Friedrich
Nietzsche
Zur Genealogie der Moral
[Vorrede] [Zweite Abhandlung] [Dritte Abhandlung]
Erste
Abhandlung
“Gut und Böse,” “Gut und Schlecht”
1
Diese englischen Psychologen, denen man bisher
auch die einzigen Versuche zu danken hat, es zu einer Entstehungsgeschichte der
Moral zu bringen,—sie geben uns mit sich selbst kein kleines Rätsel auf; sie
haben sogar, dass ich es gestehe, eben damit, als leibhaftige Rätsel, etwas
Wesentliches vor ihren Büchern voraus—sie selbst sind interessant! Diese
englischen Psychologen—was wollen sie eigentlich? Man findet sie, sei es nun
freiwillig oder unfreiwillig, immer am gleichen Werke, nämlich die partie
honteuse unsrer inneren Welt in den Vordergrund zu drängen und gerade dort das
eigentlich Wirksame, Leitende, für die Entwicklung Entscheidende zu suchen, wo
der intellektuelle Stolz des Menschen es am letzten zu finden wünschte (zum
Beispiel in der vis inertiae der Gewohnheit oder in der Vergesslichkeit
oder in einer blinden und zufälligen Ideen-Verhäkelung und -Mechanik oder in
irgend etwas Rein-Passivem, Automatischem, Reflexmässigem, Molekularem und
Gründlich-Stupidem)—was treibt diese Psychologen eigentlich immer gerade in diese
Richtung? Ist es ein heimlicher, hämischer, gemeiner, seiner selbst vielleicht
uneingeständlicher Instinkt der Verkleinerung des Menschen? Oder etwa ein
pessimistischer Argwohn, das Misstrauen von enttäuschten, verdüsterten, giftig
und grün gewordenen Idealisten? Oder eine kleine unterirdische Feindschaft und
Rancune gegen das Christentum (und Plato), die vielleicht nicht einmal über die
Schwelle des Bewusstseins gelangt ist? Oder gar ein lüsterner Geschmack am
Befremdlichen, am Schmerzhaft-Paradoxen, am Fragwürdigen und Unsinnigen des
Daseins? Oder endlich—von allem etwas, ein wenig Gemeinheit, ein wenig
Verdüsterung, ein wenig Antichristlichkeit, ein wenig Kitzel und Bedürfnis nach
Pfeffer? Aber
man sagt mir, dass es einfach alte, kalte, langweilige Frösche seien, die am
Menschen herum, in den Menschen hinein kriechen und hüpfen, wie als ob sie da
so recht in ihrem Elemente wären, nämlich in einem Sumpfe. Ich höre das mit
Widerstand, mehr noch, ich glaube nicht daran; und wenn man wünschen darf, wo
man nicht wissen kann, so wünsche ich von Herzen, dass es umgekehrt mit ihnen
stehen möge—dass diese Forscher und Mikroskoptiker der Seele im Grunde tapfere,
grossmütige und stolze Tiere seien, welche ihr Herz wie ihren Schmerz im Zaum
zu halten wissen und sich dazu erzogen haben, der Wahrheit alle Wünschbarkeit
zu opfern, jeder Wahrheit, sogar der schlichten, herben, hässlichen, widrigen,
unchristlichen, unmoralischen Wahrheit . . . Denn es gibt solche Wahrheiten.
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Alle Achtung also vor den guten Geistern, die
in diesen Historikern der Moral walten mögen! Aber gewiss ist leider, dass
ihnen der historische Geist selber abgeht, dass sie gerade von allen guten
Geistern der Historie selbst im Stich gelassen worden sind! Sie denken
allesamt, wie es nun einmal alter Philosophen-Brauch ist, wesentlich
unhistorisch; daran ist kein Zweifel. Die Stümperei ihrer Moral-Genealogie
kommt gleich am Anfang zutage, da, wo es sich darum handelt, die Herkunft des
Begriffs und Urteils “gut” zu ermitteln. “Man hat ursprünglich”—so dekretieren
sie “unegoistische Handlungen von seiten derer gelobt und gut genannt, denen
sie erwiesen wurden, also denen sie nützlich waren; später hat man diesen
Ursprung des Lobes vergessen und die unegoistischen Handlungen einfach, weil
sie gewohnheitsmässig immer als gut gelobt wurden, auch als gut empfunden—wie
als ob sie an sich etwas Gutes wären.” Man sieht sofort: diese erste Ableitung
enthält bereits alle typischen Züge der englischen
Psychologen-Idiosynkrasie—wir haben “die Nützlichkeit,” “das Vergessen,” “die
Gewohnheit” und am Schluss “den Irrtum,” alles als Unterlage einer
Wertschätzung, auf welche der höhere Mensch bisher wie auf eine Art Vorrecht
des Menschen überhaupt stolz gewesen ist. Dieser Stolz soll gedemütigt, diese
Wertschätzung entwertet werden: ist das erreicht? . . . Nun liegt für mich
erstens auf der Hand, dass von dieser Theorie der eigentliche Entstehungsherd
des Begriffs “gut” an falscher Stelle gesucht und angesetzt wird: das Urteil
“gut” rührt nicht von denen her, welchen “Güte” erwiesen wird! Vielmehr sind es
“die Guten” selber gewesen, das heisst die Vornehmen, Mächtigen,
Höhergestellten und Hochgesinnten, welche sich selbst und ihr Tun als gut,
nämlich als ersten Ranges empfanden und ansetzten, im Gegensatz zu allem
Niedrigen, Niedrig-Gesinnten, Gemeinen und Pöbelhaften. Aus diesem Pathos der
Distanz heraus haben sie sich das Recht, Werte zu schaffen, Namen der Werte
auszuprägen, erst genommen: was ging sie die Nützlichkeit an! Der Gesichtspunkt
der Nützlichkeit ist gerade in bezug auf ein solches heisses Herausquellen
oberster rang-ordnender, rang-abhebender Werturteile so fremd und unangemessen
wie möglich: hier ist eben das Gefühl bei einem Gegensatze jenes niedrigen
Wärmegrades angelangt, den jede berechnende Klugheit, jeder
Nützlichkeits-Kalkül voraussetzt—und nicht für einmal, nicht für eine Stunde
der Ausnahme, sondern für die Dauer. Das Pathos der Vornehmheit und Distanz,
wie gesagt, das dauernde und dominierende Gesamt- und Grundgefühl einer höheren
herrschenden Art im Verhältnis zu einer niederen Art, zu einem “Unten”—das ist
der Ursprung des Gegensatzes “gut” und “schlecht.” (Das Herrenrecht, Namen zu
geben, geht so weit, dass man sich erlauben sollte, den Ursprung der Sprache
selbst als Machtäusserung der Herrschenden zu fassen: sie sagen “das ist das
und das,” sie siegeln jegliches Ding und Geschehen mit einem Laute ab und
nehmen es dadurch gleichsam in Besitz.) Es liegt an diesem Ursprunge, dass das
Wort “gut” sich von vornherein durchaus nicht notwendig an “unegoistische”
Handlungen anknüpft: wie es der Aberglaube jener Moralgenealogen ist. Vielmehr
geschieht es erst bei einem Niedergange aristokratischer Werturteile, dass sich
dieser ganze Gegensatz “egostisch” “unegoistisch” dem menschlichen Gewissen
mehr und mehr aufdrängt—es ist, um mich meiner Sprache zu bedienen, der
Herdeninstinkt, der mit ihm endlich zu Worte (auch zu Worten) kommt. Und auch
dann dauert es noch lange, bis dieser Instinkt in dem Masse Herr wird, dass die
moralische Wertschätzung bei jenem Gegensatze geradezu hängen und stecken
bleibt (wie dies zum Beispiel im gegenwärtigen Europa der Fall ist: heute
herrscht das Vorurteil, welches “moralisch,” “unegoistisch,” “désintéressé” als
gleichwertige Begriffe nimmt, bereits mit der Gewalt einer “fixen Idee” und
Kopfkrankheit).
3
Zweitens aber: ganz abgesehn von der
historischen Unhaltbarkeit jener Hypothese über die Herkunft des Werturteils
“gut,” krankt sie an einem psychologischen Widersinn in sich selbst. Die
Nützlichkeit der unegoistischen Handlung soll der Ursprung ihres Lobes sein,
und dieser Ursprung soll vergessen worden sein—wie ist dies Vergessen auch nur
möglich? Hat vielleicht die Nützlichkeit solcher Handlungen irgendwann einmal
aufgehört? Das Gegenteil ist der Fall: diese Nützlichkeit ist vielmehr die
Alltagserfahrung zu allen Zeiten gewesen, etwas also, das fortwährend immer neu
unterstrichen wurde; folglich, statt aus dem Bewusstsein zu verschwinden, statt
vergessbar zu werden, sich dem Bewusstsein mit immer grösserer Deutlichkeit
eindrücken musste. Um wieviel vernünftiger ist jene entgegengesetzte Theorie
(sie ist deshalb nicht wahrer—), welche zum Beispiel von Herbert Spencer
vertreten wird: der den Begriff “gut” als wesensgleich mit dem Begriff
“nützlich,” “zweckmässig” ansetzt, so dass in den Urteilen “gut” und “schlecht”
die Menschheit gerade ihre unvergessnen und unvergessbaren Erfahrungen über
nützlich-zweckmässig, über schädlich-unzweckmässig aufsummiert und sanktioniert
habe. Gut ist, nach dieser Theorie, was sich von jeher als nützlich bewiesen
hat: damit darf es als “wertvoll im höchsten Grade,” als “wertvoll an sich”
Geltung behaupten. Auch dieser Weg der Erklärung ist, wie gesagt, falsch, aber
wenigstens ist die Erklärung selbst in sich vernünftig und psychologisch
haltbar.
