Friedrich
Nietzsche
Zur Genealogie der Moral
1887
[Erste Abhandlung]
"Gut und Böse", "Gut und Schlecht"
[Zweite Abhandlung]
"Schuld", "schlechtes Gewissen", und Verwandtes
[Dritte Abhandlung]
Was bedeutet asketische Ideale?
1
Wir sind uns unbekannt, wir Erkennenden, wir
selbst uns selbst: das hat seinen guten Grund. Wir haben nie nach uns
gesucht—wie sollte es geschehn, dass wir eines Tages uns fänden? Mit Recht hat
man gesagt: "wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz"; unser Schatz
ist, wo die Bienenkörbe unsrer Erkenntnis stehn. Wir sind immer dazu unterwegs,
als geborne Flügeltiere und Honigsammler des Geistes, wir kümmern uns von
Herzen eigentlich nur um eins—etwas "heimzubringen." Was das Leben
sonst, die sogenannten "Erlebnisse" angeht—wer von uns hat dafür auch
nur Ernst genug? Oder Zeit genug? Bei solchen Sachen waren wir, fürchte ich,
nie recht "bei der Sache": wir haben eben unser Herz nicht dort—und
nicht einmal unser Ohr! Vielmehr wie ein Göttlich-Zerstreuter und
In-sich-Versenkter, dem die Glocke eben mit aller Macht ihre zwölf Schläge des
Mittags ins Ohr gedröhnt hat, mit einem Male aufwacht und sich fragt "was
hat es da eigentlich geschlagen?" so reiben auch wir uns mitunter
hinterdrein die Ohren und fragen, ganz erstaunt, ganz betreten, "was haben
wir da eigentlich erlebt?" mehr noch: "wer sind wir eigentlich?"
und zählen nach, hinterdrein, wie gesagt, alle die zitternden zwölf
Glockenschläge unsres Erlebnisses, unsres Lebens, unsres Seins—ach! und
verzählen uns dabei . . . Wir bleiben uns eben notwendig fremd, wir verstehn
uns nicht, wir müssen uns verwechseln, für uns heisst der Satz in alle Ewigkeit
"Jeder ist sich selbst der Fernste" für uns sind wir keine
"Erkennenden."
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Meine Gedanken über die Herkunft unsrer
moralischen Vorurteile—denn um sie handelt es sich in dieser
Streitschrift—haben ihren ersten, sparsamen und vorläufigen Ausdruck in jener
Aphorismen-Sammlung erhalten, die den Titel trägt "Menschliches,
Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister", und deren
Niederschrift in Sorrent begonnen wurde, während eines Winters, welcher es mir
erlaubte, haltzumachen, wie ein Wandrer haltmacht, und das weite und
gefährliche Land zu überschauen, durch das mein Geist bis dahin gewandert war.
Dies geschah im Winter 1876-77; die Gedanken selbst sind älter. Es waren in der
Hauptsache schon die gleichen Gedanken, die ich in den vorliegenden
Abhandlungen wiederaufnehme—hoffen wir, dass die lange Zwischenzeit ihnen
gutgetan hat, dass sie reifer, heller, stärker, vollkommner geworden sind! Dass
ich aber heute noch an ihnen festhalte, dass sie sich selber inzwischen immer
fester aneinander gehalten haben, ja ineinander gewachsen und verwachsen sind,
das stärkt in mir die frohe Zuversichtlichkeit, sie möchten von Anfang an in
mir nicht einzeln, nicht beliebig, nicht sporadisch entstanden sein, sondern
aus einer gemeinsamen Wurzel heraus, aus einem in der Tiefe gebietenden, immer
bestimmter redenden, immer Bestimmteres verlangenden Grundwillen der
Erkenntnis. So allein nämlich geziemt es sich bei einem Philosophen. Wir haben
kein Recht darauf, irgendworin einzeln zu sein: wir dürfen weder einzeln irren
noch einzeln die Wahrheit treffen. Vielmehr mit der Notwendigkeit, mit der ein
Baum seine Früchte trägt, wachsen aus uns unsre Gedanken, unsre Werte, unsre
Jas und Neins und Wenns und Obs—verwandt und bezüglich allesamt untereinander
und Zeugnisse eines Willens, einer Gesundheit, eines Erdreichs, einer Sonne.—Ob
sie euch schmecken, diese unsre Früchte?—Aber was geht das die Bäume an! Was
geht das uns an, uns Philosophen!
