Friedrich
Nietzsche
Zur
Genealogie der Moral
1887
[Vorrede] [Erste Abhandlung] [Zweite Abhandlung]
Dritte Abhandlung
Was bedeuten asketische Ideale?
Unbekümmert, spöttisch, gewalttätig—
so will uns die Weisheit: sie ist ein Weib,
sie liebt immer nur einen Kriegsmann.
Also sprach Zarathustra
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Was bedeuten asketische Ideale? Bei Künstlern
nichts oder zu vielerlei; bei Philosophen und Gelehrten etwas wie Witterung und
Instinkt für die günstigsten Vorbedingungen hoher Geistigkeit; bei Frauen,
bestenfalls, eine Liebenswürdigkeit der Verführung mehr, ein wenig morbidezza
auf schönem Fleische, die Engelhaftigkeit eines hübschen fetten Tiers; bei
physiologisch Verunglückten und Verstimmten (bei der Mehrzahl der Sterblichen)
einen Versuch, sich "zu gut" für diese Welt vorzukommen, eine heilige
Form der Ausschweifung, ihr Hauptmittel im Kampf mit dem langsamen Schmerz und
der Langenweile; bei Priestern den eigentlichen Priesterglauben, ihr bestes
Werkzeug der Macht, auch die "allerhöchste" Erlaubnis zur Macht; bei
Heiligen endlich einen Vorwand zum Winterschlaf, ihre novissima gloriae
cupido, ihre Ruhe im Nichts ("Gott"), ihre Form des Irrsinns.
Dass aber überhaupt das asketische Ideal dem Menschen so viel bedeutet hat, darin
drückt sich die Grundtatsache des menschlichen Willens aus, sein horror
vacui: er braucht ein Ziel—und eher will er noch das Nichts wollen als
nicht wollen. Versteht man mich? ... Hat man mich verstanden?. . .
"Schlechterdings nicht! mein Herr!"—Fangen wir also von vorne an.
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Was bedeuten asketische Ideale?—Oder, dass ich
einen einzelnen Fall nehme, in betreff dessen ich oft genug um Rat gefragt
worden bin, was bedeutet es zum Beispiel, wenn ein Künstler wie Richard Wagner
in seinen alten Tagen der Keuschheit eine Huldigung darbringt? In einem
gewissen Sinne freilich hat er dies immer getan; aber erst zuallerletzt in
einem asketischen Sinne. Was bedeutet diese "Sinnes"-Änderung, dieser
radikale Sinnes-Umschlag?—Denn ein solcher war es, Wagner sprang damit
geradewegs in seinen Gegensatz um. Was bedeutet es, wenn ein Künstler in seinen
Gegensatz umspringt? Hier kommt uns, gesetzt dass wir bei dieser Frage ein wenig
haltmachen wollen, alsbald die Erinnerung an die beste, stärkste, frohmütigste,
mutigste Zeit, welche es vielleicht im Leben Wagners gegeben hat: das war
damals, als ihn innerlich und tief der Gedanke der Hochzeit Luthers
beschäftigte. Wer weiss, an welchen Zufällen es eigentlich gehangen hat, dass
wir heute an Stelle dieser Hochzeits-Musik "Die Meistersinger"
besitzen? Und wieviel in diesen vielleicht noch von jener fortklingt? Aber
keinem Zweifel unterliegt es, dass es sich auch bei dieser "Hochzeit
Luthers" um ein Lob der Keuschheit gehandelt haben würde. Allerdings auch
um ein Lob der Sinnlichkeit—und gerade so schiene es mir in Ordnung, gerade so
wäre es auch "Wagnerisch" gewesen. Denn zwischen Keuschheit und Sinnlichkeit gibt es keinen
notwendigen Gegensatz; jede gute Ehe, jede eigentliche Herzensliebschaft ist
über diesen Gegensatz hinaus. Wagner hätte, wie mir scheint, wohlgetan, diese
angenehme Tatsächlichkeit seinen Deutschen mit Hilfe einer holden und tapferen
Luther-Komödie wieder einmal zu Gemüte zu führen, denn es gibt und gab unter
den Deutschen immer viele Verleumder der Sinnlichkeit; und Luthers Verdienst
ist vielleicht in nichts grösser als gerade darin, den Mut zu seiner
Sinnlichkeit gehabt zu haben (man hiess sie damals, zart genug, die
"evangelische Freiheit"). Selbst aber in jenem Falle, wo es wirklich
jenen Gegensatz zwischen Keuschheit und Sinnlichkeit gibt, braucht es
glücklicherweise noch lange kein tragischer Gegensatz zu sein. Dies dürfte
wenigstens für alle wohlgerateneren, wohlgemuteren Sterblichen gelten, welche
ferne davon sind, ihr labiles Gleichgewicht zwischen "Tier und Engel"
ohne weiteres zu den Gegengründen des Daseins zu rechnen—die feinsten und
Hellsten, gleich Goethe, gleich Hafis, haben darin sogar einen Lebensreiz mehr
gesehn. Solche "Widersprüche" gerade verführen zum Dasein . . .
Andrerseits versteht es sich nur zu gut, dass wenn einmal die verunglückten
Schweine dazu gebracht werden, die Keuschheit anzubeten—und es gibt solche
Schweine!—, sie in ihr nur ihren Gegensatz, den Gegensatz zum verunglückten
Schweine sehn und anbeten werden—o mit was für einem tragischen Gegrunz und
Eifer man kann es sich denken—jenen peinlichen und überflüssigen Gegensatz den
Richard Wagner unbestreitbar am Ende seines Lebens noch hat in Musik setzen und
auf die Bühne stellen wollen. Wozu doch? wie man billig fragen darf. Denn was
gingen ihn, was gehen uns die Schweine an?—
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Dabei ist freilich jene andre Frage nicht zu
umgehn, was ihn eigentlich jene männliche (ach, so unmännliche) "Einfalt
vom Lande" anging, jener arme Teufel und Naturbursch Parsifal, der von ihm
mit so verfänglichen Mitteln schliesslich katholisch gemacht wird—wie? war
dieser Parsifal überhaupt ernst gemeint? Man könnte nämlich versucht sein, das
Umgekehrte zu mutmassen, selbst zu wünschen—dass der Wagnersche Parsifal heiter
gemeint sei, gleichsam als Schlussstück und Satyrdrama, mit dem der Tragiker
Wagner auf eine gerade ihm gebührende und würdige Weise von uns, auch von sich,
vor allem von der Tragödie habe Abschied nehmen wollen, nämlich mit einem
Exzess höchster und mutwilligster Parodie auf das Tragische selbst, auf den
ganzen schauerlichen Erden-Ernst und Erden-Jammer von ehedem, auf die endlich
überwundene gröbste Form in der Widernatur des asketischen Ideals. So wäre es,
wie gesagt, eines grossen Tragikers gerade würdig gewesen: als welcher, wie
jeder Künstler, erst dann auf den letzten Gipfel seiner Grösse kommt, wenn er
sich und seine Kunst unter sich zu sehen weiss—wenn er über sich zu lachen
weiss. Ist
der Parsifal Wagners sein heimliches Überlegenheits-Lachen über sich selbst,
der Triumph seiner errungenen letzten höchsten Künstler-Freiheit,
Künstler-Jenseitigkeit? Man möchte es, wie gesagt, wünschen; denn was würde der
ernstgemeinte Parsifal sein? Hat man wirklich nötig, in ihm (wie man sich gegen
mich ausgedrückt hat) "die Ausgeburt eines tollgewordnen Hasses auf
Erkenntnis, Geist und Sinnlichkeit" zu sehn? Einen Fluch auf Sinne und
Geist in einem Hass und Atem? Eine Apostasie und Umkehr zu
christlich-krankhaften und obskurantistischen Idealen? Und zuletzt gar ein
Sich-selbst-Verneinen, Sich-selbst-Durchstreichen von seiten eines Künstlers,
der bis dahin mit aller Macht seines Willens auf das Umgekehrte, nämlich auf
höchste Vergeistigung und Versinnlichung seiner Kunst ausgewesen war? Und nicht
nur seiner Kunst: auch seines Lebens. Man erinnere sich, wie begeistert seinerzeit Wagner in den
Fusstapfen des Philosophen Feuerbach gegangen ist: Feuerbachs Wort von der
"gesunden Sinnlichkeit"—das klang in den dreissiger und vierziger
Jahren Wagner gleich vielen Deutschen (—sie nannten sich die "jungen
Deutschen") wie das Wort der Erlösung. Hat er schliesslich darüber
umgelernt? Da es zum mindesten scheint, dass er zuletzt den Willen hatte,
darüber umzulehren . . . Und nicht nur mit den Parsifal-Posaunen von der Bühne
herab—in der trüben, ebenso unfreien als ratlosen Schriftstellerei seiner
letzten Jahre gibt es hundert Stellen, in denen sich ein heimlicher Wunsch und
Wille, ein verzagter, unsicherer, uneingeständlicher Wille verrät, ganz
eigentlich Umkehr, Bekehrung, Verneinung, Christentum, Mittelalter zu predigen
und seinen Jüngern zu sagen "es ist nichts! sucht das Heil woanders!"
Sogar das "Blut des Erlösers" wird einmal angerufen.—
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Dass ich in einem solchen Falle, der vieles
Peinliche hat, meine Meinung sage—und es ist ein typischer Fall—:man tut gewiss
am besten, einen Künstler insoweit von seinem Werke zu trennen, dass man ihn
selbst nicht gleich ernst nimmt wie sein Werk. Er ist zuletzt nur die
Vorausbedingung seines Werks, der Mutterschoss, der Boden, unter Umständen der
Dünger und Mist, auf dem, aus dem es wächst—und somit, in den meisten Fällen,
etwas, das man vergessen muss, wenn man sich des Werks selbst erfreuen will.
Die Einsicht in die Herkunft eines Werks geht die Physiologen und Vivisektoren
des Geistes an: nie und nimmermehr die ästhetischen Menschen, die Artisten! Dem Dichter und Ausgestalter des
Parsifal blieb ein tiefes, gründliches, selbst schreckliches Hineinleben und
Hinabsteigen in mittelalterliche Seelen-Kontraste, ein feindseliges Abseits von
aller Höhe, Strenge und Zucht des Geistes, eine Art intellektueller Perversität
(wenn man mir das Wort nachsehn will) ebensowenig erspart als einem schwangeren
Weibe die Widerlichkeiten und Wunderlichkeiten der Schwangerschaft: als welche
man, wie gesagt, vergessen muss, um sich des Kindes zu erfreuen. Man soll sich vor der Verwechslung
hüten, in welche ein Künstler nur zu leicht selbst gerät, aus psychologischer
contiguity, mit den Engländern zu reden: wie als ob er selber das wäre,
was er darstellen, ausdenken, ausdrücken kann. Tatsächlich steht es so, dass,
wenn er eben das wäre, er es schlechterdings nicht darstellen, ausdenken,
ausdrücken würde; ein Homer hätte keinen Achill, ein Goethe keinen Faust
gedichtet, wenn Homer ein Achill und wenn Goethe ein Faust gewesen wäre. Ein
vollkommner und ganzer Künstler ist in alle Ewigkeit von dem
"Realen," dem Wirklichen abgetrennt; andrerseits versteht man es, wie
er an dieser ewigen "Unrealität" und Falschheit seines innersten
Daseins mitunter bis zur Verzweiflung müde werden kann,—und dass er dann wohl
den Versuch macht, einmal in das gerade ihm Verbotenste, ins Wirkliche
überzugreifen, wirklich zu sein. Mit welchem Erfolge? Man wird es erraten. Es ist das die typische Velleität
des Künstlers: dieselbe Velleität, welcher auch der altgewordne Wagner verfiel
und die er so teuer, so verhängnisvoll hat büssen müssen (—er verlor durch sie
den wertvollen Teil seiner Freunde). Zuletzt aber, noch ganz abgesehn von
dieser Velleität, wer möchte nicht überhaupt wünschen, um Wagners selber
willen, dass er anders von uns und seiner Kunst Abschied genommen hätte, nicht
mit einem Parsifal, sondern siegreicher, selbstgewisser, Wagnerischer—weniger
irreführend, weniger zweideutig in bezug auf sein ganzes Wollen, weniger Schopenhauerisch,
weniger nihilistisch?
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Was bedeuten also asketische Ideale? Im Falle
eines Künstlers, wir begreifen es nachgerade: gar nichts! . . . Oder so
vielerlei, dass es so gut ist wie gar nichts!
Eliminieren wir zunächst die Künstler:
dieselben stehen lange nicht unabhängig genug in der Welt und gegen die Welt,
als dass ihre Wertschätzungen und deren Wandel an sich Teilnahme verdiente! Sie
waren zu allen Zeiten Kammerdiener einer Moral oder Philosophie oder Religion;
ganz abgesehn noch davon, dass sie leider oft genug die allzu geschmeidigen
Höflinge ihrer Anhänger- und Gönnerschaft und spürnasige Schmeichler vor alten
oder eben neu heraufkommenden Gewalten gewesen sind. Zum mindesten brauchen sie
immer eine Schutzwehr, einen Rückhalt, eine bereits begründete Autorität: die
Künstler stehen nie für sich, das Alleinstehn geht wider ihre tiefsten
Instinkte. So
nahm zum Beispiel Richard Wagner den Philosophen Schopenhauer, als "die
Zeit gekommen war," zu seinem Vordermann, zu seiner Schutzwehr—wer möchte
es auch nur für denkbar halten, dass er den Mut zu einem asketischen Ideal
gehabt hätte, ohne den Rückhalt, den ihm die Philosophie Schopenhauers bot,
ohne die in den siebziger Jahren in Europa zum Übergewicht gelangende Autorität
Schopenhauers? (dabei noch nicht in Anschlag gebracht, ob im neuen Deutschland
ein Künstler ohne die Milch frommer, reichsfrommer Denkungsart überhaupt
möglich gewesen wäre). Und damit sind wir bei der ernsthafteren Frage angelangt: was
bedeutet es, wenn ein wirklicher Philosoph dem asketischen Ideale huldigt ein
wirklich auf sich gestellter Geist wie Schopenhauer, ein Mann und Ritter mit
erzenem Blick, der den Mut zu sich selber hat, der allein zu stehn weiss und
nicht erst auf Vordermänner und höhere Winke wartet? Erwägen wir hier sofort die
merkwürdige und für manche Art Mensch selbst faszinierende Stellung
Schopenhauers zur Kunst: denn sie ist es ersichtlich gewesen, um derentwillen
zunächst Richard Wagner zu Schopenhauer übertrat (überredet dazu durch einen
Dichter, wie man weiss, durch Herwegh, und dies bis zu dem Masse, dass sich
damit ein vollkommner theoretischer Widerspruch zwischen seinem früheren und
seinem späteren ästhetischen Glauben aufriss—ersterer zum Beispiel in
"Oper und Drama" ausgedrückt, letzterer in den Schriften, die er von
1870 an herausgab. Insonderheit änderte Wagner, was vielleicht am meisten
befremdet, von da an rücksichtslos sein Urteil über Wert und Stellung der Musik
selbst: was lag ihm daran, dass er bisher aus ihr ein Mittel, ein Medium, ein
"Weib" gemacht hatte, das schlechterdings eines Zweckes, eines Manns
bedürfe, um zu gedeihn—nämlich des Dramas! Er begriff mit einem Male, dass mit
der Schopenhauerschen Theorie und Neuerung mehr zu machen sei in majorem
musicae gloriam nämlich mit der Souveränität der Musik, so wie sie Schopenhauer
begriff: die Musik abseits gestellt gegen alle übrigen Künste, die unabhängige
Kunst an sich, nicht, wie diese, Abbilder der Phänomenalität bietend, vielmehr
die Sprache des Willens selbst redend, unmittelbar aus dem "Abgrunde"
heraus, als dessen eigenste, ursprünglichste, unabgeleitetste Offenbarung. Mit
dieser ausserordentlichen Wertsteigerung der Musik, wie sie aus der
Schopenhauerschen Philosophie zu erwachsen schien, stieg mit einem Male auch
der Musiker selbst unerhört im Preise: er wurde nunmehr ein Orakel, ein
Priester, ja mehr als ein Priester, eine Art Mundstück des "An-sich"
der Dinge, ein Telephon des jenseits—er redete fürderhin nicht nur Musik,
dieser Bauchredner Gottes—er redete Metaphysik: was Wunder, dass er endlich
eines Tages asketische Ideale redete?
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Schopenhauer hat sich die Kantische Fassung des
ästhetischen Problems zunutze gemacht—obwohl er es ganz gewiss nicht mit
Kantischen Augen angeschaut hat. Kant gedachte der Kunst eine Ehre zu erweisen,
als er unter den Prädikaten des Schönen diejenigen bevorzugte und in den
Vordergrund stellte, welche die Ehre der Erkenntnis ausmachen: Unpersönlichkeit
und Allgemeingültigkeit. Ob dies nicht in der Hauptsache ein Fehlgriff war, ist
hier nicht am Orte zu verhandeln; was ich allein unterstreichen will, ist, dass
Kant, gleich allen Philosophen, statt von den Erfahrungen des Künstlers (des
Schaffenden) aus das ästhetische Problem zu visieren, allein vom
"Zuschauer" aus über die Kunst und das Schöne nachgedacht und dabei
unvermerkt den "Zuschauer" selber in den Begriff "schön"
hineinbekommen hat. Wäre aber wenigstens nur dieser "Zuschauer" den
Philosophen des Schönen ausreichend bekannt gewesen! nämlich als eine grosse
persönliche Tatsache und Erfahrung, als eine Fülle eigenster starker
Erlebnisse, Begierden, Überraschungen, Entzückungen auf dem Gebiete des
Schönen! Aber das Gegenteil war, wie ich fürchte, immer der Fall: und so
bekommen wir denn von ihnen gleich von Anfang an Definitionen, in denen, wie in
jener berühmten Definition, die Kant vom Schönen gibt, der Mangel an feinerer
Selbst-Erfahrung in Gestalt eines dicken Wurms von Grundirrtum sitzt.
"Schön ist," hat Kant gesagt, "was ohne Interesse gefällt."
Ohne Interesse! Man vergleiche mit dieser Definition jene andre, die ein
wirklicher "Zuschauer" und Artist gemacht hat—Stendhal, der das
Schöne einmal une promesse de bonheur nennt. Hier ist jedenfalls gerade das
abgelehnt und ausgestrichen, was Kant allein am ästhetischen Zustande
hervorhebt: le désintéressement. Wer hat recht, Kant oder Stendhal? Wenn freilich unsre Ästhetiker
nicht müde werden, zugunsten Kants in die Waagschale zu werfen, dass man unter
dem Zauber der Schönheit sogar gewandlose weibliche Statuen "Ohne
Interesse" anschauen könne, so darf man wohl ein wenig auf ihre Unkosten
lachen—die Erfahrungen der Künstler sind in bezug auf diesen heiklen Punkt
"interessanter," und Pygmalion war jedenfalls nicht notwendig ein
"unästhetischer Mensch." Denken wir um so besser von der Unschuld unsrer
Ästhetiker, welche sich in solchen Argumenten spiegelt, rechnen wir es zum
Beispiel Kant zu Ehren an, was er über das Eigentümliche des Tastsinns mit
landpfarrermässiger Naivität zu lehren weiss!
Und hier kommen wir auf Schopenhauer zurück,
der in ganz andrem Masse als Kant den Künsten nahestand und doch nicht aus dem
Bann der Kantischen Definition herausgekommen ist: wie kam das? Der Umstand ist
wunderlich genug: das Wort "ohne Interesse" interpretierte er sich in
der allerpersönlichsten Weise, aus einer Erfahrung heraus, die bei ihm zu den
regelmässigsten gehört haben muss. Über wenig Dinge redet Schopenhauer so sicher wie über die Wirkung
der ästhetischen Kontemplation: er sagt ihr nach, dass sie gerade der
geschlechtlichen "Interessiertheit" entgegenwirke, ähnlich also wie
Lupulin und Kampfer; er ist nie müde geworden, dieses Loskommen vom
"Willen" als den grossen Vorzug und Nutzen des ästhetischen Zustandes
zu verherrlichen: ja man möchte versucht sein zu fragen, ob nicht seine
Grundkonzeption von "Willen und Vorstellung," der Gedanke, dass es
eine Erlösung vom "Willen" einzig durch die "Vorstellung"
geben könne, aus einer Verallgemeinerung jener Sexual-Erfahrung ihren Ursprung
genommen habe. (Bei allen Fragen in betreff der Schopenhauerschen Philosophie
ist, anbei bemerkt, niemals ausser acht zu lassen, dass sie die Konzeption
eines sechsundzwanzigjährigen Jünglings ist; so dass sie nicht nur an dem
Spezifischen Schopenhauers, sondern auch an dem Spezifischen jener Jahreszeit
des Lebens Anteil hat.) Hören wir zum Beispiel eine der ausdrücklichsten
Stellen unter den zahllosen, die er zu Ehren des ästhetischen Zustandes
geschrieben hat (Welt als Wille und Vorstellung, I, 231), hören wir den
Ton heraus, das Leiden, das Glück, die Dankbarkeit, mit der solche Worte
gesprochen worden sind. "Das ist der schmerzenslose Zustand, den Epikuros als das
höchste Gut und als den Zustand der Götter pries; wir sind, für jenen
Augenblick, des schnöden Willensdrangs entledigt, wir feiern den Sabbat der
Zuchthausarbeit des Wollens, das Rad des Ixion steht still!" Welche Vehemenz der Worte! Welche
Bilder der Qual und des langen Überdrusses! Welche fast pathologische
Zeit-Gegenüberstellung "jenes Augenblicks" und des sonstigen
"Rads des Ixion," der "Zuchthausarbeit des Wollens," des "Schnöden
Willensdrangs"!—Aber gesetzt, dass Schopenhauer hundertmal für seine
Person recht hätte, was wäre damit für die Einsicht ins Wesen des Schönen
getan? Schopenhauer hat eine Wirkung des Schönen beschrieben, die
Willenkalmierende—ist sie auch nur eine regelmässige? Stendhal, wie gesagt,
eine nicht weniger sinnliche, aber glücklicher geratene Natur als Schopenhauer,
hebt eine andre Wirkung des Schönen hervor: "das Schöne verspricht
Glück," ihm scheint gerade die Erregung des Willens ("des Interesses")
durch das Schöne der Tatbestand. Und könnte man nicht zuletzt Schopenhauer
selber einwenden, dass er sehr mit Unrecht sich hierin Kantianer dünke, dass er
ganz und gar nicht die Kantsche Definition des Schönen Kantisch verstanden
habe—dass auch ihm das Schöne aus einem "Interesse" gefalle, sogar
aus dem allerstärksten, allerpersönlichsten Interesse: dem des Torturierten,
der von seiner Tortur loskommt? . . . und, um auf unsre erste Frage
zurückzukommen, "was bedeutet es, wenn ein Philosoph dem asketischen
ideale huldigt?"—so bekommen wir hier wenigstens einen ersten Wink: er
will von einer Tortur loskommen.