4
Den Fingerzeig zum rechten Wege gab mir die
Frage, was eigentlich die von den verschiedenen Sprachen ausgeprägten
Bezeichnungen des “Guten” in etymologischer Hinsicht zu bedeuten haben: da fand
ich, dass sie allesamt auf die gleiche Begriffs-Verwandlung zurückleiten—dass
überall “vornehm,” “edel” im ständischen Sinne der Grundbegriff ist, aus dem
sich “gut” im Sinne von “seelisch-vornehm,” “edel,” von “seelisch-hochgeartet,”
“seelisch-privilegiert” mit Notwendigkeit herausentwickelt: eine Entwicklung,
die immer parallel mit jener anderen läuft, welche “gemein,” “pöbelhaft,”
“niedrig” schliesslich in den Begriff “schlecht” übergehn macht. Das beredteste
Beispiel für das letztere ist das deutsche Wort “schlecht” selber: als welches
mit “schlicht” identisch ist—vergleiche “schlechtweg,” “schlechterdings”—und
ursprünglich den schlichten, den gemeinen Mann, noch ohne einen verdächtigenden
Seitenblick, einfach im Gegensatz zum Vornehmen bezeichnete. Um die Zeit des
Dreissigjährigen Kriegs ungefähr, also spät genug, verschiebt sich dieser Sinn
in den jetzt gebräuchlichen. Dies scheint mir in betreff der Moral-Genealogie
eine wesentliche Einsicht; dass sie so spät erst gefunden wird, liegt an dem
hemmenden Einfluss, den das demokratische Vorurteil innerhalb der modernen Welt
in Hinsicht auf alle Fragen der Herkunft ausübt. Und dies bis in das
anscheinend objektivste Gebiet der Naturwissenschaft und Physiologie hinein,
wie hier nur angedeutet werden soll. Welchen Unfug aber dieses Vorurteil,
einmal bis zum Hass entzügelt, insonderheit für Moral und Historie anrichten
kann, zeigt der berüchtigte Fall Buckles; der Plebejismus des modernen Geistes,
der englischer Abkunft ist, brach da einmal wieder auf seinem heimischen Boden
heraus, heftig wie ein schlammichter Vulkan und mit jener versalzten,
überlauten, gemeinen Beredsamkeit, mit der bisher alle Vulkane geredet haben.
5
In Hinsicht auf unser Problem, das aus guten
Gründen ein stilles Problem genannt werden kann und sich wählerisch nur an
wenige Ohren wendet, ist es von keinem kleinen Interesse, festzustellen, dass
vielfach noch in jenen Worten und Wurzeln, die “gut” bezeichnen, die
Hauptnuance durchschimmert, auf welche hin die Vornehmen sich eben als Menschen
höheren Ranges fühlten. Zwar benennen sie sich vielleicht in den häufigsten
Fällen einfach nach ihrer Überlegenheit an Macht (als “die mächtigen,” “die
Herren,” “die Gebietenden”) oder nach dem sichtbarsten Abzeichen dieser
Überlegenheit, zum Beispiel als “die Reichen,” “die Besitzenden” (das ist der
Sinn von arya; und entsprechend im Eranischen und Slavischen). Aber auch nach
einem typischen Charakterzuge: und dies ist der Fall, der uns hier angeht. Sie
heissen sich zum Beispiel “die Wahrhaftigen”; voran der griechische Adel,
dessen Mundstück der megarische Dichter Theognis ist. Das dafür ausgeprägte
Wort esthlos bedeutet der Wurzel nach einen, der ist, der Realität hat,
der wirklich ist, der wahr ist; dann, mit einer subjektiven Wendung, den Wahren
als den Wahrhaftigen: in dieser Phase der Begriffs-Verwandlung wird es zum
Schlag- und Stichwort des Adels und geht ganz und gar in den Sinn “adelig”
über, zur Abgrenzung vom lügenhaften gemeinen Manne, so wie Theognis ihn nimmt
und schildert—bis endlich das Wort, nach dem Niedergange des Adels, zur
Bezeichnung der seelischen Noblesse übrigbleibt und gleichsam reif und süss
wird. Im Worte kakos wie in deilos (der Plebejer im Gegensatz zum
agathos) ist die Feigheit unterstrichen: dies gibt vielleicht einen
Wink-, in welcher Richtung man die etymologische Herkunft des mehrfach
deutbaren agathos zu suchen hat. Im lateinischen malus (dem ich melas
zur Seite stelle) könnte der gemeine Mann als der Dunkelfarbige, vor allem als
der Schwarzhaarige (“hic niger est—”) gekennzeichnet sein, als der vorarische
Insasse des italischen Bodens, der sich von der herrschend gewordnen blonden,
nämlich arischen Eroberer-Rasse durch die Farbe am deutlichsten abhob;
wenigstens bot mir das Gälische den genau entsprechenden Fall—fin (zum Beispiel
im Namen Fin-Gal) das abzeichnende Wort des Adels, zuletzt der Gute,
Edle, Reine, ursprünglich der Blondkopf, im Gegensatz zu den dunklen
schwarzhaarigen Ureinwohnern. Die Kelten, beiläufig gesagt, waren durchaus eine
blonde Rasse; man tut Unrecht, wenn man jene Streifen einer wesentlich
dunkelhaarigen Bevölkerung, die sich auf sorgfältigeren ethnographischen Karten
Deutschlands bemerkbar machen, mit irgendwelcher keltischen Herkunft und
Blutmischung in Zusammenhang bringt, wie dies noch Virchow tut: vielmehr
schlägt an diesen Stellen die vorarische Bevölkerung Deutschlands vor. (Das
gleiche gilt beinahe für ganz Europa: im wesentlichen hat die unterworfne Rasse
schliesslich daselbst wieder die Oberhand bekommen, in Farbe, Kürze des
Schädels, vielleicht sogar in den intellektuellen und sozialen Instinkten: wer
steht uns dafür, ob nicht die moderne Demokratie, der noch modernere
Anarchismus und namentlich jener Hang zur “commune,” zur primitivsten
Gesellschafts-Form, der allen Sozialisten Europas jetzt gemeinsam ist, in der
Hauptsache einen ungeheuren Nachschlag zu bedeuten hat—und dass die Eroberer-
und Herren-Rasse, die der Arier, auch physiologisch im Unterliegen ist?). Das lateinische bonus glaube
ich als “den Krieger” auslegen zu dürfen: vorausgesetzt, dass ich mit Recht bonus
auf ein älteres duonus zurückführe (vergleiche bellum = duellum
= duen-lum worin mir jenes duonus erhalten scheint). Bonus
somit als Mann des Zwistes, der Entzweiung (duo), als Kriegsmann:
man sieht, was im alten Rom an einem Manne seine “Güte” ausmachte. Unser
deutsches “Gut” selbst: sollte es nicht “den Göttlichen,” den Mann “göttlichen
Geschlechts” bedeuten? Und mit dem Volks-(ursprünglich Adels) Namen der Gothen
identisch sein? Die Gründe zu dieser Vermutung gehören nicht hierher.—
6
Von dieser Regel, dass der politische
Vorrangs-Begriff sich immer einen seelischen Vorrangs-Begriff auslöst, macht es
zunächst noch keine Ausnahme (obgleich es Anlass zu Ausnahmen gibt), wenn die
höchste Kaste zugleich die priesterliche Kaste ist und folglich zu ihrer
Gesamt-Bezeichnung ein Prädikat bevorzugt, das an ihre priesterliche Funktion
erinnert. Da tritt zum Beispiel “rein” und “unrein” sich zum ersten Male als
Ständeabzeichen gegenüber; und auch hier kommt später ein “gut” und ein “schlecht”
in einem nicht mehr ständischen Sinne zur Entwicklung. Im übrigen sei man davor
gewarnt, diese Begriffe “rein” und “unrein” nicht von vornherein zu schwer, zu
weit oder gar symbolisch zu nehmen: alle Begriffe der älteren Menschheit sind
vielmehr anfänglich in einem uns kaum ausdenkbaren Masse grob, plump,
äusserlich, eng, geradezu und insbesondere unsymbolisch verstanden worden. Der
“Reine” ist von Anfang an bloss ein Mensch, der sich wäscht, der sich gewisse
Speisen verbietet, die Hautkrankheiten nach sich ziehn, der nicht mit den
schmutzigen Weibern des niederen Volkes schläft, der einen Abscheu vor Blut
hat—nicht mehr, nicht viel mehr! Andrerseits erhellt es freilich aus der ganzen
Art einer wesentlich priesterlichen Aristokratie, warum hier gerade frühzeitig
sich die Wertungs-Gegensätze auf eine gefährliche Weise verinnerlichen und
verschärfen konnten; und in der Tat sind durch sie schliesslich Klüfte zwischen
Mensch und Mensch aufgerissen worden, über die selbst ein Achill der
Freigeisterei nicht ohne Schauder hinwegsetzen wird. Es ist von Anfang an etwas
Ungesundes in solchen priesterlichen Aristokratien und in den daselbst
herrschenden, dem Handeln abgewendeten, teils brütenden, teils
gefühls-explosiven Gewohnheiten, als deren Folge jene den Priestern aller
Zeiten fast unvermeidlich anhaftende intestinale Krankhaftigkeit und
Neurasthenie erscheint; was aber von ihnen selbst gegen diese ihre
Krankhaftigkeit als Heilmittel erfunden worden ist—muss man nicht sagen, dass
es sich zuletzt in seinen Nachwirkungen noch hundertmal gefährlicher erwiesen
hat als die Krankheit, von der es erlösen sollte? Die Menschheit selbst krankt
noch an den Nachwirkungen dieser priesterlichen Kur-Naivitäten! Denken wir zum
Beispiel an gewisse Diätformen (Vermeidung des Fleisches), an das Fasten, an
die geschlechtliche Enthaltsamkeit, an die Flucht “in die Wüste”
(Weis-Mitchellsche Isolierung, freilich ohne die darauffolgende Mastkur und
Überernährung, in der das wirksamste Gegenmittel gegen alle Hysterie des
asketischen Ideals besteht): hinzugerechnet die ganze sinnenfeindliche faul-
und raffiniertmachende Metaphysik der Priester, ihre Selbst-Hypnotisierung nach
Art des Fakirs und Brahmanen—Brahman als gläserner Knopf und fixe Idee
benutzt—und das schliessliche nur zu begreifliche allgemeine Satthaben mit
seiner Radikalkur, dem Nichts (oder Gott—das Verlangen nach einer unio
mystica mit Gott ist das Verlangen des Buddhisten ins Nichts, Nirwana—und
nicht mehr!). Bei den Priestern wird oben alles gefährlicher, nicht nur
Kurmittel und Heilkünste, sondern auch Hochmut, Rache, Scharfsinn,
Ausschweifung, Liebe, Herrschsucht, Tugend, Krankheit—mit einiger Billigkeit
liesse sich allerdings auch hinzufügen, dass erst auf dem Boden dieser
wesentlich gefährlichen Daseinsform des Menschen, der priesterlichen, der
Mensch überhaupt ein interessantes Tier geworden ist, dass erst hier die
menschliche Seele in einem höheren Sinne Tiefe bekommen hat und böse geworden
ist—und das sind ja die beiden Grundformen der bisherigen Überlegenheit des
Menschen über sonstiges Getier!
