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Friedrich Nietzsche
Die
Geburt der Tragödie
Versuch einer
Selbstkritik
1
Was auch diesem
fragwürdigen Buche zu Grunde liegen mag: es muss eine Frage ersten Ranges und
Reizes gewesen sein, noch dazu eine tief persönliche Frage, - Zeugniss dafür
ist die Zeit, in der es entstand, trotz der es entstand, die aufregende Zeit
des deutsch-französischen Krieges von 1870/71. Während die Donner der Schlacht
von Wörth über Europa weggiengen, sass der Grübler und Räthselfreund, dem die
Vaterschaft dieses Buches zu Theil ward, irgendwo in einem Winkel der Alpen,
sehr vergrübelt und verräthselt, folglich sehr bekümmert und unbekümmert
zugleich, und schrieb seine Gedanken über die Griechen nieder, - den Kern des
wunderlichen und schlecht zugänglichen Buches, dem diese späte Vorrede (oder
Nachrede) gewidmet sein soll. Einige Wochen darauf: und er befand sich selbst
unter den Mauern von Metz, immer noch nicht losgekommen von den Fragezeichen, die
er zur vorgeblichen “Heiterkeit” der Griechen und der griechischen Kunst
gesetzt hatte; bis er endlich” in jenem Monat tiefster Spannung, als man in
Versailles über den Frieden berieth, auch mit sich zum Frieden kam und, langsam
von einer aus dem Felde heimgebrachten Krankheit genesend, die “Geburt der
Tragödie aus dem Geiste der Musik” letztgültig bei sich feststellte. - Aus der
Musik? Musik und Tragödie? Griechen und Tragödien-Musik? Griechen und das
Kunstwerk des Pessimismus? Die wohlgerathenste, schönste, bestbeneidete, zum
Leben verführendste Art der bisherigen Menschen, die Griechen - wie? gerade sie
hatten die Tragödie nöthig? Mehr noch - die Kunst? Wozu - griechische Kunst?
Man erräth, an welche
Stelle hiermit das grosse Fragezeichen vom Werth des Daseins gesetzt war. Ist
Pessimismus nothwendig das Zeichen des Niedergangs, Verfalls, des
Missrathenseins, der ermüdeten und geschwächten Instinkte? - wie er es bei den
Indern war, wie er es, allem Anschein nach, bei uns, den “modernen” Menschen
und Europäern ist? Giebt es einen Pessimismus der Stärke? Eine intellektuelle
Vorneigung für das Harte, Schauerliche, Böse, Problematische des Daseins aus
Wohlsein, aus überströmender Gesundheit, aus Fülle des Daseins? Giebt es
vielleicht ein Leiden an der Ueberfülle selbst? Eine versucherische Tapferkeit
des schärfsten Blicks, die nach dem Furchtbaren verlangt, als nach dem Feinde,
dem würdigen Feinde, an dem sie ihre Kraft erproben kann? an dem sie lernen
will, was “das Fürchten” ist? Was bedeutet, gerade bei den Griechen der besten,
stärksten, tapfersten Zeit, der tragische Mythus? Und das ungeheure Phänomen
des Dionysischen? Was, aus ihm geboren, die Tragödie? - Und wiederum: das,
woran die Tragödie starb, der Sokratismus der Moral, die Dialektik,
Genügsamkeit und Heiterkeit des theoretischen Menschen - wie? könnte nicht
gerade dieser Sokratismus ein Zeichen des Niedergangs, der Ermüdung,
Erkrankung, der anarchisch sich lösenden Instinkte sein? Und die “griechische
Heiterkeit” des späteren Griechenthums nur eine Abendröthe? Der epikurische
Wille gegen den Pessimismus nur eine Vorsicht des Leidenden? Und die
Wissenschaft selbst, unsere Wissenschaft - ja, was bedeutet überhaupt, als
Symptom des Lebens angesehn, alle Wissenschaft? Wozu, schlimmer noch, woher -
alle Wissenschaft? Wie? Ist Wissenschaftlichkeit vielleicht nur eine Furcht und
Ausflucht vor dem Pessimismus? Eine feine Nothwehr gegen - die Wahrheit? Und,
moralisch geredet, etwas wie Feig- und Falschheit? Unmoralisch geredet, eine
Schlauheit? Oh Sokrates, Sokrates, war das vielleicht dein Geheimniss? Oh
geheimnissvoller Ironiker, war dies vielleicht deine - Ironie? - -
2
Was ich damals zu
fassen bekam, etwas Furchtbares und Gefährliches, ein Problem mit Hörnern,
nicht nothwendig gerade ein Stier, jedenfalls ein neues Problem: heute würde
ich sagen, dass es das Problem der Wissenschaft selbst war - Wissenschaft zum
ersten Male als problematisch, als fragwürdig gefasst. Aber das Buch, in dem
mein jugendlicher Muth und Argwohn sich damals ausliess - was für ein
unmögliches Buch musste aus einer so jugendwidrigen Aufgabe erwachsen!
Aufgebaut aus lauter vorzeitigen übergrünen Selbsterlebnissen, welche alle hart
an der Schwelle des Mittheilbaren lagen, hingestellt auf den Boden der Kunst -
denn das Problem der Wissenschaft kann nicht auf dem Boden der Wissenschaft
erkannt werden - ein Buch vielleicht für Künstler mit dem Nebenhange
analytischer und retrospektiver Fähigkeiten (das heisst für eine Ausnahme- Art von
Künstlern, nach denen man suchen muss und nicht einmal suchen möchte ...),
voller psychologischer Neuerungen und Artisten-Heimlichkeiten, mit einer
Artisten-Metaphysik im Hintergrunde, ein Jugendwerk voller Jugendmuth und
Jugend-Schwermuth, unabhängig, trotzig-selbstständig auch noch, wo es sich
einer Autorität und eignen Verehrung zu beugen scheint, kurz ein Erstlingswerk
auch in jedem schlimmen Sinne des Wortes, trotz seines greisenhaften Problems,
mit jedem Fehler der Jugend behaftet, vor allem mit ihrem “Viel zu lang”, ihrem
“Sturm und Drang”: andererseits, in Hinsicht auf den Erfolg, den es hatte (in
Sonderheit bei dem grossen Künstler, an den es sich wie zu einem Zwiegespräch
wendete, bei Richard Wagner) ein bewiesenes Buch, ich meine ein solches, das
jedenfalls “den Besten seiner Zeit” genug gethan hat. Darauf hin sollte es
schon mit einiger Rücksicht und Schweigsamkeit behandelt werden; trotzdem will
ich nicht gänzlich unterdrücken, wie unangenehm es mir jetzt erscheint, wie
fremd es jetzt nach sechzehn Jahren vor mir steht, - vor einem älteren, hundert
Mal verwöhnteren, aber keineswegs kälter gewordenen Auge, das auch jener
Aufgabe selbst nicht fremder wurde, an welche sich jenes verwegene Buch zum
ersten Male herangewagt hat, - die Wissenschaft unter der Optik des Künstlers
zu sehn, die Kunst aber unter der des Lebens....
3
Nochmals gesagt,
heute ist es mir ein unmögliches Buch, - ich heisse es schlecht geschrieben,
schwerfällig, peinlich, bilderwüthig und bilderwirrig, gefühlsam, hier und da
verzuckert bis zum Femininischen, ungleich im Tempo, ohne Willen zur logischen
Sauberkeit, sehr überzeugt und deshalb des Beweisens sich überhebend,
misstrauisch selbst gegen die Schicklichkeit des Beweisens, als Buch für
Eingeweihte, als “Musik” für Solche, die auf Musik getauft, die auf gemeinsame
und seltene Kunst-Erfahrungen hin von Anfang der Dinge an verbunden sind, als
Erkennungszeichen für Blutsverwandte in artibus, - ein hochmüthiges und
schwärmerisches Buch, das sich gegen das profanum vulgus der “Gebildeten” von
vornherein noch mehr als gegen das “Volk” abschliesst, welches aber, wie seine
Wirkung bewies und beweist, sich gut genug auch darauf verstehen muss, sich
seine Mitschwärmer zu suchen und sie auf neue Schleichwege und Tanzplätze zu
locken. Hier redete jedenfalls - das gestand man sich mit Neugierde ebenso als
mit Abneigung ein - eine fremde Stimme, der Jünger eines noch “unbekannten
Gottes”, der sich einstweilen unter die Kapuze des Gelehrten, unter die Schwere
und dialektische Unlustigkeit des Deutschen, selbst unter die schlechten
Manieren des Wagnerianers versteckt hat; hier war ein Geist mit fremden, noch
namenlosen Bedürfnissen, ein Gedächtniss strotzend von Fragen, Erfahrungen,
Verborgenheiten, welchen der Name Dionysos wie ein Fragezeichen mehr
beigeschrieben war; hier sprach - so sagte man sich mit Argwohn - etwas wie
eine mystische und beinahe mänadische Seele, die mit Mühsal und willkürlich,
fast unschlüssig darüber, ob sie sich mittheilen oder verbergen wolle,
gleichsam in einer fremden Zunge stammelt. Sie hätte singen sollen, diese “neue
Seele” - und nicht reden! Wie schade, dass ich, was ich damals zu sagen hatte,
es nicht als Dichter zu sagen wagte: ich hätte es vielleicht gekonnt! Oder
mindestens als Philologe: - bleibt doch auch heute noch für den Philologen auf
diesem Gebiete beinahe Alles zu entdecken und auszugraben! Vor allem das
Problem, dass hier ein Problem vorliegt, - und dass die Griechen, so lange wir
keine Antwort auf die Frage “was ist dionysisch?” haben, nach wie vor gänzlich
unerkannt und unvorstellbar sind...
4
Ja, was ist
dionysisch? - In diesem Buche steht eine Antwort darauf, - ein “Wissender”
redet da, der Eingeweihte und Jünger seines Gottes. Vielleicht würde ich jetzt
vorsichtiger und weniger beredt von einer so schweren psychologischen Frage
reden, wie sie der Ursprung der Tragödie bei den Griechen ist. Eine Grundfrage
ist das Verhältniss des Griechen zum Schmerz, sein Grad von Sensibilität, -
blieb dies Verhältniss sich gleich? oder drehte es sich um? - jene Frage, ob
wirklich sein immer stärkeres Verlangen nach Schönheit, nach Festen,
Lustbarkeiten, neuen Culten, aus Mangel, aus Entbehrung, aus Melancholie, aus
Schmerz erwachsen ist? Gesetzt nämlich, gerade dies wäre wahr - und Perikles
(oder Thukydides) giebt es uns in der grossen Leichenrede zu verstehen - :
woher müsste dann das entgegengesetzte Verlangen, das der Zeit nach früher
hervortrat, stammen, das Verlangen nach dem Hässlichen, der gute strenge Wille
des älteren Hellenen zum Pessimismus, zum tragischen Mythus, zum Bilde alles
Furchtbaren, Bösen, Räthselhaften, Vernichtenden, Verhängnissvollen auf dem
Grunde des Daseins, - woher müsste dann die Tragödie stammen? Vielleicht aus
der Lust, aus der Kraft, aus überströmender Gesundheit, aus übergrosser Fülle?
Und welche Bedeutung hat dann, physiologisch gefragt, jener Wahnsinn, aus dem
die tragische wie die komische Kunst erwuchs, der dionysische Wahnsinn? Wie?
Ist Wahnsinn vielleicht nicht nothwendig das Symptom der Entartung, des
Niedergangs, der überspäten Cultur? Giebt es vielleicht - eine Frage für
Irrenärzte - Neurosen der Gesundheit? der Volks-Jugend und -Jugendlichkeit?
Worauf weist jene Synthesis von Gott und Bock im Satyr? Aus welchem
Selbsterlebniss, auf welchen Drang hin musste sich der Grieche den dionysischen
Schwärmer und Urmenschen als Satyr denken? Und was den Ursprung des tragischen
Chors betrifft: gab es in jenen Jahrhunderten, wo der griechische Leib blühte,
die griechische Seele von Leben überschäumte, vielleicht endemische
Entzückungen? Visionen und Hallucinationen, welche sich ganzen Gemeinden,
ganzen Cultversammlungen mittheilten? Wie? wenn die Griechen, gerade im
Reichthum ihrer Jugend, den Willen zum Tragischen hatten und Pessimisten waren?
wenn es gerade der Wahnsinn war, um ein Wort Plato’s zu gebrauchen, der die
grössten Segnungen über Hellas gebracht hat? Und wenn, andererseits und
umgekehrt, die Griechen gerade in den Zeiten ihrer Auflösung und Schwäche,
immer optimistischer, oberflächlicher, schauspielerischer, auch nach Logik und
Logisirung der Welt brünstiger, also zugleich “heiterer” und
“wissenschaftlicher” wurden? Wie? könnte vielleicht, allen “modernen Ideen” und
Vorurtheilen des demokratischen Geschmacks zum Trotz, der Sieg des Optimismus,
die vorherrschend gewordene Vernünftigkeit, der praktische und theoretische
Utilitarismus, gleich der Demokratie selbst, mit der er gleichzeitig ist, - ein
Symptom der absinkenden Kraft, des nahenden Alters, der physiologischen
Ermüdung sein? Und gerade nicht - der Pessimismus? War Epikur ein Optimist -
gerade als Leidender? - - Man sieht, es ist ein ganzes Bündel schwerer Fragen,
mit dem sich dieses Buch belastet hat, - fügen wir seine schwerste Frage noch
hinzu! Was bedeutet, unter der Optik des Lebens gesehn, - die Moral? . . .
5
Bereits im Vorwort
an Richard Wagner wird die Kunst - und nicht die Moral - als die eigentlich
metaphysische Thätigkeit des Menschen hingestellt; im Buche selbst kehrt der
anzügliche Satz mehrfach wieder, dass nur als ästhetisches Phänomen das Dasein
der Welt gerechtfertigt ist. In der That, das ganze Buch kennt nur einen
Künstler-Sinn und - Hintersinn hinter allem Geschehen, - einen “Gott”, wenn man
will, aber gewiss nur einen gänzlich unbedenklichen und unmoralischen
Künstler-Gott, der im Bauen wie im Zerstören, im Guten wie im Schlimmen, seiner
gleichen Lust und Selbstherrlichkeit inne werden will, der sich, Welten
schaffend, von der Noth der Fülle und Ueberfülle, vom Leiden der in ihm
gedrängten Gegensätze löst. Die Welt, in jedem Augenblicke die erreichte Erlösung
Gottes, als die ewig wechselnde, ewig neue Vision des Leidendsten,
Gegensätzlichsten, Widerspruchreichsten, der nur im Scheine sich zu erlösen
weiss: diese ganze Artisten-Metaphysik mag man willkürlich, müssig,
phantastisch nennen -, das Wesentliche daran ist, dass sie bereits einen Geist
verräth, der sich einmal auf jede Gefahr hin gegen die moralische Ausdeutung
und Bedeutsamkeit des Daseins zur Wehre setzen wird. Hier kündigt sich,
vielleicht zum ersten Male, ein Pessimismus “jenseits von Gut und Böse” an,
hier kommt jene “Perversität der Gesinnung” zu Wort und Formel, gegen welche
Schopenhauer nicht müde geworden ist, im Voraus seine zornigsten Flüche und
Donnerkeile zu schleudern, - eine Philosophie, welche es wagt, die Moral selbst
in die Welt der Erscheinung zu setzen, herabzusetzen und nicht nur unter die
“Erscheinungen” (im Sinne des idealistischen terminus technicus), sondern unter
die “Täuschungen”, als Schein, Wahn, Irrthum, Ausdeutung, Zurechtmachung,
Kunst. Vielleicht lässt sich die Tiefe dieses widermoralischen Hanges am besten
aus dem behutsamen und feindseligen Schweigen ermessen, mit dem in dem ganzen
Buche das Christenthum behandelt ist, - das Christenthum als die
ausschweifendste Durchfigurirung des moralischen Thema’s, welche die Menschheit
bisher anzuhören bekommen hat. In Wahrheit, es giebt zu der rein ästhetischen
Weltauslegung und Welt-Rechtfertigung, wie sie in diesem Buche gelehrt wird,
keinen grösseren Gegensatz als die christliche Lehre, welche nur moralisch ist
und sein will und mit ihren absoluten Maassen, zum Beispiel schon mit ihrer
Wahrhaftigkeit Gottes, die Kunst, jede Kunst in’s Reich der Lüge verweist, -
das heisst verneint, verdammt, verurtheilt. Hinter einer derartigen Denk- und
Werthungsweise, welche kunstfeindlich sein muss, so lange sie irgendwie ächt
ist, empfand ich von jeher auch das Lebensfeindliche, den ingrimmigen
rachsüchtigen Widerwillen gegen das Leben selbst: denn alles Leben ruht auf
Schein, Kunst, Täuschung, Optik, Nothwendigkeit des Perspektivischen und des
Irrthums. Christenthum war von Anfang an, wesentlich und gründlich, Ekel und
Ueberdruss des Lebens am Leben, welcher sich unter dem Glauben an ein “anderes”
oder “besseres” Leben nur verkleidete, nur versteckte, nur aufputzte. Der Hass
auf die “Welt”, der Fluch auf die Affekte, die Furcht vor der Schönheit und
Sinnlichkeit, ein Jenseits, erfunden, um das Diesseits besser zu verleumden, im
Grunde ein Verlangen in’s Nichts, an’s Ende, in’s Ausruhen, hin zum “Sabbat der
Sabbate” - dies Alles dünkte mich, ebenso wie der unbedingte Wille des
Christenthums, nur moralische Werthe gelten zu lassen, immer wie die
gefährlichste und unheimlichste Form aller möglichen Formen eines “Willens zum
Untergang”, zum Mindesten ein Zeichen tiefster Erkrankung, Müdigkeit, Missmuthigkeit,
Erschöpfung, Verarmung an Leben, - denn vor der Moral (in Sonderheit
christlichen, das heisst unbedingten Moral) muss das Leben beständig und
unvermeidlich Unrecht bekommen, weil Leben etwas essentiell Unmoralisches ist,
- muss endlich das Leben, erdrückt unter dem Gewichte der Verachtung und des
ewigen Nein’s, als begehrens-unwürdig, als unwerth an sich empfunden werden.
Moral selbst - wie? sollte Moral nicht ein “Wille zur Verneinung des Lebens”,
ein heimlicher Instinkt der Vernichtung, ein Verfalls-, Verkleinerungs-,
Verleumdungsprincip, ein Anfang vom Ende sein? Und, folglich, die Gefahr der
Gefahren?... Gegen die Moral also kehrte sich damals, mit diesem fragwürdigen
Buche, mein Instinkt, als ein fürsprechender Instinkt des Lebens, und erfand sich
eine grundsätzliche Gegenlehre und Gegenwerthung des Lebens, eine rein
artistische, eine antichristliche. Wie sie nennen ? Als Philologe und Mensch
der Worte taufte ich sie, nicht ohne einige Freiheit - denn wer wüsste den
rechten Namen des Antichrist? - auf den Namen eines griechischen Gottes: ich
hiess sie die dionysische. -
6
Man versteht, an
welche Aufgabe ich bereits mit diesem Buche zu rühren wagte?... Wie sehr
bedauere ich es jetzt, dass ich damals noch nicht den Muth (oder die
Unbescheidenheit?) hatte, um mir in jedem Betrachte für so eigne Anschauungen
und Wagnisse auch eine eigne Sprache zu erlauben, - dass ich mühselig mit
Schopenhauerischen und Kantischen Formeln fremde und neue Werthschätzungen
auszudrücken suchte, welche dem Geiste Kantens und Schopenhauers, ebenso wie
ihrem Geschmacke, von Grund aus entgegen giengen! Wie dachte doch Schopenhauer
über die Tragödie? “Was allem Tragischen den eigenthümlichen Schwung zur
Erhebung giebt - sagt er, Welt als Wille und Vorstellung II, 495 - ist das
Aufgehen der Erkenntniss, dass die Welt, das Leben kein rechtes Genügen geben
könne, mithin unsrer Anhänglichkeit nicht werth sei: darin besteht der
tragische Geist - , er leitet demnach zur Resignation hin”. Oh wie anders
redete Dionysos zu mir! Oh wie ferne war mir damals gerade dieser ganze
Resignationismus! - Aber es giebt etwas viel Schlimmeres an dem Buche, das ich
jetzt noch mehr bedauere, als mit Schopenhauerischen Formeln dionysische
Ahnungen verdunkelt und verdorben zu haben: dass ich mir nämlich überhaupt das
grandiose griechische Problem, wie mir es aufgegangen war, durch Einmischung
der modernsten Dinge verdarb! Dass ich Hoffnungen anknüpfte, wo Nichts zu
hoffen war, wo Alles allzudeutlich auf ein Ende hinwies! Dass ich, auf Grund
der deutschen letzten Musik, vom “deutschen Wesen” zu fabeln begann, wie als ob
es eben im Begriff sei, sich selbst zu entdecken und wiederzufinden - und das
zu einer Zeit, wo der deutsche Geist, der nicht vor Langem noch den Willen zur
Herrschaft über Europa, die Kraft zur Führung Europa’s gehabt hatte, eben
letztwillig und endgültig abdankte und, unter dem pomphaften Vorwande einer
Reichs- Begründung, seinen Uebergang zur Vermittelmässigung, zur Demokratie und
den “modernen Ideen” machte! In der That, inzwischen lernte ich hoffnungslos
und schonungslos genug von diesem “deutschen Wesen” denken, insgleichen von der
jetzigen deutschen Musik, als welche Romantik durch und durch ist und die
ungriechischeste aller möglichen Kunstformen: überdies aber eine
Nervenverderberin ersten Ranges, doppelt gefährlich, bei einem Volke, das den
Trunk liebt und die Unklarheit als Tugend ehrt, nämlich in ihrer doppelten
Eigenschaft als berauschendes und zugleich benebelndes Narkotikum. - Abseits
freilich von allen übereilten Hoffnungen und fehlerhaften Nutzanwendungen auf
Gegenwärtigstes, mit denen ich mir damals mein erstes Buch verdarb, bleibt das
grosse dionysische Fragezeichen, wie es darin gesetzt ist, auch in Betreff der
Musik, fort und fort bestehen: wie müsste eine Musik beschaffen sein, welche
nicht mehr romantischen Ursprungs wäre, gleich der deutschen, - sondern
dionysischen? . . .
7
- Aber, mein Herr,
was in aller Welt ist Romantik, wenn nicht Ihr Buch Romantik ist? Lässt sich
der tiefe Hass gegen “Jetztzeit”, “Wirklichkeit” und “moderne Ideen” weiter
treiben, als es in Ihrer Artisten-Metaphysik geschehen ist? - welche lieber
noch an das Nichts, lieber noch an den Teufel, als an das “Jetzt” glaubt?
Brummt nicht ein Grundbass von Zorn und Vernichtungslust unter aller Ihrer
contrapunktischen Stimmen-Kunst und Ohren-Verführerei hinweg, eine wüthende
Entschlossenheit gegen Alles, was “jetzt” ist, ein Wille, welcher nicht gar zu
ferne vom praktischen Nihilismus ist und zu sagen scheint “lieber mag Nichts
wahr sein, als dass ihr Recht hättet, als dass eure Wahrheit Recht behielte!”
Hören Sie selbst, mein Herr Pessimist und Kunstvergöttlicher, mit
aufgeschlossnerem Ohre eine einzige ausgewählte Stelle Ihres Buches an, jene
nicht unberedte Drachentödter-Stelle, welche für junge Ohren und Herzen
verfänglich rattenfängerisch klingen mag: wie? ist das nicht das ächte rechte
Romantiker-Bekenntniss von I83o, unter der Maske des Pessimismus von l850
hinter dem auch schon das übliche Romantiker-Finale präludirt, - Bruch,
Zusammenbruch, Rückkehr und Niedersturz vor einem alten Glauben, vor dem alten
Gotte . . . Wie? ist Ihr Pessimisten-Buch nicht selbst ein Stück
Antigriechenthum und Romantik, selbst etwas “ebenso Berauschendes als
Benebelndes”, ein Narkotikum jedenfalls, ein Stück Musik sogar, deutscher
Musik? Aber man höre: “Denken wir uns eine heranwachsende Generation mit dieser
Unerschrockenheit des Blicks, mit diesem heroischen Zug in’s Ungeheure, denken
wir uns den kühnen Schritt dieser Drachentödter, die stolze Verwegenheit, mit
der sie allen den Schwächlichkeitsdoktrinen des “Optimismus den Rücken kehren,
um im Ganzen und Vollen, resolut zu leben: sollte es nicht nöthig sein, dass
der tragische Mensch dieser Cultur, bei seiner Selbsterziehung zum Ernst und
zum Schrecken, eine neue Kunst, die Kunst des metaphysischen Trostes, die
Tragödie als die ihm zugehörige Helena begehren und mit Faust ausrufen muss:
Und sollt’ ich nicht,
sehnsüchtigster Gewalt,
In’s
Leben zieh’n die einzigste Gestalt?”
“Sollte es nicht
nöthig sein?” . . . Nein, drei Mal nein! ihr jungen Romantiker: es sollte nicht
nöthig sein! Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass es so endet, dass ihr so
endet, nämlich “getröstet”, wie geschrieben steht, trotz aller Selbsterziehung
zum Ernst und zum Schrecken, “metaphysisch getröstet”, kurz, wie Romantiker
enden, christlich Nein! Ihr solltet vorerst die Kunst des diesseitigen Trostes
lernen, - ihr solltet lachen lernen, meine jungen Freunde, wenn anders ihr
durchaus Pessimisten bleiben wollt; vielleicht dass ihr darauf hin, als
Lachende, irgendwann einmal alle metaphysische Trösterei zum Teufel schickt -
und die Metaphysik voran! Oder, um es in der Sprache jenes dionysischen Unholds
zu sagen, der Zarathustra heisst:
“Erhebt eure
Herzen, meine Brüder, hoch, höher! Und vergesst mir auch die Beine nicht!
Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser noch: ihr steht auch auf
dem Kopf!”
“Diese Krone des
Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte mir diese Krone auf, ich
selber sprach heilig mein Gelächter. Keinen Anderen fand ich heute stark genug
dazu.”
“Zarathustra der
Tänzer, Zarathustra der Leichte, der mit den Flügeln winkt, ein Flugbereiter,
allen Vögeln zuwinkend, bereit und fertig, ein Selig-Leichtfertiger:” -
“Zarathustra der
Wahrsager, Zarathustra der Wahrlacher, kein Ungeduldiger, kein Unbedingter,
Einer, der Sprünge und Seitensprünge liebt: ich selber setzte mir diese Krone
auf!”
“Diese Krone des
Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: euch, meinen Brüdern, werfe ich diese Krone
zu! Das Lachen sprach ich heilig: ihr höheren Menschen, lernt mir - lachen!”
Vorwort an Richard
Wagner
Um mir alle die
möglichen Bedenklichkeiten, Aufregungen und Missverständnisse ferne zu halten,
zu denen die in dieser Schrift vereinigten Gedanken bei dem eigenthümlichen
Character unserer aesthetischen Oeffentlichkeit Anlass geben werden, und um
auch die Einleitungsworte zu derselben mit der gleichen beschaulichen Wonne
schreiben zu können, deren Zeichen sie selbst, als das Petrefact guter und
erhebender Stunden, auf jedem Blatte trägt, vergegenwärtige ich mir den
Augenblick, in dem Sie, mein hochverehrter Freund, diese Schrift empfangen
werden: wie Sie, vielleicht nach einer abendlichen Wanderung im Winterschnee,
den entfesselten Prometheus auf dem Titelblatte betrachten, meinen Namen lesen
und sofort überzeugt sind, dass, mag in dieser Schrift stehen, was da wolle,
der Verfasser etwas Ernstes und Eindringliches zu sagen hat, ebenfalls dass er,
bei allem, was er sich erdachte, mit Ihnen wie mit einem Gegenwärtigen
verkehrte und nur etwas dieser Gegenwart Entsprechendes niederschreiben durfte.
Sie werden dabei sich erinnern, dass ich zu gleicher Zeit, als Ihre herrliche
Festschrift über Beethoven entstand, das heisst in den Schrecken und
Erhabenheiten des eben ausgebrochnen Krieges mich zu diesen Gedanken sammelte.
Doch würden diejenigen irren, welche etwa bei dieser Sammlung an den Gegensatz
von patriotischer Erregung und aesthetischer Schwelgerei, von tapferem Ernst
und heiterem Spiel denken sollten: denen möchte vielmehr, bei einem wirklichen
Lesen dieser Schrift, zu ihrem Erstaunen deutlich werden, mit welchem ernsthaft
deutschen Problem wir zu thun haben, das von uns recht eigentlich in die Mitte
deutscher Hoffnungen, als Wirbel und Wendepunkt hingestellt wird. Vielleicht
aber wird es für eben dieselben überhaupt anstössig sein, ein aesthetisches
Problem so ernst genommen zu sehn, falls sie nämlich in der Kunst nicht mehr
als ein lustiges Nebenbei, als ein auch wohl zu missendes Schellengeklingel zum
“Ernst des Daseins” zu erkennen im Stande sind: als ob Niemand wüsste, was es
bei dieser Gegenüberstellung mit einem solchen “Ernste des Daseins” auf sich
habe. Diesen Ernsthaften diene zur Belehrung, dass ich von der Kunst als der
höchsten Aufgabe und der eigentlich metaphysischen Thätigkeit dieses Lebens im
Sinne des Mannes überzeugt bin, dem ich hier, als meinem erhabenen Vorkämpfer
auf dieser Bahn, diese Schrift gewidmet haben will.
Basel, Ende des
Jahres l87l
1
Wir werden viel für
die aesthetische Wissenschaft gewonnen haben, wenn wir nicht nur zur logischen
Einsicht, sondern zur unmittelbaren Sicherheit der Anschauung gekommen sind,
dass die Fortentwickelung der Kunst an die Duplicität des Apollinischen und des
Dionysischen gebunden ist: in ähnlicher Weise, wie die Generation von der
Zweiheit der Geschlechter, bei fortwährendem Kampfe und nur periodisch
eintretender Versöhnung, abhängt. Diese Namen entlehnen wir von den Griechen,
welche die tiefsinnigen Geheimlehren ihrer Kunstanschauung zwar nicht in
Begriffen, aber in den eindringlich deutlichen Gestalten ihrer Götterwelt dem
Einsichtigen vernehmbar machen. An ihre beiden Kunstgottheiten, Apollo und
Dionysus, knüpft sich unsere Erkenntniss, dass in der griechischen Welt ein
ungeheurer Gegensatz, nach Ursprung und Zielen, zwischen der Kunst des
Bildners, der apollinischen, und der unbildlichen Kunst der Musik, als der des
Dionysus, besteht: beide so verschiedne Triebe gehen neben einander her,
zumeist im offnen Zwiespalt mit einander und sich gegenseitig zu immer neuen
kräftigeren Geburten reizend, um in ihnen den Kampf jenes Gegensatzes zu
perpetuiren, den das gemeinsame Wort “Kunst” nur scheinbar überbrückt; bis sie
endlich, durch einen metaphysischen Wunderakt des hellenischen “Willens”, mit
einander gepaart erscheinen und in dieser Paarung zuletzt das ebenso
dionysische als apollinische Kunstwerk der attischen Tragödie erzeugen.
Um uns jene beiden
Triebe näher zu bringen, denken wir sie uns zunächst als die getrennten Kunstwelten
des Traumes und des Rausches; zwischen welchen physiologischen Erscheinungen
ein entsprechender Gegensatz, wie zwischen dem Apollinischen und dem
Dionysischen zu bemerken ist. Im Traume traten zuerst, nach der Vorstellung des
Lucretius, die herrlichen Göttergestalten vor die Seelen der Menschen, im
Traume sah der grosse Bildner den entzückenden Gliederbau übermenschlicher
Wesen, und der hellenische Dichter, um die Geheimnisse der poetischen Zeugung
befragt, würde ebenfalls an den Traum erinnert und eine ähnliche Belehrung
gegeben haben, wie sie Hans Sachs in den Meistersingern giebt:
Mein Freund, das grad’ ist Dichters
Werk,
dass
er sein Träumen deut’ und merk’.
Glaubt mir, des Menschen wahrster Wahn
wird
ihm im Traume aufgethan:
all’
Dichtkunst und Poëterei
ist
nichts als Wahrtraum-Deuterei.
Der schöne Schein
der Traumwelten, in deren Erzeugung jeder Mensch voller Künstler ist, ist die
Voraussetzung aller bildenden Kunst, ja auch, wie wir sehen werden, einer
wichtigen Hälfte der Poesie. Wir geniessen im unmittelbaren Verständnisse der
Gestalt, alle Formen sprechen zu uns, es giebt nichts Gleichgültiges und
Unnöthiges. Bei dem höchsten Leben dieser Traumwirklichkeit haben wir doch noch
die durchschimmernde Empfindung ihres Scheins: wenigstens ist dies meine
Erfahrung, für deren Häufigkeit, ja Normalität, ich manches Zeugniss und die
Aussprüche der Dichter beizubringen hätte. Der philosophische Mensch hat sogar
das Vorgefühl, dass auch unter dieser Wirklichkeit, in der wir leben und sind,
eine zweite ganz andre verborgen liege, dass also auch sie ein Schein sei; und
Schopenhauer bezeichnet geradezu die Gabe, dass Einem zu Zeiten die Menschen
und alle Dinge als blosse Phantome oder Traumbilder vorkommen, als das
Kennzeichen philosophischer Befähigung. Wie nun der Philosoph zur Wirklichkeit
des Daseins, so verhält sich der künstlerisch erregbare Mensch zur Wirklichkeit
des Traumes; er sieht genau und gern zu: denn aus diesen Bildern deutet er sich
das Leben, an diesen Vorgängen übt er sich für das Leben. Nicht etwa nur die
angenehmen und freundlichen Bilder sind es, die er mit jener Allverständigkeit
an sich erfährt: auch das Ernste, Trübe, Traurige, Finstere, die plötzlichen
Hemmungen, die Neckereien des Zufalls, die bänglichen Erwartungen, kurz die
ganze “göttliche Komödie” des Lebens, mit dem Inferno, zieht an ihm vorbei,
nicht nur wie ein Schattenspiel - denn er lebt und leidet mit in diesen Scenen
- und doch auch nicht ohne jene flüchtige Empfindung des Scheins; und
vielleicht erinnert sich Mancher, gleich mir, in den Gefährlichkeiten und
Schrecken des Traumes sich mitunter ermuthigend und mit Erfolg zugerufen zu
haben: “Es ist ein Traum! Ich will ihn weiter träumen!” Wie man mir auch von Personen
erzählt hat, die die Causalität eines und desselben Traumes über drei und mehr
aufeinanderfolgende Nächte hin fortzusetzen im Stande waren: Thatsachen, welche
deutlich Zeugniss dafür abgeben, dass unser innerstes Wesen, der gemeinsame
Untergrund von uns allen, mit tiefer Lust und freudiger Nothwendigkeit den
Traum an sich erfährt.
Diese freudige
Nothwendigkeit der Traumerfahrung ist gleichfalls von den Griechen in ihrem
Apollo ausgedrückt worden: Apollo, als der Gott aller bildnerischen Kräfte, ist
zugleich der wahrsagende Gott. Er, der seiner Wurzel nach der “Scheinende”, die
Lichtgottheit ist, beherrscht auch den schönen Schein der inneren
Phantasie-Welt. Die höhere Wahrheit, die Vollkommenheit dieser Zustände im
Gegensatz zu der lückenhaft verständlichen Tageswirklichkeit, sodann das tiefe
Bewusstsein von der in Schlaf und Traum heilenden und helfenden Natur ist
zugleich das symbolische Analogon der wahrsagenden Fähigkeit und überhaupt der
Künste, durch die das Leben möglich und lebenswerth gemacht wird. Aber auch
jene zarte Linie, die das Traumbild nicht überschreiten darf, um nicht
pathologisch zu wirken, widrigenfalls der Schein als plumpe Wirklichkeit uns
betrügen würde - darf nicht im Bilde des Apollo fehlen: jene maassvolle
Begrenzung, jene Freiheit von den wilderen Regungen, jene weisheitsvolle Ruhe
des Bildnergottes. Sein Auge muss “sonnenhaft”, gemäss seinem Ursprunge, sein;
auch wenn es zürnt und unmuthig blickt, liegt die Weihe des schönen Scheines
auf ihm. Und so möchte von Apollo in einem excentrischen Sinne das gelten, was
Schopenhauer von dem im Schleier der Maja befangenen Menschen sagt. Welt als
Wille und Vorstellung I, S. 416 “Wie auf dem tobenden Meere, das, nach allen
Seiten unbegränzt, heulend Wellenberge erhebt und senkt, auf einem Kahn ein
Schiffer sitzt, dem schwachen Fahrzeug vertrauend; so sitzt, mitten in einer
Welt von Qualen, ruhig der einzelne Mensch, gestützt und vertrauend auf das
principium individuationis”. Ja es wäre von Apollo zu sagen, dass in ihm das
unerschütterte Vertrauen auf jenes principium und das ruhige Dasitzen des in
ihm Befangenen seinen erhabensten Ausdruck bekommen habe, und man möchte selbst
Apollo als das herrliche Götterbild des principii individuationis bezeichnen,
aus dessen Gebärden und Blicken die ganze Lust und Weisheit des “Scheines”,
sammt seiner Schönheit, zu uns spräche.
An derselben Stelle
hat uns Schopenhauer das ungeheure Grausen geschildert, welches den Menschen
ergreift, wenn er plötzlich an den Erkenntnissformen der Erscheinung irre wird,
indem der Satz vom Grunde, in irgend einer seiner Gestaltungen, eine Ausnahme
zu erleiden scheint. Wenn wir zu diesem Grausen die wonnevolle Verzückung
hinzunehmen, die bei demselben Zerbrechen des principii individuationis aus dem
innersten Grunde des Menschen, ja der Natur emporsteigt, so thun wir einen
Blick in das Wesen des Dionysischen, das uns am nächsten noch durch die
Analogie des Rausches gebracht wird. Entweder durch den Einfluss des
narkotischen Getränkes, von dem alle ursprünglichen Menschen und Völker in
Hymnen sprechen, oder bei dem gewaltigen, die ganze Natur lustvoll
durchdringenden Nahen des Frühlings erwachen jene dionysischen Regungen, in
deren Steigerung das Subjective zu völliger Selbstvergessenheit hinschwindet.
Auch im deutschen Mittelalter wälzten sich unter der gleichen dionysischen
Gewalt immer wachsende Schaaren, singend und tanzend, von Ort zu Ort: in diesen
Sanct-Johann- und Sanct-Veittänzern erkennen wir die bacchischen Chöre der
Griechen wieder, mit ihrer Vorgeschichte in Kleinasien, bis hin zu Babylon und
den orgiastischen Sakäen. Es giebt Menschen, die, aus Mangel an Erfahrung oder
aus Stumpfsinn, sich von solchen Erscheinungen wie von “Volkskrankheiten”,
spöttisch oder bedauernd im Gefühl der eigenen Gesundheit abwenden: die Armen
ahnen freilich nicht, wie leichenfarbig und gespenstisch eben diese ihre
“Gesundheit” sich ausnimmt, wenn an ihnen das glühende Leben dionysischer
Schwärmer vorüberbraust.
Unter dem Zauber
des Dionysischen schließt sich nicht nur der Bund zwischen Mensch und Mensch
wieder zusammen: auch die entfremdete, feindliche oder unterjochte Natur feiert
wieder ihr Versöhnungsfest mit ihrem verlorenen Sohne, dem Menschen. Freiwillig
beut die Erde ihre Gaben, und friedfertig nahen die Raubthiere der Felsen und
der Wüste. Mit Blumen und Kränzen ist der Wagen des Dionysus überschüttet:
unter seinem Joche schreiten Panther und Tiger. Man verwandele das
Beethoven’sche Jubellied der “Freude” in ein Gemälde und bleibe mit seiner
Einbildungskraft nicht zurück, wenn die Millionen schauervoll in den Staub
sinken: so kann man sich dem Dionysischen nähern. Jetzt ist der Sclave freier
Mann, jetzt zerbrechen alle die starren, feindseligen Abgrenzungen, die Noth,
Willkür oder “freche Mode” zwischen den Menschen festgesetzt haben. Jetzt, bei
dem Evangelium der Weltenharmonie, fühlt sich Jeder mit seinem Nächsten nicht
nur vereinigt, versöhnt, verschmolzen, sondern eins, als ob der Schleier der
Maja zerrissen wäre und nur noch in Fetzen vor dem geheimnissvollen Ur-Einen
herumflattere. Singend und tanzend äussert sich der Mensch als Mitglied einer
höheren Gemeinsamkeit: er hat das Gehen und das Sprechen verlernt und ist auf
dem Wege, tanzend in die Lüfte emporzufliegen. Aus seinen Gebärden spricht die
Verzauberung. Wie jetzt die Thiere reden, und die Erde Milch und Honig giebt,
so tönt auch aus ihm etwas Uebernatürliches: als Gott fühlt er sich, er selbst
wandelt jetzt so verzückt und erhoben, wie er die Götter im Traume wandeln sah.