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Hüten wir uns, bei dem Wort "Tortur"
gleich düstere Gesichter zu machen: es bleibt gerade in diesem Falle genug
dagegenzurechnen, genug abzuziehn—es bleibt selbst etwas zu lachen.
Unterschätzen wir es namentlich nicht, dass Schopenhauer, der die
Geschlechtlichkeit in der Tat als persönlichen Feind behandelt hat
(einbegriffen deren Werkzeug, das Weib, dieses "instrumentum
diaboli"), Feinde nötig hatte, um guter Dinge zu bleiben; dass er die
grimmigen galligen schwarzgrünen Worte liebte; dass er zürnte, um zu zürnen,
aus Passion; dass er krank geworden wäre, Pessimist geworden wäre (—denn er war
es nicht, so sehr er es auch wünschte) ohne seine Feinde, ohne Hegel, das Weib,
die Sinnlichkeit und den ganzen Willen zum Dasein, Dableiben. Schopenhauer wäre
sonst nicht dageblieben, darauf darf man wetten, er wäre davongelaufen: seine
Feinde aber hielten ihn fest, seine Feinde verführten ihn immer wieder zum
Dasein, sein Zorn war, ganz wie bei den antiken Zynikern, sein Labsal, seine
Erholung, sein Entgelt, sein Remedium gegen den Ekel, sein Glück. So viel in
Hinsicht auf das Persönlichste am Fall Schopenhauers; andrerseits ist an ihm
noch etwas Typisches—und hier erst kommen wir wieder auf unser Problem. Es besteht unbestreitbar, solange
es Philosophen auf Erden gibt und überall, wo es Philosophen gegeben hat (von
Indien bis England, um die entgegengesetzten Pole der Begabung für Philosophie
zu nehmen), eine eigentliche Philosophen-Gereiztheit und -Ranküne gegen die
Sinnlichkeit—Schopenhauer ist nur deren beredtester und, wenn man das Ohr dafür
hat, auch hinreissendster und entzückendster Ausbruch—; es besteht insgleichen
eine eigentliche Philosophen-Voreingenommenheit und -Herzlichkeit in bezug auf
das ganze asketische Ideal, darüber und dagegen soll man sich nichts vormachen.
Beides gehört, wie gesagt, zum Typus; fehlt beides an einem Philosophen, so ist
er dessen sei man sicher—immer nur ein "sogenannter". Was
bedeutet das? Denn man muss diesen Tatbestand erst interpretieren: an sich
steht er da, dumm in alle Ewigkeit, wie jedes "Ding an sich." Jedes Tier, somit auch la bête
philosophe, strebt instinktiv nach einem Optimum von günstigen Bedingungen,
unter denen es seine Kraft ganz herauslassen kann und sein Maximum im
Machtgefühl erreicht; jedes Tier perhorresziert ebenso instinktiv und mit einer
Feinheit der Witterung, die "höher ist als alle Vernunft," alle Art
Störenfriede und Hindernisse, die sich ihm über diesen Weg zum Optimum legen
oder legen könnten (—es ist nicht sein Weg zum "Glück," von dem ich
rede, sondern sein Weg zur Macht, zur Tat, zum mächtigsten Tun, und in den
meisten Fällen tatsächlich sein Weg zum Unglück). Dergestalt perhorresziert der
Philosoph die Ehe samt dem, was zu ihr überreden möchte—die Ehe als Hindernis
und Verhängnis auf seinem Wege zum Optimum. Welcher grosse Philosoph war bisher
verheiratet? Heraklit, Plato, Descartes, Spinoza, Leibniz, Kant,
Schopenhauer—sie waren es nicht; mehr noch, man kann sie sich nicht einmal
denken als verheiratet. Ein verheirateter Philosoph gehört in die Komödie, das
ist mein Satz: und jene Ausnahme Sokrates—der boshafte Sokrates hat sich,
scheint es, ironisch verheiratet, eigens um gerade diesen Satz zu demonstrieren. Jeder Philosoph würde sprechen, wie
einst Buddha sprach, als ihm die Geburt eines Sohns gemeldet wurde:
"Râhula ist mir geboren, eine Fessel ist mir geschmiedet" (Râhula
bedeutet hier "ein kleiner Dämon"); jedem "freien Geiste"
müsste eine nachdenkliche Stunde kommen, gesetzt, dass er vorher eine
gedankenlose gehabt hat, wie sie einst demselben Buddha kam—"eng
bedrängt," dachte er bei sich, "ist das Leben im Hause, eine Stätte
der Unreinheit; Freiheit ist im Verlassen des Hauses": "dieweil er
also dachte, verliess er das Haus." Es sind im asketischen Ideale so viele
Brücken zur Unabhängigkeit angezeigt, dass ein Philosoph nicht ohne ein
innerliches Frohlocken und Händeklatschen die Geschichte aller jener
Entschlossnen zu hören vermag, welche eines Tages Nein sagten zu aller
Unfreiheit und in irgendeine Wüste gingen: gesetzt selbst, dass es bloss starke
Esel waren und ganz und gar das Gegenstück eines starken Geistes. Was bedeutet demnach das asketische
Ideal bei einem Philosophen? Meine Antwort ist—man wird es längst erraten
haben: der Philosoph lächelt bei seinem Anblick einem Optimum der Bedingungen
höchster und kühnster Geistigkeit zu—er verneint nicht damit "das
Dasein," er bejaht darin vielmehr sein Dasein und nur sein Dasein, und
dies vielleicht bis zu dem Grade, dass ihm der frevelhafte Wunsch nicht fern
bleibt: pereat mundus, fiat philosophia, fiat philosophus, fiam!—
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Man sieht, das sind keine unbestochnen Zeugen
und Richter über den Wert des asketischen Ideals, diese Philosophen! Sie denken
an sich—was geht sie "der Heilige" an! Sie denken an das dabei, was
ihnen gerade das Unentbehrlichste ist: Freiheit von Zwang, Störung, Lärm, von
Geschäften, Pflichten, Sorgen; Helligkeit im Kopf; Tanz, Sprung und Flug der
Gedanken; eine gute Luft, dünn, klar, frei, trocken, wie die Luft auf Höhen
ist, bei der alles animalische Sein geistiger wird und Flügel bekommt; Ruhe in
allen Souterrains; alle Hunde hübsch an die Kette gelegt; kein Gebell von
Feindschaft und zotteliger Ranküne; keine Nagewürmer verletzten Ehrgeizes;
bescheidne und untertänige Eingeweide, fleissig wie Mühlwerke, aber fern; das
Herz fremd, jenseits, zukünftig, posthum, sie denken, alles in allem, bei dem
asketischen Ideal an den heitern Asketismus eines vergöttlichten und flügge
gewordnen Tiers, das über dem Leben mehr schweift als ruht. Man weiss, was die drei grossen
Prunkworte des asketischen Ideals sind: Armut, Demut, Keuschheit: und nun sehe
man sich einmal das Leben aller grossen fruchtbaren erfinderischen Geister aus
der Nähe an—man wird darin alle drei bis zu einem gewissen Grade immer
wiederfinden. Durchaus nicht, wie sich von selbst versteht, als ob es etwa
deren "Tugenden" wären—was hat diese Art Mensch mit Tugenden zu
schaffen!—, sondern als die eigentlichsten und natürlichsten Bedingungen ihres
besten Daseins, ihrer schönsten Fruchtbarkeit. Dabei ist es ganz wohl möglich,
dass ihre dominierende Geistigkeit vorerst einem unbändigen und reizbaren
Stolze oder einer mutwilligen Sinnlichkeit Zügel anzulegen hatte oder dass sie
ihren Willen zur "Wüste" vielleicht gegen einen Hang zum Luxus und
zum Ausgesuchtesten, insgleichen gegen eine verschwenderische Liberalität mit
Herz und Hand schwer genug aufrechterhielt. Aber sie tat es, eben als der
dominierende Instinkt, der seine Forderungen bei allen andren Instinkten
durchsetzte—sie tut es noch, täte sie's nicht, so dominierte sie eben nicht.
Daran ist also nichts von "Tugend."
Die Wüste übrigens, von welcher ich eben
sprach, in die sich die starken, unabhängig gearteten Geister zurückziehn und
vereinsamen—o wie anders sieht sie aus, als die Gebildeten sich eine Wüste
träumen!—unter Umständen sind sie es nämlich selbst, diese Gebildeten. Und
gewiss ist es, dass alle Schauspieler des Geistes es schlechterdings nicht in
ihr aushielten—für sie ist sie lange nicht romantisch und syrisch genug, lange
nicht Theater-Wüste genug! Es fehlt allerdings auch in ihr nicht an Kamelen:
darauf aber beschränkt sich die ganze Ähnlichkeit. Eine willkürliche Obskurität
vielleicht; ein Aus-dem-Wege-Gehn vor sich selber; eine Scheu vor Lärm,
Verehrung, Zeitung, Einfluss; ein kleines Amt, ein Alltag, etwas, das mehr
verbirgt als ans Licht stellt; ein Umgang gelegentlich mit harmlosem heitrem
Getier und Geflügel, dessen Anblick erholt; ein Gebirge zur Gesellschaft, aber
kein totes, eins mit Augen (das heisst mit Seen); unter Umständen selbst ein
Zimmer in einem vollen Allerwelts-Gasthof, wo man sicher ist, verwechselt zu
werden, und ungestraft mit jedermann reden kann—das ist hier "Wüste":
o sie ist einsam genug, glaubt es mir! Wenn Heraklit sich in die Freihöfe und
Säulengänge des ungeheuren Artemistempels zurückzog, so war diese
"Wüste" würdiger, ich gebe es zu: weshalb fehlen uns solche Tempel?
(sie fehlen uns vielleicht nicht: eben gedenke ich meines schönsten Studierzimmers,
der piazza di San Marco, Frühling vorausgesetzt, insgleichen Vormittag, die
Zeit zwischen zehn und zwölf). Das aber, dem Heraklit auswich, ist das gleiche
noch, dem wir jetzt aus dem Wege gehn: der Lärm und das Demokraten-Geschwätz
der Ephesier, ihre Politik, ihre Neuigkeiten vom "Reich" (Persien,
man versteht mich), ihr Markt-Kram von "heute"—denn wir Philosophen
brauchen zuallererst vor einem Ruhe: vor allem "Heute." Wir verehren das Stille, das Kalte,
das vornehme, das Ferne, das Vergangne, jegliches überhaupt, bei dessen Aspekt
die Seele sich nicht zu verteidigen und zuzuschnüren hat—etwas, mit dem man
reden kann, ohne laut zu reden. Man höre doch nur auf den Klang, den ein Geist
hat, wenn er redet: jeder Geist hat seinen Klang, liebt seinen Klang. Das dort
zum Beispiel muss wohl ein Agitator sein, will sagen ein Hohlkopf, Hohltopf:
was auch nur in ihn hineingeht, jeglich Ding kommt dumpf und dick aus ihm
zurück, beschwert mit dem Echo der grossen Leere. Jener dort spricht selten
anders als heiser: hat er sich vielleicht heiser gedacht? Das wäre möglich—man
frage die Physiologen—, aber wer in Worten denkt, denkt als Redner und nicht
als Denker (es verrät, dass er im Grunde nicht Sachen, nicht sachlich denkt,
sondern nur in Hinsicht auf Sachen, dass er eigentlich sich und seine Zuhörer
denkt). Dieser Dritte da redet aufdringlich, er tritt zu nahe uns an den Leib,
sein Atem haucht uns an—unwillkürlich schliessen wir den Mund, obwohl es ein
Buch ist, durch das er zu uns spricht: der Klang seines Stils sagt den Grund
davon—dass er keine Zeit hat, dass er schlecht an sich selber glaubt, dass er
heute oder niemals mehr zu Worte kommt. Ein Geist aber, der seiner selbst
gewiss ist, redet leise; er sucht die Verborgenheit, er lässt auf sich warten. Man erkennt einen Philosophen
daran, dass er drei glänzenden und lauten Dingen aus dem Wege geht, dem Ruhine,
den Fürsten und den Frauen: womit nicht gesagt ist, dass sie nicht zu ihm
kämen. Er scheut allzu helles Licht: deshalb scheut er seine Zeit und deren
"Tag." Darin ist er wie ein Schatten: je mehr ihm die Sonne sinkt, um
so grösser wird er. Was seine "Demut" angeht, so verträgt er, wie er
das Dunkel verträgt, auch eine gewisse Abhängigkeit und Verdunkelung: mehr
noch, er fürchtet sich vor der Störung durch Blitze, er schreckt vor der
Ungeschütztheit eines allzu isolierten und preisgegebnen Baums zurück, an dem
jedes schlechte Wetter seine Laune, jede Laune ihr schlechtes Wetter auslässt.
Sein "mütterlicher" Instinkt, die geheime Liebe zu dem, was in ihm
wächst, weist ihn auf Lagen hin, wo man es ihm abnimmt, an sich zu denken; in
gleichem Sinne, wie der Instinkt der Mutter im Weibe die abhängige Lage des
Weibes überhaupt bisher festgehalten hat. Sie verlangen zuletzt wenig genug,
diese Philosophen, ihr Wahlspruch ist "wer besitzt, wird besessen"—:
nicht, wie ich wieder und wieder sagen muss, aus einer Tugend, aus einem
verdienstlichen Willen zur Genügsamkeit und Einfalt, sondern weil es ihr
oberster Herr so von ihnen verlangt, klug und unerbittlich verlangt: als welcher
nur für eins Sinn hat und alles, Zeit, Kraft, Liebe, Interesse nur dafür
sammelt, nur dafür aufspart. Diese Art Mensch liebt es nicht, durch Feindschaften gestört zu
werden, auch durch Freundschaften nicht; sie vergisst oder verachtet leicht. Es
dünkt ihr ein schlechter Geschmack, den Märtyrer zu machen; "für die
Wahrheit zu leiden"—das überlässt sie den Ehrgeizigen und Bühnenhelden des
Geistes und wer sonst Zeit genug dazu hat (—sie selbst, die Philosophen, haben
etwas für die Wahrheit zu tun). Sie machen einen sparsamen Verbrauch von
grossen Worten; man sagt, dass ihnen selbst das Wort "Wahrheit"
widerstehe: es klinge grosstuerisch. Was endlich die "Keuschheit" der Philosophen anbelangt,
so hat diese Art Geist ihre Fruchtbarkeit ersichtlich woanders als in Kindern;
vielleicht woanders auch das Fortleben ihres Namens, ihre kleine
Unsterblichkeit (noch unbescheidner drückte man sich im alten Indien unter
Philosophen aus: "wozu Nachkommenschaft dem, dessen Seele die Welt
ist?"). Darin ist nichts von Keuschheit aus irgendeinem asketischen
Skrupel und Sinnenhass, so wenig es Keuschheit ist, wenn ein Athlet oder Jockei
sich der Weiber enthält: so will es vielmehr, zum mindesten für die Zeiten der
grossen Schwangerschaft, ihr dominierender Instinkt. Jeder Artist weiss, wie
schädlich in Zuständen grosser geistiger Spannung und Vorbereitung der
Beischlaf wirkt; für die mächtigsten und instinktsichersten unter ihnen gehört
dazu nicht erst die Erfahrung, die schlimme Erfahrung sondern eben ihr
"mütterlicher" Instinkt ist es, der hier zum Vorteil des werdenden
Werkes rücksichtslos über alle sonstigen Vorräte und Zuschüsse von Kraft, von
vigor des animalen Lebens verfügt: die grössere Kraft verbraucht dann die
kleinere. Man
lege sich übrigens den oben besprochnen Fall Schopenhauers nach dieser
Interpretation zurecht: der Anblick des Schönen wirkte offenbar bei ihm als
auslösender Reiz auf die Hauptkraft seiner Natur (die Kraft der Besinnung und
des vertieften Blicks); so dass diese dann explodierte und mit einem Male Herr
des Bewusstseins wurde. Damit soll durchaus die Möglichkeit nicht
ausgeschlossen sein, dass jene eigentümliche Süssigkeit und Fülle, die dem
ästhetischen Zustande eigen ist, gerade von der Ingredienz
"Sinnlichkeit" ihre Herkunft nehmen könnte (wie aus derselben Quelle
jener "Idealismus" stammt, der mannbaren Mädchen eignet)—dass somit
die Sinnlichkeit beim Eintritt des ästhetischen Zustandes nicht aufgehoben ist,
wie Schopenhauer glaubt, sondern sich nur transfiguriert und nicht als Geschlechtsreiz
mehr ins Bewusstsein tritt. (Auf diesen Gesichtspunkt werde ich ein andres Mal
zurückkommen, im Zusammenhang mit noch delikateren Problemen der bisher so
unberührten, so unaufgeschlossnen Physiologie der Ästhetik.)
9
Ein gewisser Asketismus, wir sahen es, eine
harte und heitre Entsagsamkeit besten Willens gehört zu den günstigen
Bedingungen höchster Geistigkeit, insgleichen auch zu deren natürlichsten
Folgen: so wird es von vornherein nicht wundernehmen, wenn das asketische ideal
gerade von den Philosophen nie ohne einige Voreingenommenheit behandelt worden
ist. Bei einer ernsthaften historischen Nachrechnung erweist sich sogar das
Band zwischen asketischem Ideal und Philosophie als noch viel enger und
strenger. Man könnte sagen, dass erst am Gängelbande dieses Ideals die
Philosophie überhaupt gelernt habe, ihre ersten Schritte und Schrittchen auf
Erden zu machen ach, noch so ungeschickt, ach, mit noch so verdrossnen Mienen,
ach, so bereit, umzufallen und auf dem Bauch zu liegen, dieser kleine
schüchterne Tapps und Zärtling mit krummen Beinen! Es ist der Philosophie anfangs
ergangen wie allen guten Dingen—sie hatten lange keinen Mut zu sich selber, sie
sahen sich immer um, ob ihnen niemand zu Hilfe kommen wolle, mehr noch, sie
fürchteten sich vor allen, die ihnen zusahn. Man rechne sich die einzelnen
Triebe und Tugenden des Philosophen der Reihe nach vor—seinen anzweifelnden
Trieb, seinen verneinenden Trieb, seinen abwartenden ("ephektischen")
Trieb, seinen analytischen Trieb, seinen forschenden, suchenden, wagenden
Trieb, seinen vergleichenden, ausgleichenden Trieb, seinen Willen zu
Neutralität und Objektivität, seinen Willen zu jedem "sine ira et
studio"—: hat man wohl schon begriffen, dass sie allesamt die längste Zeit
den ersten Forderungen der Moral und des Gewissens entgegengingen? (gar nicht
zu reden von der Vernunft überhaupt, welche noch Luther "Fraw Klüglin die
kluge Hur" zu nennen liebte). Dass ein Philosoph, falls er sich zum
Bewusstsein gekommen wäre, sich geradezu als das leibhafte "nitimur
in vetitum" hätte fühlen müssen—und sich folglich hütete,
"sich zu fühlen," sich zum Bewusstsein zu kommen? Es steht, wie gesagt, nicht anders
mit allen guten Dingen, auf die wir heute stolz sind; selbst noch mit dem Masse
der alten Griechen gemessen, nimmt sich unser ganzes modernes Sein, soweit es
nicht Schwäche, sondern Macht und Machtbewusstsein ist, wie lauter Hybris und
Gottlosigkeit aus: denn gerade die umgekehrten Dinge, als die sind, welche wir
heute verehren, haben die längste Zeit das Gewissen auf ihrer Seite und Gott zu
ihrem Wächter gehabt. Hybris ist heute unsre ganze Stellung zur Natur, unsre
Natur-Vergewaltigung mit Hilfe der Maschinen und der so unbedenklichen
Techniker- und Ingenieur-Erfindsamkeit; Hybris ist unsre Stellung zu Gott, will
sagen zu irgendeiner angeblichen Zweck- und Sittlichkeits-Spinne hinter dem
grossen Fangnetz-Gewebe der Ursächlichkeit—wir dürften, wie Karl der Kühne im
Kampfe mit Ludwig dem Elften, sagen "je combats l'universelle
araignée"—; Hybris ist unsre Stellung zu uns, denn wir experimentieren mit
uns, wie wir es uns mit keinem Tiere erlauben würden, und schlitzen uns
vergnügt und neugierig die Seele bei lebendigem Leibe auf: was liegt uns noch
am "Heil" der Seele! Hinterdrein heilen wir uns selber: Kranksein ist
lehrreich, wir zweifeln nicht daran, lehrreicher noch als Gesundsein—die
Krankmacher scheinen uns heute nötiger selbst als irgendwelche Medizinmänner
und "Heilande." Wir vergewaltigen uns jetzt selbst, es ist kein
Zweifel, wir Nussknacker der Seele, wir Fragenden und Fragwürdigen, wie als ob
Leben nichts andres sei, als Nüsseknacken; ebendamit müssen wir notwendig
täglich immer noch fragwürdiger, würdiger zu fragen werden, ebendamit
vielleicht auch würdiger—zu leben? Alle guten Dinge waren ehemals schlimme Dinge; aus jeder Erbsünde
ist eine Erbtugend geworden. Die Ehe zum Beispiel schien lange eine
Versündigung am Rechte der Gemeinde; man hat einst Busse dafür gezahlt, so
unbescheiden zu sein und sich ein Weib für sich anzumassen (dahin gehört zum
Beispiel das jus primae noctis, heute noch in Kambodscha das Vorrecht
der Priester, dieser Bewahrer "alter guter Sitten"). Die sanften,
wohlwollenden, nachgiebigen, mitleidigen Gefühle nachgerade so hoch im Werte,
dass sie fast "die Werte an sich" sind hatten die längste Zeit gerade
die Selbstverachtung gegen sich: man schämte sich der Milde, wie man sich heute
der Härte schämt (vgl. "Jenseits von Gut und Böse" S. 232).