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Man wird bereits erraten haben, wie leicht sich
die priesterliche Wertungs-Weise von der ritterlich-aristokratischen abzweigen
und dann zu deren Gegensatz fortentwickeln kann; wozu es insonderheit jedesmal
einen Anstoss gibt, wenn die Priesterkaste und die Kriegerkaste einander
eifersüchtig entgegentreten und über den Preis miteinander nicht einig werden
wollen. Die ritterlich-aristokratischen Werturteile haben zu ihrer
Voraussetzung eine mächtige Leiblichkeit, eine blühende, reiche, selbst
überschäumende Gesundheit, samt dem, was deren Erhaltung bedingt, Krieg,
Abenteuer, Jagd, Tanz, Kampfspiele und alles überhaupt, was starkes, freies,
frohgemutes Handeln in sich schliesst. Die priesterlich-vornehme Wertungs-Weise
hat—wir sahen es—andre Voraussetzungen: schlimm genug für sie, wenn es sich um
Krieg handelt! Die Priester sind, wie bekannt, die bösesten Feinde—weshalb
doch? Weil sie die ohnmächtigsten sind. Aus der Ohnmacht wächst bei ihnen der
Hass ins Ungeheure und Unheimliche, ins Geistigste und Giftigste. Die ganz
grossen Hasser in der Weltgeschichte sind immer Priester gewesen, auch die
geistreichsten Hasser—gegen den Geist der priesterlichen Rache kommt überhaupt
aller übrige Geist kaum in Betracht. Die menschliche Geschichte wäre eine gar
zu dumme Sache ohne den Geist, der von den Ohnmächtigen her in sie gekommen
ist:—nehmen wir sofort das grösste Beispiel. Alles, was auf Erden gegen “die
Vornehmen,” “die Gewaltigen,” “die Herren,” “die Machthaber” getan worden ist,
ist nicht der Rede wert im Vergleich mit dem, was die Juden gegen sie getan
haben; die Juden, jenes priesterliche Volk, das sich an seinen Feinden und
Überwältigern zuletzt nur durch eine radikale Umwertung von deren Werten, also
durch einen Akt der geistigsten Rache Genugtuung zu schaffen wusste. So allein
war es eben einem priesterlichen Volk gemäss, dem Volke der zurückgetretensten
priesterlichen Rachsucht. Die Juden sind es gewesen, die gegen die
aristokratische Wertgleichung (gut = vornehm = mächtig = schön = glücklich =
gottgeliebt) mit einer furcht einflössenden Folgerichtigkeit die Umkehrung
gewagt und mit den Zähnen des abgründlichsten Hasses (des Hasses der Ohnmacht)
festgehalten haben nämlich “die Elenden sind allein die Guten, die Armen,
Ohnmächtiger Niedrigen sind allein die Guten, die Leidenden, Entbehrenden,
Kranker Hässlichen sind auch die einzig Frommen, die einzig Gottseligen, für
sich allein gibt es Seligkeit—dagegen ihr, ihr Vornehmen und Gewaltigen, ihr
seid in alle Ewigkeit die Bösen, die Grausamen, die Lüsternen, die
Unersättlichen, die Gottlosen, ihr werdet auch ewig die Unseligen, Verfluchten
und Verdammten sein!” . . . Man weiss, wer die Erbschaft dieser jüdischen
Umwertung gemacht hat . . . Ich erinnere in betreff der ungeheuren und über
alle Massen verhängnisvollen Initiative, welche die Juden mit dieser
grundsätzlichsten aller Kriegserklärungen gegeben haben, an den Satz auf den
ich bei einer andren Gelegenheit gekommen bin (“Jenseits von Gut und Böse” p.
118)—dass nämlich mit den Juden der Sklavenaufstand in der Moral beginnt: jener
Aufstand, welcher eine zweitausend jährige Geschichte hinter sich hat und der
uns heute nur deshalb aus den Augen gerückt ist, weil er siegreich gewesen ist.
8
Aber ihr versteht das nicht? Ihr habt keine
Augen für etwas, da zwei Jahrtausende gebraucht hat, um zum Siege zu kommen? .
. . Daran ist nichts zum Verwundern: alle langen Dinge sind schwer zu sehn, zu
übersehn. Das aber ist das Ereignis: aus dem Stamme jenes Baums der Rache und
des Hasses, des jüdischen Hasses—des tiefsten und sublimsten, nämlich Ideale
schaffenden, Werte umschaffenden Hasses, dessen gleichen nie auf Erden
dagewesen ist—wuchs etwas ebenso Unvergleichliches heraus, eine neue Liebe, die
tiefste und sublimste aller Arten Liebe—und aus welchem andren Stamme hätte sie
auch wachsen können? Dass man aber ja nicht vermeine, sie sei etwa als die eigentliche
Verneinung jenes Durste nach Rache, als der Gegensatz des jüdischen Hasses
emporgewachsen! Nein, das Umgekehrte ist die Wahrheit! Die Liebe wuchs aus ihm
heraus, als seine Krone, als die triumphierende, in der reinsten Helle und
Sonnenfülle sich breit und breiter entfaltende Krone, welche mit demselben
Drang gleichsam im Reiche des Lichts und der Höhe auf die Ziele jenes Hasses,
auf Sieg, auf Beute, auf Verführung aus war, mit dem die Wurzeln jenes Hasses
sich immer gründlicher und begehrlicher in alles, was Tiefe hatte und böse war,
hinuntersenkten. Dieser Jesus von Nazareth, als das leibhafte Evangelium der
Liebe, dieser den Armen, den Kranken, den Sündern die Seligkeit und den Sieg
bringende “Erlöser”—war er nicht gerade die Verführung in ihrer unheimlichsten
und unwiderstehlichsten Form, die Verführung und der Umweg zu eben jenen
jüdischen Werten und Neuerungen des Ideals? Hat Israel nicht gerade auf dem
Umwege dieses “Erlösers,” dieses scheinbaren Widersachers und Auflösers
Israels, das letzte Ziel seiner sublimen Rachsucht erreicht? Gehört es nicht in
die geheime schwarze Kunst einer wahrhaft grossen Politik der Rache, einer
weitsichtigen, unterirdischen, langsam-greifenden und vorausrechnenden Rache,
dass Israel selber das eigentliche Werkzeug seiner Rache vor aller Welt wie
etwas Todfeindliches verleugnen und ans Kreuz schlagen musste, damit “alle
Welt,” nämlich alle Gegner Israels unbedenklich gerade an diesem Köder
anbeissen konnten? Und wüsste man sich andrerseits, aus allem Raffinement des
Geistes heraus, überhaupt noch einen gefährlicheren Köder auszudenken? Etwas,
das an verlockender, berauschender, betäubender, verderbender Kraft jenem Symbol
des “heiligen Kreuzes” gleichkäme, jener schauerlichen Paradoxie eines “Gottes
am Kreuze,” jenem Mysterium einer unausdenkbaren letzten äussersten Grausamkeit
und Selbstkreuzigung Gottes zum Heile des Menschen? Gewiss ist wenigstens, dass sub hoc
signo Israel mit seiner Rache und Umwertung aller Werte bisher über alle
anderen Ideale, über alle vornehmeren ideale immer wieder triumphiert hat.