Der Mensch ist nicht mehr Künstler, er ist Kunstwerk geworden: die Kunstgewalt
der ganzen Natur, zur höchsten Wonnebefriedigung des Ur-Einen, offenbart sich
hier unter den Schauern des Rausches. Der edelste Thon, der kostbarste Marmor
wird hier geknetet und behauen, der Mensch, und zu den Meisselschlägen des
dionysischen Weltenkünstlers tönt der eleusinische Mysterienruf: “Ihr stürzt
nieder, Millionen? Ahnest du den Schöpfer, Welt?” -
2
Wir haben bis jetzt
das Apollinische und seinen Gegensatz, das Dionysische, als künstlerische
Mächte betrachtet, die aus der Natur selbst, ohne Vermittelung des menschlichen
Künstlers, hervorbrechen, und in denen sich ihre Kunsttriebe zunächst und auf
directem Wege befriedigen: einmal als die Bilderwelt des Traumes, deren
Vollkommenheit ohne jeden Zusammenhang mit der intellectuellen Höhe oder
künstlerischen Bildung des Einzelnen ist, andererseits als rauschvolle
Wirklichkeit, die wiederum des Einzelnen nicht achtet, sondern sogar das
Individuum zu vernichten und durch eine mystische Einheitsempfindung zu erlösen
sucht. Diesen unmittelbaren Kunstzuständen der Natur gegenüber ist jeder
Künstler “Nachahmer”, und zwar entweder apollinischer Traumkünstler oder
dionysischer Rauschkünstler oder endlich - wie beispielsweise in der
griechischen Tragödie - zugleich Rausch- und Traumkünstler: als welchen wir uns
etwa zu denken haben, wie er, in der dionysischen Trunkenheit und mystischen
Selbstentäusserung, einsam und abseits von den schwärmenden Chören niedersinkt
und wie sich ihm nun, durch apollinische Traumeinwirkung, sein eigener Zustand
d. h. seine Einheit mit dem innersten Grunde der Welt in einem
gleichnissartigen Traumbilde offenbart.
Nach diesen
allgemeinen Voraussetzungen und Gegenüberstellungen nahen wir uns jetzt den
Griechen, um zu erkennen, in welchem Grade und bis zu welcher Höhe jene
Kunsttriebe der Natur in ihnen entwickelt gewesen sind: wodurch wir in den
Stand gesetzt werden, das Verhältniss des griechischen Künstlers zu seinen
Urbildern, oder, nach dem aristotelischen Ausdrucke, “die Nachahmung der Natur”
tiefer zu verstehn und zu würdigen. Von den Träumen der Griechen ist trotz
aller Traumlitteratur derselben und zahlreichen Traumanecdoten nur
vermuthungsweise, aber doch mit ziemlicher Sicherheit zu sprechen: bei der
unglaublich bestimmten und sicheren plastischen Befähigung ihres Auges, sammt
ihrer hellen und aufrichtigen Farbenlust, wird man sich nicht entbrechen
können, zur Beschämung aller Spätergeborenen, auch für ihre Träume eine
logische Causalität der Linien und Umrisse, Farben und Gruppen, eine ihren
besten Reliefs ähnelnde Folge der Scenen vorauszusetzen, deren Vollkommenheit
uns, wenn eine Vergleichung möglich wäre, gewiss berechtigen würde, die
träumenden Griechen als Homere und Homer als einen träumenden Griechen zu
bezeichnen: in einem tieferen Sinne als wenn der moderne Mensch sich
hinsichtlich seines Traumes mit Shakespeare zu vergleichen wagt.
Dagegen brauchen
wir nicht nur vermuthungsweise zu sprechen, wenn die ungeheure Kluft aufgedeckt
werden soll, welche die dionysischen Griechen von den dionysischen Barbaren
trennt. Aus allen Enden der alten Welt - um die neuere hier bei Seite zu lassen
- von Rom bis Babylon können wir die Existenz dionysischer Feste nachweisen,
deren Typus sich, besten Falls, zu dem Typus der griechischen verhält, wie der
bärtige Satyr, dem der Bock Namen und Attribute verlieh, zu Dionysus selbst.
Fast überall lag das Centrum dieser Feste in einer überschwänglichen
geschlechtlichen Zuchtlosigkeit, deren Wellen über jedes Familienthum und
dessen ehrwürdige Satzungen hinweg flutheten; gerade die wildesten Bestien der
Natur wurden hier entfesselt, bis zu jener abscheulichen Mischung von Wollust
und Grausamkeit, die mir immer als der eigentliche “Hexentrank” erschienen ist.
Gegen die fieberhaften Regungen jener Feste, deren Kenntniss auf allen Land-
und Seewegen zu den Griechen drang, waren sie, scheint es, eine Zeit lang
völlig gesichert und geschützt durch die hier in seinem ganzen Stolz sich
aufrichtende Gestalt des Apollo, der das Medusenhaupt keiner gefährlicheren
Macht entgegenhalten konnte als dieser fratzenhaft ungeschlachten dionysischen.
Es ist die dorische Kunst, in der sich jene majestätisch-ablehnende Haltung des
Apollo verewigt hat. Bedenklicher und sogar unmöglich wurde dieser Widerstand,
als endlich aus der tiefsten Wurzel des Hellenischen heraus sich ähnliche
Triebe Bahnbrachen: jetzt beschränkte sich das Wirken des delphischen Gottes
darauf, dem gewaltigen Gegner durch eine zur rechten Zeit abgeschlossene
Versöhnung die vernichtenden Waffen aus der Hand zu nehmen. Diese Versöhnung
ist der wichtigste Moment in der Geschichte des griechischen Cultus: wohin man
blickt, sind die Umwälzungen dieses Ereignisses sichtbar. Es war die Versöhnung
zweier Gegner, mit scharfer Bestimmung ihrer von jetzt ab einzuhaltenden
Grenzlinien und mit periodischer Uebersendung von Ehrengeschenken; im Grunde
war die Kluft nicht überbrückt. Sehen wir aber, wie sich unter dem Drucke jenes
Friedensschlusses die dionysische Macht offenbarte, so erkennen wir jetzt, im
Vergleiche mit jenen babylonischen Sakäen und ihrem Rückschritte des Menschen
zum Tiger und Affen, in den dionysischen Orgien der Griechen die Bedeutung von
Welterlösungsfesten und Verklärungstagen.
Erst bei ihnen
erreicht die Natur ihren künstlerischen Jubel, erst bei ihnen wird die
Zerreissung des principii individuationis ein künstlerisches Phänomen. Jener
scheussliche Hexentrank aus Wollust und Grausamkeit war hier ohne Kraft: nur
die wundersame Mischung und Doppelheit in den Affecten der dionysischen
Schwärmer erinnert an ihn - wie Heilmittel an tödtliche Gifte erinnern -, jene
Erscheinung, dass Schmerzen Lust erwecken, dass der Jubel der Brust qualvolle
Töne entreisst. Aus der höchsten Freude tönt der Schrei des Entsetzens oder der
sehnende Klagelaut über einen unersetzlichen Verlust. In jenen griechischen
Festen bricht gleichsam ein sentimentalischer Zug der Natur hervor, als ob sie
über ihre Zerstückelung in Individuen zu seufzen habe. Der Gesang und die
Gebärdensprache solcher zwiefach gestimmter Schwärmer war für die homerisch-
griechische Welt etwas Neues und Unerhörtes: und insbesondere erregte ihr die
dionysische Musik Schrecken und Grausen. Wenn die Musik scheinbar bereits als
eine apollinische Kunst bekannt war, so war sie dies doch nur, genau genommen,
als Wellenschlag des Rhythmus, dessen bildnerische Kraft zur Darstellung
apollinischer Zustände entwickelt wurde. Die Musik des Apollo war dorische
Architektonik in Tönen, aber in nur angedeuteten Tönen, wie sie der Kithara zu
eigen sind. Behutsam ist gerade das Element, als unapollinisch, ferngehalten,
das den Charakter der dionysischen Musik und damit der Musik überhaupt
ausmacht, die erschütternde Gewalt des Tones, der einheitliche Strom des Melos
und die durchaus unvergleichliche Welt der Harmonie. Im dionysischen
Dithyrambus wird der Mensch zur höchsten Steigerung aller seiner symbolischen
Fähigkeiten gereizt; etwas Nieempfundenes drängt sich zur Aeusserung, die
Vernichtung des Schleiers der Maja, das Einssein als Genius der Gattung, ja der
Natur. Jetzt soll sich das Wesen der Natur symbolisch ausdrücken; eine neue
Welt der Symbole ist nöthig, einmal die ganze leibliche Symbolik, nicht nur die
Symbolik des Mundes, des Gesichts, des Wortes, sondern die volle, alle Glieder
rhythmisch bewegende Tanzgebärde. Sodann wachsen die anderen symbolischen
Kräfte, die der Musik, in Rhythmik, Dynamik und Harmonie, plötzlich ungestüm.
Um diese Gesammtentfesselung aller symbolischen Kräfte zu fassen, muss der
Mensch bereits auf jener Höhe der Selbstentäusserung angelangt sein, die in
jenen Kräften sich symbolisch aussprechen will: der dithyrambische
Dionysusdiener wird somit nur von Seinesgleichen verstanden! Mit welchem
Erstaunen musste der apollinische Grieche auf ihn blicken! Mit einem Erstaunen,
das um so grösser war, als sich ihm das Grausen beimischte, dass ihm jenes
Alles doch eigentlich so fremd nicht sei, ja dass sein apollinisches
Bewusstsein nur wie ein Schleier diese dionysische Welt vor ihm verdecke.
3
Um dies zu
begreifen, müssen wir jenes kunstvolle Gebäude der apollinischen Cultur gleichsam
Stein um Stein abtragen, bis wir die Fundamente erblicken, auf die es begründet
ist. Hier gewahren wir nun zuerst die herrlichen olympischen Göttergestalten,
die auf den Giebeln dieses Gebäudes stehen, und deren Thaten in weithin
leuchtenden Reliefs dargestellt seine Friese zieren. Wenn unter ihnen auch
Apollo steht, als eine einzelne Gottheit neben anderen und ohne den Anspruch
einer ersten Stellung, so dürfen wir uns dadurch nicht beirren lassen. Derselbe
Trieb, der sich in Apollo versinnlichte, hat überhaupt jene ganze olympische
Welt geboren, und in diesem Sinne darf uns Apollo als Vater derselben gelten.
Welches war das ungeheure Bedürfniss, aus dem eine so leuchtende Gesellschaft
olympischer Wesen entsprang?
Wer, mit einer
anderen Religion im Herzen, an diese Olympier herantritt und nun nach
sittlicher Höhe, ja Heiligkeit, nach unleiblicher Vergeistigung, nach
erbarmungsvollen Liebesblicken bei ihnen sucht, der wird unmuthig und
enttäuscht ihnen bald den Rücken kehren müssen. Hier erinnert nichts an Askese,
Geistigkeit und Pflicht: hier redet nur ein üppiges, ja triumphirendes Dasein
zu uns, in dem alles Vorhandene vergöttlicht ist, gleichviel ob es gut oder
böse ist. Und so mag der Beschauer recht betroffen vor diesem phantastischen
Ueberschwang des Lebens stehn, um sich zu fragen, mit welchem Zaubertrank im
Leibe diese übermüthigen Menschen das Leben genossen haben mögen, dass, wohin
sie sehen, Helena, das “in süsser Sinnlichkeit schwebende” Idealbild ihrer
eignen Existenz, ihnen entgegenlacht. Diesem bereits rückwärts gewandten
Beschauer müssen wir aber zurufen: “Geh’ nicht von dannen, sondern höre erst,
was die griechische Volksweisheit von diesem selben Leben aussagt, das sich
hier mit so unerklärlicher Heiterkeit vor dir ausbreitet. Es geht die alte
Sage, dass König Midas lange Zeit nach dem weisen Silen, dem Begleiter des
Dionysus, im Walde gejagt habe, ohne ihn zu fangen. Als er ihm endlich in die
Hände gefallen ist, fragt der König, was für den Menschen das Allerbeste und
Allervorzüglichste sei. Starr und unbeweglich schweigt der Dämon; bis er, durch
den König gezwungen, endlich unter gellem Lachen in diese Worte ausbricht:
“Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du
mich dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Erspriesslichste ist? Das
Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu
sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich - bald zu sterben”.
Wie verhält sich zu
dieser Volksweisheit die olympische Götterwelt? Wie die entzückungsreiche
Vision des gefolterten Märtyrers zu seinen Peinigungen.
Jetzt öffnet sich
uns gleichsam der olympische Zauberberg und zeigt uns seine Wurzeln. Der
Grieche kannte und empfand die Schrecken und Entsetzlichkeiten des Daseins: um
überhaupt leben zu können, musste er vor sie hin die glänzende Traumgeburt der
Olympischen stellen. Jenes ungeheure Misstrauen gegen die titanischen Mächte
der Natur, jene über allen Erkenntnissen erbarmungslos thronende Moira jener
Geier des grossen Menschenfreundes Prometheus, jenes Schreckensloos des weisen
Oedipus, jener Geschlechtsfluch der Atriden, der Orest zum Muttermorde zwingt,
kurz jene ganze Philosophie des Waldgottes, sammt ihren mythischen Exempeln, an
der die schwermüthigen Etrurier zu Grunde gegangen sind - wurde von den
Griechen durch jene künstlerische Mittelwelt der Olympier fortwährend von Neuem
überwunden, jedenfalls verhüllt und dem Anblick entzogen. Um leben zu können,
mussten die Griechen diese Götter, aus tiefster Nöthigung, schaffen: welchen
Hergang wir uns wohl so vorzustellen haben, dass aus der ursprünglichen
titanischen Götterordnung des Schreckens durch jenen apollinischen
Schönheitstrieb in langsamen Uebergängen die olympische Götterordnung der
Freude entwickelt wurde: wie Rosen aus dornigem Gebüsch hervorbrechen. Wie
anders hätte jenes so reizbar empfindende, so ungestüm begehrende, zum Leiden
so einzig befähigte Volk das Dasein ertragen können, wenn ihm nicht dasselbe,
von einer höheren Glorie umflossen, in seinen Göttern gezeigt worden wäre.
Derselbe Trieb, der die Kunst in’s Leben ruft, als die zum Weiterleben
verführende Ergänzung und Vollendung des Daseins, liess auch die olympische
Welt entstehn, in der sich der hellenische “Wille” einen verklärenden Spiegel
vorhielt. So rechtfertigen die Götter das Menschenleben, indem sie es selbst
leben - die allein genügende Theodicee! Das Dasein unter dem hellen
Sonnenscheine solcher Götter wird als das an sich Erstrebenswerthe empfunden,
und der eigentliche Schmerz der homerischen Menschen bezieht sich auf das
Abscheiden aus ihm, vor allem auf das baldige Abscheiden: so dass man jetzt von
ihnen, mit Umkehrung der silenischen Weisheit, sagen könnte, “das
Allerschlimmste sei für sie, bald zu sterben, das Zweitschlimmste, überhaupt
einmal zu sterben”. Wenn die Klage einmal ertönt, so klingt sie wieder vom
kurzlebenden Achilles, von dem blättergleichen Wechsel und Wandel des
Menschengeschlechts, von dem Untergang der Heroenzeit. Es ist des grössten
Helden nicht unwürdig, sich nach dem Weiterleben zu sehnen, sei es selbst als
Tagelöhner. So ungestüm verlangt, auf der apollinischen Stufe, der “Wille” nach
diesem Dasein, so eins fühlt sich der homerische Mensch mit ihm, dass selbst
die Klage zu seinem Preisliede wird.
Hier muss nun
ausgesprochen werden, dass diese von den neueren Menschen so sehnsüchtig
angeschaute Harmonie, ja Einheit des Menschen mit der Natur, für die Schiller
das Kunstwort “naiv” in Geltung gebracht hat, keinesfalls ein so einfacher,
sich von selbst ergebender, gleichsam unvermeidlicher Zustand ist, dem wir an
der Pforte jeder Cultur, als einem Paradies der Menschheit begegnen müssten:
dies konnte nur eine Zeit glauben, die den Emil Rousseau’s sich auch als
Künstler zu denken suchte und in Homer einen solchen am Herzen der Natur erzogenen
Künstler Emil gefunden zu haben wähnte. Wo uns das “Naive” in der Kunst
begegnet, haben wir die höchste Wirkung der apollinischen Cultur zu erkennen:
welche immer erst ein Titanenreich zu stürzen und Ungethüme zu tödten hat und
durch kräftige Wahnvorspiegelungen und lustvolle Illusionen über eine
schreckliche Tiefe der Weltbetrachtung und reizbarste Leidensfähigkeit Sieger
geworden sein muss. Aber wie selten wird das Naive, jenes völlige
Verschlungensein in der Schönheit des Scheines, erreicht! Wie unaussprechbar
erhaben ist deshalb Homer, der sich, als Einzelner, zu jener apollinischen
Volkscultur verhält, wie der einzelne Traumkünstler zur Traumbefähigung des
Volks und der Natur überhaupt. Die homerische “Naivetät” ist nur als der
vollkommene Sieg der apollinischen Illusion zu begreifen: es ist dies eine
solche Illusion, wie sie die Natur, zur Erreichung ihrer Absichten, so häufig
verwendet. Das wahre Ziel wird durch ein Wahnbild verdeckt: nach diesem
strecken wir die Hände aus, und jenes erreicht die Natur durch unsre Täuschung.
In den Griechen wollte der “Wille” sich selbst, in der Verklärung des Genius
und der Kunstwelt, anschauen; um sich zu verherrlichen, mussten seine Geschöpfe
sich selbst als verherrlichenwerth empfinden sie mussten sich in einer höheren
Sphäre wiedersehn, ohne dass diese vollendete Welt der Anschauung als Imperativ
oder als Vorwurf wirkte Dies ist die Sphäre der Schönheit, in der sie ihre
Spiegelbilder, die Olympischen, sahen. Mit dieser Schönheitsspiegelung kämpfte
der hellenische “Wille” gegen das dem künstlerischen correlative Talent zum
Leiden und zur Weisheit des Leidens und als Denkmal seines Sieges steht Homer
vor uns, der naive Künstler.
4
Ueber diesen naiven
Künstler giebt uns die Traumanalogie einige Belehrung Wenn wir uns den
Träumenden vergegenwärtigen, wie er, mitten in der Illusion der Traumwelt und
ohne sie zu stören, sich zuruft “es ist ein Traum, ich will ihn weiter
träumen”, wenn wir hieraus auf eine tiefe innere Lust des Traumanschauens zu
schliessen haben, wenn wir andererseits, um überhaupt mit dieser inneren Lust
am Schauen träumen zu können, den Tag und seine schreckliche Zudringlichkeit
völlig vergessen haben müssen so dürfen wir uns alle diese Erscheinungen etwa
in folgender Weise, unter der Leitung des traumdeutenden Apollo, interpretiren.
So gewiss von den beiden Hälften des Lebens, der wachen und der träumenden
Hälfte, uns die erstere als die ungleich bevorzugtere, wichtigere, würdigere,
lebenswerthere, ja allein gelebte dünkt so möchte ich doch, bei allem Anscheine
einer Paradoxie, für jenen geheimnissvollen Grund unseres Wesens, dessen
Erscheinung wir sind, gerade die entgegengesetzte Werthschätzung des Traumes
behaupten. Je mehr ich nämlich hin der Natur jene allgewaltigen Kunsttriebe und
in ihnen eine inbrünstige Sehnsucht zum Schein, zum Erlöstwerden durch den
Schein gewahr werde, um so mehr fühle ich mich zu der metaphysischen Annahme
gedrängt, dass das Wahrhaft-Seiende und Ur-Eine, als das ewig Leidende und
Widerspruchsvolle, zugleich die entzückende Vision, den lustvollen Schein, zu
seiner steten Erlösung braucht: welchen Schein wir, völlig in ihm befangen und
aus ihm bestehend, als das Wahrhaft-Nichtseiende d. h. als ein fortwährendes
Werden in Zeit, Raum und Causalität, mit anderen Worten, als empirische
Realität zu empfinden genöthigt sind. Sehen wir also einmal von unsrer eignen
“Realität” für einen Augenblick ab, fassen wir unser empirisches Dasein, wie
das der Welt überhaupt, als eine in jedem Moment erzeugte Vorstellung des
Ur-Einen, so muss uns jetzt der Traum als der Schein des Scheins, somit als
eine noch höhere Befriedigung der Urbegierde nach dem Schein hin gelten. Aus
diesem selben Grunde hat der innerste Kern der Natur jene unbeschreibliche Lust
an dem naiven Künstler und dem naiven Kunstwerke, das gleichlfalls nur “Schein
des Scheins” ist. Rafael, selbst einer jener unsterblichen “Naiven”, hat uns in
einem gleichnissartigen Gemälde jenes Depotenziren des Scheins zum Schein, den
Urprozess des naiven Künstlers und zugleich der apollinischen Cultur,
dargestellt. In seiner Transfiguration zeigt uns die untere Hälfte, mit dem
besessenen Knaben, den verzweifelnden Trägern, den rathlos geängstigten
Jüngern, die Wiederspiegelung des ewigen Urschmerzes, des einzigen Grundes der
Welt der “Schein” ist hier Widerschein des ewigen Widerspruchs, des Vaters der
Dinge. Aus diesem Schein steigt nun, wie ein ambrosischer Duft, eine
visionsgleiche neue Scheinwelt empor, von der jene im ersten Schein Befangenen
nichts sehen - ein leuchtendes Schweben in reinster Wonne und schmerzlosem, aus
weiten Augen strahlenden Anschauen. Hier haben wir, in höchster Kunstsymbolik,
jene apollinische Schönheitswelt und ihren Untergrund, die schreckliche
Weisheit des Silen, vor unseren Blicken und begreifen, durch Intuition, ihre
gegenseitige Nothwendigkeit Apollo aber tritt uns wiederum als die
Vergöttlichung des principii individuationis entgegen, in dem allein das ewig
erreichte Ziel des Ur-Einen, seine Erlösung durch den Schein, sich vollzieht:
er zeigt uns, mit erhabenen Gebärden, wie die ganze Welt der Qual nöthig ist,
damit durch sie der Einzelne zur Erzeugung der erlösenden Vision gedrängt werde
und dann, ins Anschauen derselben versunken, ruhig auf seinem schwankenden
Kahne, inmitten des Meeres, sitze.
Diese Vergöttlichung
der Individuation kennt, wenn sie überhaupt imperativisch und Vorschriften
gebend gedacht wird, nur Ein Gesetz, das Individuum d. h. die Einhaltung der
Grenzen des Individuums, das Maass im hellenischen Sinne. Apollo, als ethische
Gottheit, fordert von den Seinigen das Maass und, um es einhalten zu können,
Selbsterkenntniss. Und so läuft neben der ästhetischen Nothwendigkeit der
Schönheit die Forderung des “Erkenne dich selbst” und des “Nicht zu viel!” her,
während Selbstüberhebung und Uebermaass als die eigentlich feindseligen Dämonen
der nicht-apollinischen Sphäre, daher als Eigenschaften der vor-apollinischen
Zeit, des Titanenzeitalters, und der ausser-apollinischen Welt d. h. der
Barbarenwelt, erachtet wurden. Wegen seiner titanenhaften Liebe zu den Menschen
musste Prometheus von den Geiern zerrissen werden, seiner übermässigen Weisheit
halber, die das Räthsel der Sphinx löste, musste Oedipus in einen verwirrenden
Strudel von Unthaten stürzen: so interpretirte der delphische Gott die
griechische Vergangenheit.
“Titanenhaft” und
“barbarisch” dünkte dem apollinischen Griechen auch die Wirkung, die das
Dionysische erregte: ohne dabei sich verhehlen zu können, dass er selbst doch
zugleich auch innerlich mit jenen gestürzten Titanen und Heroen verwandt sei.
Ja er musste noch mehr empfinden: sein ganzes Dasein mit aller Schönheit und
Mässigung ruhte auf einem verhüllten Untergrunde des Leidens und der
Erkenntniss, der ihm wieder durch jenes Dionysische aufgedeckt wurde. Und
siehe! Apollo konnte nicht ohne Dionysus leben! Das “Titanische” und das
“Barbarische” war zuletzt eine eben solche Nothwendigkeit wie das Apollinische!
Und nun denken wir uns, wie in diese auf den Schein und die Mässigung gebaute
und künstlich gedämmte Welt der ekstatische Ton der Dionysusfeier in immer
lockenderen Zauberweisen hineinklang, wie in diesen das ganze Uebermaass der
Natur in Lust, Leid und Erkenntniss, bis zum durchdringenden Schrei, laut
wurde: denken wir uns, was diesem dämonischen Volksgesange gegenüber der
psalmodirende Künstler des Apollo, mit dem gespensterhaften Harfenklange,
bedeuten konnte! Die Musen der Künste des “Scheins” verblassten vor einer
Kunst, die in ihrem Rausche die Wahrheit sprach, die Weisheit des Silen rief
Wehe! Wehe! aus gegen die heiteren Olympier. Das Individuum, mit allen seinen
Grenzen und Maassen, ging hier in der Selbstvergessenheit der dionysischen
Zustände unter und vergass die apollinischen Satzungen. Das Uebermaass
enthüllte sich als Wahrheit, der Widerspruch, die aus Schmerzen geborene Wonne
sprach von sich aus dem Herzen der Natur heraus. Und so war, überall dort, wo
das Dionysische durchdrang, das Apollinische aufgehoben und vernichtet. Aber
eben so gewiss ist, dass dort, wo der erste Ansturm ausgehalten wurde, das
Ansehen und die Majestät des delphischen Gottes starrer und drohender als je
sich äusserte. Ich vermag nämlich den dorischen Staat und die dorische Kunst
mir nur als ein fortgesetztes Kriegslager des Apollinischen zu erklären: nur in
einem unausgesetzten Widerstreben gegen das titanisch-barbarische Wesen des
Dionysischen konnte eine so trotzig-spröde, mit Bollwerken umschlossene Kunst,
eine so kriegsgemässe und herbe Erziehung, ein so grausames und rücksichtsloses
Staatswesen von längerer Dauer sein.
Bis zu diesem
Punkte ist des Weiteren ausgeführt worden, was ich am Eingange dieser
Abhandlung bemerkte: wie das Dionysische und das Apollinische in immer neuen
auf einander folgenden Geburten, und sich gegenseitig steigernd das hellenische
Wesen beherrscht haben: wie aus dem “erzenen” Zeitalter, mit seinen
Titanenkämpfen und seiner herben Volksphilosophie, sich unter dem Walten des
apollinischen Schönheitstriebes die homerische Welt entwickelt, wie diese
“naive” Herrlichkeit wieder von dem einbrechenden Strome des Dionysischen
verschlungen wird, und wie dieser neuen Macht gegenüber sich das Apollinische
zur starren Majestät der dorischen Kunst und Weltbetrachtung erhebt. Wenn auf
diese Weise die ältere hellenische Geschichte, im Kampf jener zwei feindseligen
Principien, in vier grosse Kunststufen zerfällt: so sind wir jetzt gedrängt,
weiter nach dem letzten Plane dieses Werdens und Treibens zu fragen, falls uns
nicht etwa die letzterreichte Periode, die der dorischen Kunst, als die Spitze
und Absicht jener Kunsttriebe gelten sollte: und hier bietet sich unseren
Blicken das erhabene und hochgepriesene Kunstwerk der attischen Tragödie und
des dramatischen Dithyrambus, als das gemeinsame Ziel beider Triebe, deren
geheimnissvolles Ehebündniss, nach langem vorhergehenden Kampfe, sich in einem
solchen Kinde - das zugleich Antigone und Kassandra ist - verherrlicht hat.
5
Wir nahen uns jetzt
dem eigentlichen Ziele unsrer Untersuchung, die auf die Erkenntniss des
dionysisch-apollinischen Genius und seines Kunstwerkes, wenigstens auf das
ahnungsvolle Verständniss jenes Einheitsmysteriums gerichtet ist. Hier fragen
wir nun zunächst, wo jener neue Keim sich zuerst in der hellenischen Welt
bemerkbar macht, der sich nachher bis zur Tragödie und zum dramatischen
Dithyrambus entwickelt. Hierüber giebt uns das Alterthum selbst bildlich
Aufschluss, wenn es als die Urväter und Fackelträger der griechischen Dichtung
Homer und Archilochus auf Bildwerken, Gemmen u. s. w. neben einander stellt, in
der sicheren Empfindung, dass nur diese Beiden gleich völlig originalen
Naturen, von denen aus ein Feuerstrom auf die gesammte griechische Nachwelt
fortfliesse, zu erachten seien. Homer, der in sich versunkene greise Träumer,
der Typus des apollinischen, naiven Künstlers, sieht nun staunend den
leidenschaftlichen Kopf des wild durch’s Dasein getriebenen kriegerischen
Musendieners Archilochus: und die neuere Aesthetik wusste nur deutend
hinzuzufügen, dass hier dem “objectiven” Künstler der erste “subjective”
entgegen gestellt sei. Uns ist mit dieser Deutung wenig gedient, weil wir den
subjectiven Künstler nur als schlechten Künstler kennen und in jeder Art und
Höhe der Kunst vor allem und zuerst Besiegung des Subjectiven, Erlösung vom
“Ich” und Stillschweigen jedes individuellen Willens und Gelüstens fordern, ja
ohne Objectivität, ohne reines interesseloses Anschauen nie an die geringste
wahrhaft künstlerische Erzeugung glauben können. Darum muss unsre Aesthetik
erst jenes Problem lösen, wie der “Lyriker” als Künstler möglich ist: er, der,
nach der Erfahrung aller Zeiten, immer “ich” sagt und die ganze chromatische
Tonleiter seiner Leidenschaften und Begehrungen vor uns absingt. Gerade dieser
Archilochus erschreckt uns, neben Homer, durch den Schrei seines Hasses und
Hohnes, durch die trunknen Ausbrüche seiner Begierde; ist er, der erste
subjectiv genannte Künstler, nicht damit der eigentliche Nichtkünstler? Woher
aber dann die Verehrung, die ihm, dem Dichter, gerade auch das delphische
Orakel, der Herd der “objectiven” Kunst, in sehr merkwürdigen Aussprüchen
erwiesen hat?
Ueber den Prozess
seines Dichtens hat uns Schiller durch eine ihm selbst unerklärliche, doch
nicht bedenklich scheinende psychologische Beobachtung Licht gebracht; er
gesteht nämlich als den vorbereitenden Zustand vor dem Actus des Dichtens nicht
etwa eine Reihe von Bildern, mit geordneter Causalität der Gedanken, vor sich
und in sich gehabt zu haben, sondern vielmehr eine musikalische Stimmung (“Die
Empfindung ist bei mir anfangs ohne bestimmten und klaren Gegenstand; dieser
bildet sich erst später. Eine gewisse musikalische Gemüthsstimmung geht vorher,
und auf diese folgt bei mir erst die poetische Idee”). Nehmen wir jetzt das
wichtigste Phänomen der ganzen antiken Lyrik hinzu, die überall als natürlich
geltende Vereinigung, ja Identität des Lyrikers mit dem Musiker - der gegenüber
unsre neuere Lyrik wie ein Götterbild ohne Kopf erscheint - so können wir
jetzt, auf Grund unsrer früher dargestellten aesthetischen Metaphysik, uns in
folgender Weise den Lyriker erklären. Er ist zuerst, als dionysischer Künstler,
gänzlich mit dem Ur-Einen, seinem Schmerz und Widerspruch, eins geworden und
producirt das Abbild dieses Ur-Einen als Musik, wenn anders diese mit Recht
eine Wiederholung der Welt und ein zweiter Abguss derselben genannt worden ist;
jetzt aber wird diese Musik ihm wieder wie in einem gleichnissartige
Traumbilde, unter der apollinischen Traumeinwirkung sichtbar. Jener bild- und
begrifflose Wiederschein des Urschmerzes in der Musik, mit seiner Erlösung im
Scheine, erzeugt jetzt eine zweite Spiegelung, als einzelnes Gleichniss oder
Exempel. Seine Subjectivität hat der Künstler bereits in dem dionysischen
Prozess aufgegeben: das Bild, das ihm jetzt seine Einheit mit dem Herzen der
Welt zeigt, ist eine Traumscene, die jenen Urwiderspruch und Urschmerz, sammt der
Urlust des Scheines, versinnlicht. Das “Ich” des Lyrikers tönt also aus dem
Abgrunde des Seins: seine “Subjectivität” im Sinne der neueren Aesthetiker ist
eine Einbildung. Wenn Archilochus, der erste Lyriker der Griechen, seine
rasende Liebe und zugleich seine Verachtung den Töchtern des Lykambes
kundgiebt, so ist es nicht seine Leidenschaft, die vor uns in orgiastischem
Taumel tanzt: wir sehen Dionysus und die Mänaden, wir sehen den berauschten
Schwärmer Archilochus zum Schlafe niedergesunken - wie ihn uns Euripides in den
Bacchen beschreibt, den Schlaf auf hoher Alpentrift, in der Mittagssonne - :
und jetzt tritt Apollo an ihn heran und berührt ihn mit dem Lorbeer. Die
dionysisch-musikalische Verzauberung des Schläfers sprüht jetzt gleichsam
Bilderfunken um sich, lyrische Gedichte, die in ihrer höchsten Entfaltung
Tragödien und dramatische Dithyramben heissen.
Der Plastiker und
zugleich der ihm verwandte Epiker ist in das reine Anschauen der Bilder
versunken. Der dionysische Musiker ist ohne jedes Bild völlig nur selbst
Urschmerz und Urwiederklang desselben. Der lyrische Genius fühlt aus dem
mystischen Selbstentäusserungs- und Einheitszustande eine Bilder- und
Gleichnisswelt hervorwachsen, die eine ganz andere Färbung, Causalität und
Schnelligkeit hat als jene Welt des Plastikers und Epikers. Während der
Letztgenannte in diesen Bildern und nur in ihnen mit freudigem Behagen lebt und
nicht müde wird, sie bis auf die kleinsten Züge hin liebevoll anzuschauen,
während selbst das Bild des zürnenden Achilles für ihn nur ein Bild ist, dessen
zürnenden Ausdruck er mit jener Traumlust am Scheine geniesst - so dass er,
durch diesen Spiegel des Scheines, gegen das Einswerden und Zusammenschmelzen
mit seinen Gestalten geschützt ist -, so sind dagegen die Bilder des Lyrikers
nichts als er selbst und gleichsam nur verschiedene Objectivationen von ihm,
weshalb er als bewegender Mittelpunkt jener Welt “ich” sagen darf: nur ist
diese Ichheit nicht dieselbe, wie die des wachen, empirisch- realen Menschen,
sondern die einzige überhaupt wahrhaft seiende und ewige, im Grunde der Dinge
ruhende Ichheit, durch deren Abbilder der lyrische Genius bis auf jenen Grund
der Dinge hindurchsieht. Nun denken wir uns einmal, wie er unter diesen
Abbildern auch sich selbst als Nichtgenius erblickt d. h. sein “Subject”, das
ganze Gewühl subjectiver, auf ein bestimmtes, ihm real dünkendes Ding
gerichteter Leidenschaften und Willensregungen; wenn es jetzt scheint als ob
der lyrische Genius und der mit ihm verbundene Nichtgenius eins wäre und als ob
der Erstere von sich selbst jenes Wörtchen “ich” spräche, so wird uns jetzt
dieser Schein nicht mehr verführen können, wie er allerdings diejenigen
verführt hat, die den Lyriker als den subjectiven Dichter bezeichnet haben. In
Wahrheit ist Archilochus, der leidenschaftlich entbrannte liebende und hassende
Mensch nur eine Vision des Genius, der bereits nicht mehr Archilochus, sondern
Weltgenius ist und der seinen Urschmerz in jenem Gleichnisse vom Menschen
Archilochus symbolisch ausspricht: während jener subjectiv wollende und
begehrende Mensch Archilochus überhaupt nie und nimmer Dichter sein kann. Es
ist aber gar nicht nöthig, dass der Lyriker gerade nur das Phänomen des
Menschen Archilochus vor sich sieht als Wiederschein des ewigen Seins; und die
Tragödie beweist, wie weit sich die Visionswelt des Lyrikers von jenem
allerdings zunächst stehenden Phänomen entfernen kann.
Schopenhauer, der
sich die Schwierigkeit, die der Lyriker für die philosophische Kunstbetrachtung
macht, nicht verhehlt hat, glaubt einen Ausweg gefunden zu haben, den ich nicht
mit ihm gehen kann, während ihm allein, in seiner tiefsinnigen Metaphysik der
Musik, das Mittel in die Hand gegeben war, mit dem jene Schwierigkeit
entscheidend beseitigt werden konnte: wie ich dies, in seinem Geiste und zu
seiner Ehre, hier gethan zu haben glaube. Dagegen bezeichnet er als das
eigenthümliche Wesen des Liedes Folgendes (Welt als Wille und Vorstellung I, S.
295): “Es ist das Subject des Willens, d.h. das eigene Wollen, was das
Bewusstsein des Singenden füllt, oft als ein entbundenes, befriedigtes Wollen
(Freude), wohl noch öfter aber als ein gehemmtes (Trauer), immer als Affect,
Leidenschaft, bewegter Gemüthszustand. Neben diesem jedoch und zugleich damit
wird durch den Anblick der umgebenden Natur der Singende sich seiner bewusst
als Subjects des reinen, willenlosen Erkennens, dessen unerschütterliche,
selige Ruhe nunmehr in Contrast tritt mit dem Drange des immer beschränkten,
immer noch dürftigen Wollens: die Empfindung dieses Contrastes, dieses Wechselspieles
ist eigentlich, was sich im Ganzen des Liedes ausspricht und was überhaupt den
lyrischen Zustand ausmacht. In diesem tritt gleichsam das reine Erkennen zu uns
heran, um uns vom Wollen und seinem Drange zu erlösen: wir folgen; doch nur auf
Augenblicke: immer von Neuem entreisst das Wollen, die Erinnerung an unsere
persönlichen Zwecke, uns der ruhigen Beschauung; aber auch immer wieder
entlockt uns dem Wollen die nächste schöne Umgebung, in welcher sich die reine
willenlose Erkenntniss uns darbietet. Darum geht im Liede und der lyrischen
Stimmung das Wollen (das persönliche Interesse des Zwecks) und das reine
Anschauen der sich darbietenden Umgebung wundersam gemischt durch einander: es
werden Beziehungen zwischen beiden gesucht und imaginirt; die subjective
Stimmung, die Affection des Willens, theilt der angeschauten Umgebung und diese
wiederum jener ihre Farbe im Reflex mit: von diesem ganzen so gemischten und
getheilten Gemüthszustande ist das ächte Lied der Abdruck”.
Wer vermöchte in
dieser Schilderung zu verkennen, dass hier die Lyrik als eine unvollkommen
erreichte, gleichsam im Sprunge und selten zum Ziele kommende Kunst
charakterisirt wird, ja als eine Halbkunst, deren Wesen darin bestehen solle,
dass das Wollen und das reine Anschauen d. h. der unaesthetische und der
aesthetische Zustand wundersam durch einander gemischt seien? Wir behaupten
vielmehr, dass der ganze Gegensatz, nach dem wie nach einem Werthmesser auch
noch Schopenhauer die Künste eintheilt, der des Subjectiven und des Objectiven,
überhaupt in der Aesthetik ungehörig ist, da das Subject, das wollende und
seine egoistischen Zwecke fördernde Individuum nur als Gegner, nicht als
Ursprung der Kunst gedacht werden kann. Insofern aber das Subject Künstler ist,
ist es bereits von seinem individuellen Willen erlöst und gleichsam Medium
geworden, durch das hindurch das eine wahrhaft seiende Subject seine Erlösung
im Scheine feiert. Denn dies muss uns vor allem, zu unserer Erniedrigung und
Erhöhung, deutlich sein, dass die ganze Kunstkomödie durchaus nicht für uns,
etwa unsrer Besserung und Bildung wegen, aufgeführt wird, ja dass wir
ebensowenig die eigentlichen Schöpfer jener Kunstwelt sind: wohl aber dürfen
wir von uns selbst annehmen, dass wir für den wahren Schöpfer derselben schon
Bilder und künstlerische Projectionen sind und in der Bedeutung von Kunstwerken
unsre höchste Würde haben - denn nur als aesthetisches Phänomen ist das Dasein
und die Welt ewig gerechtfertigt: - während freilich unser Bewusstsein über
diese unsre Bedeutung kaum ein andres ist als es die auf Leinwand gemalten
Krieger von der auf ihr dargestellten Schlacht haben. Somit ist unser ganzes
Kunstwissen im Grunde ein völlig illusorisches, weil wir als Wissende mit jenem
Wesen nicht eins und identisch sind, das sich, als einziger Schöpfer und
Zuschauer jener Kunstkomödie, einen ewigen Genuss bereitet. Nur soweit der
Genius im Actus der künstlerischen Zeugung mit jenem Urkünstler der Welt
verschmilzt, weiss er etwas über das ewige Wesen der Kunst; denn in jenem
Zustande ist er, wunderbarer Weise, dem unheimlichen Bild des Mährchens gleich,
das die Augen drehn und sich selber anschaun kann; jetzt ist er zugleich
Subject und Object, zugleich Dichter, Schauspieler und Zuschauer.
6
In Betreff des
Archilochus hat die gelehrte Forschung entdeckt, dass er das Volkslied in die
Litteratur eingeführt habe, und dass ihm, dieser That halber, jene einzige
Stellung neben Homer, in der allgemeinen Schätzung der Griechen zukomme. Was
aber ist das Volkslied im Gegensatz zu dem völlig apollinischen Epos? Was
anders als das perpetuum vestigium einer Vereinigung des Apollinischen und des
Dionysischen; seine ungeheure, über alle Völker sich erstreckende und in immer
neuen Geburten sich steigernde Verbreitung ist uns ein Zeugniss dafür, wie stark
jener künstlerische Doppeltrieb der Natur ist: der in analoger Weise seine
Spuren im Volkslied hinterlässt, wie die orgiastischen Bewegungen eines Volkes
sich in seiner Musik verewigen. Ja es müsste auch historisch nachweisbar sein,
wie jede an Volksliedern reich productive Periode zugleich auf das Stärkste
durch dionysische Strömungen erregt worden ist, welche wir immer als Untergrund
und Voraussetzung des Volksliedes zu betrachten haben.