Die Unterwerfung unter das Recht:—o mit was für Gewissens-Widerstande haben die
vornehmen Geschlechter überall auf Erden ihrerseits Verzicht auf vendetta
geleistet und dem Recht über sich Gewalt eingeräumt! Das "Recht" war
lange ein vetitum, ein Frevel, eine Neuerung, es trat mit Gewalt auf,
als Gewalt, der man sich nur mit Scham vor sich selber fügte. Jeder kleinste
Schritt auf der Erde ist ehedem mit geistigen und körperlichen Martern
erstritten worden: dieser ganze Gesichtspunkt, "dass nicht nur das
Vorwärtsschreiten, nein! das Schreiten, die Bewegung, die Veränderung ihre
unzähligen Märtyrer nötig gehabt hat," klingt gerade heute uns so
fremd—ich habe ihn in der "Morgenröte" ans Licht gestellt. "Nichts ist teurer
erkauft," heisst es daselbst, "als das wenige von menschlicher
Vernunft und vom Gefühle der Freiheit, was jetzt unsern Stolz ausmacht. Dieser
Stolz aber ist es, dessentwegen es uns jetzt fast unmöglich wird, mit jenen
ungeheuren Zeitstrecken der 'Sittlichkeit der Sitte' zu empfinden, welche der
'Weltgeschichte' vorausliegen, als die wirkliche und entscheidende
Hauptgeschichte, welche den Charakter der Menschheit festgestellt hat: wo das
Leiden als Tugend, die Grausamkeit als Tugend, die Verstellung als Tugend, die
Rache als Tugend, die Verleugnung der Vernunft als Tugend, dagegen das
Wohlbefinden als Gefahr, die Wissbegierde als Gefahr, der Friede als Gefahr,
das Mitleiden als Gefahr, das Bemitleidetwerden als Schimpf, die Arbeit als
Schimpf, der Wahnsinn als Göttlichkeit, die Veränderung als das Unsittliche und
Verderbenschwangere an sich überall in Geltung war."
10
In demselben Buche S. 39 ist
auseinandergesetzt, in welcher Schätzung, unter welchem Druck von Schätzung das
älteste Geschlecht kontemplativer Menschen zu leben hatte—genau so weit
verachtet, als es nicht gefürchtet wurde! Die Kontemplation ist in vermummter
Gestalt, in einem zweideutigen Ansehn, mit einem bösen Herzen und oft mit einem
geängstigten Kopfe zuerst auf der Erde erschienen: daran ist kein Zweifel. Das
Inaktive, Brütende, Unkriegerische in den Instinkten kontemplativer Menschen
legte lange ein tiefes Misstrauen um sie herum: dagegen gab es kein andres
Mittel als entschieden Furcht vor sich erwecken. Und darauf haben sich zum
Beispiel die alten Brahmanen verstanden! Die ältesten Philosophen wussten ihrem
Dasein und Erscheinen einen Sinn, einen Halt und Hintergrund zu geben, auf den
hin man sie fürchten lernte: genauer erwogen, aus einem noch fundamentaleren
Bedürfnisse heraus, nämlich um vor sich selbst Furcht und Ehrfurcht zu
gewinnen. Denn sie fanden in sich alle Werturteile gegen sich gekehrt, sie
hatten gegen "den Philosophen in sich" jede Art Verdacht und
Widerstand niederzukämpfen. Dies taten sie als Menschen furchtbarer Zeitalter,
mit furchtbaren Mitteln: die Grausamkeit gegen Sich, die erfinderische
Selbstkasteiung—das war das Hauptmittel dieser machtdurstigen Einsiedler und
Gedanken-Neuerer, welche es nötig hatten, in sich selbst erst die Götter und
das Herkömmliche zu vergewaltigen, um selbst an ihre Neuerung glauben zu
können. Ich erinnere an die berühmte Geschichte des Königs Vicvamitra, der aus
tausendjährigen Selbstmarterungen ein solches Machtgefühl und Zutrauen zu sich
gewann, dass er es unternahm, einen neuen Himmel zu bauen: das unheimliche
Symbol der ältesten und jüngsten Philosophen-Geschichte auf Erden—jeder, der
irgendwann einmal einen "neuen Himmel" gebaut hat, fand die Macht
dazu erst in der eignen Hölle. Drücken wir den ganzen Tatbestand in kurze Formeln zusammen: der
philosophische Geist hat sich zunächst immer in die früher festgestellten Typen
des kontemplativen Menschen verkleiden und verpuppen müssen, als Priester,
Zauberer, Wahrsager, überhaupt als religiöser Mensch, um in irgendeinem Masse
auch nur möglich zu sein: das asketische Ideal hat lange Zeit dem Philosophen
als Erscheinungsform, als Existenz-Voraussetzung gedient—er musste es darstellen,
um Philosoph sein zu können, er musste an dasselbe glauben, um es darstellen zu
können. Die eigentümlich weltverneinende, lebensfeindliche, sinnenungläubige,
entsinnlichte Abseits-Haltung der Philosophen, welche bis auf die neuste Zeit
festgehalten worden ist und damit beinahe als Philosophen-Attitüde par
excellence an sich Geltung gewonnen hat—sie ist vor allem eine Folge des
Notstandes von Bedingungen, unter denen Philosophie überhaupt entstand und
bestand: insofern nämlich die längste Zeit Philosophie auf Erden gar nicht
möglich gewesen wäre ohne eine asketische Hülle und Einkleidung, ohne ein
asketisches Selbst-Missverständnis. Anschaulich und augenscheinlich
ausgedrückt: der asketische Priester hat bis auf die neuste Zeit die widrige
und düstere Raupenform abgegeben, unter der allein die Philosophie leben durfte
und herumschlich. Hat
sich das wirklich verändert? Ist das bunte und gefährliche Flügeltier, jener
"Geist," den diese Raupe in sich barg, wirklich, dank einer
sonnigeren, wärmeren, aufgehellteren Welt, zuletzt doch noch entkuttet und ins
Licht hinausgelassen worden? Ist heute schon genug Stolz, Wagnis, Tapferkeit,
Selbstgewissheit, Wille des Geistes, Wille zur Verantwortlichkeit, Freiheit des
Willens vorhanden, dass wirklich nunmehr auf Erden "der
Philosoph"—möglich ist? . . .
11
Jetzt erst, nachdem wir den asketischen
Priester in Sicht bekommen haben, rücken wir unsrem Probleme: was bedeutet das
asketische Ideal? ernsthaft auf den Leib—jetzt erst wird es "Ernst":
wir haben nunmehr den eigentlichen Repräsentanten des Ernstes überhaupt uns
gegenüber. "Was bedeutet aller Ernst?"—diese noch grundsätzlichere
Frage legt sich vielleicht hier schon auf unsre Lippen: eine Frage für
Physiologen, wie billig, an der wir aber einstweilen noch vorüberschlüpfen. Der
asketische Priester hat in jenem Ideale nicht nur seinen Glauben, sondern auch
seinen Willen, seine Macht, sein Interesse. Sein Recht zum Dasein steht und
fällt mit jenem ideale: was wunder, dass wir hier auf einen furchtbaren Gegner
stossen, gesetzt nämlich, dass wir die Gegner jenes Ideales wären? einen
solchen, der um seine Existenz gegen die Leugner jenes Ideales kämpft? Andrerseits ist es von vornherein
nicht wahrscheinlich, dass eine dergestalt interessierte Stellung zu unsrem
Probleme diesem sonderlich zunutze kommen wird; der asketische Priester wird
schwerlich selbst nur den glücklichsten Verteidiger seines Ideals abgeben, aus
dem gleichen Grunde, aus dem es einem Weibe zu misslingen pflegt, wenn es
"das Weib an sich" verteidigen will—geschweige denn den objektivsten
Beurteiler und Richter der hier aufgeregten Kontroverse. Eher also werden wir
ihm noch zu helfen haben—so viel liegt jetzt schon auf der Hand—, sich gut
gegen uns zu verteidigen, als dass wir zu fürchten hätten, zu gut von ihm
widerlegt zu werden. Der Gedanke, um den hier gekämpft wird, ist die Wertung unsres
Lebens seitens der asketischen Priester: dasselbe wird (samt dem, wozu es
gehört, "Natur," "Welt," die gesamte Sphäre des Werdens und
der Vergänglichkeit) von ihnen in Beziehung gesetzt zu einem ganz andersartigen
Dasein, zu dem es sich gegensätzlich und ausschliessend verhält, es sei denn,
dass es sich etwa gegen sich selber wende, sich selbst verneine: in diesem
Falle, dem Falle eines asketischen Lebens gilt das Leben als eine Brücke für
jenes andre Dasein. Der Asket behandelt das Leben wie einen Irrweg, den man
endlich rückwärts gehn müsse, bis dorthin, wo er anfängt; oder wie einen
Irrtum, den man durch die Tat widerlege—widerlegen solle: denn er fordert, dass
man mit ihm gehe, er erzwingt, wo er kann, seine Wertung des Daseins. Was bedeutet das? Eine solche
ungeheuerliche Wertungsweise steht nicht als Ausnahmefall und Kuriosum in die
Geschichte des Menschen eingeschrieben: sie ist eine der breitesten und
längsten Tatsachen, die es gibt. Von einem fernen Gestirn aus gelesen, würde
vielleicht die Majuskel-Schrift unsres Erden-Daseins zu dem Schluss verführen,
die Erde sei der eigentlich asketische Stern, ein Winkel missvergnügter,
hochmütiger und widriger Geschöpfe, die einen tiefen Verdruss an sich, an der
Erde, an allem Leben gar nicht loswürden und sich selber so viel wehtäten als
möglich, aus Vergnügen am Weh-tun—wahrscheinlich ihrem einzigen Vergnügen.
Erwägen wir doch, wie regelmässig, wie allgemein, wie fast zu allen Zeiten der
asketische Priester in die Erscheinung tritt; er gehört keiner einzelnen Rasse
an; er gedeiht überall; er wächst aus allen Ständen heraus. Nicht dass er etwa
seine Wertungsweise durch Vererbung züchtete und weiterpflanzte: das Gegenteil
ist der Fall—ein tiefer Instinkt verbietet ihm vielmehr, ins grosse gerechnet,
die Fortpflanzung. Es muss eine Nezessität ersten Ranges sein, welche diese
lebensfeindliche Spezies immer wieder wachsen und gedeihen macht—es muss wohl
ein Interesse des Lebens selbst sein, dass ein solcher Typus des
Selbstwiderspruchs nicht ausstirbt. Denn ein asketisches Leben ist ein
Selbstwiderspruch: hier herrscht ein Ressentiment sondergleichen, das eines
ungesättigten Instinktes und Machtwillens, der Herr werden möchte, nicht über
etwas am Leben, sondern über das Leben selbst, über dessen tiefste, stärkste,
unterste Bedingungen; hier wird ein Versuch gemacht, die Kraft zu gebrauchen,
um die Quellen der Kraft zu verstopfen; hier richtet sich der Blick grün und
hämisch gegen das physiologische Gedeihen selbst, insonderheit gegen dessen
Ausdruck, die Schönheit, die Freude; während am Missraten, Verkümmern, am
Schmerz, am Unfall, am Hässlichen, an der willkürlichen Einbusse, an der
Entselbstung, Selbstgeisselung, Selbstopferung ein Wohlgefallen empfunden und
gesucht wird. Dies ist alles im höchsten Grade paradox: wir stehen hier vor
einer Zwiespältigkeit, die sich selbst zwiespältig will, welche sich selbst in
diesem Leiden geniesst und in dem Masse sogar immer selbstgewisser und triumphierender
wird, als ihre eigne Voraussetzung, die physiologische Lebensfähigkeit,
abnimmt. "Der Triumph gerade in der letzten Agonie": unter diesem
superlativischen Zeichen kämpfte von jeher das asketische Ideal; in diesem
Rätsel von Verführung, in diesem Bilde von Entzücken und Qual erkannte es sein
hellstes Licht, sein Heil, seinen endlichen Sieg. Crux, nux, lux—das gehört bei
ihm in Eins.—
12
Gesetzt, dass ein solcher leibhafter Wille zur
Kontradiktion und Widernatur dazu gebracht wird, zu philosophieren: woran wird
er seine innerlichste Willkür auslassen? An dem, was am allersichersten als
wahr, als real empfunden wird: er wird den Irrtum gerade dort suchen, wo der
eigentliche Lebens-Instinkt die Wahrheit am unbedingtesten ansetzt. Er wird zum
Beispiel, wie es die Asketen der Vedânta-Philosophie taten, die Leiblichkeit
zur Illusion herabsetzen, den Schmerz insgleichen, die Vielheit, den ganzen
Begriffs-Gegensatz "Subjekt" und "Objekt" Irrtümer, nichts
als Irrtümer! Seinem Ich den Glauben versagen, sich selber seine
"Realität" verneinen—welcher Triumph!—schon nicht mehr bloss über die
Sinne, über den Augenschein, eine viel höhere Art Triumph, eine Vergewaltigung
und Grausamkeit an der Vernunft: als welche Wollust damit auf den Gipfel kommt,
dass die asketische Selbstverachtung, Selbstverhöhnung der Vernunft dekretiert:
"es gibt ein Reich der Wahrheit und des Seins, aber gerade die Vernunft
ist davon ausgeschlossen!" (Anbei gesagt: selbst noch in dem Kantischen Begriff
"intelligibler Charakter der Dinge" ist etwas von dieser lüsternen
Asketen-Zwiespältigkeit rückständig, welche Vernunft gegen Vernunft zu kehren
liebt: "intelligibler Charakter" bedeutet nämlich bei Kant eine Art
Beschaffenheit der Dinge, von der der Intellekt gerade soviel begreift, dass
sie für den Intellekt—ganz und gar unbegreiflich ist.)—Seien wir zuletzt,
gerade als Erkennende, nicht undankbar gegen solche resolute Umkehrungen der
gewohnten Perspektiven und Wertungen, mit denen der Geist allzulange scheinbar
freventlich und nutzlos gegen sich selbst gewütet hat: dergestalt einmal anders
sehn, anders sehn-wollen ist keine kleine Zucht und Vorbereitung des Intellekts
zu seiner einstmaligen "Objektivität"—letztere nicht als
"interesselose Anschauung" verstanden (als welche ein Unbegriff und
Widersinn ist), sondern als das Vermögen, sein Für und Wider in der Gewalt zu
haben und aus- und einzuhängen: so dass man sich gerade die Verschiedenheit der
Perspektiven und der Affekt-Interpretationen für die Erkenntnis nutzbar zu
machen weiss. Hüten
wir uns nämlich, meine Herren Philosophen, von nun an besser vor der
gefährlichen alten Begriffs-Fabelei, welche ein "reines, willenloses,
schmerzloses, zeitloses Subjekt der Erkenntnis" angesetzt hat, hüten wir
uns vor den Fangarmen solcher kontradiktorischer Begriffe wie "reine
Vernunft," "absolute Geistigkeit," "Erkenntnis an
sich";—hier wird immer ein Auge zu denken verlangt, das gar nicht gedacht
werden kann, ein Auge, das durchaus keine Richtung haben soll, bei dem die
aktiven und interpretierenden Kräfte unterbunden sein sollen, fehlen sollen,
durch die doch Sehen erst ein Etwas-Sehen wird, hier wird also immer ein
Widersinn und Unbegriff vom Auge verlangt. Es gibt nur ein perspektivisches
Sehen, nur ein perspektivisches "Erkennen"; und je mehr Affekte wir
über eine Sache zu Worte kommen lassen, je mehr Augen, verschiedne Augen wir
uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, um so vollständiger wird unser
"Begriff" dieser Sache, unsre "Objektivität" sein. Den
Willen aber überhaupt eliminieren, die Affekte samt und sonders aushängen,
gesetzt, dass wir dies vermöchten: wie? hiesse das nicht den Intellekt
kastrieren? . . .
13
Aber kehren wir zurück. Ein solcher
Selbstwiderspruch, wie er sich im Asketen darzustellen scheint, "Leben
gegen Leben" ist—so viel liegt zunächst auf der Hand—, physiologisch und
nicht mehr psychologisch nachgerechnet, einfach Unsinn. Er kann nur scheinbar
sein; er muss eine Art vorläufigen Ausdrucks, eine Auslegung, Formel,
Zurechtmachung, ein psychologisches Missverständnis von etwas sein, dessen
eigentliche Natur lange nicht verstanden, lange nicht an sich bezeichnet werden
konnte, ein blosses Wort, eingeklemmt in eine alte Lücke der menschlichen
Erkenntnis. Und dass ich kurz den Tatbestand dagegen stelle: das asketische
ideal entspringt dem Schutz- und Heil-Instinkte eines degenerierenden Lebens,
welches sich mit allen Mitteln zu halten sucht und um sein Dasein kämpft; es
deutet auf eine partielle physiologische Hemmung und Ermüdung hin, gegen welche
die tiefsten, intakt gebliebenen Instinkte des Lebens unausgesetzt mit neuen
Mitteln und Erfindungen ankämpfen. Das asketische Ideal ist ein solches Mittel:
es steht also gerade umgekehrt, als es die Verehrer dieses Ideals meinen—das
Leben ringt in ihm und durch dasselbe mit dem Tode und gegen den Tod, das
asketische Ideal ist ein Kunstgriff in der Erhaltung des Lebens. Dass dasselbe in dem Masse, wie die
Geschichte es lehrt, über den Menschen walten und mächtig werden konnte,
insonderheit überall dort, wo die Zivilisation und Zähmung des Menschen
durchgesetzt wurde, darin drückt sich eine grosse Tatsache aus: die
Krankhaftigkeit im bisherigen Typus des Menschen, zum mindesten des zahm
gemachten Menschen, das physiologische Ringen des Menschen mit dem Tode
(genauer: mit dem Überdrusse am Leben, mit der Ermüdung, mit dem Wunsche nach
dem "Ende"). Der asketische Priester ist der fleischgewordne Wunsch
nach einem Anders-sein, Anderswo-sein, und zwar der höchste Grad dieses
Wunsches, dessen eigentliche Inbrunst und Leidenschaft: aber eben die Macht
seines Wünschens ist die Fessel, die ihn hier anbindet; eben damit wird er zum
Werkzeug, das daran arbeiten muss, günstigere Bedingungen für das Hier-sein und
Mensch-sein zu schaffen—eben mit dieser Macht hält er die ganze Herde der Missratnen,
Verstimmten, Schlechtweggekommnen, Verunglückten, An-sich-Leidenden jeder Art
am Dasein fest, indem er ihnen instinktiv als Hirt vorangeht. Man versteht mich
bereits: dieser asketische Priester, dieser anscheinende Feind des Lebens,
dieser Verneinende er gerade gehört zu den ganz grossen konservierenden und
ja-schaffenden Gewalten des Lebens. Woran sie hängt, jene Krankhaftigkeit? Denn der Mensch ist
kränker, unsicherer, wechselnder, unfestgestellter als irgendein Tier sonst,
daran ist kein Zweifel—er ist das kranke Tier: woher kommt das? Sicherlich hat
er auch mehr gewagt, geneuert, getrotzt, das Schicksal herausgefordert als alle
übrigen Tiere zusammengenommen: er, der grosse Experimentator mit sich, der
Unbefriedigte, Ungesättigte, der um die letzte Herrschaft mit Tier, Natur und
Göttern ringt—er, der immer noch Unbezwungne, der ewig-Zukünftige, der vor
seiner eignen drängenden Kraft keine Ruhe mehr findet, so dass ihm seine
Zukunft unerbittlich wie ein Sporn im Fleische jeder Gegenwart wühlt— wie sollte
ein solches mutiges und reiches Tier nicht auch das am meisten gefährdete, das
am längsten und tiefsten kranke unter allen kranken Tieren sein? . . . Der
Mensch hat es satt, oft genug, es gibt ganze Epidemien dieses Satthabens (— so
um 1348 herum, zur Zeit des Totentanzes): aber selbst noch dieser Ekel, diese
Müdigkeit, dieser Verdruss an sich selbst—alles tritt an ihm so mächtig heraus,
dass es sofort wieder zu einer neuen Fessel wird. Sein Nein, das er zum Leben
spricht, bringt wie durch einen Zauber eine Fülle zarterer Jas ans Licht; ja,
wenn er sich verwundet, dieser Meister der Zerstörung,
Selbstzerstörung—hinterdrein ist es die Wunde selbst, die ihn zwingt, zu leben.