9
“Aber was reden Sie noch von vornehmeren
Idealen! Fügen wir uns in die Tatsachen: das Volk hat gesiegt—oder ‘die
Sklaven’ oder ‘der Pöbel’ oder ‘die Herde’ oder wie Sie es zu nennen
belieben—wenn dies durch die Juden geschehn ist, wohlan! so hatte nie ein Volk
eine welthistorischere Mission. ‘Die Herren’ sind abgetan; die Moral des
gemeinen Mannes hat gesiegt. Man mag diesen Sieg zugleich als eine
Blutvergiftung nehmen (er hat die Rassen durcheinandergemengt)—ich widerspreche
nicht; unzweifelhaft ist aber diese Intoxikation gelungen. Die ‘Erlösung’ des
Menschengeschlechts (nämlich von ‘den Herren’) ist auf dem besten Wege; alles
verjüdelt oder verchristlicht oder verpöbelt sich zusehends (was liegt an
Worten!). Der Gang dieser Vergiftung, durch den ganzen Leib der Menschheit
hindurch, scheint unaufhaltsam, ihr Tempo und Schritt darf sogar von nun an
immer langsamer, feiner, unhörbarer, besonnener sein—man hat ja Zeit . . .
Kommt der Kirche in dieser Absicht heute noch eine notwendige Aufgabe,
überhaupt noch ein Recht auf Dasein zu? Oder könnte man ihrer entraten?
Quaeritur. Es scheint, dass sie jenen Gang eher hemmt und zurückhält,
statt ihn zu beschleunigen? Nun, eben das könnte ihre Nützlichkeit sein . . .
Sicherlich ist sie nachgerade etwas Gröbliches und Bäurisches, das einer
zarteren Intelligenz, einem eigentlich modernen Geschmacke widersteht. Sollte
sie sich zum mindesten nicht etwas raffinieren? . . . Sie entfremdet heute
mehr, als dass sie verführte . . . Wer von uns würde wohl Freigeist sein, wenn
es nicht die Kirche gäbe? Die Kirche widersteht uns, nicht ihr Gift . . . Von
der Kirche abgesehn lieben auch wir das Gift . . .” Dies ist der Epilog eines
“Freigeistes” zu meiner Rede, eines ehrlichen Tiers, wie er reichlich verraten
hat, überdies eines Demokraten; er hatte mir bis dahin zugehört und hielt es
nicht aus, mich schweigen zu hören. Für mich nämlich gibt es an dieser Stelle
viel zu schweigen.
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Der Sklavenaufstand in der Moral beginnt damit,
dass das Ressentiment selbst schöpferisch wird und Werte gebiert: das
Ressentiment solcher Wesen, denen die eigentliche Reaktion, die der Tat,
versagt ist, die sich nur durch eine imaginäre Rache schadlos halten. Während
alle vornehme Moral aus einem triumphierenden Ja-sagen zu sich selber
herauswächst, sagt die Sklaven-Moral von vornherein Nein zu einem “Ausserhalb,”
zu einem “Anders,” zu einem “Nicht-selbst”: und dies Nein ist ihre
schöpferische Tat. Diese Umkehrung des werte-setzenden Blicks—diese notwendige
Richtung nach aussen statt zurück auf sich selber—gehört eben zum Ressentiment:
die Sklaven-Moral bedarf, um zu entstehn, immer zuerst einer Gegen- und Aussenwelt,
sie bedarf, physiologisch gesprochen, äusserer Reize, um überhaupt zu
agieren—ihre Aktion ist von Grund aus Reaktion.
Das Umgekehrte ist bei der vornehmen
Wertungsweise der Fall: sie agiert und wächst spontan, sie sucht ihren
Gegensatz nur auf, um zu sich selber noch dankbarer, noch frohlockender ja zu
sagen—ihr negativer Begriff “niedrig,” “gemein,” “schlecht” ist nur ein
nachgebornes blasses Kontrastbild im Verhältnis zu ihrem positiven, durch und
durch mit Leben und Leidenschaft durchtränkten Grundbegriff “wir Vornehmen, wir
Guten, wir Schönen, wir Glücklichen!” Wenn die vornehme Wertungsweise sich
vergreift und an der Realität versündigt, so geschieht dies in bezug auf die
Sphäre, welche ihr nicht genügend bekannt ist, ja gegen deren wirkliches Kennen
sie sich spröde zur Wehr setzt: sie verkennt unter Umständen die von ihr
verachtete Sphäre, die des gemeinen Mannes, des niedren Volks; andrerseits
erwäge man, dass jedenfalls der Affekt der Verachtung, des Herabblickens, des
Überlegen-Blickens, gesetzt dass er das Bild des Verachteten fälscht, bei
weitem hinter der Fälschung zurückbleiben wird, mit der der zurückgetretene
Hass, die Rache des Ohnmächtigen, sich an seinem Gegner—in effigie
natürlich—vergreifen wird. In der Tat ist in der Verachtung zu viel Nachlässigkeit,
zu viel Leicht-Nehmen, zu viel Wegblicken und Ungeduld mit eingemischt, selbst
zu viel eignes Frohgefühl, als dass sie imstande wäre, ihr Objekt zum
eigentlichen Zerrbild und Scheusal umzuwandeln.
Man überhöre doch die beinahe wohlwollenden
nuances nicht, welche zum Beispiel der griechische Adel in alle Worte legt, mit
denen er das niedere Volk von sich abhebt; wie sich fortwährend eine Art
Bedauern, Rücksicht, Nachsicht einmischt und anzuckert, bis zu dem Ende, dass
fast alle Worte, die dem gemeinen Manne zukommen, schliesslich als Ausdrücke
für “unglücklich,” “bedauernswürdig” übriggeblieben sind (vergleiche deilos,
deilaios, poneros, mochtheros, letztere zwei eigentlich den gemeinen
Mann als Arbeitssklaven und Lasttier kennzeichnend)—und wie andrerseits
“schlecht,” “niedrig,” “unglücklich” nie wieder aufgehört haben, für das
griechische Ohr in einen Ton auszuklingen, mit einer Klangfarbe, in der
“unglücklich” überwiegt: dies als Erbstück der alten edleren aristokratischen
Wertungsweise, die sich auch im Verachten nicht verleugnet (—Philologen seien
daran erinnert, in welchem Sinne oïzyros, anolbos, tlemon, dystychein,
xymphora gebraucht werden). Die “Wohlgeborenen” fühlten sich eben als die
“Glücklichen”; sie hatten ihr Glück nicht erst durch einen Blick auf ihre
Feinde künstlich zu konstruieren, unter Umständen einzureden, einzulügen (wie
es alle Menschen des Ressentiment zu tun pflegen); und ebenfalls wussten sie,
als volle, mit Kraft überladene, folglich notwendig aktive Menschen, von dem
Glück das Handeln nicht abzutrennen—das Tätigsein wird bei ihnen mit
Notwendigkeit ins Glück hineingerechnet (woher eu prattein seine
Herkunft nimmt)—alles sehr im Gegensatz zu dem “Glück” auf der Stufe der
Ohnmächtigen, Gedrückten, an giftigen und feindseligen Gefühlen Schwärenden,
bei denen es wesentlich als Narkose, Betäubung, Ruhe, Frieden, “Sabbat,”
Gemüts-Ausspannung und Gliederstrecken, kurz passivisch auftritt. Während der vornehme Mensch vor
sich selbst mit Vertrauen und Offenheit lebt (gennaios “edelbürtig”
unterstreicht die nuance “aufrichtig” und auch wohl “naiv”), so ist der Mensch
des Ressentiment weder aufrichtig, noch naiv, noch mit sich selber ehrlich und
geradezu. Seine Seele schielt; sein Geist liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und
Hintertüren, alles Verrückte mutet ihn an als seine Welt, seine Sicherheit,
sein Labsal; er versteht sich auf das Schweigen, das Nicht-Vergessen, das
Warten, das vorläufige Sich-verkleinern, Sich-demütigen. Eine Rasse solcher
Menschen des Ressentiment wird notwendig endlich klüger sein als irgendeine
vornehme Rasse, sie wird die Klugheit auch in ganz andrem Masse ehren: nämlich
als eine Existenzbedingung ersten Ranges, während die Klugheit bei vornehmen
Menschen leicht einen feinen Beigeschmack von Luxus und Raffinement an sich
hat—sie ist eben hier lange nicht so wesentlich als die vollkommne
Funktions-Sicherheit der regulierenden unbewussten Instinkte oder selbst eine
gewisse Unklugheit, etwa das tapfre Drauflosgehn, sei es auf die Gefahr, sei es
auf den Feind, oder jene schwärmerische Plötzlichkeit von Zorn, Liebe,
Ehrfurcht, Dankbarkeit und Rache, an der sich zu allen Zeiten die vornehmen
Seelen wiedererkannt haben. Das Ressentiment des vornehmen Menschen selbst,
wenn es an ihm auftritt, vollzieht und erschöpft sich nämlich in einer
sofortigen Reaktion, es vergiftet darum nicht: andrerseits tritt es in
unzähligen Fällen gar nicht auf, wo es bei allen Schwachen und Ohnmächtigen
unvermeidlich ist. Seine
Feinde, seine Unfälle, seine Untaten selbst nicht lange ernst nehmen können—das
ist das Zeichen starker voller Naturen, in denen ein Überschuss plastischer,
nachbildender, ausheilender, auch vergessenmachender Kraft ist (ein gutes
Beispiel dafür aus der modernen Welt ist Mirabeau, welcher kein Gedächtnis für
Insulte und Niederträchtigkeiten hatte, die man an ihm beging, und der nur
deshalb nicht vergeben konnte, weil er—vergass). Ein solcher Mensch schüttelt
eben viel Gewürm mit einem Ruck von sich, das sich bei anderen eingräbt; hier
allein ist auch das möglich, gesetzt dass es überhaupt auf Erden möglich
ist—die eigentliche “Liebe zu seinen Feinden.” Wieviel Ehrfurcht vor seinen
Feinden hat schon ein vornehmer Mensch!—und eine solche Ehrfurcht ist schon
eine Brücke zur Liebe . . . Er verlangt ja seinen Feind für sich, als seine
Auszeichnung, er hält ja keinen andren Feind aus, als einen solchen, an dem
nichts zu verachten und sehr viel zu ehren ist! Dagegen stelle man sich “den
Feind” vor, wie ihn der Mensch des Ressentiment konzipiert—und hier gerade ist
seine Tat, seine Schöpfung: er hat “den bösen Feind” konzipiert, “den Bösen,”
und zwar als Grundbegriff, von dem aus er sich als Nachbild und Gegenstück nun
auch noch einen “Guten” ausdenkt—sich selbst!
