLZ

Man hat mir damals die Kugeln zwischen den Schultern, dicht neben dem Rückgrat, wieder herausgeschnitten. – Es ist heute wohl das letztemal in deinem Leben, daß sich dir eine rettende Hand bietet. Welch eine Art von Erlebnissen noch vor dir liegt, das weißt du jetzt.

 

VON KEITH [wirft sich vor ihm auf die Knie und umklammert seine Hände]

Gib mir die vierzigtausend Mark, dann bin ich gerettet!

 

SCHOLZ

Die retten dich nicht vor dem Zuchthaus!

 

VON KEITH [entsetzt emporfahrend]

Schweig!!

 

SCHOLZ [bittend]

Komm mit mir, dann bist du geborgen. Wir sind zusammen aufgewachsen; ich sehe nicht ein, warum wir nicht auch das Ende gemeinsam erwarten sollen. Die bürgerliche Gesellschaft urteilt dich als Verbrecher ab und unterwirft dich allen unmenschlichen mittelalterlichen Martern...

 

VON KEITH [jammernd]

Wenn du mir nicht helfen willst, dann geh, ich bitte dich darum!

 

SCHOLZ [Tränen in den Augen]

Wende deiner einzigen Zuflucht nicht den Rücken! Ich weiß doch, daß du dir dein jammervolles Los ebensowenig selber gewählt hast wie ich mir das meinige.

 

VON KEITH

Geh! Geh!

 

SCHOLZ

Komm, komm. – Du hast einen lammfrommen Gesellschafter an mir. Es wäre ein matter Lichtschimmer in meiner Lebensnacht, wenn ich meinen Jugendgespielen seinem grauenvollen Verhängnis entrissen wüßte.

 

VON KEITH

Geh! Ich bitte dich!

 

SCHOLZ

– Vertrau’ dich von heute ab meiner Führung an, wie ich mich dir anvertrauen wollte...

 

VON KEITH [schreit verzweifelt]

Sascha! Sascha!

 

SCHOLZ

– Dann vergiß nicht, wo du einen Freund hast, dem du jederzeit willkommen bist.

 

[Ab.]

VON KEITH [kriecht suchend umher]

– Molly! Molly! Es ist das erstemal in meinem Leben, daß ich vor einem Weib auf den Knien wimmere! – – [Plötzlich nach dem Wohnzimmer aufhorchend] Da...! Da...! [Nachdem er die Wohnzimmertür geöffnet]... Ach, das sind Sie?

 

[Hermann Casimir tritt aus dem Wohnzimmer.]

VON KEITH

Ich kann Sie nicht bitten, länger hierzubleiben. Mir ist – nicht ganz wohl. Ich muß erst – eine Nacht – darüber schlafen, um der Situation wieder Herr zu sein. – Reisen Sie mit... mit...

 

[Schwere Schritte und viele Stimmen tönen vom Treppenhaus herauf.]

 

VON KEITH

Hören Sie Der Lärm! Das Getöse! – Das bedeutet nichts Gutes.

 

HERMANN

Verschließen Sie doch die Tür.

 

VON KEITH

Ich kann es nicht! – Ich kann es nicht! – Das ist sie...!

 

[Eine Anzahl Hofbräuhausgäste schleppen Mollys entseelten Körper herein. Sie trieft von Wasser, die Kleider hängen in Fetzen. Das aufgelöste Haar bedeckt ihr Gesicht.]

 

EIN METZGERKNECHT

Da hammer den Stritzi! – [Zurücksprechend] Hammer’s? – Eini! [Zu von Keith] Schau her, was mer g’fischt hamm! Schau her, was mer der bringen! Schau her, wann d’a Schneid hast!

 

EIN PACKTRÄGER

Aus’m Stadtbach hammer’s zogen! Unter die eisernen Gitterstangen vor! An die acht Täg’ mag’s drin g’legen sein im Wasser!

 

EIN BÄCHERWEIB

Und da derweil treibt sich der Lump, der dreckichte, mit seine ausg’schamte Menscher umanand! Sechs Wuchen lang hat er’s Brot net zahlt! Das arme Weib laßt er bei alle Krämersleut’ betteln gehn, as was z’ essen kriagt! A Stoan hat’s derbarmt, as wia die auf d’ Letzt ausg’schaut hat!