14
Je normaler die Krankhaftigkeit am Menschen
ist—m und wir können diese Normalität nicht in Abrede stellen—, um so höher
sollte man die seltnen Fälle der seelisch-leiblichen Mächtigkeit, die
Glücksfälle des Menschen in Ehren halten, um so strenger die Wohlgeratenen vor
der schlechtesten Luft, der Kranken-Luft behüten. Tut man das? Die Kranken sind die grösste Gefahr
für die Gesunden; nicht von den Stärksten kommt das Unheil für die Starken,
sondern von den Schwächsten. Weiss man das? Ins grosse gerechnet, ist es durchaus nicht die Furcht vor dem
Menschen, deren Verminderung man wünschen dürfte: denn diese Furcht zwingt die
Starken dazu, stark, unter Umständen furchtbar zu sein,—sie hält den
wohlgeratenen Typus Mensch aufrecht. Was zu fürchten ist, was verhängnisvoll
wirkt wie kein andres Verhängnis, das wäre nicht die grosse Furcht, sondern der
grosse Ekel vor dem Menschen; insgleichen das grosse Mitleid mit dem Menschen.
Gesetzt, dass diese beiden eines Tags sich begatteten, so würde unvermeidlich
sofort etwas vom Unheimlichsten zur Welt kommen, der "letzte Wille"
des Menschen, sein Wille zum Nichts, der Nihilismus. Und in der Tat: hierzu ist
viel vorbereitet. Wer nicht nur seine Nase zum Riechen hat, sondern auch seine
Augen und Ohren, der spürt fast überall, wohin er heute auch nur tritt, etwas
wie Irrenhaus-, wie Krankenhaus-Luft—ich rede, wie billig, von den
Kulturgebieten des Menschen, von jeder Art "Europa," das es
nachgerade auf Erden gibt. Die Krankhaften sind des Menschen grosse Gefahr:
nicht die Bösen, nicht die "Raubtiere." Die von vornherein
Verunglückten, Niedergeworfnen, Zerbrochenen—sie sind es, die Schwächsten sind
es, welche am meisten das Leben unter Menschen unterminieren, welche unser
Vertrauen zum Leben, zum Menschen, zu uns am gefährlichsten vergiften und in
Frage stellen. Wo entginge man ihm, jenem verhängten Blick, von dem man eine
tiefe Traurigkeit mit fortträgt, jenem zurückgewendeten Blick des Missgebornen
von Anbeginn, der es verrät, wie ein solcher Mensch zu sich selber
spricht—jenem Blick, der ein Seufzer ist! "Möchte ich irgend jemand
anderes sein!" so seufzt dieser Blick: "aber da ist keine Hoffnung.
Ich bin, der ich bin: wie käme ich von mir selber los? Und doch—habe ich mich
satt!" Auf
solchem Boden der Selbstverachtung, einem eigentlichen Sumpfboden, wächst jedes
Unkraut, jedes Giftgewächs, und alles so klein, so versteckt, so unehrlich, so
süsslich. Hier wimmeltn die Würmer der Rach- und Nachgefühle; hier stinkt die
Luft nach Heimlichkeiten und Uneingeständlichkeiten; hier spinnt sich beständig
das Netz der bösartigsten Verschwörung—der Verschwörung der Leidenden gegen die
Wohlgeratenen und Siegreichen, hier wird der Aspekt des Siegreichen gehasst.
Und welche Verlogenheit, um diesen Hass nicht als Hass einzugestehn! Welcher
Aufwand an grossen Worten und Attitüden, welche Kunst der "rechtschaffnen"
Verleumdung! Diese Missratenen: welche edle Beredsamkeit entströmt ihren
Lippen! Wieviel zuckrige, schleimige, demütige Ergebung schwimmt in ihren
Augen! Was wollen sie eigentlich? Die Gerechtigkeit, die Liebe, die Weisheit,
die Überlegenheit wenigstens darstellen—das ist der Ehrgeiz dieser
"Untersten," dieser Kranken! Und wie geschickt macht ein solcher
Ehrgeiz! Man bewundere namentlich die Falschmünzer-Geschicklichkeit, mit der
hier das Gepräge der Tugend, selbst der Klingklang, der Goldklang der Tugend
nachgemacht wird. Sie haben die Tugend jetzt ganz und gar für sich in Pacht
genommen, diese Schwachen und Heillos-Krankhaften, daran ist kein Zweifel:
"wir allein sind die Guten, die Gerechten, so sprechen sie, wir allein
sind die homines bonae voluntatis." Sie wandeln unter uns herum als
leibhafte Vorwürfe, als Warnungen an uns—wie als ob Gesundheit,
Wohlgeratenheit, Stärke, Stolz, Machtgefühl an sich schon lasterhafte Dinge
seien, für die man einst büssen, bitter büssen müsse: o wie sie im Grunde dazu
selbst bereit sind, büssen zu machen, wie sie darnach dürsten, Henker zu sein.
Unter ihnen gibt es in Fülle die zu Richtern verkleideten Rachsüchtigen, welche
beständig das Wort "Gerechtigkeit" wie einen giftigen Speichel im
Munde tragen, immer gespitzten Mundes, immer bereit, alles anzuspeien, was
nicht unzufrieden blickt und guten Muts seine Strasse zieht. Unter ihnen fehlt
auch jene ekelhafteste Spezies der Eitlen nicht, die verlognen Missgeburten,
die darauf aus sind, "schöne Seelen" darzustellen, und etwa ihre verhunzte
Sinnlichkeit, in Verse und andere Windeln gewickelt, als "Reinheit des
Herzens" auf den Markt bringen: die Spezies der moralischen Onanisten und
"Selbstbefriediger." Der Wille der Kranken, irgendeine Form der
Überlegenheit darzustellen, ihr Instinkt für Schleichwege, die zu einer
Tyrannei über die Gesunden führen,—wo fände er sich nicht, dieser Wille gerade
der Schwächsten zur Macht! Das kranke Weib insonderheit: niemand übertrifft es in
Raffinements, zu herrschen, zu drücken, zu tyrannisieren. Das kranke Weib
schont dazu nichts Lebendiges, nichts Totes, es gräbt die begrabensten Dinge
wieder auf (die Bogos sagen: "das Weib ist eine Hyäne"). Man blicke in die Hintergründe
jeder Familie, jeder Körperschaft, jedes Gemeinwesens: überall der Kampf der
Kranken gegen die Gesunden—ein stiller Kampf zumeist mit kleinen Giftpulvern,
mit Nadelstichen, mit tückischem Dulder-Mienenspiele, mitunter aber auch mit
jenem Kranken-Pharisäismus der lauten Gebärde, der am liebsten "die edle
Entrüstung" spielt. Bis in die geweihten Räume der Wissenschaft hinein
möchte es sich hörbar machen, das heisere Entrüstungs-Gebell der krankhaften
Hunde, die bissige Verlogenheit und Wut solcher "edlen" Pharisäer
(—ich erinnere Leser, die Ohren haben, nochmals an jenen Berliner Rache-Apostel
Eugen Dühring, der im heutigen Deutschland den unanständigsten und
widerlichsten Gebrauch vom moralischen Bumbum macht: Dühring, das erste
Moral-Grossmaul, das es jetzt gibt, selbst noch unter seinesgleichen, den
Antisemiten). Das
sind alles Menschen des Ressentiment, diese physiologisch Verunglückten und
Wurmstichigen, ein ganzes zitterndes Erdreich unterirdischer Rache,
unerschöpflich, unersättlich in Ausbrüchen gegen die Glücklichen und ebenso in
Maskeraden der Rache, in Vorwänden zur Rache: wann würden sie eigentlich zu
ihrem letzten, feinsten, sublimsten Triumph der Rache kommen? Dann
unzweifelhaft, wenn es ihnen gelänge, ihr eignes Elend, alles Elend überhaupt
den Glücklichen ins Gewissen zu schieben: so dass diese sich eines Tags ihres
Glücks zu schämen begännen und vielleicht untereinander sich sagten "es
ist eine Schande, glücklich zu sein! es gibt zu viel Elend!" Aber es könnte gar kein grösseres
und verhängnisvolleres Missverständnis geben, als wenn dergestalt die
Glücklichen, die Wohlgeratenen, die Mächtigen an Leib und Seele anfingen, an
ihrem Recht auf Glück zu zweifeln. Fort mit dieser "verkehrten Welt"!
Fort mit dieser schändlichen Verweichlichung des Gefühls! Dass die Kranken
nicht die Gesunden krank machen—und dies wäre eine solche Verweichlichung—, das
sollte doch der oberste Gesichtspunkt auf Erden sein—dazu aber gehört vor allen
Dingen, dass die Gesunden von den Kranken abgetrennt bleiben, behütet selbst
vor dem Anblick der Kranken, dass sie sich nicht mit den Kranken verwechseln. Oder
wäre es etwa ihre Aufgabe, Krankenwärter oder Ärzte zu sein? Aber sie könnten ihre Aufgabe gar
nicht schlimmer verkennen und verleugnen—das Höhere soll sich nicht zum
Werkzeug des Niedrigeren herabwürdigen, das Pathos der Distanz soll in alle
Ewigkeit auch die Aufgaben aus einander halten. Ihr Recht, dazusein, das
Vorrecht der Glocke mit vollem Klange vor der misstönigen, zersprungenen, ist
ja ein tausendfach grösseres: sie allein sind die Bürgen der Zukunft, sie
allein sind verpflichtet für die Menschen-Zukunft. Was sie können, was sie
sollen, das dürften niemals Kranke können und sollen: aber damit sie können,
was nur sie sollen, wie stünde es ihnen noch frei, den Arzt, den Trostbringer,
den "Heiland" der Kranken zu machen?
Und darum gute Luft! gute Luft! und weg
jedenfalls aus der Nähe von allen Irren- und Krankenhäusern der Kultur! Und
darum gute Gesellschaft, unsre Gesellschaft! Oder Einsamkeit, wenn es sein
muss! Aber weg jedenfalls von den üblen Dünsten der inwendigen Verderbnis und
des heimlichen Kranken-Wurmfrasses! . . . Damit wir uns selbst nämlich, meine
Freunde, wenigstens eine Weile noch gegen die zwei schlimmsten Seuchen
verteidigen, die gerade für uns aufgespart sein mögen gegen den grossen Ekel am
Menschen! gegen das grosse Mitleid mit dem Menschen!
15
Hat man in aller Tiefe begriffen—und ich
verlange, dass man hier gerade tief greift, tief begreift—, inwiefern es
schlechterdings nicht die Aufgabe der Gesunden sein kann, Kranke zu warten,
Kranke gesund zu machen, so ist damit auch eine Notwendigkeit mehr
begriffen—die Notwendigkeit von Ärzten und Krankenwärtern, die selber krank
sind: und nunmehr haben und halten wir den Sinn des asketischen Priesters mit
beiden Händen. Der
asketische Priester muss uns als der vorherbestimmte Heiland, Hirt und Anwalt
der kranken Herde gelten: damit erst verstehen wir seine ungeheure historische
Mission. Die Herrschaft über Leidende ist sein Reich, auf sie weist ihn sein
Instinkt an, in ihr hat er seine eigenste Kunst, seine Meisterschaft, seine Art
von Glück. Er muss selber krank sein, er muss den Kranken und
Schlechtweggekommnen von Grund aus verwandt sein, um sie zu verstehen—um sich
mit ihnen zu verstehen; aber er muss auch stark sein, mehr Herr noch über sich
als über andere, unversehrt namentlich in seinem Willen zur Macht, damit er das
Vertrauen und die Furcht der Kranken hat, damit er ihnen Halt, Widerstand,
Stütze, Zwang, Zuchtmeister, Tyrann, Gott sein kann. Er hat sie zu verteidigen,
seine Herde—gegen wen? Gegen die Gesunden, es ist kein Zweifel, auch gegen den
Neid auf die Gesunden; er muss der natürliche Widersacher und Verächter aller
rohen, stürmischen, zügellosen, harten, gewalttätig-raubtierhaften Gesundheit
und Mächtigkeit sein. Der Priester ist die erste Form des delikateren Tiers,
das leichter noch verachtet als hasst. Es wird ihm nicht erspart bleiben, Krieg
zu führen mit den Raubtieren, einen Krieg der List (des "Geistes")
mehr als der Gewalt, wie sich von selbst versteht—er wird es dazu unter
Umständen nötig haben, beinahe einen neuen Raubtier-Typus an sich
herauszubilden, mindestens zu bedeuten—eine neue Tier-Furchtbarkeit, in welcher
der Eisbär, die geschmeidige kalte abwartende Tigerkatze und nicht am wenigsten
der Fuchs zu einer ebenso anziehenden als furchteinflössenden Einheit gebunden scheinen.
Gesetzt, dass die Not ihn zwingt, so tritt er dann wohl bärenhaft-ernst,
ehrwürdig, klug, kalt, trügerisch-überlegen, als Herold und Mundstück
geheimnisvollerer Gewalten, mitten unter die andere Art Raubtiere selbst,
entschlossen, auf diesem Boden Leid, Zwiespalt, Selbstwiderspruch, wo er kann,
auszusäen und, seiner Kunst nur zu gewiss, über Leidende jederzeit Herr zu
werden. Er bringt Salben und Balsam mit, es ist kein Zweifel; aber erst hat er
nötig, zu verwunden, um Arzt zu sein; indem er dann den Schmerz stillt, den die
Wunde macht, vergiftet er zugleich die Wunde—darauf vor allem nämlich versteht
er sich, dieser Zauberer und Raubtier-Bändiger, in dessen Umkreis alles Gesunde
notwendig krank und alles Kranke notwendig zahm wird. Er verteidigt in der Tat gut genug
seine kranke Herde, dieser seltsame Hirt,— er verteidigt sie auch gegen sich,
gegen die in der Herde selbst glimmende Schlechtigkeit, Tücke, Böswilligkeit
und was sonst allen Süchtigen und Kranken untereinander zu eigen ist, er kämpft
klug, hart und heimlich mit der Anarchie und der jederzeit beginnenden
Selbstauflösung innerhalb der Herde, in welcher jener gefährlichste Spreng- und
Explosivstoff, das Ressentiment, sich beständig häuft und häuft. Diesen
Sprengstoff so zu entladen, dass er nicht die Herde und nicht den Hirten
zersprengt, das ist ein eigentliches Kunststück, auch seine oberste
Nützlichkeit; wollte man den Wert der priesterlichen Existenz in die kürzeste
Formel fassen, so wäre geradewegs zu sagen: der Priester ist der Richtungs-Veränderer
des Ressentiment. Jeder
Leidende nämlich sucht instinktiv zu seinem Leid eine Ursache; genauer noch,
einen Täter, noch bestimmter, einen für Leid empfänglichen schuldigen
Täter—kurz irgend etwas Lebendiges, an dem er seine Affekte tätlich oder in
effigie auf irgendeinen Vorwand hin entladen kann: denn die Affekt-Entladung
ist der grösste Erleichterungs-, nämlich Betäubungs-Versuch des Leidenden, sein
unwillkürlich begehrtes Narkotikum gegen Qual irgendwelcher Art. Hierin allein
ist, meiner Vermutung nach, die wirkliche physiologische Ursächlichkeit des
Ressentiment, der Rache und ihrer Verwandten, zu finden, in einem Verlangen
also nach Betäubung von Schmerz durch Affekt—man sucht dieselbe gemeinhin, sehr
irrtümlich, wie mich dünkt, in dem Defensiv-Gegenschlag, einer blossen
Schutzmassregel der Reaktion, einer "Reflexbewegung" im Falle
irgendeiner plötzlichen Schädigung und Gefährdung von der Art, wie sie ein
Frosch ohne Kopf noch vollzieht, um eine ätzende Säure loszuwerden. Aber die
Verschiedenheit ist fundamental: im einen Falle will man weiteres
Beschädigtwerden hindern, im anderen Falle will man einen quälenden,
heimlichen, unerträglich werdenden Schmerz durch eine heftigere Emotion
irgendwelcher Art betäuben und für den Augenblick wenigstens aus dem
Bewusstsein schaffen,—dazu braucht man einen Affekt, einen möglichst wilden
Affekt und, zu dessen Erregung, den ersten besten Vorwand. "Irgend jemand
muss schuld daran sein, dass ich mich schlecht befinde"—diese Art zu
schliessen ist allen Krankhaften eigen, und zwar je mehr ihnen die wahre
Ursache ihres Sich-schlecht-Befindens, die physiologische, verborgen bleibt
(—sie kann etwa in einer Erkrankung des nervus sympathicus liegen oder an einer
übermässigen Gallen-Absonderung oder in einer Armut des Blutes an schwefel- und
phosphorsaurem Kali oder in Druckzuständen des Unterleibs, welche den
Blutumlauf stauen, oder in Entartung der Eierstöcke und dergleichen). Die Leidenden sind allesamt von
einer entsetzlichen Bereitwilligkeit und Erfindsamkeit in Vorwänden zu
schmerzhaften Affekten; sie geniessen ihren Argwohn schon, das Grübeln über
Schlechtigkeiten und scheinbare Beeinträchtigungen, sie durchwühlen die
Eingeweide ihrer Vergangenheit und Gegenwart nach dunklen fragwürdigen
Geschichten, wo es ihnen freisteht, in einem quälerischen Verdachte zu
schwelgen und am eignen Gifte der Bosheit sich zu berauschen—sie reissen die
ältesten Wunden auf, sie verbluten sich an längst ausgeheilten Narben, sie
machen Übeltäter aus Freund, Weib, Kind und was sonst ihnen am nächsten steht.
"Ich leide: daran muss irgend jemand schuld sein"—also denkt jedes
krankhafte Schaf. Aber sein Hirt, der asketische Priester, sagt zu ihm:
"Recht so, mein Schaf! irgendwer muss daran schuld sein: aber du selbst
bist dieser Irgend-Wer, du selbst bist daran allein schuld—du selbst bist an
dir allein schuld!" ... Das ist kühn genug, falsch genug: aber eins ist
damit wenigstens erreicht, damit ist, wie gesagt, die Richtung des
Ressentiment—verändert.
16
Man errät nunmehr, was nach meiner Vorstellung
der Heilkünstler-Instinkt des Lebens durch den asketischen Priester zum
mindesten versucht hat und wozu ihm eine zeitweilige Tyrannei solcher paradoxer
und paralogischer Begriffe wie "Schuld," "Sünde,"
"Sündhaftigkeit," "Verderbnis," "Verdammnis" hat
dienen müssen: die Kranken bis zu einem gewissen Grade unschädlich zu machen,
die Unheilbaren durch sich selbst zu zerstören, den Milder-Erkrankten streng
die Richtung auf sich selbst, eine Rückwärts-Richtung ihres Ressentiment zu
geben ("Eins ist not"—) und die schlechten Instinkte aller Leidenden
dergestalt zum Zweck der Selbstdisziplinierung, Selbstüberwachung,
Selbstüberwindung auszunützen. Es kann sich, wie sich von selbst versteht, mit einer
"Medikation" dieser Art, einer blossen Affekt-Medikation,
schlechterdings nicht um eine wirkliche Kranken-Heilung im physiologischen
Verstande handeln; man dürfte selbst nicht einmal behaupten, dass der Instinkt
des Lebens hierbei irgendwie die Heilung in Aussicht und Absicht genommen habe.