11
Gerade umgekehrt also wie bei dem Vornehmen,
der den Grundbegriff “gut” voraus und spontan, nämlich von sich aus konzipiert
und von da aus erst eine Vorstellung von “schlecht” sich schafft! Dies
“schlecht” vornehmen Ursprungs und jenes “böse” aus dem Braukessel des
ungesättigten Hasses—das erste eine Nachschöpfung, ein Nebenher, eine
Komplementärfarbe, das zweite dagegen das Original, der Anfang, die eigentliche
Tat in der Konzeption einer Sklaven-Moral—wie verschieden stehn die beiden
scheinbar demselben Begriff “gut” entgegengestellten Worte “schlecht” und
“böse” da! Aber es ist nicht derselbe Begriff “gut”: vielmehr frage man sich
doch, wer eigentlich “böse” ist, im Sinne der Moral des Ressentiment. In aller
Strenge geantwortet: eben der “Gute” der andren Moral, eben der Vornehme, der
Mächtige, der Herrschende, nur umgefärbt, nur umgedeutet, nur umgesehn durch
das Giftauge des Ressentiment. Hier wollen wir eins am wenigsten leugnen: wer jene “Guten” nur
als Feinde kennen lernte, lernte auch nichts als böse Feinde kennen, und
dieselben Menschen, welche so streng durch Sitte, Verehrung, Brauch,
Dankbarkeit, noch mehr durch gegenseitige Bewachung, durch Eifersucht inter
pares in Schranken gehalten sind, die andrerseits im Verhalten zueinander so
erfinderisch in Rücksicht, Selbstbeherrschung, Zartsinn, Treue, Stolz und
Freundschaft sich beweisen—sie sind nach aussen hin, dort wo das Fremde, die
Fremde beginnt, nicht viel besser als losgelassene Raubtiere. Sie geniessen da
die Freiheit von allem sozialen Zwang, sie halten sich in der Wildnis schadlos
für die Spannung, welche eine lange Einschliessung und Einfriedung in den
Frieden der Gemeinschaft gibt, sie treten in die Unschuld des
Raubtier-Gewissens zurück, als frohlockende Ungeheuer, welche vielleicht von einer
scheusslichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schändung, Folterung mit einem
Übermute und seelischen Gleichgewichte davongehen, wie als ob nur ein
Studentenstreich vollbracht sei, überzeugt davon, dass die Dichter für lange
nun wieder etwas zu singen und zu rühmen haben. Auf dem Grunde aller dieser
vornehmen Rassen ist das Raubtier, die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern
schweifende blonde Bestie nicht zu verkennen; es bedarf für diesen verborgenen
Grund von Zeit zu Zeit der Entladung, das Tier muss wieder heraus, muss wieder
in die Wildnis zurück—römischer, arabischer, germanischer, japanesischer Adel,
homerische Helden, skandinavische Wikinger—in diesem Bedürfnis sind sie sich
alle gleich. Die
vornehmen Rassen sind es, welche den Begriff “Barbar” auf all den Spuren
hinterlassen haben, wo sie gegangen sind; noch aus ihrer höchsten Kultur heraus
verrät sich ein Bewusstsein davon und ein Stolz selbst darauf (zum Beispiel
wenn Perikles seinen Athenern sagt, in jener berühmten Leichenrede, “zu allem
Land und Meer hat unsre Kühnheit sich den Weg gebrochen, unvergängliche
Denkmale sich überall im Guten und Schlimmen aufrichtend”). Diese “Kühnheit”
vornehmer Rassen, toll, absurd, plötzlich, wie sie sich äussert, das
Unberechenbare, das Unwahrscheinliche selbst ihrer Unternehmungen—Perikles hebt
die der Athener mit Auszeichnung hervor—, ihre Gleichgültigkeit und Verachtung
gegen Sicherheit, Leib, Leben, Behagen, ihre entsetzliche Heiterkeit und Tiefe
der Lust in allem Zerstören, in allen Wollüsten des Siegs und der
Grausamkeit—alles fasste sich für die, welche daran litten, in das Bild des
“Barbaren,” des “bösen Feindes,” etwa des “Goten,” des “Vandalen” zusammen. Das
tiefe, eisige Misstrauen, das der Deutsche erregt, sobald er zur Macht kommt,
auch jetzt wieder—ist immer noch ein Nachschlag jenes unauslöschlichen
Entsetzens, mit dem jahrhundertelang Europa dein Wüten der blonden germanischen
Bestie zugesehn hat (obwohl zwischen alten Germanen und uns Deutschen kaum eine
Begriffs-, geschweige eine Blutsverwandtschaft besteht). Ich habe einmal auf die
Verlegenheit Hesiods aufmerksam gemacht, als er die Abfolge der
Kultur-Zeitalter aussann und sie in Gold, Silber, Erz auszudrücken suchte: er
wusste mit dem Widerspruch, den ihm die herrliche, aber ebenfalls so schauerliche,
so gewalttätige Welt Homers bot, nicht anders fertig zu werden, als indem er
aus einem Zeitalter zwei machte, die er nunmehr hintereinanderstellte—einmal
das Zeitalter der Helden und Halbgötter von Troja und Theben, so wie jene Welt
im Gedächtnis der vornehmen Geschlechter zurückgeblieben war, die in ihr die
eignen Ahnherrn hatten; sodann das eherne Zeitalter, so wie jene gleiche Weit
den Nachkommen der Niedergetretenen, Beraubten, Misshandelten, Weggeschleppten,
Verkauften erschien: als ein Zeitalter von Erz, wie gesagt, hart, kalt,
grausam, gefühl- und gewissenlos, alles zermalmend und mit Blut übertünchend. Gesetzt dass es wahr wäre, was
jetzt jedenfalls als “Wahrheit” geglaubt wird, dass es eben der Sinn aller
Kultur sei, aus dem Raubtiere “Mensch” ein zahmes und zivilisiertes Tier, ein
Haustier herauszuzüchten, so müsste man unzweifelhaft alle jene Reaktions- und
Ressentiment-Instinkte, mit deren Hilfe die vornehmen Geschlechter samt ihren
Idealen schliesslich zuschanden gemacht und überwältigt worden sind, als die
eigentlichen Werkzeuge der Kultur betrachten; womit allerdings noch nicht
gesagt wäre, dass deren Träger zugleich auch selber die Kultur darstellten.
Vielmehr wäre das Gegenteil nicht nur wahrscheinlich—nein! es ist heute augenscheinlich!
Diese Träger der niederdrückenden und vergeltungslüsternen Instinkte, die
Nachkommen alles europäischen und nichteuropäischen Sklaventums, aller
vorarischen Bevölkerung insonderheit—sie stellen den Rückgang der Menschheit
dar! Diese “Werkzeuge der Kultur” sind eine Schande des Menschen, und eher ein
Verdacht, ein Gegenargument gegen “Kultur” überhaupt! Man mag im besten Rechte
sein, wenn man vor der blonden Bestie auf dem Grunde aller vornehmen Rassen die
Furcht nicht los wird und auf der Hut ist: aber wer möchte nicht hundertmal
lieber sich fürchten, wenn er zugleich bewundern darf, als sich nicht fürchten,
aber dabei den ekelhaften Anblick des Missratenen, Verkleinerten, Verkümmerten,
Vergifteten nicht mehr loswerden können? Und ist das nicht unser Verhängnis?
Was macht heute unsern Widerwillen gegen “den Menschen”?—denn wir leiden am
Menschen, es ist kein Zweifel. Nicht die Furcht; eher, dass wir nichts mehr am Menschen zu
fürchten haben; dass das Gewürm “Mensch” im Vordergrunde ist und wimmelt; dass
der “zahme Mensch,” der Heillos-Mittelmässige und Unerquickliche bereits sich
als Ziel und Spitze, als Sinn der Geschichte, als “höheren Menschen” zu fühlen
gelernt hat—ja dass er ein gewisses Recht darauf hat, sich so zu fühlen,
insofern er sich im Abstande von der Überfülle des Missratenen, Kränklichen,
Müden, Verlebten fühlt, nach dem heute Europa zu stinken beginnt, somit als
etwas wenigstens relativ Geratenes, wenigstens noch Lebensfähiges, wenigstens
zum Leben Ja-sagendes.