Das Volkslied aber
gilt uns zu allernächst als musikalischer Weltspiegel, als ursprüngliche
Melodie, die sich jetzt eine parallele Traumerscheinung sucht und diese in der
Dichtung ausspricht. Die Melodie ist also das Erste und Allgemeine, das deshalb
auch mehrere Objectivationen, in mehreren Texten, an sich erleiden kann. Sie
ist auch das bei weitem wichtigere und nothwendigere in der naiven Schätzung
des Volkes. Die Melodie gebiert die Dichtung aus sich und zwar immer wieder von
Neuem; nichts Anderes will uns die Strophenform des Volksliedes sagen: welches
Phänomen ich immer mit Erstaunen betrachtet habe, bis ich endlich diese
Erklärung fand. Wer eine Sammlung von Volksliedern z. B. des Knaben Wunderhorn
auf diese Theorie hin ansieht, der wird unzählige Beispiele finden, wie die
fortwährend gebärende Melodie Bilderfunken um sich aussprüht: die in ihrer
Buntheit, ihrem jähen Wechsel, ja ihrem tollen Sichüberstürzen eine dem
epischen Scheine und seinem ruhigen Fortströmen wildfremde Kraft offenbaren.
Vom Standpunkte des Epos ist diese ungleiche und unregelmässige Bilderwelt der
Lyrik einfach zu verurtheilen: und dies haben gewiss die feierlichen epischen
Rhapsoden der apollinischen Feste im Zeitalter des Terpander gethan.
In der Dichtung des
Volksliedes sehen wir also die Sprache auf das Stärkste angespannt, die Musik
nachzuahmen: deshalb beginnt mit Archilochus eine neue Welt der Poesie, die der
homerischen in ihrem tiefsten Grunde widerspricht. Hiermit haben wir das einzig
mögliche Verhältniss zwischen Poesie und Musik, Wort und Ton bezeichnet: das
Wort, das Bild, der Begriff sucht einen der Musik analogen Ausdruck und
erleidet jetzt die Gewalt der Musik an sich. In diesem Sinne dürfen wir in der
Sprachgeschichte des griechischen Volkes zwei Hauptströmungen unterscheiden,
jenachdem die Sprache die Erscheinungs- und Bilderwelt oder die Musikwelt
nachahmte. Man denke nur einmal tiefer über die sprachliche Differenz der
Farbe, des syntaktischen Bau’s, des Wortmaterial’s bei Homer und Pindar nach,
um die Bedeutung dieses Gegensatzes zu begreifen; ja es wird Einem dabei
handgreiflich deutlich, dass zwischen Homer und Pindar die orgiastischen
Flötenweisen des Olympus erklungen sein müssen, die noch im Zeitalter des
Aristoteles, inmitten einer unendlich entwickelteren Musik, zu trunkner
Begeisterung hinrissen und gewiss in ihrer ursprünglichen Wirkung alle
dichterischen Ausdrucksmittel der gleichzeitigen Menschen zur Nachahmung
aufgereizt haben. Ich erinnere hier an ein bekanntes, unserer Aesthetik nur
anstössig dünkendes Phänomen unserer Tage. Wir erleben es immer wieder, wie
eine Beethoven’sche Symphonie die einzelnen Zuhörer zu einer Bilderrede
nöthigt, sei es auch dass eine Zusammenstellung der verschiedenen, durch ein
Tonstück erzeugten Bilderwelten sich recht phantastisch bunt, ja widersprechend
ausnimmt: an solchen Zusammenstellungen ihren armen Witz zu üben und das doch
wahrlich erklärenswerthe Phänomen zu übersehen, ist recht in der Art jener
Aesthetik. Ja selbst wenn der Tondichter in Bildern über eine Composition
geredet hat, etwa wenn er eine Symphonie als pastorale und einen Satz als
“Scene am Bach”, einen anderen als “lustiges Zusammensein der Landleute”
bezeichnet, so sind das ebenfalls nur gleichnissartige, aus der Musik geborne
Vorstellungen - und nicht etwa die nachgeahmten Gegenstände der Musik -
Vorstellungen, die über den dionysischen Inhalt der Musik uns nach keiner Seite
hin belehren können, ja die keinen ausschliesslichen Werth neben anderen
Bildern haben. Diesen Prozess einer Entladung der Musik in Bildern haben wir
uns nun auf eine jugendfrische, sprachlich schöpferische Volksmenge zu
übertragen, um zur Ahnung zu kommen, wie das strophische Volkslied entsteht,
und wie das ganze Sprachvermögen durch das neue Princip der Nachahmung der
Musik aufgeregt wird.
Dürfen wir also die
lyrische Dichtung als die nachahmende Effulguration der Musik in Bildern und
Begriffen betrachten, so können wir jetzt fragen: “als was erscheint die Musik
im Spiegel der Bildlichkeit und der Begriffe?” Sie erscheint als Wille, das
Wort im Schopenhauerischen Sinne genommen, d. h. als Gegensatz der
aesthetischen, rein beschaulichen willenlosen Stimmung. Hier unterscheide man
nun so scharf als möglich den Begriff des Wesens von dem der Erscheinung: denn
die Musik kann, ihrem Wesen nach, unmöglich Wille sein, weil sie als solcher
gänzlich aus dem Bereich der Kunst zu bannen wäre - denn der Wille ist das an
sich Unaesthetische -; aber sie erscheint als Wille. Denn um ihre Erscheinung
in Bildern auszudrücken, braucht der Lyriker alle Regungen der Leidenschaft,
vom Flüstern der Neigung bis zum Grollen des Wahnsinns; unter dem Triebe, in
apollinischen Gleichnissen von der Musik zu reden, versteht er die ganze Natur
und sich in ihr nur als das ewig Wollende, Begehrende, Sehnende. Insofern er
aber die Musik in Bildern deutet, ruht er selbst in der stillen Meeresruhe der
apollinischen Betrachtung, so sehr auch alles, was er durch das Medium der
Musik anschaut, um ihn herum in drängender und treibender Bewegung ist. Ja wenn
er sich selbst durch dasselbe Medium erblickt, so zeigt sich ihm sein eignes
Bild im Zustande des unbefriedigten Gefühls: sein eignes Wollen, Sehnen,
Stöhnen, Jauchzen ist ihm ein Gleichniss, mit dem er die Musik sich deutet.
Dies ist das Phänomen des Lyrikers: als apollinischer Genius interpretirt er
die Musik durch das Bild des Willens, während er selbst, völlig losgelöst von
der Gier des Willens, reines ungetrübtes Sonnenauge ist.
Diese ganze
Erörterung hält daran fest, dass die Lyrik eben so abhängig ist vom Geiste der
Musik als die Musik selbst, in ihrer völligen Unumschränktheit, das Bild und
den Begriff nicht braucht, sondern ihn nur neben sich erträgt. Die Dichtung des
Lyrikers kann nichts aussagen, was nicht in der ungeheuersten Allgemeinheit und
Allgültigkeit bereits in der Musik lag, die ihn zur Bilderrede nöthigte. Der
Weltsymbolik der Musik ist eben deshalb mit der Sprache auf keine Weise
erschöpfend beizukommen, weil sie sich auf den Urwiderspruch und Urschmerz im
Herzen des Ur-Einen symbolisch bezieht, somit eine Sphäre symbolisirt, die über
alle Erscheinung und vor aller Erscheinung ist. Ihr gegenüber ist vielmehr jede
Erscheinung nur Gleichniss: daher kann die Sprache, als Organ und Symbol der
Erscheinungen, nie und nirgends das tiefste Innere der Musik nach Aussen
kehren, sondern bleibt immer, sobald sie sich auf Nachahmung der Musik
einlässt, nur in einer äusserlichen Berührung mit der Musik, während deren
tiefster Sinn, durch alle lyrische Beredsamkeit, uns auch keinen Schritt näher
gebracht werden kann.
7
Alle die bisher
erörterten Kunstprincipien müssen wir jetzt zu Hülfe nehmen, um uns in dem
Labyrinth zurecht zu finden, als welches wir den Ursprung der griechischen
Tragödie bezeichnen müssen. Ich denke nichts Ungereimtes zu behaupten, wenn ich
sage, dass das Problem dieses Ursprungs bis jetzt noch nicht einmal ernsthaft
aufgestellt, geschweige denn gelöst ist, so oft auch die zerflatternden Fetzen
der antiken Ueberlieferung schon combinatorisch an einander genäht und wieder
aus einander gerissen sind. Diese Ueberlieferung sagt uns mit voller
Entschiedenheit, dass die Tragödie aus dem tragischen Chore entstanden ist und
ursprünglich nur Chor und nichts als Chor war: woher wir die Verpflichtung
nehmen, diesem tragischen Chore als dem eigentlichen Urdrama in’s Herz zu
sehen, ohne uns an den geläufigen Kunstredensarten - dass er der idealische
Zuschauer sei oder das Volk gegenüber der fürstlichen Region der Scene zu
vertreten habe - irgendwie genügen zu lassen. Jener zuletzt erwähnte, für
manchen Politiker erhaben klingende Erläuterungsgedanke - als ob das
unwandelbare Sittengesetz von den demokratischen Athenern in dem Volkschore
dargestellt sei, der über die leidenschaftlichen Ausschreitungen und
Ausschweifungen der Könige hinaus immer Recht behalte - mag noch so sehr durch
ein Wort des Aristoteles nahegelegt sein: auf die ursprüngliche Formation der
Tragödie ist er ohne Einfluss, da von jenen rein religiösen Ursprüngen der
ganze Gegensatz von Volk und Fürst, überhaupt jegliche politisch-sociale Sphäre
ausgeschlossen ist; aber wir möchten es auch in Hinsicht auf die uns bekannte classische
Form des Chors bei Aeschylus und Sophokles für Blasphemie erachten, hier von
der Ahnung einer “constitutionellen Volksvertretung” zu reden, vor welcher
Blasphemie Andere nicht zurückgeschrocken sind. Eine constitutionelle
Volksvertretung kennen die antiken Staatsverfassungen in praxi nicht und haben
sie hoffentlich auch in ihrer Tragödie nicht einmal “geahnt”.
Viel berühmter als
diese politische Erklärung des Chors ist der Gedanke A. W. Schlegel’s, der uns
den Chor gewissermaassen als den Inbegriff und Extract der Zuschauermenge, als
den “idealischen Zuschauer” zu betrachten anempfiehlt. Diese Ansicht,
zusammengehalten mit jener historischen Ueberlieferung, dass ursprünglich die
Tragödie nur Chor war, erweist sich als das was sie ist, als eine rohe, unwissenschaftliche,
doch glänzende Behauptung, die ihren Glanz aber nur durch ihre concentrirte
Form des Ausdrucks, durch die echt germanische Voreingenommenheit für Alles,
was “idealisch” genannt wird und durch unser momentanes Erstauntsein erhalten
hat. Wir sind nämlich erstaunt, sobald wir das uns gut bekannte Theaterpublicum
mit jenem Chore vergleichen und uns fragen, ob es wohl möglich sei, aus diesem
Publicum je etwas dem tragischen Chore Analoges herauszuidealisiren. Wir
leugnen dies im Stillen und wundern uns jetzt eben so über die Kühnheit der
Schlegel’schen Behauptung wie über die total verschiedene Natur des
griechischen Publicums. Wir hatten nämlich doch immer gemeint, dass der rechte
Zuschauer, er sei wer er wolle, sich immer bewusst bleiben müsse, ein Kunstwerk
vor sich zu haben, nicht eine empirische Realität: während der tragische Chor
der Griechen in den Gestalten der Bühne leibhafte Existenzen zu erkennen
genöthigt ist. Der Okeanidenchor glaubt wirklich den Titan Prometheus vor sich
zu sehen und hält sich selbst für eben so real wie den Gott der Scene. Und das
sollte die höchste und reinste Art des Zuschauers sein, gleich den Okeaniden
den Prometheus für leiblich vorhanden und real zu halten? Und es wäre das
Zeichen des idealischen Zuschauers, auf die Bühne zu laufen und den Gott von
seinen Martern zu befreien? Wir hatten an ein aesthetisches Publicum geglaubt
und den einzelnen Zuschauer für um so befähigter gehalten, je mehr er im Stande
war, das Kunstwerk als Kunst d. h. aesthetisch zu nehmen; und jetzt deutete uns
der Schlegel’sche Ausdruck an, dass der vollkommne idealische Zuschauer die
Welt der Scene gar nicht aesthetisch, sondern leibhaft empirisch auf sich
wirken lasse. O über diese Griechen! seufzen wir; sie werfen uns unsre Aesthetik
um! Daran aber gewöhnt, wiederholten wir den Sdllegel’schen Spruch, so oft der
Chor zur Sprache kam.
Aber jene so
ausdrückliche Ueberlieferung redet hier gegen Schlegel: der Chor an sich, ohne Bühne,
also die primitive Gestalt der Tragödie und jener Chor idealischer Zuschauer
vertragen sich nicht mit einander. Was wäre das für eine Kunstgattung, die aus
dem Begriff des Zuschauers herausgezogen wäre, als deren eigentliche Form der
“Zuschauer an sich” zu gelten hätte. Der Zuschauer ohne Schauspiel ist ein
widersinniger Begriff. Wir fürchten, dass die Geburt der Tragödie weder aus der
Hochachtung vor der sittlichen Intelligenz der Masse, noch aus dem Begriff des
schauspiellosen Zuschauers zu erklären sei und halten dies Problem für zu tief,
um von so flachen Betrachtungsarten auch nur berührt zu werden.
Eine unendlich
werthvollere Einsicht über die Bedeutung des Chors hatte bereits Schiller in
der berühmten Vorrede zur Braut von Messina verrathen, der den Chor als eine
lebendige Mauer betrachtete, die die Tragödie um sich herum zieht, um sich von
der wirklichen Welt rein abzuschliessen und sich ihren idealen Boden und ihre
poetische Freiheit zu bewahren.
Schiller kämpft mit
dieser seiner Hauptwaffe gegen den gemeinen Begriff des Natürlichen, gegen die
bei der dramatischen Poesie gemeinhin geheischte Illusion. Während der Tag
selbst auf dem Theater nur ein künstlicher, die Architektur nur eine
symbolische sei und die metrische Sprache einen idealen Charakter trage,
herrsche immer noch der Irrthum im Ganzen: es sei nicht genug, dass man das nur
als eine poetische Freiheit dulde, was doch das Wesen aller Poesie sei. Die
Einführung des Chores sei der entscheidende Schritt, mit dem jedem Naturalismus
in der Kunst offen und ehrlich der Krieg erklärt werde. - Eine solche
Betrachtungsart ist es, scheint mir, für die unser sich überlegen wähnendes
Zeitalter das wegwerfende Schlagwort “Pseudoidealismus” gebraucht. Ich fürchte,
wir sind dagegen mit unserer jetzigen Verehrung des Natürlichen und Wirklichen
am Gegenpol alles Idealismus angelangt, nämlich in der Region der
Wachsfigurencabinette. Auch in ihnen giebt es eine Kunst, wie bei gewissen
beliebten Romanen der Gegenwart: nur quäle man uns nicht mit dem Anspruch, dass
mit dieser Kunst der Schiller-Goethesche “Pseudoidealismus” überwunden sei.
Freilich ist es ein
“idealer” Boden, auf dem, nach der richtigen Einsicht Schillers, der
griechische Satyrchor, der Chor der ursprünglichen Tragödie, zu wandeln pflegt,
ein Boden hoch emporgehoben über die wirkliche Wandelbahn der Sterblichen. Der
Grieche hat sich für diesen Chor die Schwebegerüste eines fingirten
Naturzustandes gezimmert und auf sie hin fingirte Naturwesen gestellt. Die
Tragödie ist auf diesem Fundamente emporgewachsen und freilich schon deshalb
von Anbeginn an einem peinlichen Abkonterfeien der Wirklichkeit enthoben
gewesen. Dabei ist es doch keine willkürlich zwischen Himmel und Erde
hineinphantasirte Welt; vielmehr eine Welt von gleicher Realität und Glaubwürdigkeit
wie sie der Olymp sammt seinen Insassen für den gläubigen Hellenen besass. Der
Satyr als der dionysische Choreut lebt in einer religiös zugestandenen
Wirklichkeit unter der Sanction des Mythus und des Cultus. Dass mit ihm die
Tragödie beginnt, dass aus ihm die dionysische Weisheit der Tragödie spricht,
ist ein hier uns eben so befremdendes Phänomen wie überhaupt die Entstehung der
Tragödie aus dem Chore. Vielleicht gewinnen wir einen Ausgangspunkt der
Betrachtung, wenn ich die Behauptung hinstelle, dass sich der Satyr, das
fingirte Naturwesen, zu dem Culturmenschen in gleicher Weise verhält, wie die
dionysische Musik zur Civilisation. Von letzterer sagt Richard Wagner, dass sie
von der Musik aufgehoben werde wie der Lampenschein vom Tageslicht. In gleicher
Weise, glaube ich, fühlte sich der griechische Culturmensch im Angesicht des
Satyrchors aufgehoben: und dies ist die nächste Wirkung der dionysischen
Tragödie, dass der Staat und die Gesellschaft, überhaupt die Klüfte zwischen
Mensch und Mensch einem übermächtigen Einheitsgefühle weichen, welches an das
Herz der Natur zurückführt. Der metaphysische Trost, - mit welchem, wie ich
schon hier andeute, uns jede wahre Tragödie entlässt - dass das Leben im Grunde
der Dinge, trotz allem Wechsel der Erscheinungen unzerstörbar mächtig und
lustvoll sei, dieser Trost erscheint in leibhafter Deutlichkeit als Satyrchor,
als Chor von Naturwesen, die gleichsam hinter aller Civilisation unvertilgbar
leben und trotz allem Wechsel der Generationen und der Völkergeschichte ewig
dieselben bleiben.
Mit diesem Chore
tröstet sich der tiefsinnige und zum zartesten und schwersten Leiden einzig
befähigte Hellene, der mit schneidigem Blicke mitten in das furchtbare
Vernidhtungstreiben der sogenannten Weltgeschichte, eben so wie in die
Grausamkeit der Natur geschaut hat und in Gefahr ist, sich nach einer
buddhaistischen Verneinung des Willens zu sehnen. Ihn rettet die Kunst, und
durch die Kunst rettet ihn sich - das Leben.
Die Verzückung des
dionysischen Zustandes mit seiner Vernichtung der gewöhnlichen Schranken und
Grenzen des Daseins enthält nämlich während seiner Dauer ein lethargisches
Element, in das sich alles persönlich in der Vergangenheit Erlebte eintaucht.
So scheidet sich durch diese Kluft der Vergessenheit die Welt der alltäglichen
und der dionysischen Wirklichkeit von einander ab. Sobald aber jene alltägliche
Wirklichkeit wieder ins Bewusstsein tritt, wird sie mit Ekel als solche
empfunden; eine asketische, willenverneinende Stimmung ist die Frucht jener
Zustände. In diesem Sinne hat der dionysische Mensch Aehnlichkeit mit Hamlet:
beide haben einmal einen wahren Blick in das Wesen der Dinge gethan, sie haben
erkannt, und es ekelt sie zu handeln; denn ihre Handlung kann nichts am ewigen
Wesen der Dinge ändern, sie empfinden es als lächerlich oder schmachvoll, dass
ihnen zugemuthet wird, die Welt, die aus den Fugen ist, wieder einzurichten.
Die Erkenntniss tödtet das Handeln, zum Handeln gehört das Umschleiertsein
durch die Illusion - das ist die Hamletlehre, nicht jene wohlfeile Weisheit von
Hans dem Träumer, der aus zu viel Reflexion, gleichsam aus einem Ueberschuss
von Möglichkeiten nicht zum Handeln kommt; nicht das Reflectiren, nein! - die
wahre Erkenntniss, der Einblick in die grauenhafte Wahrheit überwiegt jedes zum
Handeln antreibende Motiv, bei Hamlet sowohl als bei dem dionysischen Menschen.
Jetzt verfängt kein Trost mehr, die Sehnsucht geht über eine Welt nach dem
Tode, über die Götter selbst hinaus, das Dasein wird, sammt seiner gleissenden
Wiederspiegelung in den Göttern oder in einem unsterblichen Jenseits, verneint.
In der Bewusstheit der einmal geschauten Wahrheit sieht jetzt der Mensch
überall nur das Entsetzliche oder Absurde des Seins, jetzt versteht er das
Symbolische im Schicksal der Ophelia, jetzt erkennt er die Weisheit des
Waldgottes Silen: es ekelt ihn.
Hier, in dieser
höchsten Gefahr des Willens, naht sich, als rettende, heilkundige Zauberin, die
Kunst; sie allein vermag jene Ekelgedanken über das Entsetzliche oder Absurde
des Daseins in Vorstellungen umzubiegen, mit denen sich leben lässt: diese sind
das Erhabene als die künstlerische Bändigung des Entsetzlichen und das Komische
als die künstlerische Entladung vom Ekel des Absurden. Der Satyrchor des
Dithyrambus ist die rettende That der griechischen Kunst; an der Mittelwelt
dieser dionysischen Begleiter erschöpften sich jene vorhin beschriebenen
Anwandlungen.
8
Der Satyr wie der
idyllische Schäfer unserer neueren Zeit sind Beide Ausgeburten einer auf das
Ursprüngliche und Natürliche gerichteten Sehnsucht; aber mit welchem festen
unerschrocknen Griffe fasste der Grieche nach seinem Waldmenschen, wie
verschämt und weichlich tändelte der moderne Mensch mit dem Schmeichelbild
eines zärtlichen flötenden weichgearteten Hirten! Die Natur, an der noch keine Erkenntniss
gearbeitet, in der die Riegel der Cultur noch unerbrochen sind - das sah der
Grieche in seinem Satyr, der ihm deshalb noch nicht mit dem Affen zusammenfiel.
Im Gegentheil: es war das Urbild des Menschen, der Ausdruck seiner höchsten und
stärksten Regungen, als begeisterter Schwärmer, den die Nähe des Gottes
entzückt, als mitleidender Genosse, in dem sich das Leiden des Gottes
wiederholt, als Weisheitsverkünder aus der tiefsten Brust der Natur heraus, als
Sinnbild der geschlechtlichen Allgewalt der Natur, die der Grieche gewöhnt ist
mit ehrfürchtigem Staunen zu betrachten. Der Satyr war etwas Erhabenes und
Göttliches: so musste er besonders dem schmerzlich gebrochnen Blick des
dionysischen Menschen dünken. Ihn hätte der geputzte, erlogene Schäfer beleidigt:
auf den unverhüllten und unverkümmert grossartigen Schriftzügen der Natur
weilte sein Auge in erhabener Befriedigung; hier war die Illusion der Cultur
von dem Urbilde des Menschen weggewischt, hier enthüllte sich der wahre Mensch,
der bärtige Satyr, der zu seinem Gotte aufjubelt. Vor ihm schrumpfte der
Culturmensch zur lügenhaften Caricatur zusammen. Auch für diese Anfänge der
tragischen Kunst hat Schiller Recht: der Chor ist eine lebendige Mauer gegen
die anstürmende Wirklichkeit, weil er - der Satyrchor - das Dasein
wahrhaftiger, wirklicher, vollständiger abbildet als der gemeinhin sich als
einzige Realität achtende Culturmensch. Die Sphäre der Poesie liegt nicht
ausserhalb der Welt, als eine phantastische Unmöglichkeit eines Dichterhirns:
sie will das gerade Gegentheil sein, der ungeschminkte Ausdruck der Wahrheit
und muss eben deshalb den lügenhaften Aufputz jener vermeinten Wirklichkeit des
Culturmenschen von sich werfen. Der Contrast dieser eigentlichen Naturwahrheit
und der sich als einzige Realität gebärdenden Culturlüge ist ein ähnlicher wie
zwischen dem ewigen Kern der Dinge, dem Ding an sich, und der gesammten
Erscheinungswelt: und wie die Tragödie mit ihrem metaphysischen Troste auf das
ewige Leben jenes Daseinskernes, bei dem fortwährenden Untergange der
Erscheinungen, hinweist, so spricht bereits die Symbolik des Satyrchors in
einem Gleichniss jenes Urverhältniss zwischen Ding an sich und Erscheinung aus.
Jener idyllische Schäfer des modernen Menschen ist nur ein Konterfei der ihm
als Natur geltenden Summe von Bildungsillusionen; der dionysische Grieche will
die Wahrheit und die Natur in ihrer höchsten Kraft - er sieht sich zum Satyr
verzaubert.
Unter solchen
Stimmungen und Erkenntnissen jubelt die schwärmende Schaar der Dionysusdiener: deren
Macht sie selbst vor ihren eignen Augen verwandelt, so dass sie sich als
wiederhergestellte Naturgenien, als Satyrn, zu erblicken wähnen. Die spätere
Constitution des Tragödienchors ist die künstlerische Nachahmung jenes
natürlichen Phänomens; bei der nun allerdings eine Scheidung von dionysischen
Zuschauern und dionysischen Verzauberten nöthig wurde. Nur muss man sich immer
gegenwärtig halten, dass das Publicum der attischen Tragödie sich selbst in dem
Chore der Orchestra wiederfand, dass es im Grunde keinen Gegensatz von Publicum
und Chor gab: denn alles ist nur ein grosser erhabener Chor von tanzenden und
singenden Satyrn oder von solchen, welche sich durch diese Satyrn repräsentiren
lassen. Das Schlegel’sche Wort muss sich uns hier in einem tieferen Sinne
erschliessen. Der Chor ist der “idealische Zuschauer”, insofern er der einzige
Schauer ist, der Schauer der Visionswelt der Scene. Ein Publicum von
Zuschauern, wie wir es kennen, war den Griechen unbekannt: in ihren Theatern
war es Jedem, bei dem in concentrischen Bogen sich erhebenden Terrassenbau des
Zuschauerraumes, möglich, die gesammte Culturwelt um sich herum ganz eigentlich
zu übersehen und in gesättigtem Hinschauen selbst Choreut sich zu wähnen. Nach
dieser Einsicht dürfen wir den Chor, auf seiner primitiven Stufe in der
Urtragödie, eine Selbstspiegelung des dionysischen Menschen nennen: welches
Phänomen am deutlichsten durch den Prozess des Schauspielers zu machen ist,
der, bei wahrhafter Begabung, sein von ihm darzustellendes Rollenbild zum
Greifen wahrnehmbar vor seinen Augen schweben sieht. Der Satyrchor ist zu
allererst eine Vision der dionysischen Masse, wie wiederum die Welt der Bühne
eine Vision dieses Satyrchors ist: die Kraft dieser Vision ist stark genug, um
gegen den Eindruck der “Realität”, gegen die rings auf den Sitzreihen
gelagerten Bildungsmenschen den Blick stumpf und unempfindlich zu machen. Die
Form des griechischen Theaters erinnert an ein einsames Gebirgsthal: die
Architektur der Scene erscheint wie ein leuchtendes Wolkenbild, welches die im
Gebirge herumschwärmenden Bacchen von der Höhe aus erblicken, als die herrliche
Umrahmung, in deren Mitte ihnen das Bild des Dionysus offenbar wird.
Jene künstlerische
Urerscheinung, die wir hier zur Erklärung des Tragödienchors zur Sprache
bringen, ist, bei unserer gelehrtenhaften Anschauung über die elementaren
künstlerischen Prozesse, fast anstössig; während nichts ausgemachter sein kann,
als dass der Dichter nur dadurch Dichter ist, dass er von Gestalten sich
umringt sieht, die vor ihm leben und handeln und in deren innerstes Wesen er
hineinblickt. Durch eine eigenthümliche Schwäche der modernen Begabung sind wir
geneigt, uns das aesthetische Urphänomen zu complicirt und abstract
vorzustellen. Die Metapher ist für den ächten Dichter nicht eine rhetorische
Figur, sondern ein stellvertretendes Bild, das ihm wirklich, an Stelle eines
Begriffes, vorschwebt. Der Character ist für ihn nicht etwas aus
zusammengesuchten Einzelzügen componirtes Ganzes, sondern eine vor seinen Augen
aufdringlich lebendige Person, die von der gleichen Vision des Malers sich nur
durch das fortwährende Weiterleben und Weiterhandeln unterscheidet. Wodurch
schildert Homer so viel anschaulicher als alle Dichter? Weil er um so viel mehr
anschaut. Wir reden über Poesie so abstract, weil wir alle schlechte Dichter zu
sein pflegen. Im Grunde ist das aesthetische Phänomen einfach; man habe nur die
Fähigkeit, fortwährend ein lebendiges Spiel zu sehen und immerfort von
Geisterschaaren umringt zu leben, so ist man Dichter; man fühle nur den Trieb,
sich selbst zu verwandeln und aus anderen Leibern und Seelen herauszureden, so
ist man Dramatiker.
Die dionysische
Erregung ist im Stande, einer ganzen Masse diese künstlerische Begabung
mitzutheilen, sich von einer solchen Geisterschaar umringt zu sehen, mit der
sie sich innerlich eins weiss. Dieser Prozess des Tragödienchors ist das
dramatische Urphänomen: sich selbst vor sich verwandelt zu sehen und jetzt zu
handeln, als ob man wirklich in einen andern Leib, in einen andern Charakter
eingegangen wäre. Dieser Prozess steht an dem Anfang der Entwickelung des
Dramas. Hier ist etwas Anderes als der Rhapsode, der mit seinen Bildern nicht
verschmilzt, sondern sie, dem Maler ähnlich, mit betrachtendem Auge ausser sich
sieht; hier ist bereits ein Aufgeben des Individuums durch Einkehr in eine
fremde Natur. Und zwar tritt dieses Phänomen epidemisch auf: eine ganze Schaar
fühlt sich in dieser Weise verzaubert. Der Dithyramb ist deshalb wesentlich von
jedem anderen Chorgesange unterschieden. Die Jungfrauen, die, mit
Lorbeerzweigen in der Hand, feierlich zum Tempel des Apollo ziehn und dabei ein
Prozessionslied singen, bleiben, wer sie sind, und behalten ihren bürgerlichen
Namen: der dithyrambische Chor ist ein Chor von Verwandelten, bei denen ihre
bürgerliche Vergangenheit, ihre sociale Stellung völlig vergessen ist: sie sind
die zeitlosen, ausserhalb aller Gesellschaftssphären lebenden Diener ihres
Gottes geworden. Alle andere Chorlyrik der Hellenen ist nur eine ungeheure
Steigerung des apollinischen Einzelsängers; während im Dithyramb eine Gemeinde
von unbewussten Schauspielern vor uns steht, die sich selbst unter einander als
verwandelt ansehen.
Die Verzauberung
ist die Voraussetzung aller dramatischen Kunst. In dieser Verzauberung sieht sich
der dionysische Schwärmer als Satyr, und als Satyr wiederum schaut er den Gott
d.h. er sieht in seiner Verwandlung eine neue Vision ausser sich, als
apollinische Vollendung seines Zustandes. Mit dieser neuen Vision ist das Drama
vollständig.
Nach dieser
Erkenntniss haben wir die griechische Tragödie als den dionysischen Chor zu
verstehen, der sich immer von neuem wieder in einer apollinischen Bilderwelt
entladet. Jene Chorpartien, mit denen die Tragödie durchflochten ist, sind also
gewissermaassen der Mutterschooss des ganzen sogenannten Dialogs d. h. der
gesammten Bühnenwelt, des eigentlichen Dramas. In mehreren auf einander
folgenden Entladungen strahlt dieser Urgrund der Tragödie jene Vision des
Dramas aus: die durchaus Traumerscheinung und insofern epischer Natur ist,
andrerseits aber, als Objectivation eines dionysischen Zustandes, nicht die
apollinische Erlösung im Scheine, sondern im Gegentheil das Zerbrechen des
Individuums und sein Einswerden mit dem Ursein darstellt. Somit ist das Drama
die apollinische Versinnlichung dionysischer Erkenntnisse und Wirkungen und
dadurch wie durch eine ungeheure Kluft vom Epos abgeschieden.
Der Chor der
griechischen Tragödie, das Symbol der gesammten dionysisch erregten Masse,
findet an dieser unserer Auffassung seine volle Erklärung. Während wir, mit der
Gewöhnung an die Stellung eines Chors auf der modernen Bühne, zumal eines
Opernchors, gar nicht begreifen konnten, wie jener tragische Chor der Griechen
älter, ursprünglicher, ja wichtiger sein sollte, als die eigentliche “Action”,
- wie dies doch so deutlich überliefert war - während wir wiederum mit jener
überlieferten hohen Wichtigkeit und Ursprünglichkeit nicht reimen konnten,
warum er doch nur aus niedrigen dienenden Wesen, ja zuerst nur aus bocksartigen
Satyrn zusammengesetzt worden sei, während uns die Orchestra vor der Scene
immer ein Räthsel blieb, sind wir jetzt zu der Einsicht gekommen, dass die
Scene sammt der Action im Grunde und ursprünglich nur als Vision gedacht wurde,
dass die einzige “Realität” eben der Chor ist, der die Vision aus sich erzeugt
und von ihr mit der ganzen Symbolik des Tanzes, des Tones und des Wortes redet.
Dieser Chor schaut in seiner Vision seinen Herrn und Meister Dionysus und ist
darum ewig der dienende Chor: er sieht, wie dieser, der Gott, leidet und sich
verherrlicht, und handelt deshalb selbst nicht. Bei dieser, dem Gotte gegenüber
durchaus dienenden Stellung ist er doch der höchste, nämlich dionysische
Ausdruck der Natur und redet darum, wie diese, in der Begeisterung Orakel- und
Weisheitssprüche: als der mitleidende ist er zugleich der weise, aus dem Herzen
der Welt die Wahrheit verkündende. So entsteht denn jene phantastische und so
anstössig scheinende Figur des weisen und begeisterten Satyrs, der zugleich
“der tumbe Mensch” im Gegensatz zum Gotte ist: Abbild der Natur und ihrer
stärksten Triebe, ja Symbol derselben und zugleich Verkünder ihrer Weisheit und
Kunst: Musiker, Dichter, Tänzer, Geisterseher in einer Person.
Dionysus, der
eigentliche Bühnenheld und Mittelpunkt der Vision, ist gemäss dieser
Erkenntniss und gemäss der Ueberlieferung, zuerst, in der allerältesten Periode
der Tragödie, nicht wahrhaft vorhanden, sondern wird nur als vorhanden
vorgestellt: d. h. ursprünglich ist die Tragödie nur “Chor” und nicht “Drama”. Später
wird nun der Versuch gemacht, den Gott als einen realen zu zeigen und die
Visionsgestalt sammt der verklärenden Umrahmung als jedem Auge sichtbar
darzustellen; damit beginnt das “Drama” im engeren Sinne. Jetzt bekommt der
dithyrambische Chor die Aufgabe, die Stimmung der Zuhörer bis zu dem Grade
dionysisch anzuregen, dass sie, wenn der tragische Held auf der Bühne
erscheint, nicht etwa den unförmlich maskirten Menschen sehen, sondern eine
gleichsam aus ihrer eignen Verzückung geborene Visionsgestalt. Denken wir uns
Admet mit tiefem Sinnen seiner jüngst abgeschiedenen Gattin Alcestis gedenkend
und ganz im geistigen Anschauen derselben sich verzehrend - wie ihm nun
plötzlich ein ähnlich gestaltetes, ähnlich schreitendes Frauenbild in
Verhüllung entgegengeführt wird: denken wir uns seine plötzliche zitternde
Unruhe, sein stürmisches Vergleichen, seine instinctive Ueberzeugung - so haben
wir ein Analogon zu der Empfindung, mit der der dionysisch erregte Zuschauer
den Gott auf der Bühne heranschreiten sah, mit dessen Leiden er bereits eins
geworden ist. Unwillkürlich übertrug er das ganze magisch vor seiner Seele
zitternde Bild des Gottes auf jene maskirte Gestalt und löste ihre Realität
gleichsam in eine geisterhafte Unwirklichkeit auf. Dies ist der apollinische
Traumeszustand, in dem die Welt des Tages sich verschleiert und eine neue Welt,
deutlicher, verständlicher, ergreifender als jene und doch schattengleicher, in
fortwährendem Wechsel sich unserem Auge neu gebiert. Demgemäss erkennen wir in
der Tragödie einen durchgreifenden Stilgegensatz: Sprache, Farbe,
Beweglichkeit, Dynamik der Rede treten in der dionysischen Lyrik des Chors und
andrerseits in der apollinischen Traumwelt der Scene als völlig gesonderte
Sphären des Ausdrucks aus einander. Die apollinischen Erscheinungen, in denen
sich Dionysus objectivirt, sind nicht mehr “ein ewiges Meer, ein wechselnd
Weben, ein glühend Leben”, wie es die Musik des Chors ist, nicht mehr jene nur
empfundenen, nicht zum Bilde verdichteten Kräfte, in denen der begeisterte
Dionysusdiener die Nähe des Gottes spürt: jetzt spricht, von der Scene aus, die
Deutlichkeit und Festigkeit der epischen Gestaltung zu ihm, jetzt redet
Dionysus nicht mehr durch Kräfte, sondern als epischer Held, fast mit der
Sprache Homers.
9
Alles, was im
apollinischen Theile der griechischen Tragödie, im Dialoge, auf die Oberfläche
kommt, sieht einfach, durchsichtig, schön aus. In diesem Sinne ist der Dialog
ein Abbild des Hellenen, dessen Natur sich im Tanze offenbart, weil im Tanze
die grösste Kraft nur potenziell ist, aber sich in der Geschmeidigkeit und
Ueppigkeit der Bewegung verräth. So überrascht uns die Sprache der
sophokleischen Helden durch ihre apollinische Bestimmtheit und Helligkeit, so
dass wir sofort bis in den innersten Grund ihres Wesens zu blicken wähnen, mit
einigem Erstaunen, dass der Weg bis zu diesem Grunde so kurz ist. Sehen wir
aber einmal von dem auf die Oberfläche kommenden und sichtbar werdenden
Charakter des Helden ab - der im Grunde nichts mehr ist als das auf eine dunkle
Wand geworfene Lichtbild d. h. Erscheinung durch und durch - dringen wir
vielmehr in den Mythus ein, der in diesen hellen Spiegelungen sich projicirt,
so erleben wir plötzlich ein Phänomen, das ein umgekehrtes Verhältniss zu einem
bekannten optischen hat. Wenn wir bei einem kräftigen Versuch, die Sonne in’s
Auge zu fassen, uns geblendet abwenden, so haben wir dunkle farbige Flecken
gleichsam als Heilmittel vor den Augen: umgekehrt sind jene
Lichtbilderscheinungen des sophokleischen Helden, kurz das Apollinische der
Maske, nothwendige Erzeugungen eines Blickes in’s Innere und Schreckliche der
Natur, gleichsam leuchtende Flecken zur Heilung des von grausiger Nacht
versehrten Blickes. Nur in diesem Sinne dürfen wir glauben, den ernsthaften und
bedeutenden Begriff der “griechischen Heiterkeit” richtig zu fassen; während
wir allerdings den falsch verstandenen Begriff dieser Heiterkeit im Zustande
ungefährdeten Behagens auf allen Wegen und Stegen der Gegenwart antreffen.