Eine Art Zusammendrängung und Organisation der Kranken auf der einen Seite
(—das Wort "Kirche" ist dafür der populärste Name), eine Art
vorläufiger Sicherstellung der Gesünder-Geratenen, der Voller-Ausgegossenen auf
der andern, die Aufreissung einer Kluft somit zwischen Gesund und Krank das war
für lange alles! Und es war viel! es war sehr viel! (Ich gehe in dieser Abhandlung, wie
man sieht, von einer Voraussetzung aus, die ich in Hinsicht auf Leser, wie ich
sie brauche, nicht erst zu begründen habe: dass "Sündhaftigkeit" am Menschen
kein Tatbestand ist, vielmehr nur die Interpretation eines Tatbestandes,
nämlich einer physiologischen Verstimmung—letztere unter einer
moralisch-religiösen Perspektive gesehn, welche für uns nichts Verbindliches
mehr hat. Damit, dass jemand sich "schuldig," "sündig"
fühlt, ist schlechterdings noch nicht bewiesen, dass er sich mit Recht so
fühlt; so wenig jemand gesund ist bloss deshalb, weil er sich gesund fühlt. Man
erinnere sich doch der berühmten Hexen-Prozesse: damals zweifelten die
scharfsichtigsten und menschenfreundlichsten Richter nicht daran, dass hier
eine Schuld vorliege; die "Hexen" selbst zweifelten nicht daran—und
dennoch fehlte die Schuld.—Um jene Voraussetzung in erweiterter Form
auszudrücken: der "seelische Schmerz" selbst gilt mir überhaupt nicht
als Tatbestand, sondern nur als eine Auslegung (Kausal-Auslegung) von bisher
nicht exakt zu formulierenden Tatbeständen: somit als etwas, das vollkommen
noch in der Luft schwebt und wissenschaftlich unverbindlich ist—ein fettes Wort
eigentlich nur an Stelle eines sogar spindeldürren Fragezeichens. Wenn jemand
mit einem "seelischen Schmerz" nicht fertig wird, so liegt das, grob
geredet, nicht an seiner "Seele"; wahrscheinlicher noch an seinem
Bauche (grob geredet, wie gesagt: womit noch keineswegs der Wunsch ausgedrückt
ist, auch grob gehört, grob verstanden zu werden . . .). Ein starker und
wohlgeratner Mensch verdaut seine Erlebnisse (Taten, Untaten eingerechnet), wie
er seine Mahlzeiten verdaut, selbst wenn er harte Bissen zu verschlucken hat.
Wird er mit einem Erlebnisse "nicht fertig," so ist diese Art
Indigestion so gut physiologisch wie jene andere—und vielfach in der Tat nur
eine der Folgen jener anderen.—Mit einer solchen Auffassung kann man, unter uns
gesagt, immer noch der strengste Gegner alles Materialismus sein . . .)
17
Ist er aber eigentlich ein Arzt, dieser
asketische Priester?—Wir begriffen schon, inwiefern es kaum erlaubt ist, ihn
einen Arzt zu nennen, so gern er auch selbst sich als "Heiland"
fühlt, als "Heiland" verehren lässt. Nur das Leiden selbst, die
Unlust des Leidenden wird von ihm bekämpft, nicht deren Ursache, nicht das
eigentliche Kranksein—das muss unsren grundsätzlichsten Einwand gegen die
priesterliche Medikation abgeben. Stellt man sich aber erst einmal in die Perspektive, wie der
Priester sie allein kennt und hat, so kommt man nicht leicht zu Ende in der
Bewunderung, was er unter ihr alles gesehn, gesucht und gefunden hat. Die
Milderung des Leidens, das "Trösten" jeder Art—das erweist sich als
sein Genie selbst; wie erfinderisch hat er seine Tröster-Aufgabe verstanden,
wie unbedenklich und kühn hat er zu ihr die Mittel gewählt! Das Christentum
insonderheit dürfte man eine grosse Schatzkammer geistreichster Trostmittel
nennen, so viel Erquickliches, Milderndes, Narkotisierendes ist in ihm gehäuft,
so viel Gefährlichstes und Verwegenstes zu diesem Zweck gewagt, so fein, so
raffiniert, so südländisch-raffiniert ist von ihm insbesondere erraten worden,
mit was für Stimulanz-Affekten die tiefe Depression, die bleierne Ermüdung, die
schwarze Traurigkeit der Physiologisch-Gehemmten wenigstens für Zeiten besiegt
werden kann. Denn, allgemein gesprochen: bei allen grossen Religionen handelte
es sich in der Hauptsache um die Bekämpfung einer gewissen zur Epidemie
gewordnen Müdigkeit und Schwere. Man kann es von vornherein als wahrscheinlich ansetzen, dass von
Zeit zu Zeit an bestimmten Stellen der Erde fast notwendig ein physiologisches
Hemmungsgefühl über breite Massen Herr werden muss, welches aber, aus Mangel an
physiologischem Wissen, nicht als solches ins Bewusstsein tritt, so dass dessen
"Ursache," dessen Remedur auch nur psychologisch-moralisch gesucht
und versucht werden kann ( dies nämlich ist mein allgemeinste Formel für das,
was gemeinhin eine "Religion" genannt wird). Ein solches
Hemmungsgefühl kann verschiedenster Abkunft sein: etwa als Folge der Kreuzung
von zu fremdartigen Rassen (oder von Ständen—Stände drücken immer auch
Abkunfts- und Rassen-Differenzen aus: der europäische "Weltschmerz,"
der "Pessimismus" des neunzehnten Jahrhunderts, ist wesentlich die
Folge einer unsinnig plötzlichen Stände-Mischung); oder bedingt durch eine
fehlerhafte Emigration—eine Rasse in ein Klima geraten, für das ihre
Anpassungskraft nicht ausreicht (der Fall der Inder in Indien); oder die
Nachwirkung von Alter und Ermüdung der Rasse (Pariser Pessimismus von 1850 an);
oder einer falschen Diät (Alkoholismus des Mittelalters; der Unsinn der
vegetarians, welche freilich die Autorität des Junker Christoph bei Shakespeare
für sich haben); oder von Blutverderbnis, Malaria, Syphilis und dergleichen
(deutsche Depression nach dem Dreissigjährigen Kriege, welcher halb Deutschland
mit schlechten Krankheiten durchseuchte und damit den Boden für deutsche
Servilität, deutschen Kleinmut vorbereitete). In einem solchen Falle wird
jedesmal im grössten Stil ein Kampf mit dem Unlustgefühl versucht; unterrichten
wir uns kurz über dessen wichtigste Praktiken und Formen. (Ich lasse hier, wie
billig, den eigentlichen Philosophen-Kampf gegen das Unlustgefühl, der immer
gleichzeitig zu sein pflegt, ganz beiseite—er ist interessant genug, aber zu
absurd, zu praktisch-gleichgültig, zu spinneweberisch und eckensteherhaft, etwa
wenn der Schmerz als ein Irrtum bewiesen werden soll, unter der naiven
Voraussetzung, dass der Schmerz schwinden müsse, wenn erst der Irrtum in ihm
erkannt ist—aber siehe da! er hütete sich, zu schwinden . . .) Man bekämpft erstens jene
dominierende Unlust durch Mittel, welche das Lebensgefühl überhaupt auf den
niedrigsten Punkt herabsetzen. Womöglich überhaupt kein Wollen, kein Wunsch
mehr; allem, was Affekt macht, was "Blut" macht, ausweichen (kein
Salz essen: Hygiene des Fakirs); nicht lieben; nicht hassen; Gleichmut; nicht
sich rächen; nicht sich bereichern; nicht arbeiten; betteln; womöglich kein
Weib, oder so wenig Weib als möglich; in geistiger Hinsicht das Prinzip Pascals
il faut s'abêtir. Resultat, psychologisch-moralisch ausgedrückt,
"Entselbstung," "Heiligung"; physiologisch ausgedrückt:
Hypnotisierung—der Versuch, etwas für den Menschen annähernd zu erreichen, was
der Winterschlaf für einige Tierarten, der Sommerschlaf für viele Pflanzen der
heissen Klimate ist, ein Minimum von Stoffverbrauch und Stoffwechsel, bei dem
das Leben gerade noch besteht, ohne eigentlich noch ins Bewusstsein zu treten.
Auf dieses Ziel ist eine erstaunliche Menge menschlicher Energie verwandt
worden—umsonst etwa? Dass solche sportsmen der "Heiligkeit," an denen alle
Zeiten, fast alle Völker reich sind, in der Tat eine wirkliche Erlösung von dem
gefunden haben, was sie mit einem so rigorosen training bekämpften, daran darf
man durchaus nicht zweifeln—sie kamen von jener tiefen physiologischen
Depression mit Hilfe ihres Systems von Hypnotisierungs-Mitteln in im ähligen
Fällen wirklich los: weshalb ihre Methodik zu den allgemeinsten ethnologischen
Tatsachen zählt. Insgleichen fehlt jede Erlaubnis dazu, um schon a n sich eine
solche Absicht auf Aushungerung der Leiblichkeit und der Begierde unter die
Irrsinns-Symptome zu rechnen (wie es eine täppische Art von Roastbeef-fressenden
"Freigeistern" und Junker Christophen zu tun beliebt). Um so sicherer
ist es, dass sie den Weg zu allerhand geistigen Störungen abgibt, abgeben kann,
zu "inneren Lichtern" zum Beispiel, wie bei den Hesychasten vom Berge
Athos, zu Klang- und Gestalt-Halluzinationen, zu wollüstigen Überströmungen und
Ekstasen der Sinnlichkeit (Geschichte der heiligen Therese). Die Auslegung,
welche derartigen Zuständen von den mit ihnen Behafteten gegeben wird, ist
immer so schwärmerisch-falsch wie möglich gewesen, dies versteht sich von
selbst: nur überhöre man den Ton überzeugtester Dankbarkeit nicht, der eben
schon im Willen zu einer solchen Interpretations-Art zum Erklingen kommt. Der
höchste Zustand, die Erlösung selbst, jene endlich erreichte Gesamt-Hypnotisierung
und Stille, gilt ihnen immer als das Geheimnis an sich, zu dessen Ausdruck auch
die höchsten Symbole nicht ausreichen, als Ein- und Heimkehr in den Grund der
Dinge, als Freiwerden von allem Wahne, als "Wissen," als
"Wahrheit," als "Sein," als Loskommen von jedem Ziele,
jedem Wunsche, jedem Tun, als ein jenseits auch von Gut und Böse. "Gutes
und Böses," sagt der Buddhist—"beides sind Fesseln: über beides wurde
der Vollendete Herr"; "Getanes und Ungetanes," sagt der Gläubige
des Vedânta, "schafft ihm keinen Schmerz; das Gute und das Böse schüttelt
er als ein Weiser von sich; sein Reich leidet durch keine Tat mehr; über Gutes
und Böses, über beides ging er hinaus":—eine gesamt-indische Auffassung
also, ebenso brahmanistisch als buddhistisch. (Weder in der indischen, noch in
der christlichen Denkweise gilt jene "Erlösung" als erreichbar durch
Tugend, durch moralische Besserung, so hoch der Hypnotisierungs-Wert der Tugend
auch von ihnen angesetzt wird: dies halte man fest—es entspricht dies übrigens
einfach dem Tatbestande. Hierin wahr geblieben zu sein, darf vielleicht als das
beste Stück Realismus in den drei grössten, sonst so gründlich vermoralisierten
Religionen betrachtet werden. "Für den Wissenden gibt es keine
Pflicht." "Durch
Zulegung von Tugenden kommt Erlösung nicht zustande: denn sie besteht im
Einssein mit dem keiner Zulegung von Vollkommenheit fähigen Brahman; und
ebensowenig in der Ablegung von Fehlern: denn das Brahman, mit dem eins zu sein
das ist, was Erlösung ausmacht, ist ewig rein" diese Stellen aus dem
Kommentare des Cankara, zitiert von dem ersten wirklichen Kenner der indischen
Philosophie in Europa, meinem Freunde Paul Deussen.) Die "Erlösung"
in den grossen Religionen wollen wir also in Ehren halten; dagegen wird es uns
ein wenig schwer, bei der Schätzung, welche schon der tiefe Schlaf durch diese
selbst für das Träumen zu müd gewordnen Lebensmüden erfährt, ernsthaft zu
bleiben—der tiefe Schlaf nämlich bereits als Eingehen in das Brahman, als
erreichte unio mystica mit Gott. "Wenn er dann eingeschlafen ist ganz und gar"—heisst es
darüber in der ältesten und ehrwürdigsten "Schrift"—"und völlig
zur Ruhe gekommen, dass er kein Traumbild mehr schaut, alsdann ist er, o
Teurer, vereinigt mit dem Seienden, in sich selbst ist er eingegangen—von dem
erkenntnisartigen Selbst umschlungen, hat er kein Bewusstsein mehr von dem, was
aussen oder innen ist. Diese Brücke überschreiten nicht Tag und Nacht, nicht
das Alter, nicht der Tod, nicht das Leiden, nicht gutes Werk, noch böses Werk." "Im tiefen Schlafe,"
sagen insgleichen die Gläubigen dieser tiefsten der drei grossen Religionen,
"hebt sich die Seele heraus aus diesem Leibe, geht ein in das höchste
Licht und tritt dadurch hervor in eigener Gestalt: da ist sie der höchste Geist
selbst, der herumwandelt, indem er scherzt und spielt und sich ergötzt, sei es
mit Weibern oder mit Wagen oder mit Freunden, da denkt sie nicht mehr zurück an
dieses Anhängsel von Leib, an welches der prâna (der Lebensodem) angespannt ist
wie ein Zugtier an den Karren." Trotzdem wollen wir auch hier wie im Falle der
"Erlösung" uns gegenwärtig halten, dass damit im Grunde, wie sehr
auch immer in der Pracht orientalischer Übertreibung, nur die gleiche Schätzung
ausgedrückt ist, welche die des klaren, kühlen, griechisch-kühlen, aber
leidenden Epikur war: das hypnotische Nichts-Gefühl, die Ruhe des tiefsten
Schlafes, Leidlosigkeit kurzum—das darf Leidenden und Gründlich-Verstimmten
schon als höchstes Gut, als Wert der Werte gelten, das muss von ihnen als
positiv abgeschätzt, als das Positive selbst empfunden werden. (Nach derselben
Logik des Gefühls heisst in allen pessimistischen Religionen das Nichts Gott.)
18
Viel häufiger als eine solche hypnotistische
Gesamtdämpfung der Sensibilität, der Schmerzfähigkeit, welche schon seltnere
Kräfte, vor allem Mut, Verachtung der Meinung, "intellektuellen
Stoizismus" voraussetzt, wird gegen Depressions-Zustände ein anderes
training versucht, welches jedenfalls leichter ist: die inachinale Tätigkeit.
Dass mit ihr ein leidendes Dasein in einem nicht unbeträchtlichen Grade
erleichtert wird, steht ausser allem Zweifel: man nennt heute diese Tatsache,
etwas unehrlich, "den Segen der Arbeit." Die Erleichterung besteht
darin, dass das Interesse des Leidenden grundsätzlich vom Leiden abgelenkt wird—,
dass beständig ein Tun und wieder nur ein Tun ins Bewusstsein tritt und
folglich wenig Platz darin für Leiden bleibt: denn sie ist eng, diese Kammer
des menschlichen Bewusstseins! Die machinale Tätigkeit und was zu ihr gehört—wie die absolute
Regularität, der pünktliche besinnungslose Gehorsam, das Ein-für-allemal der
Lebensweise, die Ausfüllung der Zeit, eine gewisse Erlaubnis, ja eine Zucht zur
"Unpersönlichkeit," zum Sich-selbst-Vergessen, zur "incuria
sui"—: wie gründlich, wie fein hat der asketische Priester sie im
Kampf mit dem Schmerz zu benutzen gewusst! Gerade wenn er mit Leidenden der
niederen Stände, mit Arbeitssklaven oder Gefangenen zu tun hatte (oder mit
Frauen: die ja meistens beides zugleich sind, Arbeitssklaven und Gefangene), so
bedurfte es wenig mehr als einer kleinen Kunst des Namenwechselns und der
Umtaufung, um sie in verhassten Dingen fürderhin eine Wohltat, ein relatives
Glück sehn zu machen—die Unzufriedenheit des Sklaven mit seinem Los ist
jedenfalls nicht von den Priestern erfunden worden. Ein noch geschätzteres Mittel im
Kampf mit der Depression ist die Ordinierung einer kleinen Freude, die leicht
zugänglich ist und zur Regel gemacht werden kann; man bedient sich dieser
Medikation häufig in Verbindung mit der eben besprochnen. Die häufigste Form,
in der die Freude dergestalt als Kurmittel ordiniert wird, ist die Freude des
Freude-Machens (als Wohltun, Beschenken, Erleichtern, Helfen, Zureden, Trösten,
Loben, Auszeichnen); der asketische Priester verordnet damit, dass er "Nächstenliebe"
verordnet, im Grunde eine Erregung des stärksten, lebensbejahendsten Triebes,
wenn auch in der vorsichtigsten Dosierung—des Willens zur Macht. Das Glück der
"kleinsten Überlegenheit," wie es alles Wohltun, Nützen, Helfen,
Auszeichnen mit sich bringt, ist das reichlichste Trostmittel, dessen sich die
Physiologisch-Gehemmten zu bedienen pflegen, gesetzt, dass sie gut beraten
sind: im andern Falle tun sie einander weh, natürlich im Gehorsam gegen den
gleichen Grundinstinkt. Wenn man nach den Anfängen des Christentums in der römischen Welt
sucht, so findet man Vereine zu gegenseitiger Unterstützung, Armen-, Kranken-,
Begräbnis-Vereine, aufgewachsen auf dem untersten Boden der damaligen
Gesellschaft, in denen mit Bewusstsein jenes Hauptmittel gegen die Depression,
die kleine Freude, die des gegenseitigen Wohltuns gepflegt wurde—vielleicht war
dies damals etwas Neues, eine eigentliche Entdeckung? In einem dergestalt
hervorgerufnen "Willen zur Gegenseitigkeit," zur Herdenbildung, zur
"Gemeinde," zum "Zönakel" muss nun wiederum jener damit,
wenn auch im kleinsten, erregte Wille zur Macht, zu einem neuen und viel
volleren Ausbruch kommen: die Herdenbildung ist im Kampf mit der Depression ein
wesentlicher Schritt und Sieg. Im Wachsen der Gemeinde erstarkt auch für den
einzelnen ein neues Interesse, das ihn oft genug über das Persönlichste seines
Missmuts, seine Abneigung gegen sich (die "despectio sui"
des Geulincx) hinweghebt. Alle Kranken, Krankhaften streben instinktiv, aus
einem Verlangen nach Abschüttelung der dumpfen Unlust und des Schwächegefühls,
nach einer Herden-Organisation: der asketische Priester errät diesen Instinkt
und fördert ihn; wo es Herden gibt, ist es der Schwäche-Instinkt, der die Herde
gewollt hat, und die Priester-Klugheit, die sie organisiert hat. Denn man
übersehe dies nicht: die Starken streben ebenso naturnotwendig auseinander, als
die Schwachen zueinander; wenn erstere sich verbinden, so geschieht es nur in
der Aussicht auf eine aggressive Gesamt-Aktion und Gesamt-Befriedigung ihres Willens
zur Macht, mit vielem Widerstande des Einzel-Gewissens; letztere dagegen ordnen
sich zusammen, mit Lust gerade an dieser Zusammenordnung—ihr Instinkt ist dabei
ebenso befriedigt, wie der Instinkt der geborenen "Herren" (das
heisst der solitären Raubtier-Spezies Mensch) im Grunde durch Organisation
gereizt und beunruhigt wird. Unter jeder Oligarchie liegt—die ganze Geschichte
lehrt es—immer das tyrannische Gelöst versteckt; jede Oligarchie zittert
beständig von der Spannung her, welche jeder einzelne in ihr nötig hat, Herr
über dies Gelüst zu bleiben. (So war es zum Beispiel griechisch: Plato bezeugt
es an hundert Stellen, Plato, der seinesgleichen kannte und sich selbst . . .)