12
Ich unterdrücke an dieser Stelle einen Seufzer
und eine letzte Zuversicht nicht Was ist das gerade mir ganz Unerträgliche?
Das, womit ich allein nicht fertig werde, was mich ersticken und verschmachten
macht? Schlechte Luft! Schlechte Luft! Dass etwas Missratenes in meine Nähe
kommt; dass ich die Eingeweide einer missratenen Seele riechen muss! Was hält man sonst nicht aus von
Not, Entbehrung, bösem Wetter, Siechtum, Mühsal, Vereinsamung? Im Grunde wird
man mit allem übrigen fertig, geboren wie man ist zu einem unterirdischen und
kämpfenden Dasein; man kommt immer wieder einmal ans Licht, man erlebt immer
wieder seine goldene Stunde des Siegs—und dann steht man da, wie man geboren
ist, unzerbrechbar, gespannt, zu Neuem, zu noch Schwererem, Fernerem bereit,
wie ein Bogen, den alle Not immer nur noch straffer zieht. Aber von Zeit zu Zeit gönnt
mir—gesetzt, dass es himmlische Gönnerinnen gibt, jenseits von Gut und
Böse—einen Blick, gönnt mir einen Blick nur auf etwas Vollkommnes,
zu-Ende-Geratenes, Glückliches, Mächtiges, Triumphierendes, an dem es noch
etwas zu fürchten gibt! Auf einen Menschen, der den Menschen rechtfertigt, auf
einen komplementären und erlösenden Glücksfall des Menschen, um deswillen man
den Glauben an den Menschen festhalten darf! Denn so steht es: die Verkleinerung und Ausgleichung des
europäischen Menschen birgt unsre grösste Gefahr, denn dieser Anblick macht
müde . . . Wir sehen heute nichts, das grösser werden will, wir ahnen, dass es
immer noch abwärts, abwärts geht, ins Dünnere, Gutmütigere, Klügere, Behaglichere,
Mittelmässigere, Gleichgültigere, Chinesischere, Christlichere—der Mensch, es
ist kein Zweifel, wird immer “besser.” Hier eben liegt das Verhängnis Europas—mit der Furcht vor dem
Menschen haben wir auch die Liebe zu ihm, die Ehrfurcht vor ihm, die Hoffnung
auf ihn, ja den Willen zu ihm eingebüsst. Der Anblick des Menschen macht
nunmehr müde—was ist heute Nihilismus, wenn er nicht das ist? . . . Wir sind
des Menschen müde.
13
Doch kommen wir zurück: das Problem vom andren
Ursprung des “Guten,” vom Guten, wie ihn der Mensch des Ressentiment sich
ausgedacht hat, verlangt nach seinem Abschluss.
Dass die Lämmer den grossen Raubvögeln gram
sind, das befremdet nicht: nur liegt darin kein Grund, es den grossen
Raubvögeln zu verargen, dass sie sich kleine Lämmer holen. Und wenn die Lämmer
unter sich sagen “diese Raubvögel sind böse; und wer so wenig als möglich ein
Raubvogel ist, vielmehr deren Gegenstück, ein Lamm—sollte der nicht gut sein?”
so ist an dieser Aufrichtung eines Ideals nichts auszusetzen, sei es auch, dass
die Raubvögel dazu ein wer spöttisch blicken werden und vielleicht sich sagen:
“wir sind ihnen gar nicht gram, diesen guten Lämmern, wir lieben sie sogar:
nichts ist schmackhafter als ein zartes Lamm.”
Von der Stärke verlangen, dass sie sich nicht
als Stärke äussere, dass sie nicht ein Überwältigen-Wollen, ein
Niederwerfen-Wollen, ein Herrwerden-Wollen, ein Durst nach Feinden und
Widerständen und Triumphen sei, ist gerade so widersinnig als von der Schwäche
verlangen, dass sie sich als Stärke äussere. Ein Quantum Kraft ein ebensolches
Quantum Trieb, Wille, Wirken—vielmehr, es ist gar nichts anderes als ebendieses
Treiben, Wollen, Wirken selbst, und nur unter der Verführung der Sprache (und
der in ihr versteinerten Grundirrtümer der Vernunft), welche alles Wirken als
bedingt durch ein Wirkendes, durch ein “Subjekt” versteht und missversteht,
kann es anders erscheinen. Ebenso nämlich, wie das Volk den Blitz von seinem
Leuchten trennt und letzteres als Tun, als Wirkung eines Subjekts nimmt, das
Blitz heisst, so trennt die Volks-Moral auch die Stärke von den Äusserungen der
Stärke ab, wie als ob es hinter dem Starken ein indifferentes Substrat gäbe,
dem es freistünde, Stärke zu äussern oder auch nicht. Aber es gibt kein solches
Substrat; es gibt kein “Sein” hinter dem Tun, Wirken, Werden; “der Täter” ist
zum Tun bloss hinzugedichtet—das Tun ist alles. Das Volk verdoppelt im Grunde
das Tun, wenn es den Blitz leuchten lässt, das ist ein Tun-Tun: es setzt
dasselbe Geschehen einmal als Ursache und dann noch einmal als deren Wirkung.
Die Naturforscher machen es nicht besser, wenn sie sagen “die Kraft bewegt, die
Kraft verursacht” und dergleichen—unsre ganze Wissenschaft steht noch, trotz
aller ihrer Kühle, ihrer Freiheit vom Affekt, unter der Verführung der Sprache
und ist die untergeschobnen Wechselbälge, die “Subjekte” nicht losgeworden (das
Atom ist zum Beispiel ein solcher Wechselbalg, insgleichen das Kantische “Ding
an sich”), was Wunder, wenn die zurückgetretenen, versteckt glimmenden Affekte
Rache und Hass diesen Glauben für sich ausnützen und im Grunde sogar keinen
Glauben inbrünstiger aufrechterhalten als den, es stehe dem Starken frei,
schwach, und dem Raubvogel, Lamm zu sein—damit gewinnen sie ja bei sich das
Recht, dem Raubvogel es zuzurechnen, Raubvogel zu sein. Wenn die Unterdrückten,
Niedergetretenen, Vergewaltigten aus der rachsüchtigen List der Ohnmacht heraus
sich zureden: “lasst uns anders sein als die Bösen, nämlich gut! Und gut ist jeder,
der nicht vergewaltigt, der niemanden verletzt, der nicht angreift, der nicht
vergilt, der die Rache Gott übergibt, der sich wie wir im Verborgnen hält, der
allem Bösen aus dem Wege geht und wenig überhaupt vom Leben verlangt, gleich
uns, den Geduldigen, Demütigen, Gerechten”—so heisst das, kalt und ohne
Voreingenommenheit angehört, eigentlich nichts weiter als: “wir Schwachen sind
nun einmal schwach; es ist gut, wenn wir nichts tun, wozu wir nicht stark genug
sind”; aber dieser herbe Tatbestand, diese Klugheit niedrigsten Ranges, welche
selbst Insekten haben (die sich wohl totstellen, um nicht “zu viel” zu tun, bei
grosser Gefahr), hat sich dank jener Falschmünzerei und Selbstverlogenheit der
Ohnmacht in den Prunk der entsagenden stillen abwartenden Tugend gekleidet,
gleich als ob die Schwäche des Schwachen selbst—das heisst doch sein Wesen,
sein Wirken, seine ganze einzige unvermeidliche, unablösbare Wirklichkeit—eine
freiwillige Leistung, etwas Gewolltes, Gewähltes, eine Tat, ein Verdienst sei.
Diese Art Mensch hat den Glauben an das indifferente wahlfreie “Subjekt” nötig
aus einem Instinkte der Selbsterhaltung, Selbstbejahung heraus, in dem jede
Lüge sich zu heiligen pflegt. Das Subjekt (oder, dass wir populärer reden, die
Seele) ist vielleicht deshalb bis jetzt auf Erden der beste Glaubenssatz
gewesen, weil er der Überzahl der Sterblichen, den Schwachen und
Niedergedrückten jeder Art, jene sublime Selbstbetrügerei ermöglichte, die
Schwäche selbst als Freiheit, ihr So- und So-sein als Verdienst auszulegen.
14
Will jemand ein wenig in das Geheimnis hinab-
und hinuntersehn, wie man auf Erden Ideale fabriziert? Wer hat den Mut dazu? .
. . Wohlan! Hier ist der Blick offen in diese dunkle Werkstätte. Warten Sie
noch einen Augenblick, mein Herr Vorwitz und Wagehals: ihr Auge muss sich erst
an dieses falsche schillernde Licht gewöhnen . . . So! Genug! Reden Sie jetzt!
Was geht da unten vor? Sprechen Sie aus, was Sie sehen, Mann der gefährlichsten
Neugierde—jetzt bin ich der, welcher zuhört.—
— “Ich sehe nichts, ich höre um so mehr. Es ist
ein vorsichtiges tückisches leises Munkeln und Zusammenflüstern aus allen Ecken
und Winkeln. Es scheint mir, dass man lügt; eine zuckrige Milde klebt an jedem
Klange. Die Schwäche soll zum Verdienste umgelogen werden, es ist kein Zweifel
es steht damit so, wie Sie es sagten”—
—Weiter!