Die leidvollste
Gestalt der griechischen Bühne, der unglückselige Oedipus, ist von Sophokles
als der edle Mensch verstanden worden, der zum Irrthum und zum Elend trotz
seiner Weisheit bestimmt ist, der aber am Ende durch sein ungeheures Leiden
eine magische segensreiche Kraft um sich ausübt, die noch über sein Verscheiden
hinaus wirksam ist. Der edle Mensch sündigt nicht, will uns der tiefsinnige
Dichter sagen: durch sein Handeln mag jedes Gesetz, jede natürliche Ordnung, ja
die sittliche Welt zu Grunde gehen, eben durch dieses Handeln wird ein höherer
magischer Kreis von Wirkungen gezogen, die eine neue Welt auf den Ruinen der
umgestürzten alten gründen. Das will uns der Dichter, insofern er zugleich
religiöser Denker ist, sagen: als Dichter zeigt er uns zuerst einen wunderbar
geschürzten Prozessknoten, den der Richter langsam, Glied für Glied, zu seinem
eigenen Verderben löst; die echt hellenische Freude an dieser dialektischen
Lösung ist so gross, dass hierdurch ein Zug von überlegener Heiterkeit über das
ganze Werk kommt, der den schauderhaften Voraussetzungen jenes Prozesses
überall die Spitze abbricht. Im “Oedipus auf Kolonos” treffen wir diese selbe
Heiterkeit, aber in eine unendliche Verklärung emporgehoben; dem vom
Uebermaasse des Elends betroffenen Greise gegenüber, der allem, was ihn betrifft,
rein als Leidender preisgegeben ist - steht die überirdische Heiterkeit, die
aus göttlicher Sphäre herniederkommt und uns andeutet, dass der Held in seinem
rein passiven Verhalten seine höchste Activität erlangt, die weit über sein
Leben hinausgreift, während sein bewusstes Tichten und Trachten im früheren
Leben ihn nur zur Passivität geführt hat. So wird der für das sterbliche Auge
unauflöslich verschlungene Prozessknoten der Oedipusfabel langsam entwirrt -
und die tiefste menschliche Freude überkommt uns bei diesem göttlichen
Gegenstück der Dialektik. Wenn wir mit dieser Erklärung dem Dichter gerecht
geworden sind, so kann doch immer noch gefragt werden, ob damit der Inhalt des
Mythus erschöpft ist: und hier zeigt sich, dass die ganze Auffassung des Dichters
nichts ist als eben jenes Lichtbild, welches uns, nach einem Blick in den
Abgrund, die heilende Natur vorhält. Oedipus der Mörder seines Vaters, der
Gatte seiner Mutter, Oedipus der Räthsellöser der Sphinx! Was sagt uns die
geheimnissvolle Dreiheit dieser Schicksalsthaten? Es giebt einen uralten,
besonders persischen Volksglauben, dass ein weiser Magier nur aus Incest
geboren werden könne: was wir uns, im Hinblick auf den räthsellösenden und
seine Mutter freienden Oedipus, sofort so zu interpretiren haben, dass dort, wo
durch weissagende und magische Kräfte der Bann von Gegenwart und Zukunft, das
starre Gesetz der Individuation, und überhaupt der eigentliche Zauber der Natur
gebrochen ist, eine ungeheure Naturwidrigkeit - wie dort der Incest - als Ursache
vorausgegangen sein muss; denn wie könnte man die Natur zum Preisgeben ihrer
Geheimnisse zwingen, wenn nicht dadurch, dass man ihr siegreich widerstrebt, d.
h. durch das Unnatürliche? Diese Erkenntniss sehe ich in jener entsetzlichen
Dreiheit der Oedipusschicksale ausgeprägt: derselbe, der das Räthsel der Natur
- jener doppeltgearteten Sphinx - löst, muss auch als Mörder des Vaters und
Gatte der Mutter die heiligsten Naturordnungen zerbrechen. Ja, der Mythus
scheint uns zuraunen zu wollen, dass die Weisheit und gerade die dionysische
Weisheit ein naturwidriger Greuel sei, dass der, welcher durch sein Wissen die
Natur in den Abgrund der Vernichtung stürzt, auch an sich selbst die Auflösung
der Natur zu erfahren habe. “Die Spitze der Weisheit kehrt sich gegen den
Weisen: Weisheit ist ein Verbrechen an der Natur”: solche schreckliche Sätze
ruft uns der Mythus zu: der hellenische Dichter aber berührt wie ein
Sonnenstrahl die erhabene und furchtbare Memnonssäule des Mythus, so dass er
plötzlich zu tönen beginnt - in sophokleischen Melodieen!
Der Glorie der
Passivität stelle ich jetzt die Glorie der Activität gegenüber, welche den
Prometheus des Aeschylus umleuchtet. Was uns hier der Denker Aeschylus zu sagen
hatte, was er aber als Dichter durch sein gleichnissartiges Bild uns nur ahnen
lässt, das hat uns der jugendliche Goethe in den verwegenen Worten seines
Prometheus zu enthüllen gewusst:
“Hier sitz ich, forme Menschen
Nach
meinem Bilde,
Ein
Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu
leiden, zu weinen,
Zu
geniessen und zu freuen sich
Und
dein nicht zu achten,
Wie
ich!”
Der Mensch, in’s
Titanische sich steigernd, erkämpft sich selbst seine Cultur und zwingt die
Götter sich mit ihm zu verbinden, weil er in seiner selbsteignen Weisheit die
Existenz und die Schranken derselben in seiner Hand hat. Das Wunderbarste an
jenem Prometheusgedicht, das seinem Grundgedanken nach der eigentliche Hymnus
der Unfrömmigkeit ist, ist aber der tiefe aeschyleische Zug nach Gerechtigkeit:
das unermessliche Leid des kühnen “Einzelnen” auf der einen Seite, und die
göttliche Noth, ja Ahnung einer Götterdämmerung auf der andern, die zur
Versöhnung, zum metaphysischen Einssein zwingende Macht jener beiden
Leidenswelten - dies alles erinnert auf das Stärkste an den Mittelpunkt und
Hauptsatz der aeschyleischen Weltbetrachtung, die über Göttern und Menschen die
Moira als ewige Gerechtigkeit thronen sieht. Bei der erstaunlichen Kühnheit,
mit der Aeschylus die olympische Welt auf seine Gerechtigkeitswagschalen
stellt, müssen wir uns vergegenwärtigen, dass der tiefsinnige Grieche einen
unverrückbar festen Untergrund des metaphysischen Denkens in seinen Mysterien
hatte, und dass sich an den Olympiern alle seine skeptischen Anwandelungen
entladen konnten. Der griechische Künstler insbesondere empfand im Hinblick auf
diese Gottheiten ein dunkles Gefühl wechselseitiger Abhängigkeit: und gerade im
Prometheus des Aeschylus ist dieses Gefühl symbolisirt. Der titanische Künstler
fand in sich den trotzigen Glauben, Menschen schaffen und olympische Götter
wenigstens vernichten zu können: und dies durch seine höhere Weisheit, die er
freilich durch ewiges Leiden zu büssen gezwungen war. Das herrliche “Können”
des grossen Genius, das selbst mit ewigem Leide zu gering bezahlt ist, der
herbe Stolz des Künstlers - das ist Inhalt und Seele der aeschyleischen
Dichtung, während Sophokles in seinem Oedipus das Siegeslied des Heiligen
präludirend anstimmt. Aber auch mit jener Deutung, die Aeschylus dem Mythus
gegeben hat, ist dessen erstaunliche Schreckenstiefe nicht ausgemessen: vielmehr
ist die Werdelust des Künstlers, die jedem Unheil trotzende Heiterkeit des
künstlerischen Schaffens nur ein lichtes Wolken- und Himmelsbild, das sich auf
einem schwarzen See der Traurigkeit spiegelt. Die Prometheussage ist ein
ursprüngliches Eigenthum der gesammten arischen Völkergemeinde und ein Document
für deren Begabung zum Tiefsinnig-Tragischen, ja es möchte nicht ohne
Wahrscheinlichkeit sein, dass diesem Mythus für das arische Wesen eben dieselbe
charakteristische Bedeutung innewohnt, die der Sündenfallmythus für das
semitische hat, und dass zwischen beiden Mythen ein Verwandtschaftsgrad
existiert, wie zwischen Bruder und Schwester. Die Voraussetzung jenes
Prometheusmythus ist der überschwängliche Werth, den eine naive Menschheit dem
Feuer beilegt als dem wahren Palladium jeder aufsteigenden Cultur: dass aber
der Mensch frei über das Feuer waltet und es nicht nur durch ein Geschenk vom
Himmel, als zündenden Blitzstrahl oder wärmenden Sonnenbrand empfängt, erschien
jenen beschaulichen Ur-Menschen als ein Frevel, als ein Raub an der göttlichen
Natur. Und so stellt gleich das erste philosophische Problem einen peinlichen
unlösbaren Widerspruch zwischen Mensch und Gott hin und rückt ihn wie einen
Felsblock an die Pforte jeder Cultur. Das Beste und Höchste, dessen die
Menschheit theilhaftig werden kann, erringt sie durch einen Frevel und muss nun
wieder seine Folgen dahinnehmen, nämlich die ganze Fluth von Leiden und von
Kümmernissen mit denen die beleidigten Himmlischen das edel emporstrebende Menschengeschlecht
heimsuchen - müssen: ein herber Gedanke, der durch die Würde, die er dem Frevel
ertheilt, seltsam gegen den semitischen Sündenfallmythus absticht, in welchem
die Neugierde, die lügnerische Vorspiegelung, die Verführbarkeit, die
Lüsternheit, kurz eine Reihe vornehmlich weiblicher Affectionen als der
Ursprung des Uebels angesehen wurde. Das, was die arische Vorstellung
auszeichnet, ist die erhabene Ansicht von der activen Sünde als der eigentlich
prometheischen Tugend: womit zugleich der ethische Untergrund der
pessimistischen Tragödie gefunden ist, als die Rechtfertigung des menschlichen
Uebels, und zwar sowohl der menschlichen Schuld, als des dadurch verwirkten
Leidens. Das Unheil im Wesen der Dinge - das der beschauliche Arier nicht
geneigt ist wegzudeuteln -, der Widerspruch im Herzen der Welt offenbart sich
ihm als ein Durcheinander verschiedener Welten, z.B. einer göttlichen und einer
menschlichen, von denen jede als Individuum im Recht ist, aber als einzelne
neben einer andern für ihre Individuation zu leiden hat. Bei dem heroischen
Drange des Einzelnen ins Allgemeine, bei dem Versuche über den Bann der
Individuation hinauszuschreiten und das eine Weltwesen selbst sein zu wollen,
erleidet er an sich den in den Dingen verborgenen Urwiderspruch d. h. er
frevelt und leidet. So wird von den Ariern der Frevel als Mann, von den Semiten
die Sünde als Weib verstanden, so wie auch der Urfrevel vom Manne, die Ursünde
vom Weibe begangen wird. Uebrigens sagt der Hexenchor:
“Wir nehmen das nicht so genau:
Mit
tausend Schritten macht’s die Frau;
Doch
wie sie auch sich eilen kann,
Mit
einem Sprunge macht’s der Mann”.
Wer jenen innersten
Kern der Prometheussage versteht - nämlich die dem titanisch strebenden
Individuum gebotene Nothwendigkeit des Frevels - der muss auch zugleich das
Unapollinische dieser pessimistischen Vorstellung empfinden; denn Apollo will
die Einzelwesen gerade dadurch zur Ruhe bringen, dass er Grenzlinien zwischen
ihnen zieht und dass er immer wieder an diese als an die heiligsten Weltgesetze
mit seinen Forderungen der Selbsterkenntniss und des Maasses erinnert. Damit
aber bei dieser apollinischen Tendenz die Form nicht zu ägyptischer Steifigkeit
und Kälte erstarre, damit nicht unter dem Bemühen, der einzelnen Welle ihre
Bahn und ihr Bereich vorzuschreiben, die Bewegung des ganzen See’s ersterbe,
zerstörte von Zeit zu Zeit wieder die hohe Fluth des Dionysischen alle jene
kleinen Zirkel, in die der einseitig apollinische “Wille” das Hellenenthum zu
bannen suchte. Jene plötzlich anschwellende Fluth des Dionysischen nimmt dann
die einzelnen kleinen Wellenberge der Individuen auf ihren Rücken, wie der
Bruder des Prometheus, der Titan Atlas, die Erde. Dieser titanische Drang,
gleichsam der Atlas aller Einzelnen zu werden und sie mit breitem Rücken höher
und höher, weiter und weiter zu tragen, ist das Gemeinsame zwischen dem
Prometheischen und dem Dionysischen. Der aeschyleische Prometheus ist in diesem
Betracht eine dionysische Maske, während in jenem vorhin erwähnten tiefen Zuge
nach Gerechtigkeit Aeschylus seine väterliche Abstammung von Apollo, dem Gotte
der Individuation und der Gerechtigkeitsgrenzen, dem Einsichtigen verräth. Und
so möchte das Doppelwesen des aeschyleischen Prometheus, seine zugleich
dionysische und apollinische Natur in begrifflicher Formel so ausgedrückt
werden können: “Alles Vorhandene ist gerecht und ungerecht und in beidem gleich
berechtigt.”
Das ist deine Welt!
Das heisst eine Welt! -
10
Es ist eine
unanfechtbare Ueberlieferung, dass die griechische Tragödie in ihrer ältesten
Gestalt nur die Leiden des Dionysus zum Gegenstand hatte und dass der längere
Zeit hindurch einzig vorhandene Bühnenheld eben Dionysus war. Aber mit der
gleichen Sicherheit darf behauptet werden, dass niemals bis auf Euripides
Dionysus aufgehört hat, der tragische Held zu sein, sondern dass alle die
berühmten Figuren der griechischen Bühne Prometheus, Oedipus u. s. w. nur
Masken jenes ursprünglichen Helden Dionysus sind. Dass hinter allen diesen
Masken eine Gottheit steckt, das ist der eine wesentliche Grund für die so oft
angestaunte typische “Idealität” jener berühmten Figuren. Es hat ich weiss
nicht wer behauptet, dass alle Individuen als Individuen komisch und damit
untragisch seien: woraus zu entnehmen wäre, dass die Griechen überhaupt
Individuen auf der tragischen Bühne nicht ertragen konnten. In der That
scheinen sie so empfunden zu haben: wie überhaupt jene platonische
Unterscheidung und Werthabschätzung der “Idee” im Gegensatze zum “Idol”, zum
Abbild tief im hellenischen Wesen begründet liegt. Um uns aber der Terminologie
Plato’s zu bedienen, so wäre von den tragischen Gestalten der hellenischen
Bühne etwa so zu reden: der eine wahrhaft reale Dionysus erscheint in einer
Vielheit der Gestalten, in der Maske eines kämpfenden Helden und gleichsam in das
Netz des Einzelwillens verstrickt. So wie jetzt der erscheinende Gott redet und
handelt, ähnelt er einem irrenden strebenden leidenden Individuum: und dass er
überhaupt mit dieser epischen Bestimmtheit und Deutlichkeit erscheint, ist die
Wirkung des Traumdeuters Apollo, der dem Chore seinen dionysischen Zustand
durch jene gleichnissartige Erscheinung deutet. In Wahrheit aber ist jener Held
der leidende Dionysus der Mysterien, jener die Leiden der Individuation an sich
erfahrende Gott, von dem wundervolle Mythen erzählen, wie er als Knabe von den
Titanen zerstückelt worden sei und nun in diesem Zustande als Zagreus verehrt
werde: wobei angedeutet wird, dass diese Zerstückelung, das eigentlich
dionysische Leiden, gleich einer Umwandlung in Luft, Wasser, Erde und Feuer
sei, dass wir also den Zustand der Individuation als den Quell und Urgrund
alles Leidens, als etwas an sich Verwerfliches, zu betrachten hätten. Aus dem
Lächeln dieses Dionysus sind die olympischen Götter, aus seinen Thränen die
Menschen entstanden. In jener Existenz als zerstückelter Gott hat Dionysus die
Doppelnatur eines grausamen verwilderten Dämons und eines milden sanftmüthigen
Herrschers. Die Hoffnung der Epopten ging aber auf eine Wiedergeburt des
Dionysus, die wir jetzt als das Ende der Individuation ahnungsvoll zu begreifen
haben: diesem kommenden dritten Dionysus erscholl der brausende Jubelgesang der
Epopten. Und nur in dieser Hoffnung giebt es einen Strahl von Freude auf dem
Antlitze der zerrissenen, in Individuen zertrümmerten Welt: wie es der Mythus
durch die in ewige Trauer versenkte Demeter verbildlicht, welche zum ersten
Male wieder sich freut, als man ihr sagt, sie könne den Dionysus nocheinmal
gebären. In den angeführten Anschauungen haben wir bereits alle Bestandtheile
einer tiefsinnigen und pessimistischen Weltbetrachtung und zugleich damit die
Mysterienlehre der Tragödie zusammen: die Grunderkenntniss von der Einheit
alles Vorhandenen, die Betrachtung der Individuation als des Urgrundes des
Uebels, die Kunst als die freudige Hoffnung, dass der Bann der Individuation zu
zerbrechen sei, als die Ahnung einer wiederhergestellten Einheit. -
Es ist früher
angedeutet worden, dass das homerische Epos die Dichtung der olympischen Cultur
ist, mit der sie ihr eignes Siegeslied über die Schrecken des Titanenkampfes
gesungen hat. Jetzt, unter dem übermächtigen Einflusse der tragischen Dichtung,
werden die homerischen Mythen von Neuem umgeboren und zeigen in dieser
Metempsychose, dass inzwischen auch die olympische Cultur von einer noch tieferen
Weltbetrachtung besiegt worden ist. Der trotzige Titan Prometheus hat es seinem
olympischen Peiniger angekündigt, dass einst seiner Herrschaft die höchste
Gefahr drohe, falls er nicht zur rechten Zeit sich mit ihm verbinden werde. In
Aeschylus erkennen wir das Bündniss des erschreckten, vor seinem Ende bangenden
Zeus mit dem Titanen. So wird das frühere Titanenzeitalter nachträglich wieder
aus dem Tartarus ans Licht geholt. Die Philosophie der wilden und nackten Natur
schaut die vorübertanzenden Mythen der homerischen Welt mit der unverhüllten
Miene der Wahrheit an: sie erbleichen, sie zittern vor dem blitzartigen Auge
dieser Göttin - bis sie die mächtige Faust des dionysischen Künstlers in den
Dienst der neuen Gottheit zwingt. Die dionysische Wahrheit übernimmt das
gesammte Bereich des Mythus als Symbolik ihrer Erkenntnisse und spricht diese
theils in dem öffentlichen Cultus der Tragödie, theils in den geheimen
Begehungen dramatischer Mysterienfeste, aber immer unter der alten mythischen
Hülle aus. Welche Kraft war dies, die den Prometheus von seinen Geiern befreite
und den Mythus zum Vehikel dionysischer Weisheit umwandelte? Dies ist die
heraklesmässige Kraft der Musik: als welche, in der Tragödie zu ihrer höchsten
Erscheinung gekommen, den Mythus mit neuer tiefsinnigster Bedeutsamkeit zu
interpretiren weiss; wie wir dies als das mächtigste Vermögen der Musik früher
schon zu charakterisiren hatten. Denn es ist das Loos jedes Mythus, allmählich
in die Enge einer angeblich historischen Wirklichkeit hineinzukriechen und von
irgend einer späteren Zeit als einmaliges Factum mit historischen Ansprüchen
behandelt zu werden: und die Griechen waren bereits völlig auf dem Wege, ihren
ganzen mythischen Jugendtraum mit Scharfsinn und Willkür in eine historisch-pragmatische
Jugendgeschichte umzustempeln. Denn dies ist die Art, wie Religionen
abzusterben pflegen: wenn nämlich die mythischen Voraussetzungen einer Religion
unter den strengen, verstandesmässigen Augen eines rechtgläubigen Dogmatismus
als eine fertige Summe von historischen Ereignissen systematisirt werden und
man anfängt, ängstlich die Glaubwürdigkeit der Mythen zu vertheidigen, aber
gegen jedes natürliche Weiterleben und Weiterwuchern derselben sich zu
sträuben, wenn also das Gefühl für den Mythus abstirbt und an seine Stelle der
Anspruch der Religion auf historische Grundlagen tritt. Diesen absterbenden
Mythus ergriff jetzt der neugeborne Genius der dionysischen Musik: und in
seiner Hand blühte er noch einmal, mit Farben, wie er sie noch nie gezeigt, mit
einem Duft, der eine sehnsüchtige Ahnung einer metaphysischen Welt erregte.
Nach diesem letzten Aufglänzen fällt er zusammen, seine Blätter werden welk,
und bald haschen die spöttischen Luciane des Alterthums nach den von allen
Winden fortgetragnen, entfärbten und verwüsteten Blumen. Durch die Tragödie
kommt der Mythus zu seinem tiefsten Inhalt, seiner ausdrucksvollsten Form; noch
einmal erhebt er sich, wie ein verwundeter Held, und der ganze Ueberschuss von
Kraft, sammt der weisheitsvollen Ruhe des Sterbenden, brennt in seinem Auge mit
letztem, mächtigem Leuchten.
Was wolltest du,
frevelnder Euripides, als du diesen Sterbenden noch einmal zu deinem
Frohndienste zu zwingen suchtest? Er starb unter deinen gewaltsamen Händen: und
jetzt brauchtest du einen nachgemachten, maskirten Mythus, der sich wie der
Affe des Herakles mit dem alten Prunke nur noch aufzuputzen wußte. Und wie dir
der Mythus starb, so starb dir auch der Genius der Musik: mochtest du auch mit
gierigem Zugreifen alle Gärten der Musik plündern, auch so brachtest du es nur
zu einer nachgemachten maskirten Musik. Und weil du Dionysus verlassen, so
verliess dich auch Apollo; jage alle Leidenschaften von ihrem Lager auf und
banne sie in deinen Kreis, spitze und feile dir für die Reden deiner Helden eine
sophistische Dialektik zurecht - auch deine Helden haben nur nachgeahmte
maskirte Leidenschaften und sprechen nur nachgeahmte maskirte Reden.
11
Die griechische
Tragödie ist anders zu Grunde gegangen als sämmtliche ältere schwesterliche
Kunstgattungen: sie starb durch Selbstmord, in Folge eines unlösbaren
Conflictes, also tragisch, während jene alle in hohem Alter des schönsten und
ruhigsten Todes verblichen sind. Wenn es nämlich einem glücklichen
Naturzustande gemäss ist, mit schöner Nachkommenschaft und ohne Krampf vom
Leben zu scheiden, so zeigt uns das Ende jener älteren Kunstgattungen einen
solchen glücklichen Naturzustand: sie tauchen langsam unter, und vor ihren
ersterbenden Blicken steht schon ihr schönerer Nachwuchs und reckt mit muthiger
Gebärde ungeduldig das Haupt. Mit dem Tode der griechischen Tragödie dagegen
entstand eine ungeheure, überall tief empfundene Leere; wie einmal griechische
Schiffer zu Zeiten des Tiberius an einem einsamen Eiland den erschütternden
Schrei hörten “der grosse Pan ist todt”: so klang es jetzt wie ein
schmerzlicher Klageton durch die hellenische Welt: “die Tragödie ist todt! Die
Poesie selbst ist mit ihr verloren gegangen! Fort, fort mit euch verkümmerten,
abgemagerten Epigonen! Fort in den Hades, damit ihr euch dort an den Brosamen
der vormaligen Meister einmal satt essen könnt!”
Als aber nun doch
noch eine neue Kunstgattung aufblühte, die in der Tragödie ihre Vorgängerin und
Meisterin verehrte, da war mit Schrecken wahrzunehmen, dass sie allerdings die
Züge ihrer Mutter trage, aber dieselben, die jene in ihrem langen Todeskampfe
gezeigt hatte. Diesen Todeskampf der Tragödie kämpfte Euripides; jene spätere
Kunstgattung ist als neue reattische Komödie bekannt. In ihr lebte die
entartete Gestalt der Tragödie fort, zum Denkmale ihres überaus mühseligen und
gewaltsamen Hinscheidens.
Bei diesem
Zusammenhange ist die leidenschaftliche Zuneigung begreiflich, welche die
Dichter der neueren Komödie zu Euripides empfanden; so dass der Wunsch des
Philemon nicht weiter befremdet, der sich sogleich aufhängen lassen mochte, nur
um den Euripides in der Unterwelt aufsuchen zu können: wenn er nur überhaupt
überzeugt sein dürfte, dass der Verstorbene auch jetzt noch bei Verstande sei.
Will man aber in aller Kürze und ohne den Anspruch, damit etwas Erschöpfendes
zu sagen, dasjenige bezeichnen, was Euripides mit Menander und Philemon gemein
hat und was für jene so aufregend vorbildlich wirkte: so genügt es zu sagen,
dass der Zuschauer von Euripides auf die Bühne gebracht worden ist. Wer erkannt
hat, aus welchem Stoffe die prometheischen Tragiker vor Euripides ihre Helden
formten und wie ferne ihnen die Absicht lag, die treue Maske der Wirklichkeit
auf die Bühne zu bringen, der wird auch über die gänzlich abweichende Tendenz
des Euripides im Klaren sein. Der Mensch des alltäglichen Lebens drang durch
ihn aus den Zuschauerräumen auf die Scene, der Spiegel, in dem früher nur die
grossen und kühnen Züge zum Ausdruck kamen, zeigte jetzt jene peinliche Treue,
die auch die misslungenen Linien der Natur gewissenhaft wiedergiebt. Odysseus,
der typische Hellene der älteren Kunst, sank jetzt unter den Händen der neueren
Dichter zur Figur des Graeculus herab, der von jetzt ab als
gutmüthigverschmitzter Haussclave im Mittelpunkte des dramatischen Interesse’s
steht. Was Euripides sich in den aristophanischen “Fröschen” zum Verdienst
anrechnet, dass er die tragische Kunst durch seine Hausmittel von ihrer
pomphaften Beleibtheit befreit habe, das ist vor allem an seinen tragischen
Helden zu spüren. Im Wesentlichen sah und hörte jetzt der Zuschauer seinen
Doppelgänger auf der euripideischen Bühne und freute sich, dass jener so gut zu
reden verstehe. Bei dieser Freude blieb es aber nicht: man lernte selbst bei
Euripides sprechen, und dessen rühmt er sich selbst im Wettkampfe mit
Aeschylus: wie durch ihn jetzt das Volk kunstmässig und mit den schlausten
Sophisticationen zu beobachten, zu verhandeln und Folgerungen zu ziehen gelernt
habe. Durch diesen Umschwung der öffentlichen Sprache hat er überhaupt die
neuere Komödie möglich gemacht. Denn von jetzt ab war es kein Geheimniss mehr,
wie und mit welchen Sentenzen die Alltäglichkeit sich auf der Bühne vertreten
könne. Die bürgerliche Mittelmässigkeit, auf die Euripides alle seine
politischen Hoffnungen aufbaute, kam jetzt zu Wort, nachdem bis dahin in der
Tragödie der Halbgott, in der Komödie der betrunkene Satyr oder der Halbmensch
den Sprachcharakter bestimmt hatten. Und so hebt der aristophanische Euripides
zu seinem Preise hervor, wie er das allgemeine, allbekannte, alltägliche Leben
und Treiben dargestellt habe, über das ein Jeder zu urtheilen befähigt sei.
Wenn jetzt die ganze Masse philosophiere, mit unerhörter Klugheit Land und Gut
verwalte und ihre Prozesse führe, so sei dies sein Verdienst und der Erfolg der
von ihm dem Volke eingeimpften Weisheit.
An eine derartig
zubereitete und aufgeklärte Masse durfte sich jetzt die neuere Komödie wenden,
für die Euripides gewissermaassen der Chorlehrer geworden ist; nur dass diesmal
der Chor der Zuschauer eingeübt werden musste. Sobald dieser in der
euripideischen Tonart zu singen geübt war, erhob sich jene schachspielartige
Gattung des Schauspiels, die neuere Komödie mit ihrem fortwährenden Triumphe
der Schlauheit und Verschlagenheit. Euripides aber - der Chorlehrer - wurde unaufhörlich
gepriesen: ja man würde sich getödtet haben, um noch mehr von ihm zu lernen,
wenn man nicht gewusst hätte, dass die tragischen Dichter eben so todt seien
wie die Tragödie. Mit ihr aber hatte der Hellene den Glauben an seine
Unsterblichkeit aufgegeben, nicht nur den Glauben an eine ideale Vergangenheit,
sondern auch den Glauben an eine ideale Zukunft. Das Wort aus der bekannten
Grabschrift “als Greis leichtsinnig und grillig” gilt auch vom greisen
Hellenenthume. Der Augenblick, der Witz, der Leichtsinn, die Laune sind seine
höchsten Gottheiten; der fünfte Stand, der des Sclaven, kommt, wenigstens der
Gesinnung nach, jetzt zur Herrschaft: und wenn jetzt überhaupt noch von
“griechischer Heiterkeit” die Rede sein darf, so ist es die Heiterkeit des Sclaven,
der nichts Schweres zu verantworten, nichts Grosses zu erstreben, nichts
Vergangenes oder Zukünftiges höher zu schätzen weiss als das Gegenwärtige.
Dieser Schein der “griechischen Heiterkeit” war es, der die tiefsinnigen und
furchtbaren Naturen der vier ersten Jahrhunderte des Christenthums so empörte:
ihnen erschien diese weibische Flucht vor dem Ernst und dem Schrecken, dieses
feige Sichgenügenlassen am bequemen Genuss nicht nur verächtlich, sondern als
die eigentlich antichristliche Gesinnung. Und ihrem Einfluss ist es
zuzuschreiben, dass die durch Jahrhunderte fortlebende Anschauung des
griechischen Alterthums mit fast unüberwindlicher Zähigkeit jene blassrothe
Heiterkeitsfarbe festhielt - als ob es nie ein sechstes Jahrhundert mit seiner
Geburt der Tragödie, seinen Mysterien, seinen Pythagoras und Heraklit gegeben
hätte, ja als ob die Kunstwerke der grossen Zeit gar nicht vorhanden wären, die
doch - jedes für sich - aus dem Boden einer solchen greisenhaften und
sclavenmässigen Daseinslust und Heiterkeit gar nicht zu erklären sind und auf
eine völlig andere Weltbetrachtung als ihren Existenzgrund hinweisen.
Wenn zuletzt
behauptet wurde, dass Euripides den Zuschauer auf die Bühne gebracht habe, um
zugleich damit den Zuschauer zum Urtheil über das Drama erst wahrhaft zu
befähigen, so entsteht der Schein, als ob die ältere tragische Kunst aus einem
Missverhältniss zum Zuschauer nicht herausgekommen sei und man möchte versucht
sein, die radicale Tendenz des Euripides, ein entsprechendes Verhältniss zwischen
Kunstwerk und Publicum zu erzielen, als einen Fortschritt über Sophokles hinaus
zu preisen. Nun aber ist “Publicum” nur ein Wort und durchaus keine
gleichartige und in sich verharrende Grösse. Woher soll dem Künstler die
Verpflichtung kommen, sich einer Kraft zu accomodieren, die ihre Stärke nur in
der Zahl hat? Und wenn er sich, seiner Begabung und seinen Absichten nach, über
jeden einzelnen dieser Zuschauer erhaben fühlt, wie dürfte er vor dem
gemeinsamen Ausdruck aller dieser ihm untergeordneten Capacitäten mehr Achtung
empfinden als vor dem relativ am höchsten begabten einzelnen Zuschauer? In
Wahrheit hat kein griechischer Künstler mit grösserer Verwegenheit und
Selbstgenugsamkeit sein Publicum durch ein langes Leben hindurch behandelt als
gerade Euripides: er, der selbst da noch, als die Masse sich ihm zu Füssen
warf, in erhabenem Trotze seiner eigenen Tendenz öffentlich in’s Gesicht
schlug, derselben Tendenz, mit der er über die Masse gesiegt hatte. Wenn dieser
Genius die geringste Ehrfurcht vor dem Pandämonium des Publicums gehabt hätte,
so wäre er unter den Keulenschlägen seiner Misserfolge längst vor der Mitte
seiner Laufbahn zusammengebrochen. Wir sehen bei dieser Erwägung, dass unser
Ausdruck, Euripides habe den Zuschauer auf die Bühne gebracht, um den Zuschauer
wahrhaft urtheilsfähig zu machen, nur ein provisorischer war, und dass wir nach
einem tieferen Verständniss seiner Tendenz zu suchen haben. Umgekehrt ist es ja
allerseits bekannt, wie Aeschylus und Sophokles Zeit ihres Lebens, ja weit über
dasselbe hinaus, im Vollbesitze der Volksgunst standen, wie also bei diesen
Vorgängern des Euripides keineswegs von einem Missverhältniss zwischen
Kunstwerk und Publicum die Rede sein kann. Was trieb den reichbegabten und
unablässig zum Schaffen gedrängten Künstler so gewaltsam von dem Wege ab, über
dem die Sonne der grössten Dichternamen und der unbewölkte Himmel der
Volksgunst leuchteten? Welche sonderbare Rücksicht auf den Zuschauer führte ihn
dem Zuschauer entgegen? Wie konnte er aus zu hoher Achtung vor seinem Publicum
- sein Publicum missachten?
Euripides fühlte
sich - das ist die Lösung des eben dargestellten Räthsels - als Dichter wohl
über die Masse, nicht aber über, zwei seiner Zuschauer erhaben: die Masse brachte
er auf die Bühne, jene beiden Zuschauer verehrte er als die allein
urtheilsfähigen Richter und Meister aller seiner Kunst: ihren Weisungen und
Mahnungen folgend übertrug er die ganze Welt von Empfindungen, Leidenschaften
und Erfahrungen, die bis jetzt auf den Zuschauerbänken als unsichtbarer Chor zu
jeder Festvorstellung sich einstellten, in die Seelen seiner Bühnenhelden,
ihren Forderungen gab er nach, als er für diese neuen Charaktere auch das neue
Wort und den neuen Ton suchte, in ihren Stimmen allein hörte er die gültigen
Richtersprüche seines Schaffens eben so wie die siegverheissende Ermuthigung,
wenn er von der Justiz des Publicums sich wieder einmal verurtheilt sah.
Von diesen beiden
Zuschauern ist der eine - Euripides selbst, Euripides als Denker, nicht als
Dichter. Von ihm könnte man sagen, dass die ausserordentliche Fülle seines
kritischen Talentes, ähnlich wie bei Lessing, einen productiv künstlerischen
Nebentrieb wenn nicht erzeugt, so doch fortwährend befruchtet habe. Mit dieser
Begabung, mit aller Helligkeit und Behendigkeit seines kritischen Denkens hatte
Euripides im Theater gesessen und sich angestrengt, an den Meisterwerken seiner
grossen Vorgänger wie an dunkelgewordenen Gemälden Zug um Zug, Linie um Linie
wiederzuerkennen. Und hier nun war ihm begegnet, was dem in die tieferen
Geheimnisse der aeschyleischen Tragödie Eingeweihten nicht unerwartet sein
darf: er gewahrte etwas Incommensurables in jedem Zug und in jeder Linie, eine
gewisse täuschende Bestimmtheit und zugleich eine räthselhafte Tiefe, ja
Unendlichkeit des Hintergrundes. Die klarste Figur hatte immer noch einen
Kometenschweif an sich, der in’s Ungewisse, Unaufhellbare zu deuten schien.
Dasselbe Zwielicht lag über dem Bau des Drama’s, zumal über der Bedeutung des
Chors. Und wie zweifelhaft blieb ihm die Lösung der ethischen Probleme! Wie
fragwürdig die Behandlung der Mythen! Wie ungleichmässig die Vertheilung von
Glück und Unglück! Selbst in der Sprache der älteren Tragödie war ihm vieles
anstössig, mindestens räthselhaft; besonders fand er zu viel Pomp für einfache
Verhältnisse, zu viel Tropen und Ungeheuerlichkeiten für die Schlichtheit der
Charaktere. So sass er, unruhig grübelnd, im Theater, und er, der Zuschauer,
gestand sich, dass er seine grossen Vorgänger nicht verstehe. Galt ihm aber der
Verstand als die eigentliche Wurzel alles Geniessens und Schaffens, so musste
er fragen und um sich schauen, ob denn Niemand so denke wie er und sich
gleichfalls jene Incommensurabilität eingestehe. Aber die Vielen und mit ihnen
die besten Einzelnen hatten nur ein misstrauisches Lächeln für ihn; erklären
aber konnte ihm Keiner, warum seinen Bedenken und Einwendungen gegenüber die
grossen Meister doch im Rechte seien. Und in diesem qualvollen Zustande fand er
den anderen Zuschauer, der die Tragödie nicht begriff und deshalb nicht
achtete. Mit diesem im Bunde durfte er es wagen, aus seiner Vereinsamung heraus
den ungeheuren Kampf gegen die Kunstwerke des Aeschylus und Sophokles zu
beginnen - nicht mit Streitschriften, sondern als dramatischer Dichter, der
seine Vorstellung von der Tragödie der überlieferten entgegenstellt. -
12
Bevor wir diesen
anderen Zuschauer bei Namen nennen, verharren wir hier einen Augenblick, um uns
jenen früher geschilderten Eindruck des Zwiespältigen und Incommensurabeln im
Wesen der aeschyleischen Tragödie selbst in’s Gedächtniss zurückzurufen. Denken
wir an unsere eigene Befremdung dem Chore und dem tragischen Helden jener
Tragödie gegenüber, die wir beide mit unseren Gewohnheiten ebensowenig wie mit
der Ueberlieferung zu reimen wussten - bis wir jene Doppelheit selbst als
Ursprung und Wesen der griechischen Tragödie wiederfanden, als den Ausdruck
zweier in einander gewobenen Kunsttriebe, des Apollinischen und des
Dionysischen.
Jenes ursprüngliche
und allmächtige dionysische Element aus der Tragödie auszuscheiden und sie rein
und neu auf undionysischer Kunst, Sitte und Weltbetrachtung aufzubauen - dies
ist die jetzt in heller Beleuchtung sich uns enthüllende Tendenz des Euripides.
Euripides selbst
hat am Abend seines Lebens die Frage nach dem Werth und der Bedeutung dieser
Tendenz in einem Mythus seinen Zeitgenossen auf das Nachdrücklichste vorgelegt.
Darf überhaupt das Dionysische bestehn? Ist es nicht mit Gewalt aus dem
hellenischen Boden auszurotten? Gewiss, sagt uns der Dichter, wenn es nur
möglich wäre: aber der Gott Dionysus ist zu mächtig; der verständigste Gegner -
wie Pentheus in den “Bacchen” - wird unvermuthet von ihm bezaubert und läuft nachher
mit dieser Verzauberung in sein Verhängniss. Das Urtheil der beiden Greise
Kadmus und Tiresias scheint auch das Urtheil des greisen Dichters zu sein: das
Nachdenken der klügsten Einzelnen werfe jene alten Volkstraditionen, jene sich
ewig fortpflanzende Verehrung des Dionysus nicht um, ja es gezieme sich,
solchen wunderbaren Kräften gegenüber, mindestens eine diplomatisch vorsichtige
Theilnahme zu zeigen: wobei es aber immer noch möglich sei, dass der Gott an
einer so lauen Betheiligun; Anstoss nehme und den Diplomaten - wie hier den
Kadmus - schliesslich in einen Drachen verwandle. Dies sagt uns ein Dichter,
der mit heroischer Kraft ein langes Leben hindurch dem Dionysus widerstanden
hat - um am Ende desselben mit einer Glorification seines Gegners und einem
Selbstmorde seine Laufhahn zu schliessen, einem Schwindelnden gleich, der, um
nur dem entsetzlichen, nicht mehr erträglichen Wirbel zu entgehn, sich vom
Thurme herunterstürzt. Jene Tragödie ist ein Protest gegen die Ausführbarkeit
seiner Tendenz; ach, und sie war bereits ausgeführt! Das Wunderbare war
geschehn: als der Dichter widerrief, hatte bereits seine Tendenz gesiegt.
Dionysus war bereits von der tragischen Bühne verscheucht und zwar durch eine
aus Euripides redende dämonische Macht. Auch Euripides war in gewissem Sinne
nur Maske: die Gottheit, die aus ihm redete, war nicht Dionysus, auch nicht
Apollo, sondern ein ganz neugeborner Dämon, genannt Sokrates. Dies ist der neue
Gegensatz: das Dionysische und das Sokratische, und das Kunstwerk der griechischen
Tragödie ging an ihm zu Grunde. Mag nun auch Euripides uns durch seinen
Widerruf zu trösten suchen, es gelingt ihm nicht: der herrlichste Tempel liegt
in Trümmern; was nützt uns die Wehklage des Zerstörers und sein Geständniss,
dass es der schönste aller Tempel gewesen sei? Und selbst dass Euripides zur
Strafe von den Kunstrichtern aller Zeiten in einen Drachen verwandelt worden
ist - wen möchte diese erbärmliche Compensation befriedigen?
Nähern wir uns
jetzt jener sokratischen Tendenz, mit der Euripides die aeschyleische Tragödie
bekämpfte und besiegte.
Welches Ziel - so
müssen wir uns jetzt fragen - konnte die euripideische Absicht, das Drama
allein auf das Undionysische zu gründen, in der höchsten Idealität ihrer
Durchführung überhaupt haben? Welche Form des Drama’s blieb noch übrig, wenn es
nicht aus dem Geburtsschoosse der Musik, in jenem geheimnissvollen Zwielicht
des Dionysischen geboren werden sollte? Allein das dramatisirte Epos: in
welchem apollinischen Kunstgebiete nun freilich die tragische Wirkung
unerreichbar ist. Es kommt hierbei nicht auf den Inhalt der dargestellten
Ereignisse an; ja ich möchte behaupten, dass es Goethe in seiner projectirten
“Nausikaa” unmöglich gewesen sein würde, den Selbstmord jenes idyllischen
Wesens - der den fünften Act ausfüllen sollte - tragisch ergreifend zu machen;
so ungemein ist die Gewalt des Episch-Apollinischen, dass es die
schreckensvollsten Dinge mit jener Lust am Scheine und der Erlösung durch den
Schein vor unseren Augen verzaubert. Der Dichter des dramatisirten Epos kann
eben so wenig wie der epische Rhapsode mit seinen Bildern völlig verschmelzen:
er ist immer noch ruhig unbewegte, aus weiten Augen blickende Anschauung, die
die Bilder vorsich sieht. Der Schauspieler in diesem dramatisirten Epos bleibt
im tiefsten Grunde immer noch Rhapsode; die Weihe des inneren Träumens liegt
auf allen seinen Actionen, so dass er niemals ganz Schauspieler ist.
Wie verhält sich
nun diesem Ideal des apollinischen Drama’s gegenüber das euripideische Stück?
Wie zu dem feierlichen Rhapsoden der alten Zeit jener jüngere, der sein Wesen
im platonischen “Jon” also beschreibt: “Wenn ich etwas Trauriges sage, füllen
sich meine Augen mit Thränen; ist aber das, was ich sage, schrecklich und
entsetzlich, dann stehen die Haare meines Hauptes vor Schauder zu Berge, und
mein Herz klopft.” Hier merken wir nichts mehr von jenem epischen Verlorensein
im Scheine, von der affectlosen Kühle des wahren Schauspielers, der gerade in
seiner höchsten Thätigkeit, ganz Schein und Lust am Scheine ist. Euripides ist
der Schauspieler mit dem klopfenden Herzen, mit den zu Berge stehenden Haaren;
als sokratischer Denker entwirft er den Plan, als leidenschaftlicher
Schauspieler führt er ihn aus. Reiner Künstler ist er weder im Entwerfen noch
im Ausführen. So ist das euripideische Drama ein zugleich kühles und feuriges
Ding, zum Erstarren und zum Verbrennen gleich befähigt; es ist ihm unmöglich,
die apollinische Wirkung des Epos zu erreichen, während es andererseits sich
von den dionysischen Elementen möglichst gelöst hat, und jetzt, um überhaupt zu
wirken, neue Erregungsmittel braucht, die nun nicht mehr innerhalb der beiden
einzigen Kunsttriebe, des apollinischen und des dionysischen, liegen können.