19
Die Mittel des asketischen Priesters, welche
wir bisher kennenlernten die Gesamt-Dämpfung des Lebensgefühls, die machinale
Tätigkeit, die kleine Freude, vor allem die der "Nächstenliebe," die
Herden-Organisation, die Erweckung des Gemeinde-Machtgefühls, demzufolge der
Verdruss des einzelnen an sich durch seine Lust am Gedeihen der Gemeinde
übertäubt wird—das sind, nach modernem Masse gemessen, seine unschuldigen
Mittel im Kampfe mit der Unlust: wenden wir uns jetzt zu den interessanteren,
den "schuldigen." Bei ihnen allen handelt es sich um eins: um
irgendeine Ausschweifung des Gefühls—diese gegen die dumpfe lähmende lange
Schmerzhaftigkeit als wirksamstes Mittel der Betäubung benutzt; weshalb die
priesterliche Erfindsamkeit im Ausdenken dieser einen Frage geradezu
unerschöpflich gewesen ist: "wodurch erzielt man eine Ausschweifung des
Gefühls?" Das
klingt hart: es liegt auf der Hand, dass es lieblicher klänge und besser
vielleicht zu Ohren ginge, wenn ich etwa sagte "der asketische Priester
hat sich jederzeit die Begeisterung zunutze gemacht, die in allen starken
Affekten liegt." Aber wozu die verweichlichten Ohren unsrer modernen
Zärtlinge noch streicheln? Wozu unsrerseits ihrer Tartüfferie der Worte auch
nur einen Schritt breit nachgeben? Für uns Psychologen läge darin bereits eine
Tartüfferie der Tat, abgesehn davon, dass es uns Ekel machen würde. Ein
Psychologe nämlich hat heute darin, wenn irgendworin, seinen guten Geschmack (—
Andre mögen sagen: seine Rechtschaffenheit), dass er der schändlich
vermoralisierten Sprechweise widerstrebt, mit der nachgerade alles moderne
Urteilen über Mensch und Ding angeschleimt ist. Denn man täusche sich hierüber
nicht: was das eigentlichste Merkmal moderner Seelen, moderner Bücher ausmacht,
das ist nicht die Lüge, sondern die eingefleischte Unschuld in der
moralistischen Verlogenheit. Diese "Unschuld" überall wieder
entdecken müssen—das macht vielleicht unser widerlichstes Stück Arbeit aus, an
all der an sich nicht unbedenklichen Arbeit, deren sich heute ein Psychologe zu
unterziehn hat; es ist ein Stück unsrer grossen Gefahr,—es ist ein Weg, der
vielleicht gerade uns zum grossen Ekel führt.
Ich zweifle nicht daran, wozu allein moderne
Bücher (gesetzt, dass sie Dauer haben, was freilich nicht zu fürchten ist, und
ebenfalls gesetzt, dass es einmal eine Nachwelt mit strengerem härterem
gesünderem Geschmack gibt)—wozu alles Moderne überhaupt dieser Nachwelt dienen
würde, dienen könnte: zu Brechmitteln—und das vermöge seiner moralischen
Versüsslichung und Falschheit, seines innerlichsten Femininismus, der sich gern
"Idealismus" nennt und jedenfalls Idealismus glaubt. Unsre Gebildeten
von heute, unsre "Guten" lügen nicht—das ist wahr; aber es gereicht
ihnen nicht zur Ehre! Die eigentliche Lüge, die echte resolute
"ehrliche" Lüge (über deren Wert man Plato hören möge) wäre für sie etwas
bei weitem zu Strenges, zu Starkes; es würde verlangen, was man von ihnen nicht
verlangen darf, dass sie die Augen gegen sich selbst aufmachten, dass sie
zwischen "wahr" und "falsch" bei sich selber zu
unterscheiden wüssten. Ihnen geziemt allein die unehrliche Lüge; alles, was
sich heute als "guter Mensch" fühlt, ist vollkommen unfähig, zu
irgendeiner Sache anders zu stehn als unehrlichverlogen, abgründlich-verlogen,
aber unschuldig-verlogen, treuherzig-verlogen, blauäugigverlogen,
tugendhaft-verlogen. Diese "guten Menschen" sie sind allesamt jetzt
in Grund und Boden vermoralisiert und in Hinsicht auf Ehrlichkeit zuschanden
gemacht und verhunzt für alle Ewigkeit: wer von ihnen hielte noch eine Wahrheit
"über den Menschen" aus! . . . Oder, greiflicher gefragt: wer von
ihnen ertrüge eine wahre Biographie! Ein paar Anzeichen: Lord Byron hat einiges Persönlichste über sich
aufgezeichnet, aber Thomas Moore war "zu gut" dafür: er verbrannte
die Papiere seines Freundes. Dasselbe soll Dr. Gwinner getan haben, der
Testaments-Vollstrecker Schopenhauers: denn auch Schopenhauer hatte einiges
über sich und vielleicht auch gegen sich (eis heauton) aufgezeichnet.
Der tüchtige Amerikaner Thayer, der Biograph Beethovens, hat mit einem Male in
seiner Arbeit haltgemacht: an irgendeinem Punkte dieses ehrwürdigen und naiven
Lebens angelangt, hielt er dasselbe nicht mehr aus., Moral: welcher kluge Mann schriebe
heute noch ein ehrliches Wort über sich?—er müsste denn schon zum Orden der
heiligen Tollkühnheit gehören. Man verspricht uns eine Selbstbiographie Richard
Wagners: wer zweifelt daran, dass es eine kluge Selbstbiographie sein wird? Gedenken wir noch des komischen
Entsetzens, welches der katholische Priester Janssen mit seinem über alle
Begriffe viereckig und harmlos geratenen Bilde der deutschen
Reformations-Bewegung in Deutschland erregt hat; was würde man erst beginnen,
wenn uns jemand diese Bewegung einmal anders erzählte, wenn uns einmal ein
wirklicher Psycholog einen wirklichen Luther erzählte, nicht mehr mit der
moralistischen Einfalt eines Landgeistlichen, nicht mehr mit der süsslichen und
rücksichtsvollen Schamhaftigkeit protestantischer Historiker, sondern etwa mit
einer Taineschen Unerschrockenheit, aus einer Stärke der Seele heraus und nicht
aus einer klugen Indulgenz gegen die Stärke? . . . (Die Deutschen, anbei
gesagt, haben den klassischen Typus der letzteren zuletzt noch schön genug
herausgebracht—sie dürfen ihn sich schon zurechnen, zugute rechnen: nämlich in
ihrem Leopold Ranke, diesem gebornen klassischen advocatus jeder causa fortior,
diesem klügsten aller klugen "Tatsächlichen.")
20
Aber man wird mich schon verstanden haben Grund
genug, nicht wahr, alles in allem, dass wir Psychologen heutzutage einiges
Misstrauen gegen uns selbst nicht loswerden? Wahrscheinlich sind auch wir noch "zu gut" für unser
Handwerk, wahrscheinlich sind auch wir noch die Opfer, die Beute, die Kranken
dieses vermoralisierten Zeitgeschmacks, so sehr wir uns auch als dessen
Verächter fühlen—wahrscheinlich infiziert er auch noch uns. Wovor warnte doch
jener Diplomat, als er zu seinesgleichen redete? "Misstrauen wir vor
allem, meine Herren, unsren ersten Regungen!" sagte er, "sie sind
fast immer gut" . . . So sollte auch jeder Psycholog heute zu
seinesgleichen reden. Und damit kommen wir zu unserm Problem zurück, das in der Tat von
uns einige Strenge verlangt, einiges Misstrauen insonderheit gegen die
"ersten Regungen." Das asketische Ideal im Dienste einer Absicht auf
Gefühls-Ausschweifung—wer sich der vorigen Abhandlung erinnert, wird den in
diese neun Worte gedrängten Inhalt des nunmehr Darzustellenden im wesentlichen
schon vorwegnehmen. Die menschliche Seele einmal aus allen ihren Fugen zu
lösen, sie in Schrecken, Fröste, Gluten und Entzückungen derartig
unterzutauchen, dass sie von allem Kleinen und Kleinlichen der Unlust, der
Dumpfheit, der Verstimmung wie durch einen Blitzschlag loskommt: welche Wege
führen zu diesem Ziele? Und welche von ihnen am sichersten? Im Grunde haben alle grossen
Affekte ein Vermögen dazu, vorausgesetzt, dass sie sich plötzlich entladen,
Zorn, Furcht, Wollust, Rache, Hoffnung, Triumph, Verzweiflung, Grausamkeit; und
wirklich hat der asketische Priester unbedenklich die ganze Meute wilder Hunde
im Menschen in seinen Dienst genommen und bald diesen, bald jenen losgelassen,
immer zu dem gleichen Zwecke, den Menschen aus der langsamen Traurigkeit
aufzuwecken, seinen dumpfen Schmerz, sein zögerndes Elend für Zeiten wenigstens
in die Flucht zu jagen, immer auch unter einer religiösen Interpretation und
"Rechtfertigung." Jede derartige Ausschweifung des Gefühls macht sich
hinterdrein bezahlt, das versteht sich von selbst sie macht den Kranken
kränker—: und deshalb ist diese Art von Remeduren des Schmerzes, nach modernem
Masse gemessen, eine "schuldige" Art. Man muss jedoch, weil es die
Billigkeit verlangt, um so mehr darauf bestehn, dass sie mit gutem Gewissen
angewendet worden ist, dass der asketische Priester sie im tiefsten Glauben an
ihre Nützlichkeit, ja Unentbehrlichkeit verordnet hat—und oft genug selbst vor
dem Jammer, den er schuf, fast zerbrechend; insgleichen, dass die vehementen
physiologischen Revanchen solcher Exzesse, vielleicht sogar geistige Störungen,
im Grunde dem ganzen Sinne dieser Art Medikation nicht eigentlich
widersprechen: als welche, wie vorher gezeigt worden ist, nicht auf Heilung von
Krankheiten, sondern auf Bekämpfung der Depressions-Unlust, auf deren
Linderung, deren Betäubung aus war. Dies Ziel wurde auch so erreicht. Der Hauptgriff, den sich der
asketische Priester erlaubte, um auf der menschlichen Seele jede Art von
zerreissender und verzückter Musik zum Erklingen zu bringen, war damit
getan—jedermann weiss das—, dass er sich das Schuldgefühl zunutze machte.
Dessen Herkunft hat die vorige Abhandlung kurz angedeutet—als ein Stück
Tierpsychologie, als nicht mehr: das Schuldgefühl trat uns dort gleichsam in
seinem Rohzustande entgegen. Erst unter den Händen des Priesters, dieses
eigentlichen Künstlers in Schuldgefühlen, hat es Gestalt gewonnen—o was für
eine Gestalt! Die "Sünde"—denn so lautet die priesterliche Umdeutung
des tierischen "schlechten Gewissens" (der rückwärts gewendeten
Grausamkeit) ist bisher das grösste Ereignis in der Geschichte der kranken
Seele gewesen: in ihr haben wir das gefährlichste und verhängnisvollste
Kunststück der religiösen Interpretation. Der Mensch, an sich selbst leidend,
irgendwie, jedenfalls physiologisch etwa wie ein Tier, das in den Käfig
gesperrt ist, unklar, warum, wozu?, begehrlich nach Gründen Gründe
erleichtern—, begehrlich auch nach Mitteln und Narkosen, berät sich endlich mit
einem, der auch das Verborgne weiss—und siehe da! er bekommt einen Wink, er
bekommt von seinem Zauberer, dem asketischen Priester, den ersten Wink über die
"Ursache" seines Leidens: er soll sie in sich suchen, in einer
Schuld, in einem Stück Vergangenheit, er soll sein Leiden selbst als einen
Strafzustand verstehn. Er hat gehört, er hat verstanden, der Unglückliche: jetzt geht es
ihm wie der Henne, um die ein Strich gezogen ist. Er kommt ans diesem Kreis von
Strichen nicht wieder heraus: aus dem Kranken ist "der Sünder"
gemacht. Und
nun wird man den Aspekt dieses neuen Kranken, "des Sünders," für ein
paar Jahrtausende nicht los—wird man ihn je wieder los?—, wohin man nur sieht,
überall der hypnotische Blick des Sünders, der sich immer in der einen Richtung
bewegt (in der Richtung auf "Schuld," als der einzigen
Leidens-Kausalität); überall das böse Gewissen, dies "grewliche
thier," mit Luther zu reden; überall die Vergangenheit zurückgekäut, die
Tat verdreht, das "grüne Auge" für alles Tun; überall das zum Lebensinhalt
gemachte Missverstehen-Wollen des Leidens, dessen Umdeutung in Schuld-, Furcht-
und Strafgefühle; überall die Geissel, das härene Hemd, der verhungernde Leib,
die Zerknirschung; überall das Sich-selbst-Rädern des Sünders in dem grausamen
Räderwerk eines unruhigen, krankhaft-lüsternen Gewissens; überall die stumme
Qual, die äusserste Furcht, die Agonie des gemarterten Herzens, die Krämpfe
eines unbekannten Glücks, der Schrei nach "Erlösung." In der Tat, mit
diesem System von Prozeduren war die alte Depression, Schwere und Müdigkeit
gründlich überwunden, das Leben wurde wieder sehr interessant: wach, ewig wach,
übernächtig, glühend, verkohlt, erschöpft und doch nicht müde—so nahm sich der
Mensch aus, "der Sünder," der in diese Mysterien eingeweiht war.
Dieser alte grosse Zauberer im Kampf mit der Unlust, der asketische Priester er
hatte ersichtlich gesiegt, sein Reich war gekommen: schon klagte man nicht mehr
gegen den Schmerz, man lechzte nach dem Schmerz; "mehr Schmerz! mehr
Schmerz!" so schrie das Verlangen seiner jünger und Eingeweihten
jahrhundertelang. Jede Ausschweifung des Gefühls, die wehtat, alles was
zerbrach, umwarf, zermalmte, entrückte, verzückte, das Geheimnis der
Folterstätten, die Erfindsamkeit der Hölle selbst—alles war nunmehr entdeckt,
erraten, ausgenützt, alles stand dem Zauberer zu Diensten, alles diente
fürderhin dem Siege seines Ideals, des asketischen Ideals . . . "Mein
Reich ist nicht von dieser Welt"—redete er nach wie vor: hatte er wirklich
das Recht noch, so zu reden? Goethe hat behauptet, es gäbe nur sechsunddreissig tragische
Situationen: man errät daraus, wenn man's sonst nicht wüsste, dass Goethe kein
asketischer Priester war. Der—kennt mehr.—
21
In Hinsicht auf diese ganze Art der
priesterlichen Medikation, die "schuldige" Art, ist jedes Wort Kritik
zu viel. Dass eine solche Ausschweifung des Gefühls, wie sie in diesem Falle
der asketische Priester seinen Kranken zu verordnen pflegt (unter den
heiligsten Namen, wie sich von selbst versteht, insgleichen durchdrungen von
der Heiligkeit seines Zwecks), irgendeinem Kranken wirklich genützt habe, wer
hätte wohl Lust, eine Behauptung der Art aufrechtzuhalten? Zum mindesten sollte
man sich über das Wort "nützen" verstehn. Will man damit ausdrücken,
ein solches System von Behandlung habe den Menschen verbessert, so widerspreche
ich nicht: nur dass ich hinzufüge, was bei mir "verbessert"
heisst—ebenso viel wie "gezähmt," "geschwächt,"
"entmutigt," "raffiniert," "verzärtlicht,"
"entmannt" (also beinahe so viel als geschädigt . . .). Wenn es sich
aber in der Hauptsache um Kranke, Verstimmte, Deprimirte handelt, so macht ein
solches System den Kranken, gesetzt selbst, dass es ihn "besser"
machte, unter allen Umständen kränker; man frage nur die Irrenärzte, was eine
methodische Anwendung von Buss-Quälereien, Zerknirschungen und
Erlösungskrämpfen immer mit sich führt. Insgleichen befrage man die Geschichte:
überall, wo der asketische Priester diese Krankenbehandlung durchgesetzt hat,
ist jedesmal die Krankhaftigkeit unheimlich schnell in die Tiefe und Breite
gewachsen. Was war immer der "Erfolg"? Ein zerrüttetes Nervensystem,
hinzu zu dem, was sonst schon krank war; und das im grössten wie im kleinsten,
bei einzelnen wie bei Massen. Wir finden im Gefolge des Buss- und Erlösungs-training ungeheure
epileptische Epidemien, die grössten, von denen die Geschichte weiss, wie die
der St.-Veit- und St.-Johann-Tänzer des Mittelalters; wir finden als andre Form
seines Nachspiels furchtbare Lähmungen und Dauer-Depressionen, mit denen unter
Umständen das Temperament eines Volks oder einer Stadt (Geneva, Basel) ein für
allemal in sein Gegenteil umschlägt;—hierher gehört auch die Hexen-Hysterie,
etwas dem Somnambulismus Verwandtes (acht grosse epidemische Ausbrüche
derselben allein zwischen 1564 und 1605)—; wir finden in seinem Gefolge
insgleichen jene todsüchtigen Massen-Delirien, deren entsetzlicher Schrei "evviva
la morte!" über ganz Europa weg gehört wurde, unterbrochen bald von
wollüstigen, bald von zerstörungswütigen Idiosynkrasien: wie der gleiche
Affektwechsel, mit den gleichen Intermittenzen und Umsprüngen, auch heute noch
überall beobachtet wird, in jedem Falle, wo die asketische Sündenlehre es
wieder einmal zu einem grossen Erfolge bringt. (Die religiöse Neurose erscheint
als eine Form des "bösen Wesens": daran ist kein Zweifel. Was sie
ist? Quaeritur.) Ins grosse gerechnet, so hat sich das asketische Ideal
und sein sublim-moralischer Kultus, diese geistreichste, unbedenklichste und
gefährlichste Systematisierung aller Mittel der Gefühls-Ausschweifung unter dem
Schutz heiliger Absichten, auf eine furchtbare und unvergessliche Weise in die
ganze Geschichte des Menschen eingeschrieben; und leider nicht nur in seine
Geschichte. Ich
wüsste kaum noch etwas anderes geltend zu machen, was dermassen zerstörerisch
der Gesundheit und Rassen-Kräftigkeit, namentlich der Europäer, zugesetzt hat
als dies Ideal; man darf es ohne alle Übertreibung das eigentliche Verhängnis
in der Gesundheitsgeschichte des europäischen Menschen nennen. Höchstens, dass
seinem Einflusse noch der spezifisch-germanische Einfluss gleichzusetzen wäre:
ich meine die Alkohol-Vergiftung Europas, welche streng mit dem politischen und
Rassen-Obergewicht der Germanen bisher Schritt gehalten hat (— wo sie ihr Blut
einimpften, impften sie auch ihr Laster ein).—Zu dritt in der Reihe wäre die
Syphilis zu nennen—magno sed proxima intervallo.
22
Der asketische Priester hat die seelische
Gesundheit verdorben, wo er auch nur zur Herrschaft gekommen ist, er hat
folglich auch den Geschmack verdorben in artibus et litteris—er verdirbt
ihn immer noch. "Folglich?"—Ich hoffe, man gibt mir dies Folglich
einfach zu; zum mindesten will ich es nicht erst beweisen. Ein einziger
Fingerzeig: er gilt dem Grundbuche der christlichen Literatur, ihrem
eigentlichen Modell, ihrem "Buche an sich." Noch inmitten der
griechisch-römischen Herrlichkeit, welche auch eine Bücher-Herrlichkeit war,
angesichts einer noch nicht verkümmerten und zertrümmerten antiken
Schriften-Welt, zu einer Zeit, da man noch einige Bücher lesen konnte, um deren
Besitz man jetzt halbe Literaturen eintauschen würde, wagte es bereits die
Einfalt und Eitelkeit christlicher Agitatoren—man heisst sie Kirchenväter—, zu
dekretieren: "auch wir haben unsre klassische Literatur, wir brauchen die
der Griechen nicht" und dabei wies man stolz auf Legendenbücher,
Apostelbriefe und apologetische Traktätlein hin, ungefähr so, wie heute die
englische "Heilsarmee" mit einer verwandten Literatur ihren Kampf
gegen Shakespeare und andre "Heiden" kämpft. Ich liebe das "Neue
Testament" nicht, man errät es bereits; es beunruhigt mich beinahe, mit
meinem Geschmack in betreff dieses geschätztesten, überschätztesten
Schriftwerks dermassen alleinzustehn (der Geschmack zweier Jahrtausende ist
gegen mich): aber, was hilft es! "Hier stehe ich, ich kann nicht
anders,"—ich habe den Mut zu meinem schlechten Geschmack. Das Alte
Testament—ja, das ist ganz etwas anderes: alle Achtung vor dem Alten Testament!
In ihm finde ich grosse Menschen, eine heroische Landschaft und etwas vom Allerseltensten
auf Erden, die unvergleichliche Naivität des starken Herzens; mehr noch, ich
finde ein Volk. Im Neuen dagegen lauter kleine Sekten-Wirtschaft, lauter Rokoko
der Seele, lauter Verschnörkeltes, Winkliges, Wunderliches, lauter
Konventikel-Luft, nicht zu vergessen einen gelegentlichen Hauch bukolischer
Süsslichkeit, welcher der Epoche (und der römischen Provinz) angehört und nicht
sowohl jüdisch als hellenistisch ist. Demut und Wichtigtuerei dicht
nebeneinander; eine Geschwätzigkeit des Gefühls, die fast betäubt;
Leidenschaftlichkeit, keine Leidenschaft, peinliches Gebärdenspiel; hier hat
ersichtlich jede gute Erziehung gefehlt. Wie darf man von seinen kleinen
Untugenden so viel Wesens machen, wie es diese frommen Männlein tun! Kein Hahn
kräht danach; geschweige denn Gott. Zuletzt wollen sie gar noch "die Krone
des ewigen Lebens" haben, alle diese kleinen Leute der Provinz; wozu doch?
wofür doch?—man kann die Unbescheidenheit nicht weiter treiben. Ein
"unsterblicher" Petrus: wer hielte den aus! Sie haben einen Ehrgeiz,
der lachen macht: das käut sein Persönlichstes, seine Dummheiten, Traurigkeiten
und Eckensteher-Sorgen vor, als ob das An-sich der Dinge verpflichtet sei, sich
darum zu kümmern; das wird nicht müde, Gott selber in den kleinsten Jammer
hineinzuwickeln, in dem sie drinstecken. Und dieses beständige Auf-du-und-du
mit Gott des schlechtesten Geschmacks! Diese jüdische, nicht bloss jüdische
Zudringlichkeit gegen Gott mit Maul und Tatze!