—”und die Ohnmacht, die nicht vergilt, zur
‘Güte’; die ängstliche Niedrigkeit zur Demut’; die Unterwerfung vor denen, die
man hasst, zum ‘Gehorsam’ (nämlich gegen einen, von dem sie sagen, er befehle
diese Unterwerfung—sie heissen ihn Gott). Das Unoffensive des Schwachen, die
Feigheit selbst, an der er reich ist, sein An-der-Tür-stehn, sein
unvermeidliches Warten-müssen kommt hier zu guten Namen, als ‘Geduld,’ es
heisst auch wohl die Tugend; das Sich-nicht-rächen-Können heisst
Sich-nicht-rächen-Wollen, vielleicht selbst Verzeihung (‘denn sie wissen nicht,
was sie tun—wir allein wissen es, was sie tun!’). Auch redet man von der ‘Liebe
zu seinen Feinden’ - und schwitzt dabei.”
—Weiter!
— “Sie sind elend, es ist kein Zweifel, alle
diese Munkler und Winkel-Falschmünzer, ob sie schon warm beieinander
hocken—aber sie sagen mir, ihr Elend sei eine Auswahl und Auszeichnung Gottes,
man prügele die Hunde, die man am liebsten habe; vielleicht sei dies Elend auch
eine Vorbereitung, eine Prüfung, eine Schulung, vielleicht sei es noch
mehr—etwas, das einst ausgeglichen und mit ungeheuren Zinsen in Gold, nein! in
Glück ausgezahlt werde. Das heissen sie ‘die Seligkeit.’“
—Weiter!
— “Jetzt geben sie mir zu verstehen, dass sie
nicht nur besser seien als die Mächtigen, die Herrn der Erde, deren Speichel
sie lecken müssen (nicht aus Furcht, ganz und gar nicht aus Furcht! sondern
weil es Gott gebietet, alle Obrigkeit zu ehren)—dass sie nicht nur besser
seien, sondern es auch ‘besser hätten,’ jedenfalls einmal besser haben würden.
Aber genug! genug! Ich halte es nicht mehr aus. Schlechte Luft! Schlechte Luft!
Diese Werkstätte, wo man Ideale fabriziert—mich dünkt, sie stinkt vor lauter
Lügen.”
—Nein! Noch einen Augenblick! Sie sagten noch
nichts von dem Meisterstücke dieser Schwarzkünstler, welche Weiss, Milch und
Unschuld aus jedem Schwarz herstellen—haben Sie nicht bemerkt, was ihre
Vollendung im Raffinement ist, ihr kühnster, feinster, geistreichster,
lügenreichster Artisten-Griff? Geben Sie acht! Diese Kellertiere voll Rache und
Hass was machen sie doch gerade aus Rache und Hass? Hörten Sie je diese Worte?
Würden Sie ahnen, wenn Sie nur ihren Worten trauten, dass Sie unter lauter
Menschen des Ressentiment sind? . . .
—”Ich verstehe, ich mache nochmals die Ohren
auf (ach! ach! ach! und die Nase zu). Jetzt höre ich erst, was sie so oft schon
sagten: ‘Wir Guten—wir sind die Gerechten’—was sie verlangen, dass heissen sie
nicht Vergeltung, sondern ‘den Triumph der Gerechtigkeit’; was sie hassen, das
ist nicht ihr Feind, nein! sie hassen das ‘Unrecht,’ die ‘Gottlosigkeit’; was
sie glauben und hoffen, ist nicht die Hoffnung auf Rache, die Trunkenheit der
süssen Rache (‘süsser als Honig’ nannte sie schon Homer), sondern der Sieg Gottes,
des gerechten Gottes über die Gottlosen; was ihnen zu lieben auf Erden
übrigbleibt, sind nicht ihre Brüder im Hasse, sondern ihre ‘Brüder in der
Liebe,’ wie sie sagen, alle Guten und Gerechten auf der Erde.”
—Und wie nennen sie das, was ihnen als Trost
wider alle Leiden des Lebens dient—ihre Phantasmagorie der vorweggenommenen
zukünftigen Seligkeit?
—”Wie? Höre ich recht? Sie heissen das ‘das
jüngste Gericht,’ das Kommen ihres Reichs, des ‘Reichs Gottes’—einstweilen aber
leben sie ‘im Glauben,’ ‘in der Liebe,’ ‘in der Hoffnung.’“
—Genug! Genug!
15
Im Glauben woran? In der Liebe wozu? In der
Hoffnung worauf? Diese Schwachen—irgendwann einmal nämlich wollen auch sie die
Starken sein, es ist kein Zweifel, irgendwann soll auch ihr “Reich” kommen—”das
Reich Gottes” heisst es schlechtweg bei ihnen, wie gesagt: man ist ja in allem
so demütig! Schon um das zu erleben, hat man nötig, lange zu leben, über den
Tod hinaus—ja man hat das ewige Leben nötig, damit man sich auch ewig im
“Reiche Gottes” schadlos halten kann für jenes Erden-Leben “im Glauben, in der
Liebe, in der Hoffnung.” Schadlos wofür? Schadlos wodurch? Dante hat sich, wie mich dünkt,
gröblich vergriffen, als er, mit einer schreckeneinflössenden Ingenuität, jene
Inschrift über das Tor zu seiner Hölle setzte “auch mich schuf die ewige Liebe”
über dem Tore des christlichen Paradieses und seiner “ewigen Seligkeit” würde
jedenfalls mit besserem Rechte die Inschrift stehen dürfen “auch mich schuf der
ewige Hass”—gesetzt, dass eine Wahrheit über dem Tor zu einer Lüge stehen
dürfte! Denn was ist die Seligkeit jenes Paradieses? Wir würden es vielleicht schon
erraten; aber besser ist es, dass es uns eine in solchen Dingen nicht zu
unterschätzende Autorität ausdrücklich bezeugt, Thomas von Aquino, der grosse
Lehrer und Heilige. “Beati in regno coelesti,” sagt er sanft wie ein
Lamm, “videbunt poenas damnatorum, ut beatitudo illis magis complaceat.” Oder
will man es in einer stärkeren Tonart hören, etwa aus dem Munde eines
triumphierenden Kirchenvaters, der seinen Christen die grausamen Wollüste der
öffentlichen Schauspiele widerriet warum doch? “Der Glaube bietet uns ja viel
mehr”—sagt er, De Spectaculis, C. 29 ss.—”viel Stärkeres; dank der Erlösung
stehen uns ja ganz andre Freuden zu Gebote; an Stelle der Athleten haben wir
unsre Märtyrer; wollen wir Blut, nun, so haben wir das Blut Christi . . . Aber
was erwartet uns erst am Tage seiner Wiederkunft, seines Triumphes!”—und nun
fährt er fort, der entzückte Visionär: “At enim supersunt alia spectacula, ille
ultimus et perpetuus judicii dies, ille nationibus insperatus, ille derisus,
cum tanta saeculi vetustas et tot eius nativitates uno igne haurientur. Quae
tunc spectaculi latitudo! Quid admirer! Quid rideam! Ubi gaudeam! Ubi exultem,
spectans tot et tantos reges, qui in coelum recepti nuntiabantur, cum ipso Jove
et ipsis suis testibus in imis tenebris congemescentes! Item praesides” (die
Provinzialstatthalter) “persecutores dominici nominis saevioribus quam ipsi
flammis saevierunt insultantibus contra Christianos liquescentes! Quos
praeterea sapientes illos philosophos coram discipulis suis una conflagrantibus
erubescentes, quibus nihil ad deum pertinere suadebant, quibus animas aut
nullas aut non in pristina corpora redituras affirmabant! Etiam poetas non ad
Rhadamanti nec ad Minois, sed ad inopinati Christi tribunal palpitantes! Tunc
magis tragoedi audiendi, magis scilicet vocales” (besser bei Stimme,
noch ärgere Schreier) “in sua propria calamitate; tunc histriones cognoscendi,
solutiores multo per ignem; tunc spectandus auriga in flammea rota totus
rubens, tunc xystici contemplandi non in gymnasiis, sed in igne jaculati, nisi
quod ne tunc quidem illos velim vivos, ut qui malim ad eos potius conspectum
insatiabilem conferre, qui in dominum desaevierunt. Hic est ille,’ dicam,
‘fabri aut quaestuariae filius’“ (wie alles Folgende und insbesondere
auch diese aus dem Talmud bekannte Bezeichnung der Mutter Jesu zeigt, meint
Tertullian von hier ab die Juden), “‘sabbati destructor, Samarites et daemonium
habens. Hic est, quem a Juda redemistis, hic est ille arundine et colaphis
diverberatus, sputamentis dedecoratus, felle et aceto potatus. Hic est, quem
clam discentes subripuerunt, ut resurrexisse dicatur vel hortulanus detraxit,
ne lactucae suae frequentia commeantium laederentur.’ Ut talia spectes, ut
talibus exultes, quis tibi praetor aut consul aut quaestor aut sacerdos de sua
liberalitate praestabit? Et tamen haec jam habemus quodammodo per fidem spiritu
imaginante repraesentata. Ceterum qualia illa sunt, quae nec oculus vidit nec
auris audivit nec in cor hominis ascenderunt?” (1. Kot. 2, 9.) “Credo
circo et utraque cavea” (erster und vierter Rang oder, nach anderen,
komische und tragische Bühne) “et omni stadio gratiora.”—Per fidem: so steht’s
geschrieben.