Diese Erregungsmittel sind kühle paradoxe Gedanken - an Stelle der
apollinischen Anschauungen - und feurige Affecte - an Stelle der dionysischen
Entzückungen - und zwar höchst realistisch nachgemachte, keineswegs in den
Aether der Kunst getauchte Gedanken und Affecte.
Haben wir demnach
so viel erkannt, dass es Euripides überhaupt nicht gelungen ist, das Drama
allein auf das Apollinische zu gründen, dass sich vielmehr seine undionysische
Tendenz in eine naturalistische und unkünstlerische verirrt hat, so werden wir
jetzt dem Wesen des aesthetischen Sokratismus schon näher treten dürfen; dessen
oberstes Gesetz ungefähr so lautet: “alles muss verständig sein, um schön zu
sein”; als Parallelsatz zu dem sokratischen “nur der Wissende ist tugendhaft.”
Mit diesem Kanon in der Hand maass Euripides alles Einzelne und rectificirte es
gemäss diesem Princip: die Sprache, die Charaktere, den dramaturgischen Aufbau,
die Chormusik. Was wir im Vergleich mit der sophokleischen Tragödie so häufig
dem Euripides als dichterischen Mangel und Rückschritt anzurechnen pflegen, das
ist zumeist das Product jenes eindringenden kritischen Prozesses, jener
verwegenen Verständigkeit. Der euripideische Prolog diene uns als Beispiel für
die Productivität jener rationalistischen Methode. Nichts kann unserer
Bühnentechnik widerstrebender sein als der Prolog im Drama des Euripides. Dass
eine einzelne auftretende Person am Eingange des Stückes erzählt, wer sie sei,
was der Handlung vorangehe, was bis jetzt geschehen, ja was im Verlaufe des
Stückes geschehen werde, das würde ein moderner Theaterdichter als ein
muthwilliges und nicht zu verzeihendes Verzichtleisten auf den Effect der
Spannung bezeichnen. Man weiss ja alles, was geschehen wird; wer wird abwarten
wollen, dass dies wirklich geschieht? - da ja hier keinesfalls das aufregende
Verhältniss eines wahrsagenden Traumes zu einer später eintretenden
Wirklichkeit stattfindet. Ganz anders reflectirte Euripides. Die Wirkung der
Tragödie beruhte niemals auf der epischen Spannung, auf der anreizenden
Ungewissheit, was sich jetzt und nachher ereignen werde: vielmehr auf jenen
grossen rhetorisch-lyrischen Scenen, in denen die Leidenschaft und die
Dialektik des Haupthelden zu einem breiten und mächtigen Strome anschwoll. Zum
Pathos, nicht zur Handlung bereitete Alles vor: und was nicht zum Pathos
vorbereitete, das galt als verwerflich. Das aber, was die genussvolle Hingabe
an solche Scenen am stärksten erschwert, ist ein dem Zuhörer fehlendes Glied,
eine Lücke im Gewebe der Vorgeschichte; so lange der Zuhörer noch ausrechnen
muss, was diese und jene Person bedeute, was dieser und jener Conflict der
Neigungen und Absichten für Voraussetzungen habe, ist seine volle Versenkung in
das Leiden und Thun der Hauptpersonen, ist das athemlose Mitleiden und
Mitfürchten noch nicht möglich. Die aeschyleisch-sophokleische Tragödie
verwandte die geistreichsten Kunstmittel, um dem Zuschauer in den ersten Scenen
gewissermaassen zufällig alle jene zum Verständniss nothwendigen Fäden in die
Hand zu geben: ein Zug, in dem sich jene edle Künstlerschaft bewährt, die das
nothwendige Formelle gleichsam maskirt und als Zufälliges erscheinen lässt.
Immerhin aber glaubte Euripides zu bemerken, dass während jener ersten Scenen
der Zuschauer in eigenthümlicher Unruhe sei, um das Rechenexempel der
Vorgeschichte auszurechnen, so dass die dichterischen Schönheiten und das
Pathos der Exposition für ihn verloren ginge. Deshalb stellte er den Prolog
noch vor die Exposition und legte ihn einer Person in den Mund, der man
Vertrauen schenken durfte: eine Gottheit musste häufig den Verlauf der Tragödie
dem Publicum gewissermaassen garantieren und jeden Zweifel an der Realität des
Mythus nehmen: in ähnlicher Weise, wie Descartes die Realität der empirischen
Welt nur durch die Appellation an die Wahrhaftigkeit Gottes und seine
Unfähigkeit zur Lüge zu beweisen vermochte. Dieselbe göttliche Wahrhaftigkeit
braucht Euripides noch einmal am Schlusse seines Drama’s, um die Zukunft seiner
Helden dem Publicum sicher zu stellen; dies ist die Aufgabe des berüchtigten
deux ex machina. Zwischen der epischen Vorschau und Hinausschau liegt die
dramatischlyrische Gegenwart, das eigentliche “Drama.”
So ist Euripides
als Dichter vor allem der Wiederhall seiner bewussten Erkenntnisse; und gerade
dies verleiht ihm eine so denkwürdige Stellung in der Geschichte der griechischen
Kunst.
Ihm muss im
Hinblick auf sein kritisch-productives Schaffen oft zu Muthe gewesen sein als
sollte er den Anfang der Schrift des Anaxagoras für das Drama lebendig machen,
deren erste Worte lauten: “im Anfang war alles beisammen; da kam der Verstand
und schuf Ordnung.” Und wenn Anaxagoras mit seinem “Nous” unter den Philosophen
wie der erste Nüchterne unter lauter Trunkenen erschien, so mag auch Euripides
sein Verhältniss zu den anderen Dichtern der Tragödie unter einem ähnlichen
Bilde begriffen haben. So lange der einzige Ordner und Walter des Alls, der
Nous, noch vom künstlerischen Schaffen ausgeschlossen war, war noch alles in
einem chaotischen Urbrei beisammen; so musste Euripides urtheilen, so musste er
die “trunkenen” Dichter als der erste “Nüchterne” verurtheilen. Das, was
Sophokles von Aeschylus gesagt hat, er thue das Rechte, obschon unbewusst, war
gewiss nicht im Sinne des Euripides gesagt: der nur so viel hätte gelten
lassen, dass Aeschylus, weil er unbewusst schaffe, das Unrechte schaffe. Auch
der göttliche Plato redet vom schöpferischen Vermögen des Dichters, insofern
dies nicht die bewusste Einsicht ist, zu allermeist nur ironisch und stellt es
der Begabung des Wahrsagers und Traumdeuters gleich; sei doch der Dichter nicht
eher fähig zu dichten als bis er bewusstlos geworden sei, und kein Verstand
mehr in ihm wohne. Euripides unternahm es, wie es auch Plato unternommen hat,
das Gegenstück des “unverständigen” Dichters der Welt zu zeigen; sein
aesthetischer Grundsatz “alles muss bewusst sein, um schön zu sein”, ist, wie
ich sagte, der Parallelsatz zu dem sokratischen “alles muss bewusst sein, um
gut zu sein”. Demgemäss darf uns Euripides als der Dichter des aesthetischen
Sokratismus gelten. Sokrates aber war jener zweite Zuschauer, der die ältere
Tragödie nicht begriff und deshalb nicht achtete; mit ihm im Bunde wagte
Euripides, der Herold eines neuen Kunstschaffens zu sein. Wenn an diesem die
ältere Tragödie zu Grunde ging, so ist also der aesthetische Sokratismus das
mörderische Princip: insofern aber der Kampf gegen das Dionysische der älteren
Kunst gerichtet war, erkennen wir in Sokrates den Gegner des Dionysus, den
neuen Orpheus, der sich gegen Dionysus erhebt und, obschon bestimmt, von den
Mänaden des athenischen Gerichtshofes zerrissen zu werden, doch den
übermächtigen Gott selbst zur Flucht nöthigt: welcher, wie damals, als er vor
dem Edonerkönig Lykurg floh, sich in die Tiefen des Meeres rettete, nämlich in
die mystischen Fluthen eines die ganze Welt allmählich überziehenden Geheimcultus.
13
Dass Sokrates eine
enge Beziehung der Tendenz zu Euripides habe, entging dem gleichzeitigen
Alterthume nicht; und der beredteste Ausdruck für diesen glücklichen Spürsinn
ist jene in Athen umlaufende Sage, Sokrates pflege dem Euripides im Dichten zu
helfen. Beide Namen wurden von den Anhängern der “guten alten Zeit” in einem
Athem genannt, wenn es galt, die Volksverführer der Gegenwart aufzuzählen: von
deren Einflusse es herrühre, dass die alte marathonische vierschrötige
Tüchtigkeit an Leib und Seele immer mehr einer zweifelhaften Aufklärung, bei
fortschreitender Verkümmerung der leiblichen und seelischen Kräfte, zum Opfer
falle. In dieser Tonart, halb mit Entrüstung, halb mit Verachtung, pflegt die
aristophanische Komödie von jenen Männern zu reden, zum Schrecken der Neueren,
welche zwar Euripides gerne preisgeben, aber sich nicht genug darüber wundern
können, dass Sokrates als der erste und oberste Sophist, als der Spiegel und
Inbegriff aller sophistischen Bestrebungen bei Aristophanes erscheine: wobei es
einzig einen Trost gewährt, den Aristophanes selbst als einen lüderlich
lügenhaften Alcibiades der Poesie an den Pranger zu stellen. Ohne an dieser
Stelle die tiefen Instincte des Aristophanes gegen solche Angriffe in Schutz zu
nehmen, fahre ich fort, die enge Zusammengehörigkeit des Sokrates und des
Euripides aus der antiken Empfindung heraus zu erweisen; in welchem Sinne
namentlich daran zu erinnern ist, dass Sokrates als Gegner der tragischen Kunst
sich des Besuchs der Tragödie enthielt, und nur, wenn ein neues Stück des
Euripides aufgeführt wurde, sich unter den Zuschauern einstellte. Am
berühmtesten ist aber die nahe Zusammenstellung beider Namen in dem delphischen
Orakelspruche, welcher Sokrates als den Weisesten unter den Menschen
bezeichnet, zugleich aber das Urtheil abgab, dass dem Euripides der zweite
Preis im Wettkampfe der Weisheit gebühre.
Als der dritte in
dieser Stufenleiter war Sophokles genannt; er, der sich gegen Aeschylus rühmen
durfte, er thue das Rechte und zwar, weil er wisse, was das Rechte sei.
Offenbar ist gerade der Grad der Helligkeit dieses Wissens dasjenige, was jene
drei Männer gemeinsam als die drei “Wissenden” ihrer Zeit auszeichnet.
Das schärfste Wort
aber für jene neue und unerhörte Hochschätzung des Wissens und der Einsicht
sprach Sokrates, als er sich als den Einzigen vorfand, der sich eingestehe,
nichts zu wissen; während er, auf seiner kritischen Wanderung durch Athen, bei
den grössten Staatsmännern, Rednern, Dichtern und Künstlern vorsprechend,
überall die Einbildung des Wissens antraf. Mit Staunen erkannte er, dass alle
jene Berühmtheiten selbst über ihren Beruf ohne richtige und sichere Einsicht
seien und denselben nur aus Instinct trieben. “Nur aus Instinct”: mit diesem
Ausdruck berühren wir Herz und Mittelpunkt der sokratischen Tendenz. Mit ihm
verurtheilt der Sokratismus eben so die bestehende Kunst wie die bestehende
Ethik: wohin er seine prüfenden Blicke richtet, sieht er den Mangel der
Einsicht und die Macht des Wahns und schliesst aus diesem Mangel auf die innerliche
Verkehrtheit und Verwerflichkeit des Vorhandenen. Von diesem einen Punkte aus
glaubte Sokrates das Dasein corrigieren zu müssen: er, der Einzelne, tritt mit
der Miene der Nichtachtung und der Ueberlegenheit, als der Vorläufer einer ganz
anders gearteten Cultur, Kunst und Moral, in eine Welt hinein, deren Zipfel mit
Ehrfurcht zu erhaschen wir uns zum grössten Glücke rechnen würden.
Dies ist die
ungeheuere Bedenklichkeit, die uns jedesmal, Angesichts des Sokrates, ergreift
und die uns immer und immer wieder anreizt, Sinn und Absicht dieser
fragwürdigsten Erscheinung des Alterthums zu erkennen. Wer ist das, der es
wagen darf, als ein Einzelner das griechische Wesen zu verneinen, das als
Homer, Pindar und Aeschylus, als Phidias, als Perikles, als Pythia und
Dionysus, als der tiefste Abgrund und die höchste Höhe unserer staunenden
Anbetung gewiss ist? Welche dämonische Kraft ist es, die diesen Zaubertrank in
den Staub zu schütten sich erkühnen darf? Welcher Halbgott ist es, dem der
Geisterchor der Edelsten der Menschheit zurufen muss: “Weh! Weh! Du hast sie
zerstört, die schöne Welt, mit mächtiger Faust; sie stürzt, sie zerfällt!”
Einen Schlüssel zu
dem Wesen des Sokrates bietet uns jene wunderbare Erscheinung, die als
“Dämonion des Sokrates” bezeichnet wird. In besonderen Lagen, in denen sein
ungeheurer Verstand in’s Schwanken gerieth, gewann er einen festen Anhalt durch
eine in solchen Momenten sich äussernde göttliche Stimme. Diese Stimme mahnt,
wenn sie kommt, immer ab. Die instinctive Weisheit zeigt sich bei dieser
gänzlich abnormen Natur nur, um dem bewussten Erkennen hier und da hindernd
entgegenzutreten. Während doch bei allen productiven Menschen der Instinct
gerade die schöpferisch-affirmative Kraft ist, und das Bewusstsein kritisch und
abmahnend sich gebärdet: wird bei Sokrates der Instinct zum Kritiker, das
Bewusstsein zum Schöpfer - eine wahre Monstrosität per defectum! Und zwar
nehmen wir hier einen monstrosen defectus jeder mystischen Anlage wahr, so dass
Sokrates als der specifische Nicht-Mystiker zu bezeichnen wäre, in dem die
logische Natur durch eine Superfötation eben so excessiv entwickelt ist wie im
Mystiker jene instinctive Weisheit. Andrerseits aber war es jenem in Sokrates
erscheinenden logischen Triebe völlig versagt, sich gegen sich selbst zu
kehren; in diesem fessellosen Dahinströmen zeigt er eine Naturgewalt, wie wir
sie nur bei den allergrössten instinctiven Kräften zu unsrer schaudervollen
Ueberraschung antreffen. Wer nur einen Hauch von jener göttlichen Naivetät und
Sicherheit der sokratischen Lebensrichtung aus den platonischen Schriften
gespürt hat, der fühlt auch, wie das ungeheure Triebrad des logischen
Sokratismus gleichsam hinter Sokrates in Bewegung ist, und wie dies durch
Sokrates wie durch einen Schatten hindurch angeschaut werden muss. Dass er aber
selbst von diesem Verhältniss eine Ahnung hatte, das drückt sich in dem
würdevollen Ernste aus, mit dem er seine göttliche Berufung überall und noch
vor seinen Richtern geltend machte. Ihn darin zu widerlegen war im Grunde eben
so unmöglich als seinen die Instincte auflösenden Einfluss gut zu heissen. Bei
diesem unlösbaren Conflicte war, als er einmal vor das Forum des griechischen
Staates gezogen war, nur eine einzige Form der Verurtheilung geboten, die
Verbannung; als etwas durchaus Räthselhaftes, Unrubricirbares, Unaufklärbares
hätte man ihn über die Grenze weisen dürfen, ohne dass irgend eine Nachwelt im
Recht gewesen wäre, die Athener einer schmählichen That zu zeihen. Dass aber
der Tod und nicht nur die Verbannung über ihn ausgesprochen wurde, das scheint
Sokrates selbst, mit völliger Klarheit und ohne den natürlichen Schauder vor
dem Tode, durchgesetzt zu haben: er ging in den Tod, mit jener Ruhe, mit der er
nach Plato’s Schilderung als der letzte der Zecher im frühen Tagesgrauen das
Symposion verlässt, um einen neuen Tag zu beginnen; indess hinter ihm, auf den
Bänken und auf der Erde, die verschlafenen Tischgenossen zurückbleiben, um von
Sokrates, dem wahrhaften Erotiker, zu träumen. Der sterbende Sokrates wurde das
neue, noch nie sonst geschaute Ideal der edlen griechischen Jugend: vor allen
hat sich der typische hellenische Jüngling, Plato, mit aller inbrünstigen
Hingebung seiner Schwärmerseele vor diesem Bilde niedergeworfen.
14
Denken wir uns
jetzt das eine grosse Cyklopenauge des Sokrates auf die Tragödie gewandt, jenes
Auge, in dem nie der holde Wahnsinn künstlerischer Begeisterung geglüht hat -
denken wir uns, wie es jenem Auge versagt war, in die dionysischen Abgründe mit
Wohlgefallen zu schauen - was eigentlich musste es in der “erhabenen und
hochgepriesenen” tragischen Kunst, wie sie Plato nennt, erblicken? Etwas recht
Unvernünftiges, mit Ursachen, die ohne Wirkungen, und mit Wirkungen, die ohne
Ursachen zu sein schienen, dazu das Ganze so bunt und mannichfaltig, dass es
einer besonnenen Gemüthsart widerstreben müsse, für reizbare und empfindliche
Seelen aber ein gefährlicher Zunder sei. Wir wissen, welche einzige Gattung der
Dichtkunst von ihm begriffen wurde, die aesopische Fabel: und dies geschah
gewiss mit jener lächelnden Anbequemung, mit welcher der ehrliche gute Gellert
in der Fabel von der Biene und der Henne das Lob der Poesie singt:
“Du siehst an mir, wozu sie nützt,
Dem,
der nicht viel Verstand besitzt
Die
Wahrheit durch ein Bild zu sagen”.
Nun aber schien Sokrates
die tragische Kunst nicht einmal “die Wahrheit zu sagen”: abgesehen davon, dass
sie sich an den wendet, der “nicht viel Verstand besitzt”, also nicht an den
Philosophen: ein zweifacher Grund, von ihr fern zu bleiben. Wie Plato, rechnete
er sie zu den schmeichlerischen Künsten, die nur das Angenehme, nicht das
Nützliche darstellen und verlangte deshalb bei seinen Jüngern Enthaltsamkeit
und strenge Absonderung von solchen unphilosophischen Reizungen; mit solchem
Erfolge, dass der jugendliche Tragödiendichter Plato zu allererst seine
Dichtungen verbrannte, um Schüler des Sokrates werden zu können. Wo aber
unbesiegbare Anlagen gegen die sokratischen Maximen ankämpften, war die Kraft
derselben, sammt der Wucht jenes ungeheuren Charakters, immer noch gross genug,
um die Poesie selbst in neue und bis dahin unbekannte Stellungen zu drängen.
Ein Beispiel dafür
ist der eben genannte Plato: er, der in der Verurtheilung der Tragödie und der
Kunst überhaupt gewiss nicht hinter dem naiven Cynismus seines Meisters zurückgeblieben
ist, hat doch aus voller künstlerischer Nothwendigkeit eine Kunstform schaffen
müssen, die gerade mit den vorhandenen und von ihm abgewiesenen Kunstformen
innerlich verwandt ist. Der Hauptvorwurf, den Plato der älteren Kunst zu machen
hatte, - dass sie Nachahmung eines Scheinbildes sei, also noch einer
niedrigeren Sphäre als die empirische Welt ist, angehöre - durfte vor allem
nicht gegen das neue Kunstwerk gerichtet werden: und so sehen wir denn Plato
bestrebt über die Wirklichkeit hinaus zu gehn und die jener Pseudo-Wirklichkeit
zu Grunde liegende Idee darzustellen. Damit aber war der Denker Plato auf einem
Umwege ebendahin gelangt, wo er als Dichter stets heimisch gewesen war und von
wo aus Sophokles und die ganze ältere Kunst feierlich gegen jenen Vorwurf
protestirten. Wenn die Tragödie alle früheren Kunstgattungen in sich aufgesaugt
hatte, so darf dasselbe wiederum in einem excentrischen Sinne vom platonischen
Dialoge gelten, der, durch Mischung aller vorhandenen Stile und Formen erzeugt,
zwischen Erzählung, Lyrik, Drama, zwischen Prosa und Poesie in der Mitte
schwebt und damit auch das strenge ältere Gesetz der einheitlichen sprachlichen
Form durchbrochen hat; auf welchem Wege die cynischen Schriftsteller noch
weiter gegangen sind, die in der grössten Buntscheckigkeit des Stils, im Hin-
und Herschwanken zwischen prosaischen und metrischen Formen auch das
litterarische Bild des “rasenden Sokrates”, den sie im Leben darzustellen
pflegten, erreicht haben. Der platonische Dialog war gleichsam der Kahn, auf
dem sich die schiffbrüchige ältere Poesie sammt allen ihren Kindern rettete:
auf einen engen Raum zusammengedrängt und dem einen Steuermann Sokrates
ängstlich unterthänig fuhren sie jetzt in eine neue Welt hinein, die an dem
phantastischen Bilde dieses Aufzugs sich nie satt sehen konnte. Wirklich hat
für die ganze Nachwelt Plato das Vorbild einer neuen Kunstform gegeben, das
Vorbild des Roman’s: der als die unendlich gesteigerte aesopische Fabel zu
bezeichnen ist, in der die Poesie in einer ähnlichen Rangordnung zur
dialektischen Philosophie lebt, wie viele Jahrhunderte hindurch dieselbe
Philosophie zur Theologie: nämlich als ancilla. Dies war die neue Stellung der
Poesie, in die sie Plato unter dem Drucke des dämonischen Sokrates drängte.
Hier überwächst der
philosophische Gedanke die Kunst und zwingt sie zu einem engen Sich- Anklammern
an den Stamm der Dialektik. In dem logischen Schematismus hat sich die
apollinische Tendenz verpuppt: wie wir bei Euripides etwas Entsprechendes und
ausserdem eine Uebersetzung des Dionysischen in den naturalistischen Affect
wahrzunehmen hatten. Sokrates, der dialektische Held im platonischen Drama,
erinnert uns an die verwandte Natur des euripideischen Helden, der durch Grund
und Gegengrund seine Handlungen vertheidigen muss und dadurch so oft in Gefahr
geräth, unser tragisches Mitleiden einzubüssen: denn wer vermöchte das
optimistische Element im Wesen der Dialektik zu verkennen, das in jedem
Schlusse sein Jubelfest feiert und allein in kühler Helle und Bewusstheit
athmen kann: das optimistische Element, das, einmal in die Tragödie
eingedrungen, ihre dionysischen Regionen allmählich überwuchern und sie
nothwendig zur Selbstvernichtung treiben muss - bis zum Todessprunge in’s
bürgerliche Schauspiel. Man vergegenwärtige sich nur die Consequenzen der
sokratischen Sätze: “Tugend ist Wissen; es wird nur gesündigt aus Unwissenheit;
der Tugendhafte ist der Glückliche”: in diesen drei Grundformen des Optimismus
liegt der Tod der Tragödie. Denn jetzt muss der tugendhafte Held Dialektiker
sein, jetzt muss zwischen Tugend und Wissen, Glaube und Moral ein nothwendiger
sichtbarer Verband sein, jetzt ist die transscendentale Gerechtigkeitslösung
des Aeschylus zu dem flachen und frechen Princip der “poetischen Gerechtigkeit”
mit seinem üblichen deus ex machina erniedrigt.
Wie erscheint
dieser neuen sokratisch-optimistischen Bühnenwelt gegenüber jetzt der Chor und
überhaupt der ganze musikalisch-dionysische Untergrund der Tragödie? Als etwas
Zufälliges, als eine auch wohl zu missende Reminiscenz an den Ursprung der
Tragödie; während wir doch eingesehen haben, dass der Chor nur als Ursache der
Tragödie und des Tragischen überhaupt verstanden werden kann. Schon bei
Sophokles zeigt sich jene Verlegenheit in Betreff des Chors - ein wichtiges
Zeichen, dass schon bei ihm der dionysische Boden der Tragödie zu zerbröckeln
beginnt. Er wagt es nicht mehr, dem Chor den Hauptantheil der Wirkung
anzuvertrauen, sondern schränkt sein Bereich dermaassen ein, dass er jetzt fast
den Schauspielern coordinirt erscheint, gleich als ob er aus der Orchestra in
die Scene hineingehoben würde: womit freilich sein Wesen völlig zerstört ist,
mag auch Aristoteles gerade dieser Auffassung des Chors seine Beistimmung
geben. Jene Verrückung der Chorposition, welche Sophokles jedenfalls durch
seine Praxis und, der Ueberlieferung nach, sogar durch eine Schrift anempfohlen
hat, ist der erste Schritt zur Vernichtung des Chors, deren Phasen in
Euripides, Agathon und der neueren Komödie mit erschreckender Schnelligkeit auf
einander folgen. Die optimistische Dialektik treibt mit der Geissel ihrer
Syllogismen die Musik aus der Tragödie: d. h. sie zerstört das Wesen der
Tragödie, welches sich einzig als eine Manifestation und Verbildlichung
dionysischer Zustände, als sichtbare Symbolisirung der Musik, als die Traumwelt
eines dionysischen Rausches interpretiren lässt.
Haben wir also
sogar eine schon vor Sokrates wirkende antidionysische Tendenz anzunehmen, die
nur in ihm einen unerhört grossartigen Ausdruck gewinnt: so müssen wir nicht
vor der Frage zurückschrecken, wohin denn eine solche Erscheinung wie die des
Sokrates deute: die wir doch nicht im Stande sind, Angesichts der platonischen
Dialoge, als eine nur auflösende negative Macht zu begreifen. Und so gewiss die
allernächste Wirkung des sokratischen Triebes auf eine Zersetzung der
dionysischen Tragödie ausging, so zwingt uns eine tiefsinnige Lebenserfahrung
des Sokrates selbst zu der Frage, ob denn zwischen dem Sokratismus und der
Kunst nothwendig nur ein antipodisches Verhältniss bestehe und ob die Geburt
eines “künstlerischen Sokrates” überhaupt etwas in sich Widerspruchsvolles sei.
Jener despotische
Logiker hatte nämlich hier und da der Kunst gegenüber das Gefühl einer Lücke,
einer Leere, eines halben Vorwurfs, einer vielleicht versäumten Pflicht.
Oefters kam ihm, wie er im Gefängniss seinen Freunden erzählt, ein und dieselbe
Traumerscheinung, die immer dasselbe sagte: “Sokrates, treibe Musik!” Er
beruhigt sich bis zu seinen letzten Tagen mit der Meinung, sein Philosophieren
sei die höchste Musenkunst, und glaubt nicht recht, dass eine Gottheit ihn an
jene “gemeine, populäre Musik” erinnern werde. Endlich im Gefängniss versteht
er sich, um sein Gewissen gänzlich zu entlasten, auch dazu, jene von ihm gering
geachtete Musik zu treiben. Und in dieser Gesinnung dichtet er ein Proömium auf
Apollo und bringt einige aesopische Fabeln in Verse. Das war etwas der
dämonischen warnenden Stimme Aehnliches, was ihn zu diesen Uebungen drängte, es
war seine apollinische Einsicht, dass er wie ein Barbarenkönig ein edles
Götterbild nicht verstehe und in der Gefahr sei, sich an einer Gottheit zu
versündigen - durch sein Nichtsverstehn. Jenes Wort der sokratischen
Traumerscheinung ist das einzige Zeichen einer Bedenklichkeit über die Grenzen
der logischen Natur: vielleicht - so musste er sich fragen - ist das mir
Nichtverständliche doch nicht auch sofort das Unverständige? Vielleicht giebt
es ein Reich der Weisheit, aus dem der Logiker verbannt ist? Vielleicht ist die
Kunst sogar ein nothwendiges Correlativum und Supplement der Wissenschaft?
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Im Sinne dieser
letzten ahnungsvollen Fragen muss nun ausgesprochen werden, wie der Einfluss
des Sokrates, bis auf diesen Moment hin, ja in alle Zukunft hinaus, sich,
gleich einem in der Abendsonne immer grösser werdenden Schatten, über die
Nachwelt hin ausgebreitet hat, wie derselbe zur Neuschaffung der Kunst - und
zwar der Kunst im bereits metaphysischen, weitesten und tiefsten Sinne - immer
wieder nöthigt und, bei seiner eignen Unendlichkeit, auch deren Unendlichkeit
verbürgt.
Bevor dies erkannt
werden konnte, bevor die innerste Abhängigkeit jeder Kunst von den Griechen,
den Griechen von Homer bis auf Sokrates, überzeugend dargethan war, musste es
uns mit diesen Griechen ergehen wie den Athenern mit Sokrates. Fast jede Zeit
und Bildungsstufe hat einmal sich mit tiefem Missmuthe von den Griechen zu
befreien gesucht, weil Angesichts derselben alles Selbstgeleistete, scheinbar
völlig Originelle, und recht aufrichtig Bewunderte plötzlich Farbe und Leben zu
verlieren schien und zur misslungenen Copie, ja zur Caricatur
zusammenschrumpfte. Und so bricht immer von Neuem einmal der herzliche Ingrimm
gegen jenes anmaassliche Völkchen hervor das sich erkühnte, alles
Nichteinheimische für alle Zeiten als “barbarisch” zu bezeichnen: wer sind
jene, fragt man sich, die, obschon sie nur einen ephemeren historischen Glanz,
nur lächerlich engbegrenzte Institutionen, nur eine zweifelhafte Tüchtigkeit
der Sitte aufzuweisen haben und sogar mit hässlichen Lastern gekennzeichnet
sind, doch die Würde und Sonderstellung unter den Völkern in Anspruch nehmen,
die dem Genius unter der Masse zukommt? Leider war man nicht so glücklich den
Schierlingsbecher zu finden, mit dem ein solches Wesen einfach abgethan werden
konnte: denn alles Gift, das Neid, Verläumdung und Ingrimm in sich erzeugten,
reichte nicht hin, jene selbstgenugsame Herrlichkeit zu vernichten. Und so
schämt und fürchtet man sich vor den Griechen; es sei denn, dass Einer die
Wahrheit über alles achte und so sich auch diese Wahrheit einzugestehn wage,
dass die Griechen unsere und jegliche Cultur als Wagenlenker in den Händen
haben, dass aber fase immer Wagen und Pferde von zu geringem Stoffe und der
Glorie ihrer Führer unangemessen sind, die dann es für einen Scherz erachten,
ein solches Gespann in den Abgrund zu jagen: über den sie selbst, mit dem
Sprunge des Achilles, hinwegsetzen.
Um die Würde einer
solchen Führerstellung auch für Sokrates zu erweisen, genügt es in ihm den
Typus einer vor ihm unerhörten Daseinsform zu erkennen, den Typus des
theoretischen Menschen, über dessen Bedeutung und Ziel zur Einsicht zu kommen,
unsere nächste Aufgabe ist. Auch der theoretische Mensch hat ein unendliches
Genügen am Vorhandenen, wie der Künstler, und ist wie jener vor der praktischen
Ethik des Pessimismus und vor seinen nur im Finsteren leuchtenden Lynkeusaugen,
durch jenes Genügen geschützt. Wenn nämlich der Künstler bei jeder Enthüllung
der Wahrheit immer nur mit verzückten Blicken an dem hängen bleibt, was auch
jetzt, nach der Enthüllung, noch Hülle bleibt, geniesst und befriedigt sich der
theoretische Mensch an der abgeworfenen Hülle und hat sein höchstes Lustziel in
dem Prozess einer immer glücklichen, durch eigene Kraft gelingenden Enthüllung.
Es gäbe keine Wissenschaft, wenn ihr nur um jene eine nackte Göttin und um
nichts Anderes zu thun wäre. Denn dann müsste es ihren Jüngern zu Muthe sein,
wie Solchen, die ein Loch gerade durch die Erde graben wollten: von denen ein
Jeder einsieht, dass er, bei grösster und lebenslänglicher Anstrengung, nur ein
ganz kleines Stück der ungeheuren Tiefe zu durchgraben im Stande sei, welches
vor seinen Augen durch die Arbeit des Nächsten wieder überschüttet wird, so
dass ein Dritter wohl daran zu thun scheint, wenn er auf eigne Faust eine neue
Stelle für seine Bohrversuche wählt. Wenn jetzt nun Einer zur Ueberzeugung
beweist, dass auf diesem directen Wege das Antipodenziel nicht zu erreichen
sei, wer wird noch in den alten Tiefen weiterarbeiten wollen, es sei denn, dass
er sich nicht inzwischen genügen lasse, edles Gestein zu finden oder
Naturgesetze zu entdecken. Darum hat Lessing, der ehrlichste theoretische
Mensch, es auszusprechen gewagt, dass ihm mehr am Suchen der Wahrheit als an
ihr selbst gelegen sei: womit das Grundgeheimniss der Wissenschaft, zum
Erstaunen, ja Aerger der Wissenschaftlichen, aufgedeckt worden ist. Nun steht
freilich neben dieser vereinzelten Erkenntniss, als einem Excess der
Ehrlichkeit, wenn nicht des Uebermuthes, eine tiefsinnige Wahnvorstellung,
welche zuerst in der Person des Sokrates zur Welt kam, jener unerschütterliche
Glaube, dass das Denken, an dem Leitfaden der Causalität, bis in die tiefsten
Abgründe des Seins reiche, und dass das Denken das Sein nicht nur zu erkennen,
sondern sogar zu corrigiren im Stande sei. Dieser erhabene metaphysische Wahn
ist als Instinct der Wissenschaft beigegeben und führt sie immer und immer
wieder zu ihren Grenzen, an denen sie in Kunst umschlagen muss: auf welchees
eigentlich, bei diesem Mechanismus, abgesehn ist.
Schauen wir jetzt,
mit der Fackel dieses Gedankens, auf Sokrates hin: so erscheint er uns als der
Erste, der an der Hand jenes Instinctes der Wissenschaft nicht nur leben,
sondern - was bei weitem mehr ist - auch sterben konnte: und deshalb ist das
Bild des sterbenden Sokrates als des durch Wissen und Gründe der Todesfurcht
enthobenen Menschen das Wappenschild, das über dem Eingangsthor der
Wissenschaft einen Jeden an deren Bestimmung erinnert, nämlich das Dasein als
begreiflich und damit als gerechtfertigt erscheinen zu machen: wozu freilich
wenn die Gründe nicht reichen, schliesslich auch der Mythus dienen muss, den
ich sogar als nothwendige Consequenz, ja als Absicht der Wissenschaft soeben
bezeichnete.
Wer sich einmal
anschaulich macht, wie nach Sokrates, dem Mystagogen der Wissenschaft, eine
Philosophenschule nach der anderen, wie Welle auf Welle, sich ablöst, wie eine
nie geahnte Universalität der Wissensgier in dem weitesten Bereich der
gebildeten Welt und als eigentliche Aufgabe für jeden höher Befähigten die
Wissenschaft auf die hohe See führte, von der sie niemals seitdem wieder völlig
vertrieben werden konnte, wie durch diese Universalität erst ein gemeinsames
Netz des Gedankens über den gesammten Erdball, ja mit Ausblicken auf die
Gesetzlichkeit eines ganzen Sonnensystems, gespannt wurde; wer dies Alles,
sammt der erstaunlich hohen Wissenspyramide der Gegenwart, sich
vergegenwärtigt, der kann sich nicht entbrechen, in Sokrates den einen
Wendepunkt und Wirbel der sogenannten Weltgeschichte zu sehen. Denn dächte man
sich einmal diese ganze unbezifferbare Summe von Kraft, die für jene
Welttendenz verbraucht worden ist, nicht im Dienste des Erkennens, sondern auf
die praktischen d. h. egoistischen Ziele der Individuen und Völker verwendet,
so wäre wahrscheinlich in allgemeinen Vernichtungskämpfen und fortdauernden
Völkerwanderungen die instinctive Lust zum Leben so abgeschwächt, dass, bei der
Gewohnheit des Selbstmordes, der Einzelne vielleicht den letzten Rest von
Pflichtgefühl empfinden müsste, wenn er, wie der Bewohner der Fidschiinseln,
als Sohn seine Eltern, als Freund seinen Freund erdrosselt: ein praktischer
Pessimismus, der selbst eine grausenhafte Ethik des Völkermordes aus Mitleid
erzeugen könnte - der übrigens überall in der Welt vorhanden ist und vorhanden
war, wo nicht die Kunst in irgend welchen Formen, besonders als Religion und
Wissenschaft, zum Heilmittel und zur Abwehr jenes Pesthauchs erschienen ist.
Angesichts dieses
praktischen Pessimismus ist Sokrates das Urbild des theoretischen Optimisten,
der in dem bezeichneten Glauben an die Ergründlichkeit der Natur der Dinge dem
Wissen und der Erkenntniss die Kraft einer Universalmedizin beilegt und im
Irrthum das Uebel an sich begreift. In jene Gründe einzudringen und die wahre
Erkenntniss vom Schein und vom Irrthum zu sondern, dünkte dem sokratischen
Menschen der edelste, selbst der einzige wahrhaft menschliche Beruf zu sein: so
wie jener Mechanismus der Begriffe, Urtheile und Schlüsse von Sokrates ab als
höchste Bethätigung und bewunderungswürdigste Gabe der Natur über alle anderen
Fähigkeiten geschätzt wurde. Selbst die erhabensten sittlichen Thaten, die
Regungen des Mitleids, der Aufopferung, des Heroismus und jene schwer zu
erringende Meeresstille der Seele, die der apollinische Grieche Sophrosyne
nannte, wurden von Sokrates und seinen gleichgesinnten Nachfolgern bis auf die
Gegenwart hin aus der Dialektik des Wissens abgeleitet und demgemäss als
lehrbar bezeichnet. Wer die Lust einer sokratischen Erkenntniss an sich
erfahren hat und spürt, wie diese, in immer weiteren Ringen, die ganze Welt der
Erscheinungen zu umfassen sucht, der wird von da an keinen Stachel, der zum
Dasein drängen könnte, heftiger empfinden als die Begierde, jene Eroberung zu
vollenden und das Netz undurchdringbar fest zu spinnen. Einem so Gestimmten
erscheint dann der platonische Sokrates als der Lehrer einer ganz neuen Form
der “griechischen Heiterkeit” und Daseinsseligkeit, welche sich in Handlungen
zu entladen sucht und diese Entladung zumeist in maeeutischen und erziehenden
Einwirkungen auf edle Jünglinge, zum Zweck der endlichen Erzeugung des Genius,
finden wird.
Nun aber eilt die
Wissenschaft, von ihrem kräftigen Wahne angespornt, unaufhaltsam bis zu ihren
Grenzen, an denen ihr im Wesen der Logik verborgener Optimismus scheitert. Denn
die Peripherie des Kreises der Wissenschaft hat unendlich viele Punkte, und
während noch gar nicht abzusehen ist, wie jemals der Kreis völlig ausgemessen
werden könnte, so trifft doch der edle und begabte Mensch, noch vor der Mitte
seines Daseins und unvermeidlich, auf solche Grenzpunkte der Peripherie, wo er
in das Unaufhellbare starrt. Wenn er hier zu seinem Schrecken sieht, wie die
Logik sich an diesen Grenzen um sich selbst ringelt und endlich sich in den
Schwanz beisst - da bricht die neue Form der Erkenntniss durch, die tragische
Erkenntniss, die, um nur ertragen zu werden, als Schutz und Heilmittel die
Kunst braucht.
Schauen wir, mit
gestärkten und an den Griechen erlabten Augen, auf die höchsten Sphären
derjenigen Welt, die uns umfluthet, so gewahren wir die in Sokrates vorbildlich
erscheinende Gier der unersättlichen optimistischen Erkenntniss in tragische
Resignation und Kunstbedürftigkeit umgeschlagen: während allerdings dieselbe
Gier, auf ihren niederen Stufen, sich kunstfeindlich äussern und vornehmlich
die dionysisch-tragische Kunst innerlich verabscheuen muss, wie dies an der
Bekämpfung der aeschyleischen Tragödie durch den Sokratismus beispielsweise
dargestellt wurde.
Hier nun klopfen
wir, bewegten Gemüthes, an die Pforten der Gegenwart und Zukunft: wird jenes
“Umschlagen” zu immer neuen Configurationen des Genius und gerade des
musiktreibenden Sokrates führen? Wird das über das Dasein gebreitete Netz der
Kunst, sei es auch unter dem Namen der Religion oder der Wissenschaft, immer
fester und zarter geflochten werden oder ist ihm bestimmt, unter dem ruhelos
barbarischen Treiben und Wirbeln, das sich jetzt “die Gegenwart” nennt, in
Fetzen zu reissen? - Besorgt, doch nicht trostlos stehen wir eine kleine Weile
bei Seite, als die Beschaulichen, denen es erlaubt ist, Zeugen jener ungeheuren
Kämpfe und Uebergänge zu sein. Ach! Es ist der Zauber dieser Kämpfe, dass, wer
sie schaut, sie auch kämpfen muss!