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Bei einer mir eignen Bedenklichkeit, die ich ungern
eingestehe—sie bezieht sich nämlich auf die Moral, auf alles, was bisher auf
Erden als Moral gefeiert worden ist—, einer Bedenklichkeit, welche in meinem
Leben so früh, so unaufgefordert, so unaufhaltsam, so in Widerspruch gegen
Umgebung, Alter, Beispiel, Herkunft auftrat, dass ich beinahe das Recht hätte,
sie mein "a priori" zu nennen—musste meine Neugierde ebenso wie mein
Verdacht beizeiten an der Frage haltmachen, welchen Ursprung eigentlich unser
Gut und Böse habe. In der Tat ging mir bereits als dreizehnjährigem Knaben das
Problem vom Ursprung des Bösen nach: ihm widmete ich, in einem Alter, wo man
"halb Kinderspiele, halb Gott im Herzen" hat, mein erstes
literarisches Kinderspiel, meine erste philosophische Schreibübung und was
meine damalige "Lösung" des Problems anbetrifft, nun, so gab ich, wie
es billig ist, Gott die Ehre und machte ihn zum Vater des Bösen. Wollte es
gerade so mein "a priori" von mir? jenes neue unmoralische,
mindestens immoralistische "a priori" und der aus ihm redende
ach! so anti-Kantische, so rätselhafte "kategorische Imperativ," dem
ich inzwischen immer mehr Gehör und nicht nur Gehör geschenkt habe? Glücklicherweise lernte ich
beizeiten das theologische Vorurteil von dem moralischen abscheiden und suchte
nicht mehr den Ursprung des Bösen hinter der Welt. Etwas historische und
philologische Schulung, eingerechnet ein angeborner wählerischer Sinn in
Hinsicht auf psychologische Fragen überhaupt, verwandelte in Kürze mein Problem
in das andre: unter welchen Bedingungen erfand sich der Mensch jene Werturteile
gut und böse? und welchen Wert haben sie selbst? Hemmten oder förderten sie
bisher das menschliche Gedeihen? Sind sie ein Zeichen von Notstand, von
Verarmung, von Entartung des Lebens? Oder umgekehrt, verrät sich in ihnen die Fülle,
die Kraft, der Wille des Lebens, sein Mut, seine Zuversicht, seine Zukunft?
Darauf fand und wagte ich bei mir mancherlei Antworten, ich unterschied Zeiten,
Völker, Ranggrade der Individuen, ich spezialisierte mein Problem, aus den
Antworten wurden neue Fragen, Forschungen, Vermutungen, Wahrscheinlichkeiten:
bis ich endlich ein eignes Land, einen eignen Boden hatte, eine ganze
verschwiegene wachsende blühende Welt, heimliche Gärten gleichsam, von denen
niemand etwas ahnen durfte . . . 0 wie wir glücklich sind, wir Erkennenden,
vorausgesetzt, dass wir nur lange genug zu schweigen wissen!