Es gibt kleine verachtete
"Heidenvölker" im Osten Asiens, von denen diese ersten Christen etwas
Wesentliches hätten lernen können, etwas Takt der Ehrfurcht; jene erlauben sich
nicht, wie christliche Missionare bezeugen, den Namen ihres Gottes überhaupt in
den Mund zu nehmen. Dies dünkt mich delikat genug; gewiss ist, dass es nicht
mir für "erste" Christen zu delikat ist: man erinnere sich doch etwa,
um den Gegensatz zu spüren, an Luther, diesen "beredtesten" und
unbescheidensten Bauer, den Deutschland gehabt hat, und an die Lutherische
Tonart, die gerade ihm in seinen Zwiegesprächen mit Gott am besten gefiel.
Luthers Widerstand gegen die Mittler-Heiligen der Kirche (insbesondere gegen
"des Teuffels Saw den Bapst") war, daran ist kein Zweifel, im letzten
Grunde der Widerstand eines Rüpels, den die gute Etikette der Kirche verdross,
jene Ehrfurchts-Etikette des hieratischen Geschmacks, welche nur die
Geweihteren und Schweigsameren in das Allerheiligste einlässt und es gegen die
Rüpel zuschliesst. Diese sollen ein für allemal gerade hier nicht das Wort
haben—aber Luther, der Bauer, wollte es schlechterdings anders, so war es ihm
nicht deutsch genug: er wollte vor allem direkt reden, selber reden,
"ungeniert" mit seinem Gotte reden. —Nun, er hat's getan. Das asketische Ideal, man errät es
wohl, war niemals und nirgendswo eine Schule des guten Geschmacks, noch weniger
der guten Manieren—es war im besten Fall eine Schule der hieratischen
Manieren—: das macht, es hat selber etwas im Leibe, das allen guten Manieren
todfeind ist—Mangel an Mass, Widerwillen gegen Mass, es ist selbst ein "non
plus ultra."
23
Das asketische ideal hat nicht nur die
Gesundheit und den Geschmack verdorben, es hat noch etwas Drittes, Viertes,
Fünftes, Sechstes verdorben—ich werde mich hüten, zu sagen was alles (wann käme
ich zu Ende!). Nicht was dies Ideal gewirkt hat, soll hier von mir ans Licht
gestellt werden; vielmehr ganz allein nur, was es bedeutet, worauf es raten
lässt, was hinter ihm, unter ihm, in ihm versteckt liegt, wofür es der
vorläufige, undeutliche, mit Fragezeichen und Missverständnissen überladne
Ausdruck ist. Und nur in Hinsicht auf diesen Zweck durfte ich meinen Lesern
einen Blick auf das Ungeheure seiner Wirkungen, auch seiner verhängnisvollen
Wirkungen nicht ersparen: um sie nämlich zum letzten und furchtbarsten Aspekt
vorzubereiten, den die Frage nach der Bedeutung jenes Ideals für mich hat. Was
bedeutet eben die Macht jenes Ideals, das Ungeheure seiner Macht? Weshalb ist
ihm in diesem Masse Raum gegeben worden? weshalb nicht besser Widerstand
geleistet worden? Das asketische Ideal drückt einen Willen aus: wo ist der
gegnerische Wille, in dem sich ein gegnerisches Ideal ausdrückte? Das
asketische ideal hat ein Ziel—dasselbe ist allgemein genug, dass alle
Interessen des menschlichen Daseins sonst, an ihm gemessen, kleinlich und eng
erscheinen; es legt sich Zeiten, Völker, Menschen unerbittlich auf dieses eine
Ziel hin aus, es lässt keine andre Auslegung, kein andres Ziel gelten, es
verwirft, verneint, bejaht, bestätigt allein im Sinne seiner Interpretation (—
und gab es je ein zu Ende gedachteres System von Interpretation?); es
unterwirft sich keiner Macht, es glaubt vielmehr an sein Vorrecht vor jeder
Macht, an seine unbedingte Rang-Distanz in Hinsicht auf jede Macht,—es glaubt
daran, dass nichts auf Erden von Macht da ist, das nicht von ihm aus erst einen
Sinn, ein Daseins-Recht, einen Wert zu empfangen habe, als Werkzeug zu seinem
Werke, als Weg und Mittel zu seinem Ziele, zu einem Ziele . . . Wo ist das
Gegenstück zu diesem geschlossenen System von Wille, Ziel und Interpretation?
Warum fehlt das Gegenstück? ... Wo ist das andre "eine Ziel"? Aber man sagt mir, es fehle nicht,
es habe nicht nur einen langen glücklichen Kampf mit jenem ideale gekämpft, es
sei vielmehr in allen Hauptsachen bereits über jenes Ideal Herr geworden: unsre
ganze moderne Wissenschaft sei das Zeugnis dafür—diese moderne Wissenschaft,
welche, als eine eigentliche Wirklichkeits-Philosophie, ersichtlich allein an
sich selber glaube, ersichtlich den Mut zu sich, den Willen zu sich besitze und
gut genug bisher ohne Gott, jenseits und verneinende Tugenden ausgekommen sei.
Indessen mit solchem Lärm und Agitatoren-Geschwätz richtet man nichts bei mir
aus: diese Wirklichkeits-Trompeter sind schlechte Musikanten, ihre Stimmen
kommen hörbar genug nicht aus der Tiefe, aus ihnen redet nicht der Abgrund des
wissenschaftlichen Gewissens—denn heute ist das wissenschaftliche Gewissen ein
Abgrund—, das Wort "Wissenschaft" ist in solchen Trompeter-Mäulern
einfach eine Unzucht, ein Missbrauch, eine Schamlosigkeit. Gerade das Gegenteil
von dem, was hier behauptet wird, ist die Wahrheit: die Wissenschaft hat heute
schlechterdings keinen Glauben an sich, geschweige ein ideal über sich und wo
sie überhaupt noch Leidenschaft, Liebe, Glut, Leiden ist, da ist sie nicht der
Gegensatz jenes asketischen Ideals, vielmehr dessen jüngste und vornehmste Form
selber. Klingt euch das fremd? Es gibt ja genug braves und bescheidnes Arbeiter-Volk auch unter
den Gelehrten von heute, dem sein kleiner Winkel gefällt, und das darum, weil
es ihm darin gefällt, bisweilen ein wenig unbescheiden mit der Forderung laut
wird, man solle überhaupt heute zufrieden sein, zumal in der Wissenschaft—es
gäbe da gerade so viel Nützliches zu tun. Ich widerspreche nicht; am wenigsten
möchte ich diesen ehrlichen Arbeitern ihre Lust am Handwerk verderben: denn ich
freue mich ihrer Arbeit. Aber damit, dass jetzt in der Wissenschaft streng
gearbeitet wird und dass es zufriedne Arbeiter gibt, ist schlechterdings nicht
bewiesen, dass die Wissenschaft als ganzes heute ein Ziel, einen Willen, ein
Ideal, eine Leidenschaft des grossen Glaubens habe. Das Gegenteil, wie gesagt,
ist der Fall: wo sie nicht die jüngste Erscheinungsform des asketischen Ideals
ist—es handelt sich da um zu seltne, vornehme, ausgesuchte Fälle, als dass
damit das Gesamturteil umgebogen werden könnte—, ist die Wissenschaft heute ein
Versteck für alle Art Missmut, Unglauben, Nagewurm, despectio sui,
schlechtes Gewissen—sie ist die Unruhe der Ideallosigkeit selbst, das Leiden am
Mangel der grossen Liebe, das Ungenügen an einer unfreiwilligen Genügsamkeit. O was verbirgt heute nicht alles
Wissenschaft! wieviel soll sie mindestens verbergen! Die Tüchtigkeit unsrer
besten Gelehrten, ihr besinnungsloser Fleiss, ihr Tag und Nacht rauchender
Kopf, ihre Handwerks-Meisterschaft selbst—wie oft hat das alles seinen
eigentlichen Sinn darin, sich selbst irgend etwas nicht mehr sichtbar werden zu
lassen! Die Wissenschaft als Mittel der Selbst-Betäubung: kennt ihr das? Man verwundet sie—jeder erfährt es,
der mit Gelehrten umgeht—mitunter durch ein harmloses Wort bis auf den Knochen,
man erbittert seine gelehrten Freunde gegen sich, im Augenblick, wo man sie zu
ehren meint, man bringt sie ausser Rand und Band, bloss weil man zu grob war,
um zu erraten, mit wem man es eigentlich zu tun hat, mit Leidenden, die es sich
selbst nicht eingestehn wollen, was sie sind, mit Betäubten und
Besinnungslosen, die nur eins fürchten: zum Bewusstsein zu
kommen.—
24
Und nun sehe man sich dagegen jene seltneren
Fälle an, von denen ich sprach, die letzten Idealisten, die es heute unter
Philosophen und Gelehrten gibt: hat man in ihnen vielleicht die gesuchten
Gegner des asketischen Ideals, dessen Gegen-Idealisten? In der Tat, sie glauben
sich als solche, diese "Ungläubigen" (denn das sind sie allesamt); es
scheint gerade das ihr letztes Stück Glaube, Gegner dieses Ideals zu sein, so
ernsthaft sind sie an dieser Stelle, so leidenschaftlich wird da gerade ihr
Wort, ihre Gebärde—brauchte es deshalb schon wahr zu sein, was sie glauben? Wir "Erkennenden" sind
nachgerade misstrauisch gegen alle Art Gläubige, unser Misstrauen hat uns
allmählich darauf eingeübt, umgekehrt zu schliessen, als man ehedem schloss:
nämlich überall, wo die Stärke eines Glaubens sehr in den Vordergrund tritt,
auf eine gewisse Schwäche der Beweisbarkeit, auf Unwahrscheinlichkeit selbst
des Geglaubten zu schliessen. Auch wir leugnen nicht, dass der Glaube
"selig macht": eben deshalb leugnen wir, dass der Glaube etwas
beweist—ein starker Glaube, der selig macht, ist ein Verdacht gegen das, woran
er glaubt, er begründet nicht "Wahrheit," er begründet eine gewisse
Wahrscheinlichkeit—der Täuschung. Wie steht es nun in diesem Falle? Diese Verneinenden und Abseitigen
von heute, diese Unbedingten in einem, im Anspruch auf intellektuelle
Sauberkeit, diese harten, strengen, enthaltsamen, heroischen Geister, welche
die Ehre unsrer Zeit ausmachen, alle diese blassen Atheisten, Antichristen,
Immoralisten, Nihilisten, diese Skeptiker, Ephektiker, Hektiker des Geistes
(letzteres sind sie samt und sonders in irgendeinem Sinne), diese letzten
Idealisten der Erkenntnis, in denen allein heute das intellektuelle Gewissen
wohnt und leibhaft ward—sie glauben sich in der Tat so losgelöst als möglich
vom asketischen ideale, diese "freien, sehr freien Geister": und
doch, dass ich ihnen verrate, was sie selbst nicht sehen können—denn sie stehen
sich zu nahe—: dies Ideal ist gerade auch ihr Ideal, sie selbst stellen es
heute dar und niemand sonst vielleicht, sie selbst sind seine vergeistigtste
Ausgeburt, seine vorgeschobenste Krieger- und Kundschafter-Schar, eine
verfänglichste, zarteste, unfasslichste Verführungsform—wenn ich irgendworin
Rätselrater bin, so will ich es mit diesem Satze sein! Das sind noch lange keine freien
Geister: denn sie glauben noch an die Wahrheit . . . Als die christlichen
Kreuzfahrer im Orient auf jenen unbesiegbaren Assassinen Orden stiessen, jenen
Freigeister-Orden par excellence, dessen unterste Grade in einem
Gehorsame lebten, wie einen gleichen kein Mönchsorden erreicht hat, da bekamen
sie auf irgendwelchem Wege auch einen Wink über jenes Symbol und Kerbholz-Wort,
das nur den obersten Graden, als deren secretum, vorbehalten war:
"Nichts ist wahr, alles ist erlaubt" . . . wohlan, das war Freiheit
des Geistes, damit war der Wahrheit selbst der Glaube gekündigt. Hat wohl je schon ein europäischer,
ein christlicher Freigeist sich in diesen Satz und seine labyrinthischen
Folgerungen verirrt? kennt er den Minotauros dieser Höhle aus Erfahrung? ...
Ich zweifle daran, mehr noch, ich weiss es anders:—Nichts ist diesen
Unbedingten in einem, diesen sogenannten "freien Geistern" gerade
fremder als Freiheit und Entfesselung in jenem Sinne, in keiner Hinsicht sind
sie gerade fester gebunden, im Glauben gerade an die Wahrheit sind sie, wie
niemand anderes sonst, fest und unbedingt. Ich kenne dies alles vielleicht zu
sehr aus der Nähe: jene verehrenswürdige Philosophen-Enthaltsamkeit, zu der ein
solcher Glaube verpflichtet, jener Stoizismus des Intellekts, der sich das Nein
zuletzt ebenso streng verbietet wie das Ja, jenes Stehen-bleiben-Wollen vor dem
Tatsächlichen, dem factum brutum, jener Fatalismus der "petits
faits" (ce petit faitalisme, wie ich ihn nenne), worin die
französische Wissenschaft jetzt eine Art moralischen Vorrangs vor der deutschen
Sucht, jenes Verzichtleisten auf Interpretation überhaupt (auf das
Vergewaltigen, Zurechtschieben, Abkürzen, Weglassen, Ausstopfen, Ausdichten,
Umfälschen und was sonst zum Wesen alles Interpretierens gehört)—das drückt,
ins grosse gerechnet, ebensogut Asketismus der Tugend aus, wie irgendeine
Verneinung der Sinnlichkeit (es ist im Grunde nur ein Modus dieser Verneinung).
Was aber zu ihm zwingt, jener unbedingte Wille zur Wahrheit, das ist der Glaube
an das asketische Ideal selbst, wenn auch als sein unbewusster Imperativ, man
täusche sich hierüber nicht—das ist der Glaube an einen metaphysischen Wert,
einen Wert an sich der Wahrheit, wie er allein in jenem Ideal verbürgt und
verbrieft ist (er steht und fällt mit jenem ideal). Es gibt, streng geurteilt, gar
keine "voraussetzungslose" Wissenschaft, der Gedanke einer solchen
ist unausdenkbar, paralogisch: eine Philosophie, ein "Glaube" muss
immer erst da sein, damit aus ihm die Wissenschaft eine Richtung, einen Sinn,
eine Grenze, eine Methode, ein Recht auf Dasein gewinnt. (Wer es umgekehrt
versteht, wer zum Beispiel sich anschickt, die Philosophie "auf streng
wissenschaftliche Grundlage" zu stellen, der hat dazu erst nötig, nicht
nur die Philosophie, sondern auch die Wahrheit selber auf den Kopf zu stellen:
die ärgste Anstands-Verletzung, die es in Hinsicht auf zwei so ehrwürdige
Frauenzimmer geben kann!) ja, es ist kein Zweifel—und hiermit lasse ich meine "fröhliche
Wissenschaft" zu Worte kommen, vgl. deren fünftes Buch S.
263—"der Wahrhaftige, in jenem verwegenen und letzten Sinne, wie ihn der
Glaube an die Wissenschaft voraussetzt, bejaht damit eine andre Welt als die
des Lebens, der Natur und der Geschichte; und insofern er diese 'andre Welt'
bejaht, wie? muss er nicht eben damit ihr Gegenstück, diese Welt, unsre
Welt—verneinen? . . . Es ist immer noch ein metaphysischer Glaube, auf dem
unser Glaube an die Wissenschaft ruht—auch wir Erkennenden von heute, wir
Gottlosen und Antimetaphysiker, auch wir nehmen unser Feuer noch von jenem
Brande, den ein jahrtausendealter Glaube entzündet hat, jener Christen-Glaube,
der auch der Glaube Platos war, dass Gott die Wahrheit ist, dass die Wahrheit
göttlich ist . . . Aber wie, wenn dies gerade immer mehr unglaubwürdig wird,
wenn nichts sich mehr als göttlich erweist, es sei denn der Irrtum, die
Blindheit, die Lüge—wenn Gott selbst sich als unsre längste Lüge erweist?" An dieser Stelle tut es not,
haltzumachen und sich lange zu besinnen. Die Wissenschaft selber bedarf nunmehr
einer Rechtfertigung (womit noch nicht einmal gesagt sein soll, dass es eine
solche für sie gibt). Man sehe sich auf diese Frage die ältesten und die
jüngsten Philosophien an: in ihnen allen fehlt ein Bewusstsein darüber,
inwiefern der Wille zur Wahrheit selbst erst einer Rechtfertigung bedarf, hier
ist eine Lücke in jeder Philosophie—woher kommt das? Weil das asketische Ideal
über alle Philosophie bisher Herr war, weil Wahrheit als Sein, als Gott, als
oberste Instanz selbst gesetzt wurde, weil Wahrheit gar nicht Problem sein
durfte. Versteht man dies "durfte"?—Von dem Augenblick an, wo der
Glaube an den Gott des asketischen Ideals verneint ist, gibt es auch ein neues
Problem: das vom Werte der Wahrheit. Der Wille zur Wahrheit bedarf einer Kritik—m bestimmen wir hiermit
unsre eigene Aufgabe—, der Wert der Wahrheit ist versuchsweise einmal in Frage
zu stellen. (Wem
dies zu kurz gesagt scheint, dem sei empfohlen, jenen Abschnitt der "fröhlichen
Wissenschaft" nachzulesen, welcher den Titel trägt: "Inwiefern
auch wir noch fromm sind" S. 260 ff, am besten das ganze fünfte Buch des
genannten Werks, insgleichen die Vorrede zur "Morgenröte".)
25
Nein! Man komme mir nicht mit der Wissenschaft,
wenn ich nach dem natürlichen Antagonisten des asketischen Ideals suche, wenn
ich frage: "wo ist der gegnerische Wille, in dem sich sein gegnerisches
Ideal ausdrückt?" Dazu steht die Wissenschaft lange nicht genug auf sich
selber, sie bedarf in jedem Betrachte erst eines Wert-Ideals, einer
werteschaffenden Macht, in deren Dienste sie an sich selber glauben darf—sie
selbst ist niemals werteschaffend. Ihr Verhältnis zum asketischen Ideal ist an
sich durchaus noch nicht antagonistisch; sie stellt in der Hauptsache sogar
eher noch die vorwärtstreibende Kraft in dessen innerer Ausgestaltung dar. Ihr Widerspruch
und Kampf bezieht sich, feiner geprüft, gar nicht auf das Ideal selbst, sondern
nur auf dessen Aussenwerke, Einkleidung, Maskenspiel, auf dessen zeitweilige
Verhärtung, Verholzung, Verdogmatisierung—sie macht das Leben in ihm wieder
frei, indem sie das Exoterische an ihm verneint. Diese beiden, Wissenschaft und
asketisches Ideal, sie stehen ja auf einem Boden—ich gab dies schon zu
verstehen—: nämlich auf der gleichen Überschätzung der Wahrheit (richtiger: auf
dem gleichen Glauben an die Unabschätzbarkeit, Unkritisierbarkeit der
Wahrheit), eben damit sind sie sich notwendig Bundesgenossen—so dass sie,
gesetzt, dass sie bekämpft werden, auch immer nur gemeinsam bekämpft und in
Frage gestellt werden können. Eine Wertabschätzung des asketischen Ideals zieht
unvermeidlich auch eine Wertabschätzung der Wissenschaft nach sich: dafür mache
man sich bei Zeiten die Augen hell, die Ohren spitz! (Die Kunst, vorweg gesagt, denn ich
komme irgendwann des längeren darauf zurück—die Kunst, in der gerade die Lüge sich
heiligt, der Wille zur Täuschung das gute Gewissen zur Seite hat, ist dem
asketischen Ideale viel grundsätzlicher entgegengestellt als die Wissenschaft:
so empfand es der Instinkt Platos, dieses grössten Kunstfeindes, den Europa
bisher hervorgebracht hat. Plato gegen Homer: das ist der ganze, der echte
Antagonismus—dort der "Jenseitige" besten Willens, der grosse
Verleumder des Lebens, hier dessen unfreiwilliger Vergöttlicher, die goldene
Natur. Eine Künstler-Dienstbarkeit im Dienste des asketischen Ideals ist
deshalb die eigentlichste Künstler-Korruption, die es geben kann, leider eine
der allergewöhnlichsten: denn nichts ist korruptibler als ein Künstler.) Auch physiologisch nachgerechnet,
ruht die Wissenschaft auf dem gleichen Boden wie das asketische Ideal: eine
gewisse Verarmung des Lebens ist hier wie dort die Voraussetzung,—die Affekte
kühl geworden, das Tempo verlangsamt, die Dialektik an Stelle des Instinktes,
der Ernst den Gesichtern und Gebärden aufgedrückt (der Ernst, dieses
unmissverständlichste Abzeichen des mühsameren Stoff-Wechsels, des ringenden,
schwerer arbeitenden Lebens). Man sehe sich die Zeiten eines Volkes an, in
denen der Gelehrte in den Vordergrund tritt: es sind Zeiten der Ermüdung, oft
des Abends, des Niederganges—die überströmende Kraft, die Lebens-Gewissheit,
die Zukunfts-Gewissheit sind dahin. Das Übergewicht des Mandarinen bedeutet
niemals etwas Gutes: so wenig als die Heraufkunft der Demokratie, der
Friedens-Schiedsgerichte an Stelle der Kriege, der Frauen-Gleichberechtigung,
der Religion des Mitleids und was es sonst alles für Symptome des absinkenden
Lebens gibt. (Wissenschaft als Problem gefasst; was bedeutet Wissenschaft?—vgl.
darüber die Vorrede zur "Geburt der Tragödie.") Nein! diese "moderne
Wissenschaft"—macht euch nur dafür die Augen auf!—ist einstweilen die
beste Bundesgenossin des asketischen Ideals, und gerade deshalb, weil sie die
unbewussteste, die unfreiwilligste, die heimlichste und unterirdischste ist!