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An diesem
ausgeführten historischen Beispiel haben wir klar zu machen gesucht, wie die
Tragödie an dem Entschwinden des Geistes der Musik eben so gewiss zu Grunde
geht, wie sie aus diesem Geiste allein geboren werden kann. Das Ungewöhnliche
dieser Behauptung zu mildern und andererseits den Ursprung dieser unserer
Erkenntniss aufzuzeigen, müssen wir uns jetzt freien Blicks den analogen
Erscheinungen der Gegenwart gegenüber stellen; wir müssen mitten hinein in jene
Kämpfe treten, welche, wie ich eben sagte, zwischen der unersättlichen
optimistischen Erkenntniss und der tragischen Kunstbedürftigkeit in den höchsten
Sphären unserer jetzigen Welt gekämpft werden. Ich will hierbei von allen den
anderen gegnerischen Trieben absehn, die zu jeder Zeit der Kunst und gerade der
Tragödie entgegenarbeiten und die auch in der Gegenwart in dem Maasse
siegesgewiss um sich greifen, dass von den theatralischen Künsten z. B. allein
die Posse und das Ballet in einem einigermaassen üppigen Wuchern ihre
vielleicht nicht für Jedermann wohlriechenden Blüthen treiben. Ich will nur von
der erlauchtesten Gegnerschaft der tragischen Weltbetrachtung reden und meine
damit die in ihrem tiefsten Wesen optimistische Wissenschaft, mit ihrem
Ahnherrn Sokrates an der Spitze. Alsbald sollen auch die Mächte bei Namen
genannt werden, welche mir eine Wiedergeburt der Tragödie - und welche andere
selige Hoffnungen für das deutsche Wesen! - zu verbürgen scheinen.
Bevor wir uns
mitten in jene Kämpfe hineinstürzen, hüllen wir uns in die Rüstung unsrer
bisher eroberten Erkenntnisse. Im Gegensatz zu allen denen, welche beflissen
sind, die Künste aus einem einzigen Princip, als dem nothwendigen Lebensquell
jedes Kunstwerks abzuleiten, halte ich den Blick auf jene beiden künstlerischen
Gottheiten der Griechen, Apollo und Dionysus, geheftet und erkenne in ihnen die
lebendigen und anschaulichen Repräsentanten zweier in ihrem tiefsten Wesen und
ihren höchsten Zielen verschiedenen Kunstwelten. Apollo steht vor mir, als der
verklärende Genius des principii individuationis, durch den allein die Erlösung
im Scheine wahrhaft zu erlangen ist: während unter dem mystischen Jubelruf des
Dionysus der Bann der Individuation zersprengt wird und der Weg zu den Müttern
des Sein’s, zu dem innersten Kern der Dinge offen liegt. Dieser ungeheuere
Gegensatz, der sich zwischen der plastischen Kunst als der apollinischen und
der Musik als der dionysischen Kunst klaffend aufthut, ist einem Einzigen der
grossen Denker in dem Maasse offenbar geworden, dass er, selbst ohne jene
Anleitung der hellenischen Göttersymbolik, der Musik einen verschiedenen
Charakter und Ursprung vor allen anderen Künsten zuerkannte, weil sie nicht,
wie jene alle, Abbild der Erscheinung, sondern unmittelbar Abbild des Willens
selbst sei und also zu allem Physischen der Welt das Metaphysische, zu aller
Erscheinung das Ding an sich darstelle. (Schopenhauer, Welt als Wille und
Vorstellung I, p. 310). Auf diese wichtigste Erkenntniss aller Aesthetik, mit
der, in einem ernstern Sinne genommen, die Aesthetik erst beginnt, hat Richard
Wagner, zur Bekräftigung ihrer ewigen Wahrheit, seinen Stempel gedrückt, wenn
er im “Beethoven” feststellt, dass die Musik nach ganz anderen aesthetischen
Principien als alle bildenden Künste und überhaupt nicht nach der Kategorie der
Schönheit zu bemessen sei: obgleich eine irrige Aesthetik, an der Hand einer
missleiteten und entarteten Kunst, von jenem in der bildnerischen Welt
geltenden Begriff der Schönheit aus sich gewöhnt habe, von der Musik eine
ähnliche Wirkung wie von den Werken der bildenden Kunst zu fordern, nämlich die
Erregung des Gefallens an schönen Formen. Nach der Erkenntniss jenes ungeheuren
Gegensatzes fühlte ich eine starke Nöthigung, mich dem Wesen der griechischen
Tragödie und damit der tiefsten Offenbarung des hellenischen Genius zu nahen:
denn erst jetzt glaubte ich des Zaubers mächtig zu sein, über die Phraseologie
unserer üblichen Aesthetik hinaus, das Urproblem der Tragödie mir leibhaft vor
die Seele stellen zu können: wodurch mir ein so befremdlich eigenthümlicher
Blick in das Hellenische vergönnt war, dass es mir scheinen musste, als ob
unsre so stolz sich gebärdende classisch-hellenische Wissenschaft in der
Hauptsache bis jetzt nur an Schattenspielen und Aeusserlichkeiten sich zu
weiden gewusst habe.
Jenes Urproblem
möchten wir vielleicht mit dieser Frage berühren: welche aesthetische Wirkung
entsteht, wenn jene an sich getrennten Kunstmächte des Apollinischen und des
Dionysischen neben einander in Thätigkeit gerathen? Oder in kürzerer Form: wie
verhält sich die Musik zu Bild und Begriff? - Schopenhauer, dem Richard Wagner
gerade für diesen Punkt eine nicht zu überbietende Deutlichkeit und
Durchsichtigkeit der Darstellung nachrühmt, äussert sich hierüber am
ausführlichsten in der folgenden Stelle, die ich hier in ihrer ganzen Länge
wiedergeben werde. Welt als Wille und Vorstellung I, p. 309: “Diesem allen
zufolge können wir die erscheinende Welt, oder die Natur, und die Musik als
zwei verschiedene Ausdrücke derselben Sache ansehen, welche selbst daher das
allein Vermittelnde der Analogie beider ist, dessen Erkenntniss erfordert wird,
um jene Analogie einzusehen. Die Musik ist demnach, wenn als Ausdruck der Welt
angesehen eine im höchsten Grad allgemeine Sprache, die sich sogar zur
Allgemeinheit der Begriffe ungefähr verhält wie diese zu den einzelnen Dingen.
Ihre Allgemeinheit ist aber keineswegs jene leere Allgemeinheit der
Abstraction, sondern ganz anderer Art und ist verbunden mit durchgängiger
deutlicher Bestimmtheit. Sie gleicht hierin den geometrischen Figuren und den
Zahlen, welche als die allgemeinen Formen aller möglichen Objecte der Erfahrung
und auf alle a priori anwendbar, doch nicht abstract, sondern anschaulich und
durchgängig bestimmt sind. Alle möglichen Bestrebungen, Erregungen und
Aeusserungen des Willens, alle jene Vorgänge im Innern des Menschen, welche die
Vernunft in den weiten negativen Begriff Gefühl wirft, sind durch die unendlich
vielen möglichen Melodien auszudrücken, aber immer in der Allgemeinheit blosser
Form, ohne den Stoff, immer nur nach dem Ansich, nicht nach der Erscheinung,
gleichsam die innerste Seele derselben, ohne Körper. Aus diesem innigen
Verhältniss, welches die Musik zum wahren Wesen aller Dinge hat, ist auch dies
zu erklären, dass, wenn zu irgend einer Scene, Handlung, Vorgang, Umgebung,
eine passende Musik ertönt, diese uns den geheimsten Sinn derselben
aufzuschliessen scheint und als der richtigste und deutlichste Commentar dazu
auftritt; imgleichen, dass es Dem, der sich dem Eindruck einer Symphonie ganz
hingiebt, ist, als sähe er alle möglichen Vorgänge des Lebens und der Welt an
sich vorüberziehen: dennoch kann er, wenn er sich besinnt, keine Aehnlichkeit
angeben zwischen jenem Tonspiel und den Dingen, die ihm vorschwebten. Denn die
Musik ist, wie gesagt, darin von allen anderen Künsten verschieden, dass sie
nicht Abbild der Erscheinung, oder richtiger, der adäquaten Objectität des
Willens, sondern unmittelbar Abbild des Willens selbst ist und also zu allem
Physischen der Welt das Metaphysische, zu aller Erscheinung das Ding an sich
darstellt. Man könnte demnach die Welt ebensowohl verkörperte Musik, als
verkörperten Willen nennen: daraus also ist es erklärlich, warum Musik jedes
Gemälde, ja jede Scene des wirklichen Lebens und der Welt, sogleich in erhöhter
Bedeutsamkeit hervortreten lässt; freilich um so mehr, je analoger ihre Melodie
dem innern Geiste der gegebenen Erscheinung ist. Hierauf beruht es, dass man
ein Gedicht als Gesang, oder eine anschauliche Darstellung als Pantomime, oder
beides als Oper der Musik unterlegen kann. Solche einzelne Bilder des
Menschenlebens, der allgemeinen Sprache der Musik untergelegt, sind nie mit durchgängiger
Nothwendigkeit ihr verbunden oder entsprechend; sondern sie stehen zu ihr nur
im Verhältniss eines beliebigen Beispiels zu einem allgemeinen Begriff: sie
stellen in der Bestimmtheit der Wirklichkeit Dasjenige dar, was die Musik in
der Allgemeinheit blosser Form aussagt. Denn die Melodien sind gewissermaassen,
gleich den allgemeinen Begriffen, ein Abstractum der Wirklichkeit. Diese
nämlich, also die Welt der einzelnen Dinge, liefert das Anschauliche, das
Besondere und Individuelle, den einzelnen Fall, sowohl zur Allgemeinheit der
Begriffe, als zur Allgemeinheit der Melodien, welche beide Allgemeinheiten
einander aber in gewisser Hinsicht entgegengesetzt sind; indem die Begriffe nur
die allererst aus der Anschauung abstrahirten Formen, gleichsam die abgezogene
äussere Schale der Dinge enthalten, also ganz eigentlich Abstracta sind; die
Musik hingegen den innersten aller Gestaltung vorhergängigen Kern, oder das
Herz der Dinge giebt. Dies Verhältniss liesse sich recht gut in der Sprache der
Scholastiker ausdrücken, indem man sagte: die Begriffe sind die universalia
post rem, die Musik aber giebt die universalia ante rem, und die Wirklichkeit
die universalia in re. Dass aber überhaupt eine Beziehung zwischen einer
Composition und einer anschaulichen Darstellung möglich ist, beruht, wie
gesagt, darauf, dass beide nur ganz verschiedene Ausdrücke desselben innern
Wesens der Welt sind. Wann nun im einzelnen Fall eine solche Beziehung wirklich
vorhanden ist, also der Componist die Willensregungen, welche den Kern einer
Begebenheit ausmachen, in der allgemeinen Sprache der Musik auszusprechen
gewusst hat: dann ist die Melodie des Liedes, die Musik der Oper ausdrucksvoll.
Die vom Componisten aufgefundene Analogie zwischen jenen beiden muss aber aus
der unmittelbaren Erkenntniss des Wesens der Welt, seiner Vernunft unbewusst,
hervorgegangen und darf nicht, mit bewusster Absichtlichkeit, durch Begriffe
vermittelte Nachahmung sein: sonst spricht die Musik nicht das innere Wesen,
den Willen selbst aus; sondern ahmt nur seine Erscheinung ungenügend nach; wie
dies alle eigentlich nachbildende Musik thut”. -
Wir verstehen also,
nach der Lehre Schopenhauer’s, die Musik als die Sprache des Willens
unmittelbar und fühlen unsere Phantasie angeregt, jene zu uns redende, unsichtbare
und doch so lebhaft bewegte Geisterwelt zu gestalten und sie in einem analogen
Beispiel uns zu verkörpern. Andrerseits kommt Bild und Begriff, unter der
Einwirkung einer wahrhaft entsprechenden Musik, zu einer erhöhten
Bedeutsamkeit. Zweierlei Wirkungen pflegt also die dionysische Kunst auf das
apollinische Kunstvermögen auszuüben: die Musik reizt zum gleichnissartigen
Anschauen der dionysischen Allgemeinheit, die Musik lässt sodann das
gleichnissartige Bild in höchster Bedeutsamkeit hervortreten. Aus diesen an
sich verständlichen und keiner tieferen Beobachtung unzugänglichen Thatsachen
erschliesse ich die Befähigung der Musik, den Mythus d. h. das bedeutsamste
Exempel zu gebären und gerade den tragischen Mythus: den Mythus, der von der
dionysischen Erkenntniss in Gleichnissen redet. An dem Phänomen des Lyrikers
habe ich dargestellt, wie die Musik im Lyriker darnach ringt, in apollinischen
Bildern über ihr Wesen sich kund zu geben: denken wir uns jetzt, dass die Musik
in ihrer höchsten Steigerung auch zu einer höchsten Verbildlichung zu kommen
suchen muss, so müssen wir für möglich halten, dass sie auch den symbolischen
Ausdruck für ihre eigentliche dionysische Weisheit zu finden wisse; und wo
anders werden wir diesen Ausdruck zu suchen haben, wenn nicht in der Tragödie
und überhaupt im Begriff des Tragischen?
Aus dem Wesen der
Kunst, wie sie gemeinhin nach der einzigen Kategorie des Scheines und der
Schönheit begriffen wird, ist das Tragische in ehrlicher Weise gar nicht
abzuleiten; erst aus dem Geiste der Musik heraus verstehen wir eine Freude an
der Vernichtung des Individuums. Denn an den einzelnen Beispielen einer solchen
Vernichtung wird uns nur das ewige Phänomen der dionysischen Kunst deutlich
gemacht, die den Willen in seiner Allmacht gleichsam hinter dem principio
individuationis, das ewige Leben jenseit aller Erscheinung und trotz aller
Vernichtung zum Ausdruck bringt. Die metaphysische Freude am Tragischen ist
eine Uebersetzung der instinctiv unbewussten dionysischen Weisheit in die
Sprache des Bildes: der Held, die höchste Willenserscheinung, wird zu unserer
Lust verneint, weil er doch nur Erscheinung ist, und das ewige Leben des
Willens durch seine Vernichtung nicht berührt wird. “Wir glauben an das ewige
Leben”, so ruft die Tragödie; während die Musik die unmittelbare Idee dieses
Lebens ist. Ein ganz verschiednes Ziel hat die Kunst des Plastikers: hier
überwindet Apollo das Leiden des Individuums durch die leuchtende
Verherrlichung der Ewigkeit der Erscheinung, hier siegt die Schönheit über das
dem Leben inhärirende Leiden, der Schmerz wird in einem gewissen Sinne aus den
Zügen der Natur hinweggelogen. In der dionysischen Kunst und in deren
tragischer Symbolik redet uns dieselbe Natur mit ihrer wahren, unverstellten
Stimme an: “Seid wie ich bin! Unter dem unaufhörlichen Wechsel der
Erscheinungen die ewig schöpferische, ewig zum Dasein zwingende, an diesem
Erscheinungswechsel sich ewig befriedigende Urmutter!”
17
Auch die
dionysische Kunst will uns von der ewigen Lust des Daseins überzeugen: nur
sollen wir diese Lust nicht in den Erscheinungen, sondern hinter den
Erscheinungen suchen. Wir sollen erkennen, wie alles, was entsteht, zum
leidvollen Untergange bereit sein muss, wir werden gezwungen in die Schrecken
der Individualexistenz hineinzublicken - und sollen doch nicht erstarren: ein
metaphysischer Trost reisst uns momentan aus dem Getriebe der Wandelgestalten
heraus. Wir sind wirklich in kurzen Augenblicken das Urwesen selbst und fühlen
dessen unbändige Daseinsgier und Daseinslust; der Kampf, die Qual, die
Vernichtung der Erscheinungen dünkt uns jetzt wie nothwendig, bei dem
Uebermaass von unzähligen, sich in’s Leben drängenden und stossenden
Daseinsformen, bei der überschwänglichen Fruchtbarkeit des Weltwillens; wir
werden von dem wüthenden Stachel dieser Qualen in demselben Augenblicke
durchbohrt, wo wir gleichsam mit der unermesslichen Urlust am Dasein eins
geworden sind und wo wir die Unzerstörbarkeit und Ewigkeit dieser Lust in
dionysischer Entzückung ahnen. Trotz Furcht und Mitleid sind wir die
glücklich-Lebendigen, nicht als Individuen, sondern als das eine Lebendige, mit
dessen Zeugungslust wir verschmolzen sind.
Die
Entstehungsgeschichte der griechischen Tragödie sagt uns jetzt mit lichtvoller
Bestimmtheit, wie das tragische Kunstwerk der Griechen wirklich aus dem Geiste
der Musik herausgeboren ist: durch welchen Gedanken wir zum ersten Male dem
ursprünglichen und so erstaunlichen Sinne des Chors gerecht geworden zu sein
glauben. Zugleich aber müssen wir zugeben, dass die vorhin aufgestellte
Bedeutung des tragischen Mythus den griechischen Dichtern, geschweige den
griechischen Philosophen, niemals in begrifflicher Deutlichkeit durchsichtig
geworden ist; ihre Helden sprechen gewissermaassen oberflächlicher als sie
handeln, der Mythus findet in dem gesprochnen Wort durchaus nicht seine
adäquate Objectivation. Das Gefüge der Scenen und die anschaulichen Bilder
offenbaren eine tiefere Weisheit, als der Dichter selbst in Worte und Begriffe
fassen kann: wie das Gleiche auch bei Shakespeare beobachtet wird, dessen
Hamlet z. B. in einem ähnlichen Sinne oberflächlicher redet als er handelt, so
dass nicht aus den Worten heraus, sondern aus dem vertieften Anschauen und
Ueberschauen des Ganzen jene früher erwähnte Hamletlehre zu entnehmen ist. In
Betreff der griechischen Tragödie, die uns freilich nur als Wortdrama
entgegentritt, habe ich sogar angedeutet, dass jene Incongruenz zwischen Mythus
und Wort uns leicht verführen könnte, sie für flacher und bedeutungsloser zu
halten, als sie ist, und demnach auch eine oberflächlichere Wirkung für sie
vorauszusetzen, als sie nach den Zeugnissen der Alten gehabt haben muss: denn
wie leicht vergisst man, dass, was dem Wortdichter nicht gelungen war, die
höchste Vergeistigung und Idealität des Mythus zu erreichen, ihm als
schöpferischem Musiker in jedem Augenblick gelingen konnte! Wir freilich müssen
uns die Uebermacht der musikalischen Wirkung fast auf gelehrtem Wege
reconstruiren, um etwas von jenem unvergleichlichen Troste zu empfangen, der
der wahren Tragödie zu eigen sein muss. Selbst diese musikalische Uebermacht
aber würden wir nur, wenn wir Griechen wären, als solche empfunden haben:
während wir in der ganzen Entfaltung der griechischen Musik - der uns bekannten
und vertrauten, so unendlich reicheren gegenüber - nur das in schüchternem
Kraftgefühle angestimmte Jünglingslied des musikalischen Genius zu hören
glauben. Die Griechen sind, wie die ägyptischen Priester sagen, die ewigen
Kinder, und auch in der tragischen Kunst nur die Kinder, welche nicht wissen, welches
erhabene Spielzeug unter ihren Händen entstanden ist und - zertrümmert wird.
Jenes Ringen des
Geistes der Musik nach bildlicher und mythischer Offenbarung, welches von den
Anfängen der Lyrik bis zur attischen Tragödie sich steigert, bricht plötzlich,
nach eben erst errungener üppiger Entfaltung, ab und verschwindet gleichsam von
der Oberfläche der hellenischen Kunst: während die aus diesem Ringen geborne
dionysische Weltbetrachtung in den Mysterien weiterlebt und in den
wunderbarsten Metamorphosen und Entartungen nicht aufhört, ernstere Naturen an
sich zu ziehen Ob sie nicht aus ihrer mystischen Tiefe einst wieder als Kunst
emporsteigen wird?
Hier beschäftigt
uns die Frage, ob die Macht, an deren Entgegenwirken die Tragödie sich brach,
für alle Zeit genug Stärke hat, um das künstlerische Wiedererwachen der
Tragödie und der tragischen Weltbetrachtung zu verhindern. Wenn die alte
Tragödie durch den dialektischen Trieb zum Wissen und zum Optimismus der
Wissenschaft aus ihrem Gleise gedrängt wurde, so wäre aus dieser Thatsache auf
einen ewigen Kampf zwischen der theoretischen und der tragischen
Weltbetrachtung zu schliessen; und erst nachdem der Geist der Wissenschaft bis
an seine Grenze geführt ist, und sein Anspruch auf universale Gültigkeit durch
den Nachweis jener Grenzen vernichtet ist dürfte auf eine Wiedergeburt der
Tragödie zu hoffen sein: für welche Culturform wir das Symbol des
musiktreibenden Sokrates, in dem früher erörterten Sinne, hinzustellen hätten.
Bei dieser Gegenüberstellung verstehe ich unter dem Geiste der Wissenschaft
jenen zuerst in der Person des Sokrates an’s Licht gekommenen Glauben an die
Ergründlichkeit der Natur und an die Universalheilkraft des Wissens.
Wer sich an die nächsten
Folgen dieses rastlos vorwärtsdringenden Geistes der Wissenschaft erinnert,
wird sich sofort vergegenwärtigen, wie durch ihn der Mythus vernichtet wurde
und wie durch diese Vernichtung die Poesie aus ihrem natürlichen idealen Boden,
als eine nunmehr heimathlose, verdrängt war. Haben wir mit Recht der Musik die
Kraft zugesprochen, den Mythus wieder aus sich gebären zu können, so werden wir
den Geist der Wissenschaft auch auf der Bahn zu suchen haben, wo er dieser
mythenschaffenden Kraft der Musik feindlich entgegentritt. Dies geschieht in
der Entfaltung des neueren attischen Dithyrambus, dessen Musik nicht mehr das
innere Wesen, den Willen selbst aussprach, sondern nur die Erscheinung
ungenügend, in einer durch Begriffe vermittelten Nachahmung wiedergab: von
welcher innerlich entarteten Musik sich die wahrhaft musikalischen Naturen mit
demselben Widerwillen abwandten, den sie vor der kunstmörderischen Tendenz des
Sokrates hatten. Der sicher zugreifende Instinct des Aristophanes hat gewiss
das Rechte erfasst, wenn er Sokrates selbst, die Tragödie des Euripides und die
Musik der neueren Dithyrambiker in dem gleichen Gefühle des Hasses
zusammenfasste und in allen drei Phänomenen die Merkmale einer degenerirten
Cultur witterte. Durch jenen neueren Dithyrambus ist die Musik in frevelhafter
Weise zum imitatorischen Conterfei der Erscheinung z. B. einer Schlacht, eines
Seesturmes gemacht und damit allerdings ihrer mythenschaffenden Kraft gänzlich
beraubt worden. Denn wenn sie unsere Ergetzung nur dadurch zu erregen sucht,
dass sie uns zwingt, äusserliche Analogien zwischen einem Vorgange des Lebens
und der Natur und gewissen rhythmischen Figuren und charakteristischen Klängen
der Musik zu suchen, wenn sich unser Verstand an der Erkenntniss dieser
Analogien befriedigen soll, so sind wir in eine Stimmung herabgezogen, in der
eine Empfängniss des Mythischen unmöglich ist; denn der Mythus will als ein
einziges Exempel einer in’s Unendliche hinein starrenden Allgemeinheit und
Wahrheit anschaulich empfunden werden. Die wahrhaft dionysische Musik tritt uns
als ein solcher allgemeiner Spiegel des Weltwillens gegenüber: jenes
anschauliche Ereigniss, das sich in diesem Spiegel bricht, erweitert sich
sofort für unser Gefühl zum Abbilde einer ewigen Wahrheit. Umgekehrt wird ein
solches anschauliches Ereigniss durch die Tonmalerei des neueren Dithyrambus
sofort jedes mythischen Charakters entkleidet; jetzt ist die Musik zum
dürftigen Abbilde der Erscheinung geworden und darum unendlich ärmer als die
Erscheinung selbst: durch welche Armuth sie für unsere Empfindung die
Erscheinung selbst noch herabzieht, so dass jetzt z. B. eine derartig
musikalisch imitirte Schlacht sich in Marschlärm, Signalklängen u. s. w.
erschöpft, und unsere Phantasie gerade bei diesen Oberflächlichkeiten festgehalten
wird. Die Tonmalerei ist also in jeder Beziehung das Gegenstück zu der
mythenschaffenden Kraft der wahren Musik: durch sie wird die Erscheinung noch
ärmer als sie ist, während durch die dionysische Musik die einzelne Erscheinung
sich zum Weltbilde bereichert und erweitert. Es war ein mächtiger Sieg des
undionysischen Geistes, als er, in der Entfaltung des neueren Dithyrambus, die
Musik sich selbst entfremdet und sie zur Sclavin der Erscheinung herabgedrückt
hatte. Euripides, der in einem höhern Sinne eine durchaus unmusikalische Natur
genannt werden muss, ist aus eben diesem Grunde leidenschaftlicher Anhänger der
neueren dithyrambischen Musik und verwendet mit der Freigebigkeit eines Räubers
alle ihre Effectstücke und Manieren.
Nach einer anderen
Seite sehen wir die Kraft dieses undionysischen, gegen den Mythus gerichteten
Geistes in Thätigkeit, wenn wir unsere Blicke auf das Ueberhandnehmen der
Charakterdarstellung und des psychologischen Raffinements in der Tragödie von
Sophokles ab richten. Der Charakter soll sich nicht mehr zum ewigen Typus
erweitern lassen, sondern im Gegentheil so durch künstliche Nebenzüge und
Schattirungen, durch feinste Bestimmtheit aller Linien individuell wirken, dass
der Zuschauer überhaupt nicht mehr den Mythus, sondern die mächtige
Naturwahrheit und die Imitationskraft des Künstlers empfindet. Auch hier
gewahren wir den Sieg der Erscheinung über das Allgemeine und die Lust an dem
einzelnen gleichsam anatomischen Präparat, wir athmen bereits die Luft einer
theoretischen Welt, welcher die wissenschaftliche Erkenntniss höher gilt als
die künstlerische Wiederspiegelung einer Weltregel. Die Bewegung auf der Linie
des Charakteristischen geht schnell weiter: während noch Sophokles ganze
Charactere malt und zu ihrer raffinirten Entfaltung den Mythus ins Joch spannt,
malt Euripides bereits nur noch grosse einzelne Charakterzüge, die sich in
heftigen Leidenschaften zu äussern wissen; in der neuern attischen Komödie
giebt es nur noch Masken mit einem Ausdruck, leichtsinnige Alte, geprellte
Kuppler, verschmitzte Sclaven in unermüdlicher Wiederholung. Wohin ist jetzt
der mythenbildende Geist der Musik? Was jetzt noch von Musik übrig ist, das ist
entweder Aufregungs- oder Erinnerungsmusik d.h. entweder ein Stimulanzmittel
für stumpfe und verbrauchte Nerven oder Tonmalerei. Für die erstere kommt es
auf den untergelegten Text kaum noch an: schon bei Euripides geht es, wenn
seine Helden oder Chöre erst zu singen anfangen, recht lüderlich zu; wohin mag
es bei seinen frechen Nachfolgern gekommen sein?
Am
allerdeutlichsten aber offenbart sich der neue undionysische Geist in den
Schlüssen der neueren Dramen. In der alten Tragödie war der metaphysische Trost
am Ende zu spüren gewesen, ohne den die Lust an der Tragödie überhaupt nicht zu
erklären ist; am reinsten tönt vielleicht im Oedipus auf Kolonos der
versöhnende Klang aus einer anderen Welt. Jetzt, als der Genius der Musik aus
der Tragödie entflohen war, ist, im strengen Sinne, die Tragödie todt: denn
woher sollte man jetzt jenen metaphysischen Trost schöpfen können? Man suchte
daher nach einer irdischen Lösung der tragischen Dissonanz; der Held, nachdem
er durch das Schicksal hinreichend gemartert war, erntete in einer stattlichen
Heirat, in göttlichen Ehrenbezeugungen einen wohlverdienten Lohn. Der Held war
zum Gladiator geworden, dem man, nachdem er tüchtig geschunden und mit Wunden
überdeckt war, gelegentlich die Freiheit schenkte. Der deus ex machina ist an
Stelle des metaphysischen Trostes getreten. Ich will nicht sagen, dass die
tragische Weltbetrachtung überall und völlig durch den andrängenden Geist des
Undionysischen zerstört wurde: wir wissen nur, dass sie sich aus der Kunst
gleichsam in die Unterwelt, in einer Entartung zum Geheimcult, flüchten musste.
Aber auf dem weitesten Gebiete der Oberfläche des hellenischen Wesens wüthete
der verzehrende Hauch jenes Geistes, welcher sich in jener Form der
“griechischen Heiterkeit” kundgiebt, von der bereits früher, als von einer
greisenhaft unproductiven Daseinslust, die Rede war; diese Heiterkeit ist ein
Gegenstück zu der herrlichen “Naivetät” der älteren Griechen, wie sie, nach der
gegebenen Charakteristik, zu fassen ist als die aus einem düsteren Abgrunde
hervorwachsende Blüthe der apollinischen Cultur, als der Sieg, den der
hellenische Wille durch seine Schönheitsspiegelung über das Leiden und die
Weisheit des Leidens davonträgt. Die edelste Form jener anderen Form der
“griechischen Heiterkeit”, der alexandrinischen, ist die Heiterkeit des
theoretischen Menschen: sie zeigt dieselben charakteristischen Merkmale, die
ich soeben aus dem Geiste des Undionysischen ableitete - dass sie die
dionysische Weisheit und Kunst bekämpft, dass sie den Mythus aufzulösen
trachtet, dass sie an Stelle eines metaphysischen Trostes eine irdische
Consonanz, ja einen eigenen deus ex machina setzt, nämlich den Gott der
Maschinen und Schmelztiegel, d. h. die im Dienste des höheren Egoismus
erkannten und verwendeten Kräfte der Naturgeister, dass sie an eine Correctur
der Welt durch das Wissen, an ein durch die Wissenschaft geleitetes Leben
glaubt und auch wirklich im Stande ist, den einzelnen Menschen in einen
allerengsten Kreis von lösbaren Aufgaben zu bannen, innerhalb dessen er heiter
zum Leben sagt: “Ich will dich: du bist werth erkannt zu werden”.
18
Es ist ein ewiges
Phänomen: immer findet der gierige Wille ein Mittel, durch eine über die Dinge
gebreitete Illusion seine Geschöpfe im Leben festzuhalten und zum Weiterleben
zu zwingen. Diesen fesselt die sokratische Lust des Erkennens und der Wahn,
durch dasselbe die ewige Wunde des Daseins heilen zu können, jenen umstrickt
der vor seinen Augen wehende verführerische Schönheitsschleier der Kunst, jenen
wiederum der metaphysische Trost, dass unter dem Wirbel der Erscheinungen das
ewige Leben unzerstörbar weiterfliesst: um von den gemeineren und fast noch
kräftigeren Illusionen, die der Wille in jedem Augenblick bereithält, zu
schweigen. Jene drei Illusionsstufen sind überhaupt nur für die edler
ausgestatteten Naturen, von denen die Last und Schwere des Daseins überhaupt mit
tieferer Unlust empfunden wird und die durch ausgesuchte Reizmittel über diese
Unlust hinwegzutäuschen sind. Aus diesen Reizmitteln besteht alles, was wir
Cultur nennen: je nach der Proportion der Mischungen haben wir eine
vorzugsweise sokratische oder künstlerische oder tragische Cultur: oder wenn
man historische Exemplificationen erlauben will: es giebt entweder eine
alexandrinische oder eine hellenische oder eine buddhaistische Cultur.
Unsere ganze
moderne Welt ist in dem Netz der alexandrinischen Cultur befangen und kennt als
Ideal den mit höchsten Erkenntnisskräften ausgerüsteten, im Dienste der
Wissenschaft arbeitenden theoretischen Menschen, dessen Urbild und Stammvater
Sokrates ist. Alle unsere Erziehungsmittel haben ursprünglich dieses Ideal im Auge:
jede andere Existenz hat sich mühsam nebenbei emporzuringen, als erlaubte,
nicht als beabsichtigte Existenz. In einem fast erschreckenden Sinne ist hier
eine lange Zeit der Gebildete allein in der Form des Gelehrten gefunden worden;
selbst unsere dichterischen Künste haben sich aus gelehrten Imitationen
entwickeln müssen, und in dem Haupteffect des Reimes erkennen wir noch die
Entstehung unserer poetischen Form aus künstlichen Experimenten mit einer nicht
heimischen, recht eigentlich gelehrten Sprache. Wie unverständlich müsste einem
ächten Griechen der an sich verständliche moderne Culturmensch Faust
erscheinen, der durch alle Facultäten unbefriedigt stürmende, aus Wissenstrieb
der Magie und dem Teufel ergebene Faust, den wir nur zur Vergleichung neben
Sokrates zu stellen haben, um zu erkennen, dass der moderne Mensch die Grenzen
jener sokratischen Erkenntnisslust zu ahnen beginnt und aus dem weiten wüsten
Wissensmeere nach einer Küste verlangt. Wenn Goethe einmal zu Eckermann, mit
Bezug auf Napoleon, äussert: “Ja mein Guter, es giebt auch eine Productivität
der Thaten”, so hat er, in anmuthig naiver Weise, daran erinnert, dass der
nicht theoretische Mensch für den modernen Menschen etwas Unglaubwürdiges und
Staunenerregendes ist, so dass es wieder der Weisheit eines Goethe bedarf, um
auch eine so befremdende Existenzform begreiflich, ja verzeihlich zu finden.
Und nun soll man
sich nicht verbergen, was im Schoosse dieser sokratischen Cultur verborgen
liegt! Der unumschränkt sich wähnende Optimismus! Nun soll man nicht
erschrecken, wenn die Früchte dieses Optimismus reifen, wenn die von einer
derartigen Cultur bis in die niedrigsten Schichten hinein durchsäuerte
Gesellschaft allmählich unter üppigen Wallungen und Begehrungen erzittert, wenn
der Glaube an das Erdenglück Aller, wenn der Glaube an die Möglichkeit einer
solchen allgemeinen Wissenscultur allmählich in die drohende Forderung eines
solchen alexandrinischen Erdenglückes, in die Beschwörung eines Euripideischen
deus ex machina umschlägt! Man soll es merken: die alexandrinische Cultur
braucht einen Sclavenstand, um auf die Dauer existieren zu können: aber sie
leugnet, in ihrer optimistischen Betrachtung des Daseins, die Nothwendigkeit
eines solchen Standes und geht deshalb, wenn der Effect ihrer schönen
Verführungs und Beruhigungsworte von der “Würde des Menschen” und der “Würde
der Arbeit” verbraucht ist, allmählich einer grauenvollen Vernichtung entgegen.
Es giebt nichts Furchtbareres als einen barbarischen Sclavenstand, der seine
Existenz als ein Unrecht zu betrachten gelernt hat und sich anschickt, nicht
nur für sich, sondern für alle Generationen Rache zu nehmen. Wer wagt es,
solchen drohenden Stürmen entgegen, sicheren Muthes an unsere blassen und
ermüdeten Religionen zu appelliren, die selbst in ihren Fundamenten zu
Gelehrtenreligionen entartet sind: so dass der Mythus, die nothwendige
Voraussetzung jeder Religion, bereits überall gelähmt ist, und selbst auf
diesem Bereich jener optimistische Geist zur Herrschaft gekommen ist, den wir
als den Vernichtungskeim unserer Gesellschaft eben bezeichnet haben.
Während das im
Schoosse der theoretischen Cultur schlummernde Unheil allmählich den modernen
Menschen zu ängstigen beginnt, und er, unruhig, aus dem Schatze seiner
Erfahrungen nach Mitteln greift, um die Gefahr abzuwenden, ohne selbst an diese
Mittel recht zu glauben; während er also seine eigenen Consequenzen zu ahnen
beginnt: haben grosse allgemein angelegte Naturen, mit einer unglaublichen
Besonnenheit, das Rüstzeug der Wissenschaft selbst zu benützen gewusst, um die
Grenzen und die Bedingtheit des Erkennens überhaupt darzulegen und damit den
Anspruch der Wissenschaft auf universale Geltung und universale Zwecke
entscheidend zu leugnen: bei welchem Nachweise zum ersten Male jene
Wahnvorstellung als solche erkannt wurde, welche, an der Hand der Causalität,
sich anmaasst, das innerste Wesen der Dinge ergründen zu können. Der ungeheuren
Tapferkeit und Weisheit Kant’ s und Schopenhauer’s ist der schwerste Sieg
gelungen, der Sieg über den im Wesen der Logik verborgen liegenden Optimismus,
der wiederum der Untergrund unserer Cultur ist. Wenn dieser an die
Erkennbarkeit und Ergründlichkeit aller Welträthsel, gestützt auf die ihm
unbedenklichen aeternae veritates, geglaubt und Raum, Zeit und Causalität als gänzlich
unbedingte Gesetze von allgemeinster Gültigkeit behandelt hatte, offenbarte
Kant, wie diese eigentlich nur dazu dienten, die blosse Erscheinung, das Werk
der Maja, zur einzigen und höchsten Realität zu erheben und sie an die Stelle
des innersten und wahren Wesens der Dinge zu setzen und die wirkliche
Erkenntniss von diesem dadurch unmöglich zu machen, d. h., nach einem
Schopenhauer’schen Ausspruche, den Träumer noch fester einzuschläfern (W. a. W.
u. V. I, p. 498). Mit dieser Erkenntniss ist eine Cultur eingeleitet, welche
ich als eine tragische zu bezeichnen wage: deren wichtigstes Merkmal ist, dass
an die Stelle der Wissenschaft als höchstes Ziel die Weisheit gerückt wird, die
sich, ungetäuscht durch die verführerischen Ablenkungen der Wissenschaften, mit
unbewegtem Blicke dem Gesammtbilde der Welt zuwendet und in diesem das ewige
Leiden mit sympathischer Liebesempfindung als das eigne Leiden zu ergreifen
sucht. Denken wir uns eine heranwachsende Generation mit dieser
Unerschrockenheit des Blicks, mit diesem heroischen Zug ins Ungeheure, denken
wir uns den kühnen Schritt dieser Drachentödter, die stolze Verwegenheit, mit
der sie allen den Schwächlichkeitsdoctrinen jenes Optimismus den Rücken kehren,
um im Ganzen und Vollen “resolut zu leben”: sollte es nicht nöthig sein, dass
der tragische Mensch dieser Cultur, bei seiner Selbsterziehung zum Ernst und
zum Schrecken, eine neue Kunst, die Kunst des metaphysischen Trostes, die
Tragödie als die ihm zugehörige Helena begehren und mit Faust ausrufen muss:
Und sollt’ ich nicht,
sehnsüchtigster Gewalt,
In’s
Leben ziehn die einzigste Gestalt?
Nachdem aber die
sokratische Cultur von zwei Seiten aus erschüttert ist und das Scepter ihrer
Unfehlbarkeit nur noch mit zitternden Händen zu halten vermag, einmal aus Furcht
vor ihren eigenen Consequenzen, die sie nachgerade zu ahnen beginnt, sodann
weil sie selbst von der ewigen Gültigkeit ihres Fundamentes nicht mehr mit dem
früheren naiven Zutrauen überzeugt ist: so ist es ein trauriges Schauspiel, wie
sich der Tanz ihres Denkens sehnsüchtig immer auf neue Gestalten stürzt, um sie
zu umarmen, und sie dann plötzlich wieder, wie Mephistopheles die
verführerischen Lamien, schaudernd fahren lässt. Das ist ja das Merkmal jenes
“Bruches”, von dem Jedermann als von dem Urleiden der modernen Cultur zu reden
pflegt, dass der theoretische Mensch vor seinen Consequenzen erschrickt und
unbefriedigt es nicht mehr wagt sich dem furchtbaren Eisstrome des Daseins
anzuvertrauen: ängstlich läuft er am Ufer auf und ab. Er will nichts mehr ganz
haben, ganz auch mit aller der natürlichen Grausamkeit der Dinge. Soweit hat
ihn das optimistische Betrachten verzärtelt. Dazu fühlt er, wie eine Cultur,
die auf dem Princip der Wissenschaft aufgebaut ist, zu Grunde gehen muss, wenn
sie anfängt, unlogisch zu werden d. h. vor ihren Consequenzen zurück zu
fliehen. Unsere Kunst offenbart diese allgemeine Noth: umsonst dass man sich an
alle grossen productiven Perioden und Naturen imitatorisch anlehnt, umsonst
dass man die ganze “Weltlitteratur” zum Troste des modernen Menschen um ihn
versammelt und ihn mitten unter die Kunststile und Künstler aller Zeiten
hinstellt, damit er ihnen, wie Adam den Thieren, einen Namen gebe: er bleibt
doch der ewig Hungernde, der “Kritiker” ohne Lust und Kraft, der alexandrinische
Mensch, der im Grunde Bibliothekar und Corrector ist und an Bücherstaub und
Druckfehlern elend erblindet.