4
Den ersten Anstoss, von meinen Hypothesen über
den Ursprung der Moral etwas zu verlautbaren, gab mir ein klares, sauberes und
kluges, auch altkluges Büchlein, in welchem mir eine umgekehrte und perverse
Art von genealogischen Hypothesen, ihre eigentlich englische Art, zum ersten
Male deutlich entgegentrat, und das mich anzog—mit jener Anziehungskraft, die
alles Entgegengesetzte, alles Antipodische hat. Der Titel des Büchleins war
"Der Ursprung der moralischen Empfindungen"; sein Verfasser
Dr. Paul Rée; das Jahr seines Erscheinens 1877. Vielleicht habe ich niemals
etwas gelesen, zu dem ich dermassen, Satz für Satz, Schlug für Schlug, bei mir
nein gesagt hätte wie zu diesem Buche: doch ganz ohne Verdruss und Ungeduld. In
dem vorher bezeichneten Werke, an dem ich damals arbeitete, nahm ich
gelegentlich und ungelegentlich auf die Sätze jenes Buches Bezug, nicht indem
ich sie widerlegte—was habe ich mit Widerlegungen zu schaffen!—sondern, wie es
einem positiven Geiste zukommt, an Stelle des Unwahrscheinlichen das
Wahrscheinlichere setzend, unter Umständen an Stelle eines Irrtums einen
andern. Damals brachte ich, wie gesagt, zum ersten Male jene
Herkunfts-Hypothesen ans Tageslicht, denen diese Abhandlungen gewidmet sind,
mit Ungeschick, wie ich mir selbst am letzten verbergen möchte, noch unfrei,
noch ohne eine eigne Sprache für diese eignen Dinge und mit mancherlei
Rückfälligkeit und Schwankung. Im einzelnen vergleiche man, was ich
Menschliches, Allzumenschliches S. 51 über die doppelte Vorgeschichte von Gut
und Böse sage (nämlich aus der Sphäre er Vornehmen und der der Sklaven);
insgleichen S. 119 ff. über Wert und Herkunft der asketischen Moral;
insgleichen S. 78, 82, II. 35 über die "Sittlichkeit der Sitte," jene
viel ältere und ursprünglichere Art Moral, welche toto coelo von der
altruistischen Wertungsweise abliegt (in der Dr. Rée, gleich allen englischen
Moralgenealogen, die moralische Wertungsweise an sich sieht); insgleichen S.
74, Wanderer S 29, Morgenröte S. 99 über die Herkunft der Gerechtigkeit
als eines Ausgleichs zwischen ungefähr Gleich-Mächtigen (Gleichgewicht als
Voraussetzung aller Verträge, folglich alles Rechts); insgleichen über die
Herkunft der Strafe Wanderer S. 25, 34, für die der
terroristische Zweck weder essentiell noch ursprünglich ist (wie Dr. Rée
meint—er ist ihr vielmehr erst eingelegt, unter bestimmten Umständen, und immer
als ein Nebenbei, als etwas Hinzukommendes).
5
Im Grunde lag mir gerade damals etwas viel
Wichtigeres am Herzen als eigenes oder fremdes Hypothesenwesen über den
Ursprung der Moral (oder, genauer: letzteres allein um eines Zweckes willen, zu
dem es eins unter vielen Mitteln ist). Es handelte sich für mich um den Wert
der Moral—und darüber hatte ich mich fast allein mit meinem grossen Lehrer
Schopenhauer auseinanderzusetzen, an den wie an einen Gegenwärtigen jenes Buch,
die Leidenschaft und der geheime Widerspruch jenes Buchs sich wendet (—denn
auch jenes Buch war eine "Streitschrift"). Es handelte sich
insonderheit um den Wert des "Unegoistischen," der Mitleids-,
Selbstverleugnungs, Selbstopferungs-Instinkte, welche gerade Schopenhauer so
lang vergoldet, vergöttlicht und verjenseitigt hatte, bis sie ihm schliesslich
als die "Werte an sich" übrigblieben, auf Grund deren er zum Leben,
auch zu sich selbst, nein sagte. Aber gerade gegen diese Instinkte redete aus
mir ein immer grundsätzlicherer Argwohn, eine immer tiefer grabende Skepsis!
Gerade hier sah ich die grosse Gefahr der Menschheit, ihre sublimste Lockung
und Verführung wohin doch? ins Nichts?—, gerade hier sah ich den Anfang vom
Ende, das Stehenbleiben, die zurückblickende Müdigkeit, den Willen gegen das
Leben sich wendend, die letzte Krankheit sich zärtlich und schwermütig ankündigend:
ich verstand die immer mehr um sich greifende Mitleids-Moral, welche selbst die
Philosophen ergriff und krank Machte, als das unheimlichste Symptom unsrer
unheimlich gewordnen europäischen Kultur, als ihren Umweg zu einem neuen
Buddhismus? zu einem Europäer-Buddhismus? Zum—Nihilismus? . . . Diese moderne
Philosophen-Bevorzugung und Überschätzung des Mitleidens ist nämlich etwas
Neues: gerade über den Unwert des Mitleidens waren bisher die Philosophen
übereingekommen. Ich nenne nur Plato, Spinoza, La Rochefoucauld und Kant, vier
Geister so verschieden voneinander als möglich, aber in einem eins: in der
Geringschätzung des Mitleidens.