Sie haben bis jetzt ein Spiel gespielt, die "Armen des Geistes" und
die wissenschaftlichen Widersacher jenes Ideals (man hüte sich, anbei gesagt,
zu denken, dass sie deren Gegensatz seien, etwa als die Reichen des Geistes das
sind sie nicht, ich nannte sie Hektiker des Geistes). Diese berühmten Siege der
letzteren: unzweifelhaft, es sind Siege—aber worüber? Das asketische Ideal
wurde ganz und gar nicht in ihnen besiegt, es wurde eher damit stärker, nämlich
unfasslicher, geistiger, verfänglicher gemacht, dass immer wieder eine Mauer,
ein Aussenwerk, das sich an dasselbe angebaut hatte und seinen Aspekt
vergröberte, seitens der Wissenschaft schonungslos abgelöst, abgebrochen worden
ist. Meint man in der Tat, dass etwa die Niederlage der theologischen
Astronomie eine Niederlage jenes Ideals bedeute?
Ist damit vielleicht der Mensch weniger
bedürftig nach einer Jenseitigkeits-Lösung seines Rätsels von Dasein geworden,
dass dieses Dasein sich seitdem noch beliebiger, eckensteherischer,
entbehrlicher in der sichtbaren Ordnung der Dinge ausnimmt? Ist nicht gerade
die Selbstverkleinerung des Menschen, sein Wille zur Selbstverkleinerung seit
Kopernikus in einem unaufhaltsamen Fortschritte? Ach, der Glaube an seine
Würde, Einzigkeit, Unersetzlichkeit in der Rangabfolge der Wesen ist dahin—er
ist Tier geworden, Tier, ohne Gleichnis, Abzug und Vorbehalt, er, der in seinem
früheren Glauben beinahe Gott ("Kind Gottes," "Gottmensch")
war. Seit
Kopernikus scheint der Mensch auf eine schiefe Ebene geraten—er rollt immer
schneller nunmehr aus dem Mittelpunkte weg—wohin? ins Nichts? ins "durchbohrende
Gefühl seines Nichts"? ... Wohlan! dies eben wäre der gerade Weg—ins alte
Ideal? Alle
Wissenschaft (und keineswegs nur die Astronomie, über deren demütigende und
herunterbringende Wirkung Kant ein bemerkenswertes Geständnis gemacht hat,
"sie vernichtet meine Wichtigkeit" . . . ), alle Wissenschaft, die
natürliche sowohl, wie die unnatürliche—so heisse ich die
Erkenntnis-Selbstkritik—ist heute darauf aus, dem Menschen seine bisherige
Achtung vor sich auszureden, wie als ob dieselbe nichts als ein bizarrer
Eigendünkel gewesen sei; man könnte sogar sagen, sie haben ihren eigenen Stolz,
ihre eigene herbe Form von stoischer Ataraxie darin, diese mühsam errungene
Selbstverachtung des Menschen als dessen letzten, ernstesten Anspruch auf
Achtung bei sich selbst aufrechtzuerhalten (mit Recht, in der Tat: denn der
Verachtende ist immer noch einer, der "das Achten nicht verlernt hat"
. . . ). Wird damit dem asketischen Ideale eigentlich entgegengearbeitet? Meint
man wirklich allen Ernstes noch (wie es die Theologen eine Zeitlang sich
einbildeten), dass etwa Kants Sieg über die theologische Begriffs-Dogmatik
("Gott," "Seele," "Freiheit,"
"Unsterblichkeit") jenem ideale Abbruch getan habe?—wobei es uns
einstweilen nichts angehn soll, ob Kant selber etwas Derartiges überhaupt auch
nur in Absicht gehabt hat. Gewiss ist, dass alle Art Transzendentalisten seit
Kant wieder gewonnenes Spiel haben—sie sind von den Theologen emanzipiert:
welches Glück!—er hat ihnen jenen Schleichweg verraten, auf dem sie nunmehr auf
eigne Faust und mit dem besten wissenschaftlichen Anstande den "Wünschen
ihres Herzens" nachgehn dürfen. Insgleichen: wer dürfte es nunmehr den Agnostikern verargen, wenn
sie, als die Verehrer des Unbekannten und Geheimnisvollen an sich, das
Fragezeichen selbst jetzt als Gott anbeten? (Xaver Doudan spricht einmal von
den ravages, welche "l'habitude d'admirer l'inintelligible an lieu
de rester tout simplement dans l'inconnu" angerichtet habe; er
meint, die Alten hätten dessen entraten.) Gesetzt, dass alles, was der Mensch
"erkennt," seinen Wünschen nicht genug tut, ihnen vielmehr
widerspricht und Schauder macht, welche göttliche Ausflucht, die Schuld davon
nicht im "Wünschen," sondern im "Erkennen" suchen zu
dürfen! "Es
gibt kein Erkennen: folglich—gibt es einen Gott": welche neue elegantia
syllogismi! welcher Triumph des asketischen Ideals! -
26
Oder zeigte vielleicht die gesamte moderne
Geschichtsschreibung eine lebensgewissere, idealgewissere Haltung? Ihr
vornehmster Anspruch geht jetzt dahin, Spiegel zu sein; sie lehnt alle
Teleologie ab; sie will nichts mehr "beweisen"; sie verschmäht es,
den Richter zu spielen, und hat darin ihren guten Geschmack—sie bejaht so
wenig, als sie verneint, sie stellt fest, sie "beschreibt" . . . Dies
alles ist in einem hohen Grade asketisch; es ist aber zugleich in einem noch
höheren Grade nihilistisch, darüber täusche man sich nicht! Man sieht einen
traurigen, harten, aber entschlossenen Blick—ein Auge, das hinausschaut, wie
ein vereinsamter Nordpolfahrer hinausschaut (vielleicht um nicht
hineinzuschauen? um nicht zurückzuschauen? . . . ) Hier ist Schnee, hier ist
das Leben verstummt; die letzten Krähen, die hier laut werden, heissen
"Wozu?," "Umsonst!," "Nada!"—hier gedeiht und
wächst nichts mehr, höchstens Petersburger Metapolitik und Tolstoisches
"Mitleid." Was aber jene andre Art von Historikern betrifft, eine vielleicht
noch "modernere" Art, eine genüssliche, wollüstige, mit dem Leben
ebensosehr als mit dem asketischen Ideal liebäugelnde Art, welche das Wort
"Artist" als Handschuh gebraucht und heute das Lob der Kontemplation
ganz und gar für sich in Pacht genommen hat: o welchen Durst erregen diese
süssen Geistreichen selbst noch nach Asketen und Winterlandschaften! Nein! dies
"beschauliche" Volk mag sich der Teufel holen! Um wieviel lieber will
ich noch mit jenen historischen Nihilisten durch die düstersten grauen kalten
Nebel wandern!—ja es soll mir nicht darauf ankommen, gesetzt dass ich wählen
muss, selbst einem ganz eigentlich Unhistorischen, Widerhistorischen Gehör zu schenken
(wie jenem Dühring, an dessen Tönen sich im heutigen Deutschland eine bisher
noch schüchterne, noch uneingeständliche Spezies "schöner Seelen"
berauscht, die species anarchistica innerhalb des gebildeten
Proletariats).
Hundertmal schlimmer sind die
"Beschaulichen"—: ich wüsste nichts, was so sehr Ekel machte, als
solch ein "objektiver" Lehnstuhl, solch ein duftender Genüssling vor
der Historie, halb Pfaff, halb Satyr, Parfum Renan, der schon mit dem hohen
Falsett seines Beifalls verrät, was ihm abgeht, wo es ihm abgeht, wo in diesem
Falle die Parze ihre grausame Schere ach! allzu chirurgisch gehandhabt hat! Das
geht mir wider den Geschmack, auch wider die Geduld: behalte bei solchen
Aspekten seine Geduld, wer nichts an ihr zu verlieren hat— mich ergrimmt solch
ein Aspekt, solche "Zuschauer" erbittern mich gegen das
"Schauspiel," mehr noch als das Schauspiel (die Historie selbst, man
versteht mich), unversehens kommen mir dabei anakreontische Launen. Diese
Natur, die dem Stier das Horn, dem Löwen das chasm odonton gab, wozu gab mir
die Natur den Fuss? . . . Zum Treten, beim heiligen Anakreon! und nicht nur zum
Davonlaufen; zum Zusammentreten der morschen Lehnstühle, der feigen
Beschaulichkeit, des lüsternen Eunuchentums vor der Historie, der Liebäugelei
mit asketischen idealen, der Gerechtigkeits-Tartüfferie der Impotenz! Alle meine Ehrfurcht dem
asketischen ideale, sofern es ehrlich ist! Solange es an sich selber glaubt und
uns keine Possen vormacht! Aber ich mag alle diese koketten Wanzen nicht, deren
Ehrgeiz unersättlich darin ist, nach dem Unendlichen zu riechen, bis zuletzt
das Unendliche nach Wanzen riecht; ich mag die übertünchten Gräber nicht, die
das Leben schauspielern; ich mag die Müden und Vernutzten nicht, welche sich in
Weisheit einwickeln und "objektiv" blicken; ich mag die zu Helden
aufgeputzten Agitatoren nicht, die eine Tarnkappe von Ideal um ihren Strohwisch
von Kopf tragen; ich mag die ehrgeizigen Künstler nicht, die den Asketen und Priester
bedeuten möchten und im Grunde nur tragische Hanswürste sind; ich mag auch sie
nicht, diese neuesten Spekulanten in Idealismus, die Antisemiten, welche heute
ihre Augen christlich-arisch-biedermännisch verdrehn und durch einen jede
Geduld erschöpfenden Missbrauch des wohlfeilsten Agitationsmittels, der
moralischen Attitüde, alle Hornvieh-Elemente des Volkes aufzuregen suchen
(—dass jede Art Schwindel-Geisterei im heutigen Deutschland nicht ohne Erfolg
bleibt, hängt mit der nachgerade unableugbaren und bereits handgreiflichen
Verödung des deutschen Geistes zusammen, deren Ursache ich in einer allzu
ausschliesslichen Ernährung mit Zeitungen, Politik, Bier und Wagnerscher Musik
suche, hinzugerechnet, was die Voraussetzung für diese Diät abgibt: einmal die
nationale Einklemmung und Eitelkeit, das starke, aber enge Prinzip
"Deutschland, Deutschland über alles," sodann aber die paralysis
agitans der "modernen Ideen").
Europa ist heute reich und erfinderisch vor
allem in Erregungsmitteln, es scheint nichts nötiger zu haben als Stimulantia
und gebrannte Wasser: daher auch die ungeheure Fälscherei in Idealen, diesen
gebranntesten Wassern des Geistes, daher auch die widrige, übelriechende,
verlogne, pseudo-alkoholische Luft überall. ich möchte wissen, wieviel
Schiffsladungen von nachgemachtem Idealismus, von Helden-Kostümen und
Klapperblech grosser Worte, wieviel Tonnen verzuckerten spirituosen Mitgefühls
(Firma: la religion de la souffrance), wieviel Stelzbeine "edler
Entrüstung" zur Nachhilfe geistig Plattfüssiger, wieviel Komödianten des
christlich-moralischen Ideals heute aus Europa exportiert werden müssten, damit
seine Luft wieder reinlicher röche. Ersichtlich steht in Hinsicht auf diese Überproduktion eine neue
Handels-Möglichkeit offen, ersichtlich ist mit kleinen Ideal-Götzen und
zugehörigen "Idealisten" ein neues "Geschäft" zu machen—man
überhöre diesen Zaunpfahl nicht! Wer hat Mut genug dazu?—wir haben es in der
Hand, die ganze Erde zu "idealisieren"!
Aber was rede ich von Mut: hier tut eins nur
not, eben die Hand, eine Unbefangne, eine sehr unbefangne Hand.—
27
Genug! Genug! Lassen wir diese Kuriositäten und
Komplexitäten des modernsten Geistes, an denen ebensoviel zum Lachen als zum
Verdriessen ist: gerade unser Problem kann deren entraten, das Problem von der
Bedeutung des asketischen Ideals—was hat dasselbe mit gestern und heute zu tun!
Jene Dinge sollen von mir in einem andren Zusammenhange gründlicher und härter
angefasst werden (unter dem Titel Zur Geschichte des europäischen Nihilismus;
ich verweise dafür auf ein Werk, das ich vorbereite: Der Wille zur Macht.
Versuch einer Umwertung aller Werte). Worauf es mir allein ankommt, hier
hingewiesen zu haben, ist dies: das asketische ideal hat auch in der
geistigsten Sphäre einstweilen immer nur noch eine Art von wirklichen Feinden
und Schädigern: das sind die Komödianten dieses Ideals—denn sie wecken
Misstrauen. Überall sonst, wo der Geist heute streng, mächtig und ohne
Falschmünzerei am Werke ist, entbehrt er jetzt überhaupt des Ideals—der
populäre Ausdruck für diese Abstinenz ist "Atheismus"—: abgerechnet
seines Willens zur Wahrheit. Dieser Wille aber, dieser Rest von Ideal, ist,
wenn man mir glauben will, jenes Ideal selbst in seiner strengsten, geistigsten
Formulierung, esoterisch ganz und gar, alles Aussenwerks entkleidet, somit
nicht sowohl sein Rest, als sein Kern. Der unbedingte redliche Atheismus (—und
seine Luft allein atmen wir, wir geistigeren Menschen dieses Zeitalters!) steht
demgemäss nicht im Gegensatz zu jenem Ideale, wie es den Anschein hat; er ist
vielmehr nur eine seiner letzten Entwicklungsphasen, eine seiner Schlussformen
und inneren Folgerichtigkeiten—er ist die Ehrfurcht gebietende Katastrophe
einer zweitausendjährigen Zucht zur Wahrheit, welche am Schlusse sich die Lüge
im Glauben an Gott verbietet. (Derselbe Entwicklungsgang in Indien, in vollkommner
Unabhängigkeit und deshalb etwas beweisend; dasselbe Ideal zum gleichen
Schlusse zwingend; der entscheidende Punkt fünf Jahrhunderte vor der
europäischen Zeitrechnung erreicht, mit Buddha, genauer: schon mit der
Sankhyam-Philosophie, diese dann durch Buddha popularisiert und zur Religion
gemacht.) Was,
in aller Strenge gefragt, hat eigentlich über den christlichen Gott gesiegt?
Die Antwort steht in meiner "fröhlichen Wissenschaft" S. 290:
"Die christliche Moralität selbst, der immer strenger genommene Begriff
der Wahrhaftigkeit, die Beichtväter-Feinheit des christlichen Gewissens,
übersetzt und sublimiert zum wissenschaftlichen Gewissen, zur intellektuellen
Sauberkeit um jeden Preis. Die Natur ansehn, als ob sie ein Beweis für die Güte
und Obhut eines Gottes sei; die Geschichte interpretieren zu Ehren einer
göttlichen Vernunft, als beständiges Zeugnis einer sittlichen Weltordnung und
sittlicher Schlussabsichten; die eignen Erlebnisse auslegen, wie sie fromme
Menschen lange genug ausgelegt haben, wie als ob alles Fügung, alles Wink,
alles dem Heil der Seele zu Liebe ausgedacht und geschickt sei: das ist nunmehr
vorbei, das hat das Gewissen gegen sich, das gilt allen feineren Gewissen als
unanständig, unehrlich, als Lügnerei, Feminismus, Schwachheit, Feigheit—mit
dieser Strenge, wenn irgendwomit, sind wir eben gute Europäer und Erben von
Europas längster und tapferster Selbstüberwindung." Alle grossen Dinge gehen durch sich
selbst zugrunde, durch einen Akt der Selbstaufhebung: so will es das Gesetz des
Lebens, das Gesetz der notwendigen "Selbstüberwindung" im Wesen des
Lebens—immer ergeht zuletzt an den Gesetzgeber selbst der Ruf: "patere
legem, quam ipse tulisti." Dergestalt ging das Christentum als Dogma zugrunde,
an seiner eignen Moral; dergestalt muss nun auch das Christentum als Moral noch
zugrunde gehn—wir stehen an der Schwelle dieses Ereignisses. Nachdem die
christliche Wahrhaftigkeit einen Schluss nach dem andern gezogen hat, zieht sie
am Ende ihren stärksten Schluss, ihren Schlug gegen sich selbst; dies aber
geschieht, wenn sie die Frage stellt "was bedeutet aller Wille zur
Wahrheit?" Und
hier rühre ich wieder an mein Problem, an unser Problem, meine unbekannten
Freunde (denn noch weiss ich von keinem Freunde): welchen Sinn hätte unser
ganzes Sein, wenn nicht den, dass in uns jener Wille zur Wahrheit sich selbst
als Problem zum Bewusstsein gekommen wäre? An diesem Sichbewusstwerden des Willens zur Wahrheit geht von nun
an—daran ist kein Zweifel—die Moral zugrunde: jenes grosse Schauspiel in
hundert Akten, das den nächsten zwei Jahrhunderten Europas aufgespart bleibt,
das furchtbarste, fragwürdigste und vielleicht auch hoffnungsreichste aller
Schauspiele.—
28
Sieht man vom asketischen Ideale ab: so hatte
der Mensch, das Tier Mensch bisher keinen Sinn. Sein Dasein auf Erden enthielt
kein Ziel; "wozu Mensch überhaupt?"—war eine Frage ohne Antwort; der
Wille für Mensch und Erde fehlte; hinter jedem grossen Menschen-Schicksale
klang als Refrain ein noch grösseres "Umsonst!" Das eben bedeutet das
asketische Ideal: dass etwas fehlte, dass eine ungeheure Lücke den Menschen
umstand—er wusste sich selbst nicht zu rechtfertigen, zu erklären, zu bejahen,
er litt am Probleme seines Sinns. Er litt auch sonst, er war in der Hauptsache
ein krankhaftes Tier: aber nicht das Leiden selbst war sein Problem, sondern
dass die Antwort fehlte für den Schrei der Frage "wozu leiden?" Der Mensch, das tapferste und
leidgewohnteste Tier, verneint an sich nicht das Leiden; er will es, er sucht
es selbst auf, vorausgesetzt, dass man ihm einen Sinn dafür aufzeigt, ein Dazu
des Leidens. Die Sinnlosigkeit des Leidens, nicht das Leiden, war der Fluch,
der bisher über der Menschheit ausgebreitet lag—und das asketische Ideal bot
ihr einen Sinn! Es war bisher der einzige Sinn; irgendein Sinn ist besser als
gar kein Sinn; das asketische Ideal war in jedem Betracht das "faute de
mieux" par excellence, das es bisher gab. In ihm war das Leiden
angelegt; die ungeheure Leere schien ausgefüllt; die Tür schloss sich vor allem
selbstmörderischen Nihilismus zu. Die Auslegung—es ist kein Zweifel—brachte
neues Leiden mit sich, tieferes, innerlicheres, giftigeres, am Leben
nagenderes: sie brachte alles Leiden unter die Perspektive der Schuld. Aber trotz alledem—der Mensch war
damit gerettet, er hatte einen Sinn, er war fürderhin nicht mehr wie ein Blatt
im Winde, ein Spielball des Unsinns, des "Ohne-Sinns," er konnte
nunmehr etwas wollen—gleichgültig zunächst, wohin, wozu, womit er wollte: der
Wille selbst war gerettet. Man kann sich schlechterdings nicht verbergen, was eigentlich
jenes ganze Wollen ausdrückt, das vom asketischen Ideale her seine Richtung
bekommen hat: dieser Hass gegen das Menschliche, mehr noch gegen das Tierische,
mehr noch gegen das Stoffliche, dieser Abscheu vor den Sinnen, vor der Vernunft
selbst, die Furcht vor dem Glück und der Schönheit, dieses Verlangen hinweg aus
allem Schein, Wechsel, Werden, Tod, Wunsch, Verlangen selbst—das alles
bedeutet, wagen wir es, dies zu begreifen, einen Willen zum Nichts, einen
Widerwillen gegen das Leben, eine Auflehnung gegen die grundsätzlichsten
Voraussetzungen des Lebens, aber es ist und bleibt ein Wille! . . . Und, um es
noch zum Schluss zu sagen, was ich anfangs sagte: lieber will noch der Mensch
das Nichts wollen, als nicht wollen.—
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