19
Man kann den
innersten Gehalt dieser sokratischen Cultur nicht schärfer bezeichnen, als wenn
man sie die Cultur der Oper nennt: denn auf diesem Gebiete hat sich diese
Cultur mit eigener Naivetät über ihr Wollen und Erkennen ausgesprochen, zu
unserer Verwunderung, wenn wir die Genesis der Oper und die Thatsachen der
Opernentwicklung mit den ewigen Wahrheiten des Apollinischen und des
Dionysischen zusammenhalten. Ich erinnere zunächst an die Entstehung des stilo
rappresentativo und des Recitativs. Ist es glaublich, dass diese gänzlich
veräusserlichte, der Andacht unfähige Musik der Oper von einer Zeit mit
schwärmerischer Gunst, gleichsam als die Wiedergeburt aller wahren Musik,
empfangen und gehegt werden konnte, aus der sich soeben die unaussprechbar
erhabene und heilige Musik Palestrina’s erhoben hatte? Und wer möchte
andrerseits nur die zerstreuungssüchtige Üppigkeit jener Florentiner Kreise und
die Eitelkeit ihrer dramatischen Sänger für die so ungestüm sich verbreitende
Lust an der Oper verantwortlich machen? Dass in derselben Zeit, ja in demselben
Volke neben dem Gewölbebau Palestrinischer Harmonien, an dem das gesammte
christliche Mittelalter gebaut hatte, jene Leidenschaft für eine
halbmusikalisch Sprechart erwachte, vermag ich mir nur aus einer im Wesen des
Recitativs mitwirkenden ausserkünstlerischen Tendenz zu erklären.
Dem Zuhörer, der
das Wort unter dem Gesange deutlich vernehmen will, entspricht der Sänger
dadurch, dass er mehr spricht als singt und dass er den pathetischen
Wortausdruck in diesem Halbgesange verschärft: durch diese Verschärfung des
Pathos erleichtert er das Verständniss des Wortes und überwindet jene übrig
gebliebene Hälfte der Musik. Die eigentliche Gefahr, die ihm jetzt droht, ist
die, dass er der Musik einmal zur Unzeit das Obergewicht ertheilt, wodurch
sofort Pathos der Rede und Deutlichkeit des Wortes zu Grunde gehen müsste:
während er andrerseits immer den Trieb zu musikalischer Entladung und zu
virtuosenhafter Präsentation seiner Stimme fühlt. Hier kommt ihm der “Dichter”
zu Hülfe, der ihm genug Gelegenheiten zu lyrischen Interjectionen, Wort- und
Sentenzenwiederholungen u. s. w. zu bieten weiss: an welchen Stellen der Sänger
jetzt in dem rein musikalischen Elemente, ohne Rücksicht auf das Wort, ausruhen
kann. Dieser Wechsel affectvoll eindringlicher, doch nur halb gesungener Rede
und ganz gesungener Interjection, der im Wesen des stilo rappresentativo liegt,
dies rasch wechselnde Bemühen, bald auf den Begriff und die Vorstellung, bald
auf den musikalischen Grund des Zuhörers zu wirken, ist etwas so gänzlich
Unnatürliches und den Kunsttrieben des Dionysischen und des Apollinischen in
gleicher Weise so innerlich Widersprechendes, dass man auf einen Ursprung des
Recitativs zu schliessen hat, der ausserhalb aller künstlerischen Instincte
liegt. Das Recitativ ist nach dieser Schilderung zu definiren als die
Vermischung des epischen und des lyrischen Vortrags und zwar keinesfalls die
innerlich beständige Mischung, die bei so gänzlich disparaten Dingen nicht
erreicht werden konnte, sondern die äusserlichste mosaikartige Conglutination,
wie etwas Derartiges im Bereich der Natur und der Erfahrung gänzlich vorbildlos
ist. Dies war aber nicht die Meinung jener Erfinder des Recitativs: vielmehr
glauben sie selbst und mit ihnen ihr Zeitalter, dass durch jenen stilo
rappresentativo das Geheimniss der antiken Musik gelöst sei, aus dem sich
allein die ungeheure Wirkung eines Orpheus, Amphion, ja auch der griechischen
Tragödie erklären lasse. Der neue Stil galt als die Wiedererweckung der
wirkungsvollsten Musik, der altgriechischen: ja man durfte sich, bei der
allgemeinen und ganz volksthümlichen Auffassung der homerischen Welt als der Urwelt,
dem Traume überlassen, jetzt wieder in die paradiesischen Anfänge der
Menschheit hinabgestiegen zu sein, in der nothwendig auch die Musik jene
unübertroffne Reinheit, Macht und Unschuld gehabt haben müsste, von der die
Dichter in ihren Schäferspielen so rührend zu erzählen wussten. Hier sehen wir
in das innerlichste Werden dieser recht eigentlich modernen Kunstgattung, der
Oper: ein mächtiges Bedürfniss erzwingt sich hier eine Kunst, aber ein
Bedürfniss unaesthetischer Art: die Sehnsucht zum Idyll, der Glaube an eine
urvorzeitliche Existenz des künstlerischen und guten Menschen. Das Recitativ
galt als die wiederentdeckte Sprache jenes Urmenschen; die Oper als das
wiederaufgefundene Land jenes idyllisch oder heroisch guten Wesens, das
zugleich in allen seinen Handlungen einem natürlichen Kunsttriebe folgt, das
bei allem, was es zu sagen hat, wenigstens etwas singt, um, bei der leisesten
Gefühlserregung, sofort mit voller Stimme zu singen. Es ist für uns jetzt
gleichgültig, dass mit diesem neugeschaffnen Bilde des paradiesischen Künstlers
die damaligen Humanisten gegen die alte kirchliche Vorstellung vom an sich
verderbten und verlornen Menschen ankämpften: so dass die Oper als das
Oppositionsdogma vom guten Menschen zu verstehen ist, mit dem aber zugleich ein
Trostmittel gegen jenen Pessimismus gefunden war, zu dem gerade die
Ernstgesinnten jener Zeit, bei der grauenhaften Unsicherheit aller Zustände, am
stärksten gereizt waren. Genug, wenn wir erkannt haben, wie der eigentliche
Zauber und damit die Genesis dieser neuen Kunstform in der Befriedigung eines
gänzlich unaesthetischen Bedürfnisses liegt, in der optimistischen
Verherrlichung des Menschen an sich, in der Auffassung des Urmenschen als des
von Natur guten und künstlerischen Menschen: welches Princip der Oper sich
allmählich in eine drohende und entsetzliche Forderung umgewandelt hat, die
wir, im Angesicht der socialistischen Bewegungen der Gegenwart, nicht mehr
überhören können. Der “gute Urmensch” will seine Rechte: welche paradiesischen
Aussichten!
Ich stelle daneben
noch eine eben so deutliche Bestätigung meiner Ansicht, dass die Oper auf den
gleichen Principien mit unserer alexandrinischen Cultur aufgebaut ist. Die Oper
ist die Geburt des theoretischen Menschen, des kritischen Laien, nicht des Künstlers:
eine der befremdlichsten Thatsachen in der Geschichte aller Künste. Es war die
Forderung recht eigentlich unmusikalischer Zuhörer, dass man vor allem das Wort
verstehen müsse: so dass eine Wiedergeburt der Tonkunst nur zu erwarten sei,
wenn man irgend eine Gesangesweise entdecken werde, bei welcher das Textwort
über den Contrapunkt wie der Herr über den Diener herrsche. Denn die Worte
seien um so viel edler als das begleitende harmonische System, um wie viel die
Seele edler als der Körper sei. Mit der laienhaft unmusikalischen Rohheit
dieser Ansichten wurde in den Anfängen der Oper die Verbindung von Musik, Bild
und Wort behandelt; im Sinne dieser Aesthetik kam es auch in den vornehmen
Laienkreisen von Florenz, durch hier patronisirte Dichter und Sänger, zu den
ersten Experimenten. Der kunstohnmächtige Mensch erzeugt sich eine Art von
Kunst, gerade dadurch, dass er der unkünstlerische Mensch an sich ist. Weil er
die dionysische Tiefe der Musik nicht ahnt, verwandelt er sich den Musikgenuss
zur verstandesmässigen Wort- und Tonrhetorik der Leidenschaft im stilo
rappresentativo und zur Wohllust der Gesangeskünste; weil er keine Vision zu
schauen vermag, zwingt er den Maschinisten und Decorationskünstler in seinen
Dienst; weil er das wahre Wesen des Künstlers nicht zu erfassen weiss, zaubert
er vor sich den “künstlerischen Urmenschen” nach seinem Geschmack hin d.h. den
Menschen, der in der Leidenschaft singt und Verse spricht. Er träumt sich in
eine Zeit hinein, in der die Leidenschaft ausreicht, um Gesänge und Dichtungen
zu erzeugen: als ob jeder Affect im Stande gewesen sei, etwas Künstlerisches zu
schaffen. Die Voraussetzung der Oper ist ein falscher Glaube über den
künstlerischen Prozess und zwar jener idyllische Glaube, dass eigentlich jeder
empfindende Mensch Künstler sei. Im Sinne dieses Glaubens ist die Oper der
Ausdruck des Laienthums in der Kunst, das seine Gesetze mit dem heitern
Optimismus des theoretischen Menschen dictirt.
Sollten wir
wünschen, die beiden eben geschilderten, bei der Entstehung der Oper wirksamen
Vorstellungen unter einen Begriff zu vereinigen, so würde uns nur übrig
bleiben, von einer idyllischen Tendenz der Oper zu sprechen: wobei wir uns
allein der Ausdrucksweise und Erklärung Schillers zu bedienen hätten. Entweder,
sagt dieser, ist die Natur und das Ideal ein Gegenstand der Trauer, wenn jene
als verloren, dieses als unerreicht dargestellt wird. Oder beide sind ein
Gegenstand der Freude, indem sie als wirklich vorgestellt werden. Das erste
giebt die Elegie in engerer, das andere die Idylle in weitester Bedeutung. Hier
ist nun sofort auf das gemeinsame Merkmal jener beiden Vorstellungen in der
Operngenesis aufmerksam zu machen, dass in ihnen das Ideal nicht als
unerreicht, die Natur nicht als verloren empfunden wird. Es gab nach dieser
Empfindung eine Urzeit des Menschen, in der er am Herzen der Natur lag und bei
dieser Natürlichkeit zugleich das Ideal der Menschheit, in einer paradiesischen
Güte und Künstlerschaft, erreicht hatte: von welchem vollkommnen Urmenschen wir
alle abstammen sollten, ja dessen getreues Ebenbild wir noch wären: nur müssten
wir Einiges von uns werfen, um uns selbst wieder als diesen Urmenschen zu
erkennen, vermöge einer freiwilligen Entäusserung von überflüssiger
Gelehrsamkeit, von überreicher Cultur. Der Bildungsmensch der Renaissance liess
sich durch seine opernhafte Imitation der griechischen Tragödie zu einem
solchen Zusammenklang von Natur und Ideal, zu einer idyllischen Wirklichkeit
zurückgeleiten, er benutzte diese Tragödie, wie Dante den Virgil benutzte, um
bis an die Pforten des Paradieses geführt zu werden: während er von hier aus
selbständig noch weiter schritt und von einer Imitation der höchsten
griechischen Kunstform zu einer “Wiederbringung aller Dinge”, zu einer
Nachbildung der ursprünglichen Kunstwelt des Menschen überging. Welche
zuversichtliche Gutmüthigkeit dieser verwegenen Bestrebungen, mitten im
Schoosse der theoretischen Cultur! - einzig nur aus dem tröstenden Glauben zu
erklären, dass “der Mensch an sich” der ewig tugendhafte Opernheld, der ewig
flötende oder singende Schäfer sei, der sich endlich immer als solchen
wiederfinden müsse, falls er sich selbst irgendwann einmal wirklich auf einige
Zeit verloren habe, einzig die Frucht jenes Optimismus, der aus der Tiefe der
sokratischen Weltbetrachtung hier wie eine süsslich verführerische Duftsäule
emporsteigt.
Es liegt also auf
den Zügen der Oper keinesfalls jener elegische Schmerz eines ewigen Verlustes,
vielmehr die Heiterkeit des ewigen Wiederfindens, die bequeme Lust an einer
idyllischen Wirklichkeit, die man wenigstens sich als wirklich in jedem
Augenblicke vorstellen kann: wobei man vielleicht einmal ahnt, dass diese
vermeinte Wirklichkeit nichts als ein phantastisch läppisches Getändel ist, dem
jeder, der es an dem furchtbaren Ernst der wahren Natur zu messen und mit den
eigentlichen Urscenen der Menschheitsanfänge zu vergleichen vermöchte, mit Ekel
zurufen müsste: Weg mit dem Phantom! Trotzdem würde man sich täuschen, wenn man
glaubte, ein solches tändelndes Wesen, wie die Oper ist, einfach durch einen
kräftigen Anruf, wie ein Gespenst, verscheuchen zu können. Wer die Oper
vernichten will, muss den Kampf gegen jene alexandrinische Heiterkeit
aufnehmen, die sich in ihr so naiv über ihre Lieblingsvorstellung ausspricht,
ja deren eigentliche Kunstform sie ist. Was ist aber für die Kunst selbst von
dem Wirken einer Kunstform zu erwarten, deren Ursprünge überhaupt nicht im
aesthetischen Bereiche liegen, die sich vielmehr aus einer halb moralischen
Sphäre auf das künstlerische Gebiet hinübergestohlen hat und über diese hybride
Entstehung nur hier und da einmal hinwegzutäuschen vermochte? Von welchen
Säften nährt sich dieses parasitische Opernwesen, wenn nicht von denen der
wahren Kunst? Wird nicht zu muthmaassen sein, dass, unter seinen idyllischen
Verführungen, unter seinen alexandrinischen Schmeichelkünsten, die höchste und
wahrhaftig ernst zu nennende Aufgabe der Kunst - das Auge vom Blick in’s Grauen
der Nacht zu erlösen und das Subject durch den heilenden Balsam des Scheins aus
dem Krampfe der Willensregungen zu retten - zu einer leeren und zerstreuenden
Ergetzlichkeitstendenz entarten werde? Was wird aus den ewigen Wahrheiten des
Dionysischen und des Apollinischen, bei einer solchen Stilvermischung, wie ich
sie am Wesen des stilo rappresentativo dargelegt habe? wo die Musik als Diener,
das Textwort als Herr betrachtet, die Musik mit dem Körper, das Textwort mit
der Seele verglichen wird? wo das höchste Ziel bestenfalls auf eine
umschreibende Tonmalerei gerichtet sein wird, ähnlich wie ehedem im neuen
attischen Dithyrambus? wo der Musik ihre wahre Würde, dionysischer Weltspiegel
zu sein, völlig entfremdet ist, so dass ihr nur übrig bleibt, als Sclavin der
Erscheinung, das Formenwesen der Erscheinung nachzuahmen und in dem Spiele der
Linien und Proportionen eine äusserliche Ergetzung zu erregen. Einer strengen
Betrachtung fällt dieser verhängnissvolle Einfluss der Oper auf die Musik
geradezu mit der gesammten modernen Musikentwicklung zusammen; dem in der
Genesis der Oper und im Wesen der durch sie repräsentirten Cultur lauernden
Optimismus ist es in beängstigender Schnelligkeit gelungen, die Musik ihrer
dionysischen Weltbestimmung zu entkleiden und ihr einen formenspielerischen,
vergnüglichen Charakter aufzuprägen: mit welcher Veränderung nur etwa die
Metamorphose des aeschyleischen Menschen in den alexandrinischen
Heiterkeitsmenschen verglichen werden dürfte.
Wenn wir aber mit
Recht in der hiermit angedeuteten Exemplification das Entschwinden des
dionysischen Geistes mit einer höchst auffälligen, aber bisher unerklärten
Umwandlung und Degeneration des griechischen Menschen in Zusammenhang gebracht
haben - welche Hoffnungen müssen in uns aufleben, wenn uns die allersichersten
Auspicien den umgekehrten Prozess, das allmähliche Erwachen des dionysischen
Geistes in unserer gegenwärtigen Welt, verbürgen! Es ist nicht möglich, dass
die göttliche Kraft des Herakles ewig im üppigen Frohndienste der Omphale
erschlafft. Aus dem dionysischen Grunde des deutschen Geistes ist eine Macht
emporgestiegen, die mit den Urbedingungen der sokratischen Cultur nichts gemein
hat und aus ihnen weder zu erklären noch zu entschuldigen ist, vielmehr von
dieser Cultur als das Schrecklich Unerklärliche, als das
Uebermächtig-Feindselige empfunden wird, die deutsche Musik, wie wir sie
vornehmlich in ihrem mächtigen Sonnenlaufe von Bach zu Beethoven, von Beethoven
zu Wagner zu verstehen haben. Was vermag die erkenntnisslüsterne Sokratik
unserer Tage günstigsten Falls mit diesem aus unerschöpflichen Tiefen
emporsteigenden Dämon zu beginnen? Weder von dem Zacken- und Arabeskenwerk der
Opernmelodie aus, noch mit Hülfe des arithmetischen Rechenbretts der Fuge und
der contrapunktischen Dialektik will sich die Formel finden lassen, in deren
dreimal gewaltigem Licht man jenen Dämon sich unterwürfig zu machen und zum
Reden zu zwingen vermöchte. Welches Schauspiel, wenn jetzt unsere Aesthetiker,
mit dem Fangnetz einer ihnen eignen “Schönheit”, nach dem vor ihnen mit
unbegreiflichem Leben sich tummelnden Musikgenius schlagen und haschen, unter Bewegungen,
die nach der ewigen Schönheit ebensowenig als nach dem Erhabenen beurtheilt
werden wollen. Man mag sich nur diese Musikgönner einmal leibhaft und in der
Nähe besehen, wenn sie so unermüdlich Schönheit! Schönheit! rufen, ob sie sich
dabei wie die im Schoosse des Schönen gebildeten und verwöhnten Lieblingskinder
der Natur ausnehmen oder ob sie nicht vielmehr für die eigne Rohheit eine
lügnerisch verhüllende Form, für die eigne empfindungsarme Nüchternheit einen
aesthetischen Vorwand suchen: wobei ich z. B. an Otto Jahn denke. Vor der
deutschen Musik aber mag sich der Lügner und Heuchler in Acht nehmen: denn
gerade sie ist, inmitten aller unserer Cultur, der einzig reine, lautere und
läuternde Feuergeist, von dem aus und zu dem hin, wie in der Lehre des grossen
Heraklit von Ephesus, sich alle Dinge in doppelter Kreisbahn bewegen: alles,
was wir jetzt Cultur, Bildung, Civilisation nennen, wird einmal vor dem
untrüglichen Richter Dionysus erscheinen müssen.
Erinnern wir uns
sodann, wie dem aus gleichen Quellen strömenden Geiste der deutschen
Philosophie, durch Kant und Schopenhauer, es ermöglicht war, die zufriedne
Daseinslust der wissenschaftlichen Sokratik, durch den Nachweis ihrer Grenzen,
zu vernichten, wie durch diesen Nachweis eine unendlich tiefere und ernstere
Betrachtung der ethischen Fragen und der Kunst eingeleitet wurde, die wir
geradezu als die in Begriffe gefasste dionysische Weisheit bezeichnen können:
wohin weist uns das Mysterium dieser Einheit zwischen der deutschen Musik und
der deutschen Philosophie, wenn nicht auf eine neue Daseinsform, über deren
Inhalt wir uns nur aus hellenischen Analogien ahnend unterrichten können? Denn
diesen unausmessbaren Werth behält für uns, die wir an der Grenzscheide zweier
verschiedener Daseinsformen stehen, das hellenische Vorbild, dass in ihm auch
alle jene Uebergänge und Kämpfe zu einer classisch-belehrenden Form ausgeprägt
sind: nur dass wir gleichsam in umgekehrter Ordnung die grossen Hauptepochen
des hellenischen Wesens analogisch durcherleben und zum Beispiel jetzt aus dem
alexandrinischen Zeitalter rückwärts zur Periode der Tragödie zu schreiten
scheinen. Dabei lebt in uns die Empfindung, als ob die Geburt eines tragischen
Zeitalters für den deutschen Geist nur eine Rückkehr zu sich selbst, ein seliges
Sichwiederfinden zu bedeuten habe, nachdem für eine lange Zeit ungeheure von
aussen her eindringende Mächte den in hülfloser Barbarei der Form dahinlebenden
zu einer Knechtschaft unter ihrer Form gezwungen hatten. Jetzt endlich darf er,
nach seiner Heimkehr zum Urquell seines Wesens, vor allen Völkern kühn und
frei, ohne das Gängelband einer romanischen Civilisation, einherzuschreiten
wagen: wenn er nur von einem Volke unentwegt zu lernen versteht, von dem
überhaupt lernen zu können schon ein hoher Ruhm und eine auszeichnende
Seltenheit ist, von den Griechen. Und wann brauchten wir diese allerhöchsten
Lehrmeister mehr als jetzt, wo wir die Wiedergeburt der Tragödie erleben und in
Gefahr sind, weder zu wissen, woher sie kommt, noch uns deuten zu können, wohin
sie will?
20
Es möchte einmal,
unter den Augen eines unbestochenen Richters, abgewogen werden, in welcher Zeit
und in welchen Männern bisher der deutsche Geist von den Griechen zu lernen am
kräftigsten gerungen hat; und wenn wir mit Zuversicht annehmen, dass dem
edelsten Bildungskampfe Goethe’s, Schiller’s und Winckelmann’s dieses einzige
Lob zugesprochen werden müsste, so wäre jedenfalls hinzuzufügen, dass seit
jener Zeit und den nächsten Einwirkungen jenes Kampfes, das Streben auf einer
gleichen Bahn zur Bildung und zu den Griechen zu kommen, in unbegreiflicher
Weise schwächer und schwächer geworden ist. Sollten wir, um nicht ganz an dem
deutschen Geist verzweifeln zu müssen, nicht daraus den Schluss ziehen dürfen,
dass in irgend welchem Hauptpunkte es auch jenen Kämpfern nicht gelungen sein
möchte, in den Kern des hellenischen Wesens einzudringen und einen dauernden
Liebesbund zwischen der deutschen und der griechischen Cultur herzustellen? So
dass vielleicht ein unbewusstes Erkennen jenes Mangels auch in den ernsteren
Naturen den verzagten Zweifel erregte, ob sie, nach solchen Vorgängern, auf
diesem Bildungswege noch weiter wie jene und überhaupt zum Ziele kommen würden.
Deshalb sehen wir seit jener Zeit das Urtheil über den Werth der Griechen für die
Bildung in der bedenklichsten Weise entarten; der Ausdruck mitleidiger
Ueberlegenheit ist in den verschiedensten Feldlagern des Geistes und des
Ungeistes zu hören; anderwärts tändelt eine gänzlich wirkungslose Schönrednerei
mit der “griechischen Harmonie”, der “griechischen Schönheit”, der
“griechischen Heiterkeit”. Und gerade in den Kreisen, deren Würde es sein
könnte, aus dem griechischen Strombett unermüdet, zum Heile deutscher Bildung,
zu schöpfen, in den Kreisen der Lehrer an den höheren Bildungsanstalten hat man
am besten gelernt, sich mit den Griechen zeitig und in bequemer Weise
abzufinden, nicht selten bis zu einem sceptischen Preisgeben des hellenischen
Ideals und bis zu einer gänzlichen Verkehrung der wahren Absicht aller
Alterthumsstudien. Wer überhaupt in jenen Kreisen sich nicht völlig in dem
Bemühen, ein zuverlässiger Corrector von alten Texten oder ein
naturhistorischer Sprachmikroskopiker zu sein, erschöpft hat, der sucht
vielleicht auch das griechische Alterthum, neben anderen Alterthümern, sich
“historisch” anzueignen, aber jedenfalls nach der Methode und mit den
überlegenen Mienen unserer jetzigen gebildeten Geschichtsschreibung. Wenn
demnach die eigentliche Bildungskraft der höheren Lehranstalten wohl noch
niemals niedriger und schwächlicher gewesen ist, wie in der Gegenwart, wenn der
“Journalist”, der papierne Sclave des Tages, in jeder Rücksicht auf Bildung den
Sieg über den höheren Lehrer davongetragen hat, und Letzterem nur noch die
bereits oft erlebte Metamorphose übrig bleibt, sich jetzt nun auch in der
Sprechweise des Journalisten, mit der “leichten Eleganz” dieser Sphäre, als
heiterer gebildeter Schmetterling zu bewegen - in welcher peinlichen Verwirrung
müssen die derartig Gebildeten einer solchen Gegenwart jenes Phänomen anstarren,
das nur etwa aus dem tiefsten Grunde des bisher unbegriffnen hellenischen
Genius analogisch zu begreifen wäre, das Wiedererwachen des dionysischen
Geistes und die Wiedergeburt der Tragödie? Es giebt keine andere Kunstperiode,
in der sich die sogenannte Bildung und die eigentliche Kunst so befremdet und
abgeneigt gegenübergestanden hätten, als wir das in der Gegenwart mit Augen
sehn. Wir verstehen es, warum eine so schwächliche Bildung die wahre Kunst
hasst; denn sie fürchtet durch sie ihren Untergang. Aber sollte nicht eine
ganze Art der Cultur, nämlich jene sokratisch- alexandrinische, sich ausgelebt
haben, nachdem sie in eine so zierlich-schmächtige Spitze, wie die gegenwärtige
Bildung ist, auslaufen konnte! Wenn es solchen Helden, wie Schiller und Goethe,
nicht gelingen durfte, jene verzauberte Pforte zu erbrechen, die in den
hellenischen Zauberberg führt, wenn es bei ihrem muthigsten Ringen nicht weiter
gekommen ist als bis zu jenem sehnsüchtigen Blick, den die Goethische Iphigenie
vom barbarischen Tauris aus nach der Heimat über das Meer hin sendet, was
bliebe den Epigonen solcher Helden zu hoffen, wenn sich ihnen nicht plötzlich,
an einer ganz anderen, von allen Bemühungen der bisherigen Cultur unberührten
Seite die Pforte von selbst aufthäte - unter dem mystischen Klange der
wiedererweckten Tragödienmusik.
Möge uns Niemand
unsern Glauben an eine noch bevorstehende Wiedergeburt des hellenischen
Alterthums zu verkümmern suchen; denn in ihm finden wir allein unsre Hoffnung
für eine Erneuerung und Läuterung des deutschen Geistes durch den Feuerzauber
der Musik. Was wüssten wir sonst zu nennen, was in der Verödung und Ermattung
der jetzigen Cultur irgend welche tröstliche Erwartung für die Zukunft erwecken
könnte? Vergebens spähen wir nach einer einzigen kräftig geästeten Wurzel, nach
einem Fleck fruchtbaren und gesunden Erdbodens: überall Staub, Sand,
Erstarrung, Verschmachten. Da möchte sich ein trostlos Vereinsamter kein
besseres Symbol wählen können, als den Ritter mit Tod und Teufel, wie ihn uns
Dürer gezeichnet hat, den geharnischten Ritter mit dem erzenen, harten Blicke,
der seinen Schreckensweg, unbeirrt durch seine grausen Gefährten, und doch
hoffnungslos, allein mit Ross und Hund zu nehmen weiss. Ein solcher Dürerscher
Ritter war unser Schopenhauer: ihm fehlte jede Hoffnung, aber er wollte die
Wahrheit. Es giebt nicht Seinesgleichen. -
Aber wie verändert
sich plötzlich jene eben so düster geschilderte Wildniss unserer ermüdeten
Cultur, wenn sie der dionysische Zauber berührt! Ein Sturmwind packt alles
Abgelebte, Morsche, Zerbrochne, Verkümmerte, hüllt es wirbelnd in eine rothe
Staubwolke und trägt es wie ein Geier in die Lüfte. Verwirrt suchen unsere
Blicke nach dem Entschwundenen: denn was sie sehen, ist wie aus einer
Versenkung an’s goldne Licht gestiegen, so voll und grün, so üppig lebendig, so
sehnsuchtsvoll unermesslich. Die Tragödie sitzt inmitten dieses Ueberflusses an
Leben, Leid und Lust, in erhabener Entzückung, sie horcht einem fernen
schwermüthigen Gesange - er erzählt von den Müttern des Seins, deren Namen
lauten: Wahn, Wille, Wehe. - Ja, meine Freunde, glaubt mit mir an das
dionysische Leben und an die Wiedergeburt der Tragödie. Die Zeit des
sokratischen Menschen ist vorüber: kränzt euch mit Epheu, nehmt den Thyrsusstab
zur Hand und wundert euch nicht, wenn Tiger und Panther sich schmeichelnd zu
euren Knien niederlegen. Jetzt wagt es nur, tragische Menschen zu sein: denn
ihr sollt erlöst werden. Ihr sollt den dionysischen Festzug von Indien nach
Griechenland geleiten! Rüstet euch zu hartem Streite, aber glaubt an die Wunder
eures Gottes!
21
Von diesen
exhortativen Tönen in die Stimmung zurückgleitend, die dem Beschaulichen
geziemt, wiederhole ich, dass nur von den Griechen gelernt werden kann, was ein
solches wundergleiches plötzliches Aufwachen der Tragödie für den innersten
Lebensgrund eines Volkes zu bedeuten hat. Es ist das Volk der tragischen
Mysterien, das die Perserschlachten schlägt: und wiederum braucht das Volk, das
jene Kriege geführt hat, die Tragödie als nothwendigen Genesungstrank. Wer
würde gerade bei diesem Volke, nachdem es durch mehrere Generationen von den
stärksten Zuckungen des dionysischen Dämon bis in’s Innerste erregt wurde, noch
einen so gleichmässig kräftigen Erguss des einfachsten politischen Gefühls, der
natürlichsten Heimatsinstincte, der ursprünglichen männlichen Kampflust
vermuthen? Ist es doch bei jedem bedeutenden Umsichgreifen dionysischer
Erregungen immer zu spüren, wie die dionysische Lösung von den Fesseln des
Individuums sich am allerersten in einer bis zur Gleichgültigkeit, ja
Feindseligkeit gesteigerten Beeinträchtigung der politischen Instincte fühlbar
macht, so gewiss andererseits der staatenbildende Apollo auch der Genius des
principii individuationis ist und Staat und Heimatssinn nicht ohne Bejahung der
individuellen Persönlichkeit leben können. Von dem Orgiasmus aus führt für ein
Volk nur ein Weg, der Weg zum indischen Buddhaismus, der, um überhaupt mit
seiner Sehnsucht in’s Nichts ertragen zu werden, jener seltnen ekstatischen
Zustände mit ihrer Erhebung über Raum, Zeit und Individuum bedarf: wie diese
wiederum eine Philosophie fordern, die es lehrt, die unbeschreibliche Unlust
der Zwischenzustände durch eine Vorstellung zu überwinden. Eben so nothwendig
geräth ein Volk, von der unbedingten Geltung der politischen Triebe aus, in
eine Bahn äusserster Verweltlichung, deren grossartigster, aber auch
erschrecklichster Ausdruck das römische imperium ist.
Zwischen Indien und
Rom hingestellt und zu verführerischer Wahl gedrängt, ist es den Griechen
gelungen, in classischer Reinheit eine dritte Form hinzuzuerfinden, freilich
nicht zu langem eigenen Gebrauche, aber eben darum für die Unsterblichkeit.
Denn dass die Lieblinge der Götter früh sterben, gilt in allen Dingen, aber
eben so gewiss, dass sie mit den Göttern dann ewig leben. Man verlange doch von
dem Alleredelsten nicht, dass es die haltbare Zähigkeit des Leders habe; die
derbe Dauerhaftigkeit, wie sie z. B. dem römischen Nationaltriebe zu eigen war,
gehört wahrscheinlich nicht zu den nothwendigen Prädicaten der Vollkommenheit.
Wenn wir aber fragen, mit welchem Heilmittel es den Griechen ermöglicht war, in
ihrer grossen Zeit, bei der ausserordentlichen Stärke ihrer dionysischen und
politischen Triebe, weder durch ein ekstatisches Brüten, noch durch ein
verzehrendes Haschen nach Weltmacht und Weltehre sich zu erschöpfen, sondern
jene herrliche Mischung zu erreichen, wie sie ein edler, zugleich befeuernder
und beschaulich stimmender Wein hat, so müssen wir der ungeheuren, das ganze
Volksleben erregenden, reinigenden und entladenden Gewalt der Tragödie
eingedenk sein; deren höchsten Werth wir erst ahnen werden, wenn sie uns, wie
bei den Griechen, als Inbegriff aller prophylaktischen Heilkräfte, als die
zwischen den stärksten und an sich verhängnissvollsten Eigenschaften des Volkes
waltende Mittlerin entgegentritt.
Die Tragödie saugt
den höchsten Musikorgiasmus in sich hinein, so dass sie geradezu die Musik, bei
den Griechen, wie bei uns, zur Vollendung bringt, stellt dann aber den
tragischen Mythus und den tragischen Helden daneben, der dann, einem mächtigen
Titanen gleich, die ganze dionysische Welt auf seinen Rücken nimmt und uns
davon entlastet: während sie andrerseits durch denselben tragischen Mythus, in
der Person des tragischen Helden, von dem gierigen Drange nach diesem Dasein zu
erlösen weiss, und mit mahnender Hand an ein anderes Sein und an eine höhere
Lust erinnert, zu welcher der kämpfende Held durch seinen Untergang, nicht
durch seine Siege sich ahnungsvoll vorbereitet. Die Tragödie stellt zwischen
die universale Geltung ihrer Musik und den dionysisch empfänglichen Zuhörer ein
erhabenes Gleichniss, den Mythus, und erweckt bei jenem den Schein, als ob die
Musik nur ein höchstes Darstellungsmittel zur Belebung der plastischen Welt des
Mythus sei. Dieser edlen Täuschung vertrauend darf sie jetzt ihre Glieder zum
dithyrambischen Tanze bewegen und sich unbedenklich einem orgiastischen Gefühle
der Freiheit hingeben, in welchem sie als Musik an sich, ohne jene Täuschung, nicht
zu schwelgen wagen dürfte. Der Mythus schützt uns vor der Musik, wie er ihr
andrerseits erst die höchste Freiheit giebt. Dafür verleiht die Musik, als
Gegengeschenk, dem tragischen Mythus eine so eindringliche und überzeugende
metaphysische Bedeutsamkeit, wie sie Wort und Bild, ohne jene einzige Hülfe,
nie zu erreichen vermögen; und insbesondere überkommt durch sie den tragischen
Zuschauer gerade jenes sichere Vorgefühl einer höchsten Lust, zu der der Weg
durch Untergang und Verneinung führt, so dass er zu hören meint, als ob der
innerste Abgrund der Dinge zu ihm vernehmlich spräche.
Habe ich dieser
schwierigen Vorstellung mit den letzten Sätzen vielleicht nur einen
vorläufigen, für Wenige sofort verständlichen Ausdruck zu geben vermocht, so
darf ich gerade an dieser Stelle nicht ablassen, meine Freunde zu einem
nochmaligen Versuche anzureizen und sie zu bitten, an einem einzelnen Beispiele
unsrer gemeinsamen Erfahrung sich für die Erkenntniss des allgemeinen Satzes
vorzubereiten. Bei diesem Beispiele darf ich mich nicht auf jene beziehn,
welche die Bilder der scenischen Vorgänge, die Worte und Affecte der handelnden
Personen benutzen, um sich mit dieser Hülfe der Musikempfindung anzunähern;
denn diese alle reden nicht Musik als Muttersprache und kommen auch, trotz
jener Hülfe, nicht weiter als in die Vorhallen der Musikperception, ohne je
deren innerste Heiligthümer berühren zu dürfen; manche von diesen, wie
Gervinus, gelangen auf diesem Wege nicht einmal in die Vorhallen. Sondern nur
an diejenigen habe ich mich zu wenden, die, unmittelbar verwandt mit der Musik,
in ihr gleichsam ihren Mutterschooss haben und mit den Dingen fast nur durch
unbewusste Musikrelationen in Verbindung stehen. An diese ächten Musiker richte
ich die Frage, ob sie sich einen Menschen denken können, der den dritten Act
von “Tristan und Isolde” ohne alle Beihülfe von Wort und Bild rein als
ungeheuren symphonischen Satz zu percipiren im Stande wäre, ohne unter einem
krampfartigen Ausspannen aller Seelenflügel zu verathmen? Ein Mensch, der wie
hier das Ohr gleichsam an die Herzkammer des Weltwillens gelegt hat, der das
rasende Begehren zum Dasein als donnernden Strom oder als zartesten zerstäubten
Bach von hier aus in alle Adern der Welt sich ergiessen fühlt, er sollte nicht
jählings zerbrechen? Er sollte es ertragen, in der elenden gläsernen Hülle des
menschlichen Individuums, den Wiederklang zahlloser Lust - und Weherufe aus dem
“weiten Raum der Weltennacht” zu vernehmen, ohne bei diesem Hirtenreigen der
Metaphysik sich seiner Urheimat unaufhaltsam zuzuflüchten? Wenn aber doch ein
solches Werk als Ganzes percipirt werden kann, ohne Verneinung der
Individualexistenz, wenn eine solche Schöpfung geschaffen werden konnte, ohne
ihren Schöpfer zu zerschmettern - woher nehmen wir die Lösung eines solchen
Widerspruches?
Hier drängt sich
zwischen unsre höchste Musikerregung und jene Musik der tragische Mythus und
der tragische Held, im Grunde nur als Gleichniss der alleruniversalsten
Thatsachen, von denen allein die Musik auf directem Wege reden kann. Als
Gleichniss würde nun aber der Mythus, wenn wir als rein dionysische Wesen
empfänden, gänzlich wirkungslos und unbeachtet neben uns stehen bleiben, und
uns keinen Augenblick abwendig davon machen, unser Ohr dem Wiederklang der
universalia ante rem zu bieten. Hier bricht jedoch die apollinische Kraft, auf
Wiederherstellung des fast zersprengten Individuums gerichtet, mit dem
Heilbalsam einer wonnevollen Täuschung hervor: plötzlich glauben wir nur noch
Tristan zu sehen, wie er bewegungslos und dumpf sich fragt: “die alte Weise;
was weckt sie mich?” Und was uns früher wie ein hohles Seufzen aus dem
Mittelpunkte des Seins anmuthete, das will uns jetzt nur sagen, wie “öd und
leer das Meer.” Und wo wir athemlos zu erlöschen wähnten, im krampfartigen Sichausrecken
aller Gefühle, und nur ein Weniges uns mit dieser Existenz zusammenknüpfte,
hören und sehen wir jetzt nur den zum Tode verwundeten und doch nicht
sterbenden Helden, mit seinem verzweiflungsvollen Rufe: “Sehnen! Sehnen! Im
Sterben mich zu sehnen, vor Sehnsucht nicht zu sterben!” Und wenn früher der
Jubel des Horns nach solchem Uebermaass und solcher Ueberzahl verzehrender
Qualen fast wie der Qualen höchste uns das Herz zerschnitt, so steht jetzt
zwischen uns und diesem “Jubel an sich” der jauchzende Kurwenal, dem Schiffe,
das Isolden trägt, zugewandt. So gewaltig auch das Mitleiden in uns
hineingreift, in einem gewissen Sinne rettet uns doch das Mitleiden vor dem
Urleiden der Welt, wie das Gleichnissbild des Mythus uns vor dem unmittelbaren
Anschauen der höchsten Weltidee, wie der Gedanke und das Wort uns vor dem
ungedämmten Ergusse des unbewussten Willens rettet. Durch jene herrliche
apollinische Täuschung dünkt es uns, als ob uns selbst das Tonreich wie eine
plastische Welt gegenüber träte, als ob auch in ihr nur Tristan’s und Isoldens
Schicksal, wie in einem allerzartesten und ausdrucksfähigsten Stoffe, geformt
und bildnerisch ausgeprägt worden sei.
So entreisst uns
das Apollinische der dionysischen Allgemeinheit und entzückt uns für die
Individuen; an diese fesselt es unsre Mitleidserregung, durch diese befriedigt
es den nach grossen und erhabenen Formen lechzenden Schönheitssinn; es führt an
uns Lebensbilder vorbei und reizt uns zu gedankenhaftem Erfassen des in ihnen
enthaltenen Lebenskernes. Mit der ungeheuren Wucht des Bildes, des Begriffs,
der ethischen Lehre, der sympathischen Erregung reisst das Apollinische den
Menschen aus seiner orgiastischen Selbstvernichtung empor und täuscht ihn über
die Allgemeinheit des dionysischen Vorganges hinweg zu dem Wahne, dass er ein
einzelnes Weltbild, z. B. Tristan und Isolde, sehe und es, durch die Musik, nur
noch besser und innerlicher sehen solle. Was vermag nicht der heilkundige
Zauber des Apollo, wenn er selbst in uns die Täuschung aufregen kann, als ob wirklich
das Dionysische, im Dienste des Apollinischen, dessen Wirkungen zu steigern
vermöchte, ja als ob die Musik sogar wesentlich Darstellungskunst für einen
apollinischen Inhalt sei?
Bei jener
prästabilirten Harmonie, die zwischen dem vollendeten Drama und seiner Musik
waltet, erreicht das Drama einen höchsten, für das Wortdrama sonst
unzugänglichen Grad von Schaubarkeit. Wie alle lebendigen Gestalten der Scene
in den selbständig bewegten Melodienlinien sich zur Deutlichkeit der
geschwungenen Linie vor uns vereinfachen, ertönt uns das Nebeneinander dieser
Linien in dem mit dem bewegten Vorgange auf zarteste Weise sympathisirenden
Harmonienwechsel: durch welchen uns die Relationen der Dinge in sinnlich
wahrnehmbarer, keinesfalls abstracter Weise, unmittelbar vernehmbar werden, wie
wir gleichfalls durch ihn erkennen, dass erst in diesen Relationen das Wesen
eines Charakters und einer Melodienlinie sich rein offenbare. Und während uns
so die Musik zwingt, mehr und innerlicher als sonst zu sehen, und den Vorgang
der Scene wie ein zartes Gespinnst vor uns auszubreiten, ist für unser
vergeistigtes, in’s Innere blickendes Auge die Welt der Bühne eben so unendlich
erweitert als von innen heraus erleuchtet. Was vermöchte der Wortdichter
Analoges zu bieten, der mit einem viel unvollkommneren Mechanismus, auf
indirectem Wege, vom Wort und vom Begriff aus, jene innerliche Erweiterung der
schaubaren Bühnenwelt und ihre innere Erleuchtung zu erreichen sich abmüht?