 

VON KEITH [retiriert sich, während ihn die Menge mit der Leiche umdrängt, nach seinem Schreibtisch]

Ich bitte Sie, beruhigen Sie sich doch nur!

 

DER METZGERKNECHT

Halt dei Fressen, du Hochstapler, du! Sunst kriagst vo mir a Watschen ins G’sicht, as nimma stehn kannst! – Schau da her! – Is sie’s oder is sie’s net?! – Schau her, sag i!

 

VON KEITH [hat hinter sich auf dem Schreibtisch Hermanns Revolver erfaßt, den die Gräfin Werdenfels früher dort hatte liegenlassen]

Rühren Sie mich nicht an, wenn Sie nicht wollen, daß ich von der Waffe Gebrauch mache!

 

DER METZGERKNECHT

Was sagt der Knickebein?! – Was sagt er?! – Gibst den Revolver her?! Hast net gnua an dera da, du Hund?! – Gibst ihn her, sag’ i...

 

[Der Metzgerknecht ringt mit von Keith, dem es gelingt, sich dem Ausgang zu nähern, durch den eben der Konsul Casimir eintritt. Hermann Casimir hat sich derweil an die Leiche gedrängt; er und das Bäckerweib tragen die Leiche auf den Diwan.]

VON KEITH [sich wie ein Verzweifelter wehrend, ruft]

Polizei! Polizei! [Bemerkt Casimir und klammert sich an ihn an] Retten Sie mich, um Gottes willen! Ich werde gelyncht!

 

DER KONSUL COSIMIR [zu den Leuten]

Jetzt schaut’s aber, daß weiter kummt, sunst lernt’s mi anders kenna! – Laßt’s die Frau auf dem Diwan! – Marsch, sag’ i! – da hat der Zimmermann ‘s Loch g’macht! [Seinen Sohn, der sich mit der Menge entfernen will, am Arm nach vorn ziehend] Halt, Freunderl! Du nimmst auf deine Londoner Reise noch eine schöne Lehre mit!

 

[Die Hofbräuhausleute haben das Zimmer verlassen.]

CASIMIR [zu von Keith]

Ich wollte Sie auffordern, München binnen vierundzwanzig Stunden zu verlassen; jetzt glaube ich aber, es ist wirklich am besten für Sie, wenn Sie mit dem nächsten Zug reisen.

 

VON KEITH [immer noch den Revolver in der Linken haltend]

Ich – ich habe dieses Unglück – nicht zu verantworten...

 

CASIMIR

Das machen Sie mit sich selbst ab! Aber Sie haben die Fälschung meiner Namensunterschrift zu verantworten, die Sie an Ihrem Gründungsfest in der Brienner Straße in einem Glückwunsch-telegramm vorgenommen haben.

 

VON KEITH

Ich kann nicht reisen...

 

CASIMIR [gibt ihm ein Papier]

Wollen Sie diese Quittung unterzeichnen. Sie bescheinigen darin, eine Summe von zehntausend Mark, die Ihnen die Frau Gräfin Werdenfels schuldete, durch mich zurückerhalten zu haben.

 

[Von Keith geht zum Schreibtisch und unterzeichnet.]

 

CASIMIR [das Geld aus seiner Brieftasche abzählend]

Als Ihr Nachfolger in der Direktion der Feenpalastgesellschaft möchte ich Sie im Interesse einer gedeihlichen Entwicklung unseres Unternehmens darum ersuchen, sich so bald nicht wieder in München blicken zu lassen!

 

[Von Keith am Schreibtisch stehend, gibt Casimir den Schein und nimmt mechanisch das Geld in Empfang.]

CASIMIR [den Schein einsteckend]

Vergnügte Reise! – [Zu Hermann] Marsch mit dir!

 

[Hermann drückt sich scheu hinaus. Casimir folgt ihm.Von Keith in der Linken den Revolver, in der Rechten das Geld, tut einige Schritte nach dem Diwan, bebt aber entsetzt zurück. Darauf betrachtet er unschlüssig abwechselnd den Revolver und das Geld. – Indem er den Revolver grinsend hinter sich auf den Mitteltisch legt.]

VON KEITH

Das Leben ist eine Rutschbahn...