16
Kommen wir zum Schluss. Die beiden
entgegengesetzten Werte “gut und schlecht,” “gut und böse” haben einen
furchtbaren, jahrtausendelangen Kampf auf Erden gekämpft; und so gewiss auch
der zweite Wert seit langem im Übergewichte ist, so fehlt es doch auch jetzt
noch nicht an Stellen, wo der Kampf unentschieden fortgekämpft wird. Man könnte
selbst sagen, dass er inzwischen immer höher hinaufgetragen und eben damit
immer tiefer, immer geistiger geworden sei: so dass es heute vielleicht kein
entscheidenderes Abzeichen der “höheren Natur,” der geistigeren Natur gibt, als
zwiespältig in jenem Sinne und wirklich noch ein Kampfplatz für jene Gegensätze
zu sein. Das
Symbol dieses Kampfes, in einer Schrift geschrieben, die über alle
Menschengeschichte hinweg bisher lesbar blieb, heisst “Rom gegen Judäa, Judäa
gegen Rom”:—es gab bisher kein grösseres Ereignis als diesen Kampf, diese
Fragestellung, diesen todfeindlichen Widerspruch. Rom empfand im Juden etwas
wie die Widernatur selbst, gleichsam sein antipodisches Monstrum; in Rom galt
der Jude “des Hasses gegen das ganze Menschengeschlecht überführt”: mit Recht,
sofern man ein Recht hat, das Heil und die Zukunft des Menschengeschlechts an
die unbedingte Herrschaft der aristokratischen Werte, der römischen Werte anzuknüpfen. Was dagegen die Juden gegen Rom
empfunden haben? Man errät es aus tausend Anzeichen; aber es genügt, sich
einmal wieder die Johanneische Apokalypse zu Gemüte zu führen, jenen wüstesten
aller geschriebenen Ausbrüche, welche die Rache auf dem Gewissen hat.
(Unterschätze man übrigens die tiefe Folgerichtigkeit des christlichen
Instinktes nicht, als er gerade dieses Buch des Hasses mit dem Namen des
Jüngers der Liebe überschrieb, desselben, dem er jenes verliebt-schwärmerische
Evangelium zu eigen gab—: darin steckt ein Stück Wahrheit, wieviel literarische
Falschmünzerei auch zu diesem Zwecke nötig gewesen sein mag.) Die Römer waren
ja die Starken und Vornehmen, wie sie stärker und vornehmer bisher auf Erden
nie dagewesen, selbst niemals geträumt worden sind; jeder Überrest von ihnen,
jede Inschrift entzückt, gesetzt dass man errät, was da schreibt. Die Juden
umgekehrt waren jenes priesterliche Volk des Ressentiment par excellence,
dem eine volkstümlich-moralische Genialität sondergleichen innewohnte: man
vergleiche nur die verwandt-begabten Völker, etwa die Chinesen oder die
Deutschen, mit den Juden, um nachzufühlen, was ersten und was fünften Ranges
ist. Wer von
ihnen einstweilen gesiegt hat, Rom oder Judäa? Aber es ist ja gar kein Zweifel:
man erwäge doch, vor wem man sich heute in Rom selber als vor dem Inbegriff
aller höchsten Werte beugt—und nicht nur in Rom, sondern fast auf der halben
Erde, überall wo nur der Mensch zahm geworden ist oder zahm werden will—, vor
drei Juden, wie man weiss, und einer Jüdin (vor Jesus von Nazareth, dem Fischer
Petrus, dem Teppichwirker Paulus und der Mutter des anfangs genannten Jesus,
genannt Maria). Dies ist sehr merkwürdig: Rom ist ohne allen Zweifel
unterlegen. Allerdings
gab es in der Renaissance ein glanzvollunheimliches Wiederaufwachen des
klassischen Ideals, der vornehmen Wertungsweise aller Dinge: Rom selber bewegte
sich wie ein aufgeweckter Scheintoter unter dem Druck des neuen, darüber
gebauten judaisierten Rom, das den Aspekt einer ökumenischen Synagoge darbot
und “Kirche” hiess: aber sofort triumphierte wieder Judäa, dank jener gründlich
pöbelhaften (deutschen und englischen) Ressentiment-Bewegung, welche man die
Reformation nennt, hinzugerechnet, was aus ihr folgen musste, die
Wiederherstellung der Kirche—die Wiederherstellung auch der alten Grabesruhe
des klassischen Rom. In einem sogar entscheidenderen und tieferen Sinne als damals kam
Judäa noch einmal mit der französischen Revolution zum Siege über das
klassische Ideal: die letzte politische Vornehmheit, die es in Europa gab, die
des siebzehnten und achtzehnten französischen Jahrhunderts, brach unter den
volkstümlichen Ressentiment-Instinkten zusammen—es wurde niemals auf Erden ein
grösserer Jubel, eine lärmendere Begeisterung gehört! Zwar geschah mitten darin
das Ungeheuerste, das Unerwartetste: das antike Ideal selbst trat leibhaft und
mit unerhörter Pracht vor Auge und Gewissen der Menschheit—und noch einmal,
stärker, einfacher, eindringlicher als je, erscholl, gegenüber der alten
Lügen-Losung des Ressentiment vom Vorrecht der Meisten, gegenüber dem Willen
zur Niederung, zur Erniedrigung, zur Ausgleichung, zum Abwärts und Abendwärts
des Menschen, die furchtbare und entzückende Gegenlosung vom Vorrecht der
Wenigsten! Wie ein letzter Fingerzeig zum andren Wege erschien Napoleon, jener
einzelnste und spätestgeborne Mensch, den es jemals gab, und in ihm das
fleischgewordne Problem des vornehmen Ideals an sich—man überlege wohl, was es
für ein Problem ist: Napoleon, diese Synthesis von Unmensch und Übermensch.
17
War es damit vorbei? Wurde jener grösste aller
Ideal-Gegensätze damit für alle Zeiten ad acta gelegt? Oder nur vertagt, auf
lange vertagt? Sollte
es nicht irgendwann einmal ein noch viel furchtbareres, viel länger
vorbereitetes Auflodern des alten Brandes geben müssen? Mehr noch: wäre nicht
gerade das aus allen Kräften zu wünschen? selbst zu wollen? selbst zu fördern? Wer an dieser Stelle anfängt,
gleich meinen Lesern, nachzudenken, weiterzudenken, der wird schwerlich bald
damit zu Ende kommen—Grund genug für mich, selbst zu Ende zu kommen,
vorausgesetzt dass es längst zur Genüge klar geworden ist, was ich will, was
ich gerade mit jener gefährlichen Losung will, welche meinem letzten Buche auf
den Leib geschrieben ist: “Jenseits von Gut und Böse” . . . Dies heisst zum
mindesten nicht “Jenseits von Gut und Schlecht.”—
Anmerkung
Ich nehme die Gelegenheit wahr, welche diese
Abhandlung mir gibt, um einen Wunsch öffentlich und förmlich auszudrücken, der
von mir bisher nur in gelegentlichem Gespräche mit Gelehrten geäussert worden
ist: dass nämlich irgendeine philosophische Fakultät sich durch eine Reihe
akademischer Preisausschreiben um die Förderung moralhistorischer Studien
verdient machen möge:— vielleicht dient dies Buch dazu, einen kräftigen Anstoss
gerade in solcher Richtung zu geben. In Hinsicht auf eine Möglichkeit dieser
Art sei die nachstehende Frage in Vorschlag gebracht sie verdient ebensosehr
die Aufmerksamkeit der Philologen und Historiker als die der eigentlichen
Philosophie-Gelehrten von Beruf.
“Welche Fingerzeige gibt die
Sprachwissenschaft, insbesondere die etymologische Forschung, für die
Entwicklungsgeschichte der moralischen Begriffe ab?”
Andrerseits ist es freilich ebenso nötig, die
Teilnahme der Physiologen und Mediziner für diese Probleme (vom Werte der
bisherigen Wertschätzung) zu gewinnen: wobei es den Fach-Philosophen überlassen
sein mag, auch in diesem einzelnen Falle die Fürsprecher und Vermittler zu
machen, nachdem es ihnen im ganzen gelungen ist, das ursprünglich so spröde, so
misstrauische Verhältnis zwischen Philosophie, Physiologie und Medizin in den
freundschaftlichsten und fruchtbringendsten Austausch umzugestalten. In der Tat
bedürfen alle Gütertafeln, alle “du sollst,” von denen die Geschichte oder die
ethnologische Forschung weiss, zunächst der physiologischen Beleuchtung und
Ausdeutung, eher jedenfalls noch als der psychologischen; alle insgleichen
warten auf eine Kritik von seiten der medizinischen Wissenschaft. Die Frage:
was ist diese oder jene Gütertafel und “Moral” wert? will unter die
verschiedensten Perspektiven gestellt sein, man kann namentlich das “wert
wozu?” nicht fein genug auseinanderlegen. Etwas zum Beispiel, das ersichtlich
Wert hätte in Hinsicht auf möglichste Dauerfähigkeit einer Rasse (oder auf
Steigerung ihrer Anpassungskräfte an ein bestimmtes Klima oder auf Erhaltung
der grössten Zahl) hätte durchaus nicht den gleichen Wert, wenn es sich etwa
darum handelte, einen stärkeren Typus herauszubilden. Das Wohl der Meisten und
das Wohl der Wenigsten sind entgegengesetzte Wert-Gesichtspunkte: an sich schon
den ersteren für den höherwertigen zu halten, wollen wir der Naivität
englischer Biologen überlassen . . . Alte Wissenschaften haben nunmehr der
Zukunfts-Aufgabe des Philosophen vorzuarbeiten: diese Aufgabe dahin verstanden,
dass der Philosoph das Problem vom Weite zu lösen hat, dass er die Rangordnung
der Werte zu bestimmen hat
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