6
Dies Problem vom Werte des Mitleids und der
Mitleids-Moral (—ich bin ein Gegner der schändlichen modernen Gefühlsverweichlichung—)
scheint zunächst nur etwas Vereinzeltes, ein Fragezeichen für sich; wer aber
einmal hier hängenbleibt, hier fragen lernt, dem wird es gehn, wie es mir
ergangen ist—eine ungeheure neue Aussicht tut sich ihm auf, eine Möglichkeit
fasst ihn wie ein Schwindel, jede Art Misstrauen, Argwohn, Furcht springt
hervor, der Glaube an die Moral, an alle Moral wankt endlich wird eine neue
Forderung laut. Sprechen wir sie aus, diese neue Forderung: wir haben eine
Kritik der moralischen Werte nötig, der Wert dieser Werte ist selbst erst
einmal in Frage zu stellen und dazu tut eine Kenntnis der Bedingungen und
Umstände not, aus denen sie gewachsen, unter denen sie sich entwickelt und
verschoben haben (Moral als Folge, als Symptom, als Maske, als Tartüfferie, als
Krankheit, als Missverständnis; aber auch Moral als Ursache, als Heilmittel,
als Stimulans, als Hemmung, als Gift), wie eine solche Kenntnis weder bis jetzt
da war, noch auch nur begehrt worden ist. Man nahm den Wert dieser
"Werte" als gegeben, als tatsächlich, als jenseits aller
In-Frage-Stellung; man hat bisher auch nicht im entferntesten daran gezweifelt
und geschwankt, "den Guten" für höherwertig als "den Bösen"
anzusetzen, höherwertig im Sinne der Förderung, Nützlichkeit, Gedeihlichkeit in
Hinsicht auf den Menschen überhaupt (die Zukunft des Menschen eingerechnet).
Wie? wenn das Umgekehrte die Wahrheit wäre? Wie? wenn im "Guten" auch
ein Rückgangssymptom läge, insgleichen eine Gefahr, eine Verführung, ein Gift,
ein Narkotikum, durch das etwa die Gegenwart auf Kosten der Zukunft lebte?
Vielleicht behaglicher, ungefährlicher, aber auch in kleinerem Stile,
niedriger? . . . So dass gerade die Moral daran schuld wäre, wenn eine an sich
mögliche höchste Mächtigkeit und Pracht des Typus Mensch niemals erreicht
würde? So dass gerade die Moral die Gefahr der Gefahren wäre?
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Genug, dass ich selbst, seitdem mir dieser
Ausblick sich öffnete, Gründe hatte, mich nach gelehrten, kühnen und
arbeitsamen Genossen umzusehn (ich tue es heute noch). Es gilt, das ungeheure, ferne
und so versteckte Land der Moral—der wirklich dagewesenen, wirklich gelebten
Moral—mit lauter neuen Fragen und gleichsam mit neuen Augen zu bereisen: und
heisst dies nicht beinahe soviel als dieses Land erst entdecken? Wenn ich dabei, unter anderen, auch
an den genannten Dr. Rée dachte, so geschah es, weil ich gar nicht zweifelte,
dass er von der Natur seiner Fragen selbst auf eine richtigere Methodik, um zu
Antworten zu gelangen, gedrängt werden würde. Habe ich mich darin betrogen?