Nimmt nun zwar auch die musikalische Tragödie das Wort hinzu, so kann sie doch
zugleich den Untergrund und die Geburtsstätte des Wortes danebenstellen und uns
das Werden des Wortes, von innen heraus, verdeutlichen.
Aber von diesem
geschilderten Vorgang wäre doch eben so bestimmt zu sagen, dass er nur ein
herrlicher Schein, nämlich jene vorhin erwähnte apollinische Täuschung sei,
durch deren Wirkung wir von dem dionysischen Andrange und Uebermaasse entlastet
werden sollen. Im Grunde ist ja das Verhältniss der Musik zum Drama gerade das
umgekehrte: die Musik ist die eigentliche Idee der Welt, das Drama nur ein
Abglanz dieser Idee, ein vereinzeltes Schattenbild derselben. Jene Identität
zwischen der Melodienlinie und der lebendigen Gestalt, zwischen der Harmonie
und den Charakterrelationen jener Gestalt ist in einem entgegengesetzten Sinne
wahr, als es uns, beim Anschauen der musikalischen Tragödie, dünken möchte. Wir
mögen die Gestalt uns auf das Sichtbarste bewegen, beleben und von innen heraus
beleuchten, sie bleibt immer nur die Erscheinung, von der es keine Brücke
giebt, die in die wahre Realität, in’s Herz der Welt führte. Aus diesem Herzen
heraus aber redet die Musik; und zahllose Erscheinungen jener Art dürften an
der gleichen Musik vorüberziehn, sie würden nie das Wesen derselben erschöpfen,
sondern immer nur ihre veräusserlichten Abbilder sein. Mit dem populären und
gänzlich falschen Gegensatz von Seele und Körper ist freilich für das
schwierige Verhältniss von Musik und Drama nichts zu erklären und alles zu
verwirren; aber die unphilosophische Rohheit jenes Gegensatzes scheint gerade
bei unseren Aesthetikern, wer weiss aus welchen Gründen, zu einem gern
bekannten Glaubensartikel geworden zu sein, während sie über einen Gegensatz
der Erscheinung und des Dinges an sich nichts gelernt haben oder, aus ebenfalls
unbekannten Gründen, nichts lernen mochten.
Sollte es sich bei
unserer Analysis ergeben haben, dass das Apollinische in der Tragödie durch
seine Täuschung völlig den Sieg über das dionysische Urelement der Musik
davongetragen und sich diese zu ihren Absichten, nämlich zu einer höchsten
Verdeutlichung des Drama’s, nutzbar gemacht habe, so wäre freilich eine sehr
wichtige Einschränkung hinzuzufügen: in dem allerwesentlichsten Punkte ist jene
apollinische Täuschung durchbrochen und vernichtet. Das Drama, das in so
innerlich erleuchteter Deutlichkeit aller Bewegungen und Gestalten, mit Hülfe
der Musik, sich vor uns ausbreitet, als ob wir das Gewebe am Webstuhl im Auf -
und Niederzucken entstehen sehen - erreicht als Ganzes eine Wirkung, die
jenseits aller apollinischen Kunstwirkungen liegt. In der Gesammtwirkung der
Tragödie erlangt das Dionysische wieder das Uebergewicht; sie schliesst mit
einem Klange, der niemals von dem Reiche der apollinischen Kunst her tönen
könnte. Und damit erweist sich die apollinische Täuschung als das, was sie ist,
als die während der Dauer der Tragödie anhaltende Umschleierung der
eigentlichen dionysischen Wirkung: die doch so mächtig ist, am Schluss das
apollinische Drama selbst in eine Sphäre zu drängen, wo es mit dionysischer
Weisheit zu reden beginnt und wo es sich selbst und seine apollinische
Sichtbarkeit verneint. So wäre wirklich das schwierige Verhältniss des
Apollinischen und des Dionysischen in der Tragödie durch einen Bruderbund
beider Gottheiten zu symbolisiren: Dionysus redet die Sprache des Apollo,
Apollo aber schliesslich die Sprache des Dionysus: womit das höchste Ziel der
Tragödie und der Kunst überhaupt erreicht ist.
22
Mag der aufmerksame
Freund sich die Wirkung einer wahren musikalischen Tragödie rein und
unvermischt, nach seinen Erfahrungen vergegenwärtigen. Ich denke das Phänomen
dieser Wirkung nach beiden Seiten hin so beschrieben zu haben, dass er sich
seine eignen Erfahrungen jetzt zu deuten wissen wird. Er wird sich nämlich
erinnern, wie er, im Hinblick auf den vor ihm sich bewegenden Mythus, zu einer
Art von Allwissenheit sich gesteigert fühlte, als ob jetzt die Sehkraft seiner
Augen nicht nur eine Flächenkraft sei, sondern in’s Innere zu dringen vermöge,
und als ob er die Wallungen des Willens, den Kampf der Motive, den
anschwellenden Strom der Leidenschaften, jetzt, mit Hülfe der Musik, gleichsam
sinnlich sichtbar, wie eine Fülle lebendig bewegter Linien und Figuren vor sich
sehe und damit bis in die zartesten Geheimnisse unbewusster Regungen
hinabtauchen könne. Während er so einer höchsten Steigerung seiner auf
Sichtbarkeit und Verklärung gerichteten Triebe bewusst wird, fühlt er doch eben
so bestimmt, dass diese lange Reihe apollinischer Kunstwirkungen doch nicht
jenes beglückte Verharren in willenlosem Anschauen erzeugt, das der Plastiker
und der epische Dichter, also die eigentlich apollinischen Künstler, durch ihre
Kunstwerke bei ihm hervorbringen: das heisst die in jenem Anschauen erreichte
Rechtfertigung der Welt der individuatio, als welche die Spitze und der
Inbegriff der apollinischen Kunst ist. Er schaut die verklärte Welt der Bühne
und verneint sie doch. Er sieht den tragischen Helden vor sich in epischer
Deutlichkeit und Schönheit und erfreut sich doch an seiner Vernichtung. Er
begreift bis in’s Innerste den Vorgang der Scene und flüchtet sich gern in’s
Unbegreifliche. Er fühlt die Handlungen des Helden als gerechtfertigt und ist
doch noch mehr erhoben, wenn diese Handlungen den Urheber vernichten. Er
schaudert vor den Leiden, die den Helden treffen werden und ahnt doch bei ihnen
eine höhere, viel übermächtigere Lust. Er schaut mehr und tiefer als je und
wünscht sich doch erblindet. Woher werden wir diese wunderbare
Selbstentzweiung, dies Umbrechen der apollinischen Spitze, abzuleiten haben,
wenn nicht aus dem dionysischen Zauber, der, zum Schein die apollinischen
Regungen auf’s Höchste reizend, doch noch diesen Ueberschwang der apollinischen
Kraft in seinen Dienst zu zwingen vermag. Der tragische Mythus ist nur zu
verstehen als eine Verbildlichung dionysischer Weisheit durch apollinische
Kunstmittel; er führt die Welt der Erscheinung an die Grenzen, wo sie sich
selbst verneint und wieder in den Schooss der wahren und einzigen Realität
zurückzuflüchten sucht; wo sie dann, mit Isolden, ihren metaphysischen Schwanengesang
also anzustimmen scheint:
In des Wonnemeeres
wogendem
Schwall,
in
der Duft – Wellen
tönendem
Schall,
in
des Weltathems
wehendem
All
ertrinken
– versinken
unbewusst
- höchste Lust!
So vergegenwärtigen
wir uns, an den Erfahrungen des wahrhaft aesthetischen Zuhörers, den tragischen
Künstler selbst, wie er, gleich einer üppigen Gottheit der individuatio, seine
Gestalten schafft, in welchem Sinne sein Werk kaum als “Nachahmung der Natur”
zu begreifen wäre - wie dann aber sein ungeheurer dionysischer Trieb diese
ganze Welt der Erscheinungen verschlingt, um hinter ihr und durch ihre
Vernichtung eine höchste künstlerische Urfreude im Schoosse des Ur-Einen ahnen
zu lassen. Freilich wissen von dieser Rückkehr zur Urheimat, von dem
Bruderbunde der beiden Kunstgottheiten in der Tragödie und von der sowohl
apollinischen als dionysischen Erregung des Zuhörers unsere Aesthetiker nichts
zu berichten, während sie nicht müde werden, den Kampf des Helden mit dem
Schicksal, den Sieg der sittlichen Weltordnung oder eine durch die Tragödie
bewirkte Entladung von Affecten als das eigentlich Tragische zu
charakterisiren: welche Unverdrossenheit mich auf den Gedanken bringt, sie
möchten überhaupt keine aesthetisch erregbaren Menschen sein und beim Anhören
der Tragödie vielleicht nur als moralische Wesen in Betracht kommen. Noch nie,
seit Aristoteles, ist eine Erklärung der tragischen Wirkung gegeben worden, aus
der auf künstlerische Zustände, auf eine aesthetische Thätigkeit der Zuhörer
geschlossen werden dürfte. Bald soll Mitleid und Furchtsamkeit durch die
ernsten Vorgänge zu einer erleichternden Entladung gedrängt werden, bald sollen
wir uns bei dem Sieg guter und edler Principien, bei der Aufopferung des Helden
im Sinne einer sittlichen Weltbetrachtung erhoben und begeistert fühlen; und so
gewiss ich glaube, dass für zahlreiche Menschen gerade das und nur das die
Wirkung der Tragödie ist, so deutlich ergiebt sich daraus, dass diese alle,
sammt ihren interpretirenden Aesthetikern, von der Tragödie als einer höchsten
Kunst nichts erfahren haben. Jene pathologische Entladung, die Katharsis des
Aristoteles, von der die Philologen nicht recht wissen, ob sie unter die
medicinischen oder die moralischen Phänomene zu rechnen sei, erinnert an eine
merkwürdige Ahnung Goethe’s. “Ohne ein lebhaftes pathologisches Interesse”,
sagt er, “ist es auch mir niemals gelungen, irgend eine tragische Situation zu
bearbeiten, und ich habe sie daher lieber vermieden als aufgesucht. Sollte es
wohl auch einer von den Vorzügen der Alten gewesen sein, dass das höchste
Pathetische auch nur aesthetisches Spiel bei ihnen gewesen wäre, da bei uns die
Naturwahrheit mitwirken muss, um ein solches Werk hervorzubringen?” Diese so
tiefsinnige letzte Frage dürfen wir jetzt, nach unseren herrlichen Erfahrungen,
bejahen, nachdem wir gerade an der musikalischen Tragödie mit Staunen erlebt
haben, wie wirklich das höchste Pathetische doch nur ein aesthetisches Spiel
sein kann: weshalb wir glauben dürfen, dass erst jetzt das Urphänomen des
Tragischen mit einigem Erfolg zu beschreiben ist. Wer jetzt noch nur von jenen
stellvertretenden Wirkungen aus ausseraesthetischen Sphären zu erzählen hat und
über den pathologisch - moralischen Prozess sich nicht hinausgehoben fühlt, mag
nur an seiner aesthetischen Natur verzweifeln: wogegen wir ihm die
Interpretation Shakespeare’s nach der Manier des Gervinus und das fleissige
Aufspüren der “poetischen Gerechtigkeit” als unschuldigen Ersatz anempfehlen.
So ist mit der
Wiedergeburt der Tragödie auch der aesthetische Zuhörer wieder geboren, an
dessen Stelle bisher in den Theaterräumen ein seltsames Quidproquo, mit halb
moralischen und halb gelehrten Ansprüchen, zu sitzen pflegte, der “Kritiker”.
In seiner bisherigen Sphäre war Alles künstlich und nur mit einem Scheine des
Lebens übertüncht. Der darstellende Künstler wusste in der That nicht mehr, was
er mit einem solchen, kritisch sich gebärdenden Zuhörer zu beginnen habe und
spähte daher, sammt dem ihn inspirirenden Dramatiker oder Operncomponisten,
unruhig nach den letzten Resten des Lebens in diesem anspruchsvoll öden und zum
Geniessen unfähigen Wesen. Aus derartigen “Kritikern” bestand aber bisher das
Publicum; der Student, der Schulknabe, ja selbst das harmloseste weibliche
Geschöpf war wider sein Wissen bereits durch Erziehung und Journale zu einer
gleichen Perception eines Kunstwerks vorbereitet. Die edleren Naturen unter den
Künstlern rechneten bei einem solchen Publicum auf die Erregung moralisch -
religiöser Kräfte, und der Anruf der “sittlichen Weltordnung” trat vikarirend
ein, wo eigentlich ein gewaltiger Kunstzauber den ächten Zuhörer entzücken
sollte. Oder es wurde vom Dramatiker eine grossartigere, mindestens aufregende
Tendenz der politischen und socialen Gegenwart so deutlich vorgetragen, dass
der Zuhörer seine kritische Erschöpfung vergessen und sich ähnlichen Affecten
überlassen konnte, wie in patriotischen oder kriegerischen Momenten, oder vor
der Rednerbühne des Parlaments oder bei der Verurtheilung des Verbrechens und
des Lasters: welche Entfremdung der eigentlichen Kunstabsichten hier und da
geradezu zu einem Cultus der Tendenz führen musste. Doch hier trat ein, was bei
allen erkünstelten Künsten von jeher eingetreten ist, eine reissend schnelle
Depravation jener Tendenzen, so dass zum Beispiel die Tendenz, das Theater als
Veranstaltung zur moralischen Volksbildung zu verwenden, die zu Schiller’s Zeit
ernsthaft genommen wurde, bereits unter die unglaubwürdigen Antiquitäten einer
überwundenen Bildung gerechnet wird. Während der Kritiker in Theater und
Concert, der Journalist in der Schule, die Presse in der Gesellschaft zur
Herrschaft gekommen war, entartete die Kunst zu einem Unterhaltungsobject der
niedrigsten Art, und die aesthetische Kritik wurde als das Bindemittel einer
eiteln, zerstreuten, selbstsüchtigen und überdies ärmlich - unoriginalen
Geselligkeit benutzt, deren Sinn jene Schopenhauerische Parabel von den
Stachelschweinen zu verstehen giebt; so dass zu keiner Zeit so viel über Kunst
geschwatzt und so wenig von der Kunst gehalten worden ist. Kann man aber mit einem
Menschen noch verkehren, der im Stande ist, sich über Beethoven und Shakespeare
zu unterhalten? Mag Jeder nach seinem Gefühl diese Frage beantworten: er wird
mit der Antwort jedenfalls beweisen, was er sich unter “Bildung” vorstellt,
vorausgesetzt dass er die Frage überhaupt zu beantworten sucht und nicht vor
Ueberraschung bereits verstummt ist.
Dagegen dürfte
mancher edler und zarter von der Natur Befähigte, ob er gleich in der
geschilderten Weise allmählich zum kritischen Barbaren geworden war, von einer
eben so unerwarteten als gänzlich unverständlichen Wirkung zu erzählen haben,
die etwa eine glücklich gelungene Lohengrinaufführung auf ihn ausübte: nur dass
ihm vielleicht jede Hand fehlte, die ihn mahnend und deutend anfasste, so dass
auch jene unbegreiflich verschiedenartige und durchaus unvergleichliche
Empfindung, die ihn damals erschütterte, vereinzelt blieb und wie ein
räthselhaftes Gestirn nach kurzem Leuchten erlosch. Damals hatte er geahnt, was
der aesthetische Zuhörer ist.
23
Wer recht genau
sich selber prüfen will, wie sehr er dem wahren aesthetischen Zuhörer verwandt
ist oder zur Gemeinschaft der sokratisch - kritischen Menschen gehört, der mag
sich nur aufrichtig nach der Empfindung fragen, mit der er das auf der Bühne
dargestellte Wunder empfängt: ob er etwa dabei seinen historischen, auf strenge
psychologische Causalität gerichteten Sinn beleidigt fühlt, ob er mit einer
wohlwollenden Concession gleichsam das Wunder als ein der Kindheit
verständliches, ihm entfremdetes Phänomen zulässt oder ob er irgend etwas
Anderes dabei erleidet. Daran nämlich wird er messen können, wie weit er
überhaupt befähigt ist, den Mythus, das zusammengezogene Weltbild, zu
verstehen, der, als Abbreviatur der Erscheinung, das Wunder nicht entbehren kann.
Das Wahrscheinliche ist aber, dass fast Jeder, bei strenger Prüfung, sich so
durch den kritisch - historischen Geist unserer Bildung zersetzt fühle, um nur
etwa auf gelehrtem Wege, durch vermittelnde Abstractionen, sich die einstmalige
Existenz des Mythus glaublich zu machen. Ohne Mythus aber geht jede Cultur
ihrer gesunden schöpferischen Naturkraft verlustig: erst ein mit Mythen
umstellter Horizont schliesst eine ganze Culturbewegung zur Einheit ab. Alle
Kräfte der Phantasie und des apollinischen Traumes werden erst durch den Mythus
aus ihrem wahllosen Herumschweifen gerettet. Die Bilder des Mythus müssen die
unbemerkt allgegenwärtigen dämonischen Wächter sein, unter deren Hut die junge
Seele heranwächst, an deren Zeichen der Mann sich sein Leben und seine Kämpfe
deutet: und selbst der Staat kennt keine mächtigeren ungeschriebnen Gesetze als
das mythische Fundament, das seinen Zusammenhang mit der Religion, sein
Herauswachsen aus mythischen Vorstellungen verbürgt.
Man stelle jetzt
daneben den abstracten, ohne Mythen geleiteten Menschen, die abstracte
Erziehung, die abstracte Sitte, das abstracte Recht, den abstracten Staat: man
vergegenwärtige sich das regellose, von keinem heimischen Mythus gezügelte
Schweifen der künstlerischen Phantasie: man denke sich eine Cultur, die keinen
festen und heiligen Ursitz hat, sondern alle Möglichkeiten zu erschöpfen und
von allen Culturen sich kümmerlich zu nähren verurtheilt ist - das ist die
Gegenwart, als das Resultat jenes auf Vernichtung des Mythus gerichteten Sokratismus.
Und nun steht der mythenlose Mensch, ewig hungernd, unter allen Vergangenheiten
und sucht grabend und wühlend nach Wurzeln, sei es dass er auch in den
entlegensten Alterthümern nach ihnen graben müsste. Worauf weist das ungeheure
historische Bedürfniss der unbefriedigten modernen Cultur, das Umsichsammeln
zahlloser anderer Culturen, das verzehrende Erkennenwollen, wenn nicht auf den
Verlust des Mythus, auf den Verlust der mythischen Heimat, des mythischen
Mutterschoosses? Man frage sich, ob das fieberhafte und so unheimliche
Sichregen dieser Cultur etwas Anderes ist, als das gierige Zugreifen und
Nach-Nahrung- Haschen des Hungernden - und wer möchte einer solchen Cultur noch
etwas geben wollen, die durch alles, was sie verschlingt, nicht zu sättigen ist
und bei deren Berührung sich die kräftigste, heilsamste Nahrung in “Historie
und Kritik” zu verwandeln pflegt?
Man müsste auch an
unserem deutschen Wesen schmerzlich verzweifeln, wenn es bereits in gleicher
Weise mit seiner Cultur unlösbar verstrickt, ja eins geworden wäre, wie wir das
an dem civilisirten Frankreich zu unserem Entsetzen beobachten können; und das,
was lange Zeit der grosse Vorzug Frankreichs und die Ursache seines ungeheuren
Uebergewichts war, eben jenes Einssein von Volk und Cultur, dürfte uns, bei
diesem Anblick, nöthigen, darin das Glück zu preisen, dass diese unsere so
fragwürdige Cultur bis jetzt mit dem edeln Kerne unseres Volkscharakters nichts
gemein hat. Alle unsere Hoffnungen strecken sich vielmehr sehnsuchtsvoll nach
jener Wahrnehmung aus, dass unter diesem unruhig auf und nieder zuckenden
Culturleben und Bildungskrampfe eine herrliche, innerlich gesunde, uralte Kraft
verborgen liegt, die freilich nur in ungeheuren Momenten sich gewaltig einmal
bewegt und dann wieder einem zukünftigen Erwachen entgegenträumt. Aus diesem
Abgrunde ist die deutsche Reformation hervorgewachsen: in deren Choral die
Zukunftsweise der deutschen Musik zuerst erklang. So tief, muthig und
seelenvoll, so überschwänglich gut und zart tönte dieser Choral Luther’s, als
der erste dionysische Lockruf, der aus dichtverwachsenem Gebüsch, im Nahen des
Frühlings, hervordringt. Ihm antwortete in wetteiferndem Wiederhall jener
weihevoll übermüthige Festzug dionysischer Schwärmer, denen wir die deutsche
Musik danken - und denen wir die Wiedergeburt des deutschen Mythus danken
werden!
Ich weiss, dass ich
jetzt den theilnehmend folgenden Freund auf einen hochgelegenen Ort einsamer
Betrachtung führen muss, wo er nur wenige Gefährten haben wird, und rufe ihm
ermuthigend zu, dass wir uns an unseren leuchtenden Führern, den Griechen,
festzuhalten haben. Von ihnen haben wir bis jetzt, zur Reinigung unserer
aesthetischen Erkenntniss, jene beiden Götterbilder entlehnt, von denen jedes
ein gesondertes Kunstreich für sich beherrscht und über deren gegenseitige
Berührung und Steigerung wir durch die griechische Tragödie zu einer Ahnung
kamen. Durch ein merkwürdiges Auseinanderreissen beider künstlerischen Urtriebe
musste uns der Untergang der griechischen Tragödie herbeigeführt erscheinen:
mit welchem Vorgange eine Degeneration und Umwandlung des griechischen
Volkscharakters im Einklang war, uns zu ernstem Nachdenken auffordernd, wie
nothwendig und eng die Kunst und das Volk, Mythus und Sitte, Tragödie und
Staat, in ihren Fundamenten verwachsen sind. Jener Untergang der Tragödie war
zugleich der Untergang des Mythus. Bis dahin waren die Griechen unwillkürlich
genöthigt, alles Erlebte sofort an ihre Mythen anzuknüpfen, ja es nur durch
diese Anknüpfung zu begreifen: wodurch auch die nächste Gegenwart ihnen sofort
sub specie aeterni und in gewissem Sinne als zeitlos erscheinen musste. In
diesen Strom des Zeitlosen aber tauchte sich eben so der Staat wie die Kunst,
um in ihm vor der Last und der Gier des Augenblicks Ruhe zu finden. Und gerade
nur so viel ist ein Volk - wie übrigens auch ein Mensch - werth, als es auf
seine Erlebnisse den Stempel des Ewigen zu drücken vermag: denn damit ist es
gleichsam entweltlicht und zeigt seine unbewusste innerliche Ueberzeugung von
der Relativität der Zeit und von der wahren, d. h. der metaphysischen Bedeutung
des Lebens. Das Gegentheil davon tritt ein, wenn ein Volk anfängt, sich
historisch zu begreifen und die mythischen Bollwerke um sich herum zu
zertrümmern: womit gewöhnlich eine entschiedene Verweltlichung, ein Bruch mit
der unbewussten Metaphysik seines früheren Daseins, in allen ethischen
Consequenzen, verbunden ist. Die griechische Kunst und vornehmlich die
griechische Tragödie hielt vor Allem die Vernichtung des Mythus auf: man musste
sie mit vernichten, um, losgelöst von dem heimischen Boden, ungezügelt in der
Wildniss des Gedankens, der Sitte und der That leben zu können. Auch jetzt noch
versucht jener metaphysische Trieb, sich eine, wenngleich abgeschwächte Form
der Verklärung zu schaffen, in dem zum Leben drängenden Sokratismus der
Wissenschaft: aber auf den niederen Stufen führte derselbe Trieb nur zu einem
fieberhaften Suchen, das sich allmählich in ein Pandämonium überallher
zusammengehäufter Mythen und Superstitionen verlor: in dessen Mitte der Hellene
dennoch ungestillten Herzens sass, bis er es verstand, mit griechischer
Heiterkeit und griechischem Leichtsinn, als Graeculus, jenes Fieber zu maskiren
oder in irgend einem orientalisch dumpfen Aberglauben sich völlig zu betäuben.
Diesem Zustande
haben wir uns, seit der Wiedererweckung des alexandrinisch - römischen
Alterthums im fünfzehnten Jahrhundert, nach einem langen schwer zu
beschreibenden Zwischenacte, in der auffälligsten Weise angenähert. Auf den
Höhen dieselbe überreiche Wissenslust, dasselbe ungesättigte Finderglück,
dieselbe ungeheure Verweltlichung, daneben ein heimatloses Herumschweifen, ein
gieriges Sichdrängen an fremde Tische, eine leichtsinnige Vergötterung der
Gegenwart oder stumpf betäubte Abkehr, Alles sub specie saeculi, der
“Jetztzeit”: welche gleichen Symptome auf einen gleichen Mangel im Herzen
dieser Cultur zu rathen geben, auf die Vernichtung des Mythus. Es scheint kaum
möglich zu sein, mit dauerndem Erfolge einen fremden Mythus überzupflanzen,
ohne den Baum durch dieses Ueberpflanzen heillos zu beschädigen: welcher
vielleicht einmal stark und gesund genug ist, jenes fremde Element mit
furchtbarem Kampfe wieder auszuscheiden, für gewöhnlich aber siech und
verkümmert oder in krankhaftem Wuchern sich verzehren muss. Wir halten so viel
von dem reinen und kräftigen Kerne des deutschen Wesens, dass wir gerade von
ihm jene Ausscheidung gewaltsam eingepflanzter fremder Elemente zu erwarten
wagen und es für möglich erachten, dass der deutsche Geist sich auf sich selbst
zurückbesinnt. Vielleicht wird Mancher meinen, jener Geist müsse seinen Kampf
mit der Ausscheidung des Romanischen beginnen: wozu er eine äusserliche
Vorbereitung und Ermuthigung in der siegreichen Tapferkeit und blutigen Glorie
des letzten Krieges erkennen dürfte, die innerliche Nöthigung aber in dem
Wetteifer suchen muss, der erhabenen Vorkämpfer auf dieser Bahn, Luther’s
ebensowohl als unserer grossen Künstler und Dichter, stets werth zu sein. Aber
nie möge er glauben, ähnliche Kämpfe ohne seine Hausgötter, ohne seine
mythische Heimat, ohne ein “Wiederbringen” aller deutschen Dinge, kämpfen zu
können! Und wenn der Deutsche zagend sich nach einem Führer umblicken sollte,
der ihn wieder in die längst verlorne Heimat zurückbringe, deren Wege und Stege
er kaum mehr kennt - so mag er nur dem wonnig lockenden Rufe des dionysischen
Vogels lauschen, der über ihm sich wiegt und ihm den Weg dahin deuten will.
24
Wir hatten unter
den eigenthümlichen Kunstwirkungen der musikalischen Tragödie eine apollinische
Täuschung hervorzuheben, durch die wir vor dem unmittelbaren Einssein mit der
dionysischen Musik gerettet werden sollen, während unsre musikalische Erregung
sich auf einem apollinischen Gebiete und an einer dazwischengeschobenen
sichtbaren Mittelwelt entladen kann. Dabei glaubten wir beobachtet zu haben,
wie eben durch diese Entladung jene Mittelwelt des scenischen Vorgangs,
überhaupt das Drama, in einem Grade von innen heraus sichtbar und verständlich
wurde, der in aller sonstigen apollinischen Kunst unerreichbar ist: so dass wir
hier, wo diese gleichsam durch den Geist der Musik beschwingt und emporgetragen
war, die höchste Steigerung ihrer Kräfte und somit in jenem Bruderbunde des
Apollo und des Dionysus die Spitze ebensowohl der apollinischen als der
dionysischen Kunstabsichten anerkennen mussten.
Freilich erreichte
das apollinische Lichtbild gerade bei der inneren Beleuchtung durch die Musik
nicht die eigenthümliche Wirkung der schwächeren Grade apollinischer Kunst; was
das Epos oder der beseelte Stein vermögen, das anschauende Auge zu jenem
ruhigen Entzücken an der Welt der individuatio zu zwingen, das wollte sich
hier, trotz einer höheren Beseeltheit und Deutlichkeit, nicht erreichen lassen.
Wir schauten das Drama an und drangen mit bohrendem Blick in seine innere
bewegte Welt der Motive - und doch war uns, als ob nur ein Gleichnissbild an
uns vorüberzöge, dessen tiefsten Sinn wir fast zu errathen glaubten und das
wir, wie einen Vorhang, fortzuziehen wünschten, um hinter ihm das Urbild zu
erblicken. Die hellste Deutlichkeit des Bildes genügte uns nicht: denn dieses
schien eben sowohl Etwas zu offenbaren als zu verhüllen; und während es mit
seiner gleichnissartigen Offenbarung zum Zerreissen des Schleiers, zur
Enthüllung des geheimnissvollen Hintergrundes aufzufordern schien, hielt
wiederum gerade jene durchleuchtete Allsichtbarkeit das Auge gebannt und wehrte
ihm, tiefer zu dringen.
Wer dies nicht
erlebt hat, zugleich schauen zu müssen und zugleich über das Schauen hinaus sich
zu sehnen, wird sich schwerlich vorstellen, wie bestimmt und klar diese beiden
Prozesse bei der Betrachtung des tragischen Mythus nebeneinander bestehen und
nebeneinander empfunden werden: während die wahrhaft aesthetischen Zuschauer
mir bestätigen werden, dass unter den eigenthümlichen Wirkungen der Tragödie
jenes Nebeneinander die merkwürdigste sei. Man übertrage sich nun dieses
Phänomen des aesthetischen Zuschauers in einen analogen Prozess im tragischen
Künstler, und man wird die Genesis des tragischen Mythus verstanden haben. Er
theilt mit der apollinischen Kunstsphäre die volle Lust am Schein und am
Schauen und zugleich verneint er diese Lust und hat eine noch höhere
Befriedigung an der Vernichtung der sichtbaren Scheinwelt. Der Inhalt des tragischen
Mythus ist zunächst ein episches Ereigniss mit der Verherrlichung des
kämpfenden Helden: woher stammt aber jener an sich räthselhafte Zug, dass das
Leiden im Schicksale des Helden, die schmerzlichsten Ueberwindungen, die
qualvollsten Gegensätze der Motive, kurz die Exemplification jener Weisheit des
Silen, oder, aesehetisch ausgedrückt, das Hässliche und Disharmonische, in so
zahllosen Formen, mit solcher Vorliebe immer von Neuem dargestellt wird und
gerade in dem üppigsten und jugendlichsten Alter eines Volkes, wenn nicht
gerade an diesem Allen eine höhere Lust percipirt wird?
Denn dass es im
Leben wirklich so tragisch zugeht, würde am wenigsten die Entstehung einer
Kunstform erklären; wenn anders die Kunst nicht nur Nachahmung der
Naturwirklichkeit, sondern gerade ein metaphysisches Supplement der
Naturwirklichkeit ist, zu deren Ueberwindung neben sie gestellt. Der tragische
Mythus, sofern er überhaupt zur Kunst gehört, nimmt auch vollen Antheil an
dieser metaphysischen Verklärungsabsicht der Kunst überhaupt: was verklärt er
aber, wenn er die Erscheinungswelt unter dem Bilde des leidenden Helden
vorführt? Die “Realität”. dieser Erscheinungswelt am wenigsten, denn er sagt
uns gerade: “Seht hin! Seht genau hin! Dies ist euer Leben! Dies ist der
Stundenzeiger an eurer Daseinsuhr!”
Und dieses Leben
zeigte der Mythus, um es vor uns damit zu verklären? Wenn aber nicht, worin
liegt dann die aesthetische Lust, mit der wir auch jene Bilder an uns
vorüberziehen lassen? Ich frage nach der aesthetischen Lust und weiss recht
wohl, dass viele dieser Bilder ausserdem mitunter noch eine moralische
Ergetzung, etwa unter der Form des Mitleides oder eines sittlichen Triumphes,
erzeugen können. Wer die Wirkung des Tragischen aber allein aus diesen
moralischen Quellen ableiten wollte, wie es freilich in der Aesthetik nur allzu
lange üblich war, der mag nur nicht glauben, etwas für die Kunst damit gethan
zu haben: die vor Allem Reinheit in ihrem Bereiche verlangen muss. Für die
Erklärung des tragischen Mythus ist es gerade die erste Forderung, die ihm
eigenthümliche Lust in der rein aesthetischen Sphäre zu suchen, ohne in das
Gebiet des Mitleids, der Furcht, des Sittlich - Erhabenen überzugreifen. Wie
kann das Hässliche und das Disharmonische, der Inhalt des tragischen Mythus, eine
aesthetische Lust erregen?
Hier nun wird es
nöthig, uns mit einem kühnen Anlauf in eine Metaphysik der Kunst hinein zu
schwingen, indem ich den früheren Satz wiederhole, dass nur als ein
aesthetisches Phänomen das Dasein und die Welt gerechtfertigt erscheint: in
welchem Sinne uns gerade der tragische Mythus zu überzeugen hat, dass selbst
das Hässliche und Disharmonische ein künstlerisches Spiel ist, welches der
Wille, in der ewigen Fülle seiner Lust, mit sich selbst spielt. Dieses schwer
zu fassende Urphänomen der dionysischen Kunst wird aber auf directem Wege
einzig verständlich und unmittelbar erfasst in der wunderbaren Bedeutung der
musikalischen Dissonanz: wie überhaupt die Musik, neben die Welt hingestellt,
allein einen Begriff davon geben kann, was unter der Rechtfertigung der Welt
als eines aesthetischen Phänomens zu verstehen ist. Die Lust, die der tragische
Mythus erzeugt, hat eine gleiche Heimat, wie die lustvolle Empfindung der
Dissonanz in der Musik. Das Dionysische, mit seiner selbst am Schmerz
percipirten Urlust, ist der gemeinsame Geburtsschooss der Musik und des
tragischen Mythus.
Sollte sich nicht
inzwischen dadurch, dass wir die Musikrelation der Dissonanz zu Hülfe nahmen,
jenes schwierige Problem der tragischen Wirkung wesentlich erleichtert haben?
Verstehen wir doch jetzt, was es heissen will, in der Tragödie zugleich schauen
zu wollen und sich über das Schauen hinaus zu sehnen: welchen Zustand wir in
Betreff der künstlerisch verwendeten Dissonanz eben so zu charakterisiren
hätten, dass wir hören wollen und über das Hören uns zugleich hinaussehnen.
Jenes Streben in’s Unendliche, der Flügelschlag der Sehnsucht, bei der höchsten
Lust an der deutlich percipirten Wirklichkeit, erinnern daran, dass wir in
beiden Zuständen ein dionysisches Phänomen zu erkennen haben, das uns immer von
Neuem wieder das spielende Aufhauen und Zertrümmern der Individualwelt als den
Ausfluss einer Urlust offenbart, in einer ähnlichen Weise, wie wenn von
Heraklit dem Dunklen die weltbildende Kraft einem Kinde verglichen wird, das
spielend Steine hin und her setzt und Sandhaufen aufbaut und wieder einwirft.
Um also die
dionysische Befähigung eines Volkes richtig abzuschätzen, dürften wir nicht nur
an die Musik des Volkes, sondern eben so nothwendig an den tragischen Mythus
dieses Volkes als den zweiten Zeugen jener Befähigung zu denken haben. Es ist
nun, bei dieser engsten Verwandtschaft zwischen Musik und Mythus, in gleicher
Weise zu vermuthen, dass mit einer Entartung und Depravation des Einen eine
Verkümmerung der Anderen verbunden sein wird: wenn anders in der Schwächung des
Mythus überhaupt eine Abschwächung des dionysischen Vermögens zum Ausdruck
kommt. Ueber Beides dürfte uns aber ein Blick auf die Entwicklung des deutschen
Wesens nicht in Zweifel lassen: in der Oper wie in dem abstracten Charakter
unseres mythenlosen Daseins, in einer zur Ergetzlichkeit herabgesunkenen Kunst,
wie in einem vom Begriff geleiteten Leben, hatte sich uns jene gleich
unkünstlerische, als am Leben zehrende Natur des sokratischen Optimismus
enthüllt. Zu unserem Troste aber gab es Anzeichen dafür, dass trotzdem der
deutsche Geist in herrlicher Gesundheit, Tiefe und dionysischer Kraft
unzerstört, gleich einem zum Schlummer niedergesunknen Ritter, in einem
unzugänglichen Abgrunde ruhe und träume: aus welchem Abgrunde zu uns das
dionysische Lied emporsteigt, um uns zu verstehen zu geben, dass dieser
deutsche Ritter auch jetzt noch seinen uralten dionysischen Mythus in selig -
ernsten Visionen träumt. Glaube Niemand, dass der deutsche Geist seine
mythische Heimat auf ewig verloren habe, wenn er so deutlich noch die
Vogelstimmen versteht, die von jener Heimat erzählen. Eines Tages wird er sich
wach finden, in aller Morgenfrische eines ungeheuren Schlafes: dann wird er
Drachen tödten, die tückischen Zwerge vernichten und Brünnhilde erwecken - und
Wotan’s Speer selbst wird seinen Weg nicht hemmen können!
Meine Freunde, ihr,
die ihr an die dionysische Musik glaubt, ihr wisst auch, was für uns die
Tragödie bedeutet. In ihr haben wir, wiedergeboren aus der Musik, den
tragischen Mythus - und in ihm dürft ihr Alles hoffen und das Schmerzlichste
vergessen! Das Schmerzlichste aber ist für uns alle - die lange Entwürdigung,
unter der der deutsche Genius, entfremdet von Haus und Heimat, im Dienst
tückischer Zwerge lebte. Ihr versteht das Wort - wie ihr auch, zum Schluss,
meine Hoffnungen verstehen werdet.
25
Musik und
tragischer Mythus sind in gleicher Weise Ausdruck der dionysischen Befähigung
eines Volkes und von einander untrennbar. Beide entstammen einem Kunstbereiche,
das jenseits des Apollinischen liegt; beide verklären eine Region, in deren
Lustaccorden die Dissonanz eben so wie das schreckliche Weltbild reizvoll
verklingt; beide spielen mit dem Stachel der Unlust, ihren überaus mächtigen
Zauberkünsten vertrauend; beide rechtfertigen durch dieses Spiel die Existenz
selbst der “schlechtesten Welt.” Hier zeigt sich das Dionysische, an dem
Apollinischen gemessen, als die ewige und ursprüngliche Kunstgewalt, die
überhaupt die ganze Welt der Erscheinung in’s Dasein ruft: in deren Mitte ein
neuer Verklärungsschein nöthig wird, um die belebte Welt der Individuation im
Leben festzuhalten. Könnten wir uns eine Menschwerdung der Dissonanz denken -
und was ist sonst der Mensch? - so würde diese Dissonanz, um leben zu können,
eine herrliche Illusion brauchen, die ihr einen Schönheitsschleier über ihr
eignes Wesen decke. Dies ist die wahre Kunstabsicht des Apollo: in dessen Namen
wir alle jene zahllosen Illusionen des schönen Scheins zusammenfassen, die in
jedem Augenblick das Dasein überhaupt lebenswerth machen und zum Erleben des
nächsten Augenblicks drängen.
Dabei darf von
jenem Fundamente aller Existenz, von dem dionysischen Untergrunde der Welt,
genau nur soviel dem menschlichen Individuum in’s Bewusstsein treten, als von
jener apollinischen Verklärungskraft wieder überwunden werden kann, so dass
diese beiden Kunsttriebe ihre Kräfte in strenger wechselseitiger Proportion,
nach dem Gesetze ewiger Gerechtigkeit, zu entfalten genöthigt sind. Wo sich die
dionysischen Mächte so ungestüm erheben, wie wir dies erleben, da muss auch
bereits Apollo, in eine Wolke gehüllt, zu uns herniedergestiegen sein; dessen
üppigste Schönheitswirkungen wohl eine nächste Generation schauen wird.
Dass diese Wirkung
aber nöthig sei, dies würde Jeder am sichersten, durch Intuition,
nachempfinden, wenn er einmal, sei es auch im Traume, in eine althellenische
Existenz sich zurückversetzt fühlte: im Wandeln unter hohen ionischen
Säulengängen, aufwärtsblickend zu einem Horizont, der durch reine und edle
Linien abgeschnitten ist, neben sich Wiederspiegelungen seiner verklärten
Gestalt in leuchtendem Marmor, rings um sich feierlich schreitende oder zart
bewegte Menschen, mit harmonisch tönenden Lauten und rhythmischer
Gebärdensprache - würde er nicht, bei diesem fortwährenden Einströmen der
Schönheit, zu Apollo die Hand erhebend ausrufen müssen: “Seliges Volk der
Hellenen! Wie gross muss unter euch Dionysus sein, wenn der delische Gott
solche Zauber für nöthig hält, um euren dithyrambischen Wahnsinn zu heilen!” -
Einem so Gestimmten dürfte aber ein greiser Athener, mit dem erhabenen Auge des
Aeschylus zu ihm aufblickend, entgegnen: “Sage aber auch dies, du wunderlicher
Fremdling: wie viel musste dies Volk leiden, um so schön werden zu können!
Jetzt aber folge mir zur Tragödie und opfere mit mir im Tempel beider
Gottheiten!”