Mein Wunsch war es jedenfalls, einem so scharfen und unbeteiligten Auge eine
bessere Richtung, die Richtung zur wirklichen Historie der Moral zu geben und
ihn vor solchem englischen Hypothesenwesen ins Blaue noch zur rechten Zeit zu
warnen. Es liegt ja auf der Hand, welche Farbe für einen Moral-Genealogen
hundertmal wichtiger sein muss als gerade das Blaue: nämlich das Graue, will
sagen, das Urkundliche, das Wirklich-Feststellbare, das Wirklich-Dagewesene,
kurz die ganze lange, schwer zu entziffernde Hieroglyphenschrift der menschlichen
Moral-Vergangenheit! Diese war dem Dr. Rée unbekannt; aber er hatte Darwin gelesen—und
so reichen sich in seinen Hypothesen auf eine Weise, die zum mindesten
unterhaltend ist, die Darwinsche Bestie und der allermodernste bescheidne
Moral-Zärtling, der "nicht mehr beisst," artig die Hand, letzterer
mit dem Ausdruck einer gewissen gutmütigen und feinen Indolenz im Gesicht, in
die selbst ein Gran von Pessimismus, von Ermüdung eingemischt ist: als ob es
sich eigentlich gar nicht lohne, alle diese Dinge—die Probleme der Moral—so
ernst zu nehmen. Mir nun scheint es umgekehrt gar keine Dinge zu geben, die es
mehr lohnten, dass man sie ernst nimmt; zu welchem Lohne es zum Beispiel
gehört, dass man eines Tags vielleicht die Erlaubnis erhält, sie heiter zu
nehmen. Die Heiterkeit nämlich oder, um es in meiner Sprache zu sagen, die
fröhliche Wissenschaft—ist ein Lohn: ein Lohn für einen langen, tapferen,
arbeitsamen und unterirdischen Ernst, der freilich nicht jedermanns Sache ist,
An dem Tage aber, wo wir aus vollem Herzen sagen: "vorwärts! auch unsre
alte Moral gehört in die Komödie!" haben wir für das dionysische Drama vom
"Schicksal der Seele" eine neue Verwicklung der Möglichkeit
entdeckt—: und er wird sie sich schon zunutze machen, darauf darf man wetten,
er, der grosse alte ewige Komödiendichter unsres Daseins! . . .
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Wenn diese Schrift irgend jemandem
unverständlich ist und schlecht zu Ohren geht, so liegt die Schuld, wie mich
dünkt, nicht notwendig an mir. Sie ist deutlich genug, vorausgesetzt, was ich
voraussetze, dass man zuerst meine früheren Schriften gelesen und einige Mühe
dabei nicht gespart hat: diese sind in der Tat nicht leicht zugänglich. Was zum
Beispiel meinen "Zarathustra" anbetrifft, so lasse ich
niemanden als dessen Kenner gelten, den nicht jedes seiner Worte irgendwann
einmal tief verwundet und irgendwann einmal tief entzückt hat: erst dann
nämlich darf er des Vorrechts geniessen, an dem halkyonischen Element, aus dem
jenes Werk geboren ist, an seiner sonnigen Helle, Ferne, Weite und Gewissheit
ehrfürchtig Anteil zu haben. In andern Fällen macht die aphoristische Form
Schwierigkeit: sie liegt darin, dass man diese Form heute nicht schwer genug
nimmt. Ein Aphorismus, rechtschaffen geprägt und ausgegossen, ist damit, dass
er abgelesen ist, noch nicht "entziffert"; vielmehr hat nun erst
dessen Auslegung zu beginnen, zu der es einer Kunst der Auslegung bedarf. ich
habe in der dritten Abhandlung dieses Buchs ein Muster von dem dargeboten, was
ich in einem solchen Falle "Auslegung" nenne—dieser Abhandlung ist
ein Aphorismus vorangestellt, sie selbst ist dessen Kommentar. Freilich tut, um
dergestalt das Lesen als Kunst zu üben, eins vor allem not, was heutzutage
gerade am besten verlernt worden ist—und darum hat es noch Zeit bis zur
"Lesbarkeit" meiner Schriften—, zu dem man beinahe Kuh und jedenfalls
nicht "moderner Mensch" sein muss: das Wiederkäuen.
Sils-Maria,
Oberengadin,
im Juli 1887.
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